Stillhütchen – ein Hilfsmittel mit bedingtem Nutzen

22. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Hätten Sie es gewusst?
Stillhütchen aus Silikon

Durch Stillhütchen wird das Stillen in einigen Fällen erst möglich – in anderen Fällen verursachen Stillhütchen allerdings mehr Schaden als Nutzen

Wann werden Stillhütchen empfohlen und wo liegen deren Risiken? Wie findet man die passenden Größen und worauf sollte man bei der Anwendung achten? Und schließlich: Wie kann man das Stillhütchen abgewöhnen? Der folgende Artikel fasst die wichtigsten Informationen zum Stillhütchen zusammen.

Mögliche Nutzen und Risiken von Stillhütchen

Die Anwendung von Stillhütchen ist unter Stillfachleuten höchst umstritten. Während einige Stillberaterinnen und Hebammen ein praktisches Hilfsmittel darin sehen und es den Müttern routinemäßig austeilen, verfluchen es die anderen: Sie machen die Erfahrung, dass Stillhütchen langfristig gesehen deutlich mehr schaden als nützen und plädieren dafür, Stillhütchen aus der Stillpraxis zu verbannen.

Verschiedenen Erhebungen zufolge erhalten ein Viertel bis ein Drittel der frischgebackenen Mütter bereits in der Geburtsklinik ein Stillhütchen ausgeteilt, überwiegend, wenn das Anlegen des Babys Probleme bereitet. In manchen Fällen erhält die Mutter ein Stillhütchen bereits während der Schwangerschaft oder vor den ersten Anlegeversuchen, sodass der Eindruck entsteht, Stillhütchen seien unverzichtbare Stillhilfsmittel.

Neugeborenes an der Brust der Mutter

Manche Neugeborene sind vorübergehend saugschwach. Stillhütchen erzeugen einen starken Saugstimulus und ermöglichen mit geringerer Saugkraft Milch aus der Brust zu entleeren.

Tatsächlich ist es so, dass Anlegeprobleme weit verbreitet sind. Ein wichtiger Grund dafür kann in den Routinen der modernen Geburtshilfe gesehen werden: Infusionen unter und nach der Geburt können zu Ödemen am Brustwarze-Warzenhof-Komplex führen, Analgesieverfahren und weitere Medikamente sowie weitere medizinische wie pflegerische Interventionen unter und nach der Geburt können die Reflexe des Neugeborenen sowie die Mutter-Kind-Interaktion beeinträchtigen. Mitunter führen traumatische Geburten, neurologische Unreife oder eine Saugschwäche dazu (z.B. bei Frühgeborenen und Kindern mit bestimmten Erkrankungen), dass das Kind noch nicht in der Lage ist, die Brustwarze in den Mund einzusaugen und sie dort zu behalten. Manchmal gibt es anatomische Besonderheiten (z.B. flache, unelasische Brustwarzen seitens der Mutter oder ein kurzes Zungenbändchen seitens des Kindes), die das Saugen erschweren, oder der Brustwarze-Warzenhof-Komplex schwillt im Zuge der initialen Brustdrüsenschwellung an.

Befürworter vertreten die Meinung, dass Stillhütchen in all diesen Situationen das Stillen an der Brust schnell und unkompliziert ermöglichen. So profitiere das Kind von Muttermilch und von der Nähe an der Brust; Der Aufwand, die Muttermilch per Hand und mit der Pumpe zu entleeren und die gewonnene Milch mit der Flasche oder alternativen Methoden zu füttern, bliebe erspart.

Stillhütchen bewirken Folgendes:

  • Stillhütchen sind härter, breiter und länger als die Brustwarze der Mutter. Sie imitieren eine ausgeprägte Brustwarzenform im Mund des Kindes und erzeugen damit einen starken Saugstimulus. Auf diese Weise können auch Neugeborene, die eine starke Anregung brauchen (z.B. aufgrund vorübergehender Beeinträchtigungen nach der Geburt), zum Saugen animiert werden. Auch wenn die Saugstimulation bei Schlupf- und Flachwarzen und unelastischen Brustwarzen für ein effektives Stillen zu schwach sein sollte, können Stillhütchen eine schnelle Abhilfe schaffen. Bei diesen Brustwarzenformen können Stillhütchen auch Schmerzen bei der Mutter reduzieren, weil die Brustwarzen weniger beansprucht werden.
    Zeichnung einer Stillhütchen

    Stillhütchen sind härter, länger und breiter als Brustwarzen und erzeugen einen Supersaugstimulus.

  • Stillhütchen bieten eine stabile Brustwarzenform, die – im Gegensatz zur Brustwarze der Mutter – auch in den Saugpausen bestehen bleibt. Saugschwache Babys können mithilfe von Stillhütchen auch mit geringerer Saugkraft Milch aus der Brust entleeren. Insbesondere manche frühgeborene oder kranke Babys können noch kein ausreichend starkes Vakuum aufbauen, um ohne Stillhütchen effektiv zu saugen.
  • Babys, die zuvor mit der Flasche gefüttert wurden, akzeptieren die Brust mit Stillhütchen mitunter eher als ohne. Bei Stillhütchen erfahren sie eine rigide Nippel-Form aus Plastik wie beim Fläschchen und die Milch ist leichter verfügbar. Wenn man das Hütchen vor dem Anlegen mit Milch befüllt, dann wird das Baby bei seinen ersten Sauganstrengungen belohnt, ähnlich wie bei der Flasche.

Gegner von Stillhütchen argumentieren mit folgenden Gesichtspunkten:

  • Stillhütchen werden oft anstelle einer qualifizierten Stillberatung angeboten, ohne das zugrunde liegende Problem zu beheben. Vielfach lernen begleitende Fachpersonen gar keine anderen, oft besseren Methoden mehr kennen, dem Stillpaar zu helfen, weil das Stillhütchen eine scheinbar schnelle und einfache Lösung bietet.
  • Das Stillproblem wird auf der Wochenstation durch Stillhütchen nur scheinbar gelöst – in der Realität wird das Stillproblem nur auf die Zeit nach der Entlassung verlagert.
  • Stillhütchen werden inflationär, d.h. bei zu vielen Stillproblemen verwendet. Entgegen der Herstelleraussagen sind Stillhütchen gerade bei wunden Brustwarzen fast nie die richtige Lösung. Ganz im Gegenteil: Es gibt Bedenken, dass durch die Anwendung von Stillhütchen das Risiko von Wundinfektionen steigt.
  • Die Neugeborenen können sich auf Stillhütchen prägen. So ist es später auch nicht mehr so einfach, das Stillhütchen wegzulassen, auch wenn das ursprüngliche Problem nicht mehr besteht. Denn am Stillhütchen wird anders gesaugt als direkt an der Brust: an der Brust muss das Baby zuerst ansaugen, damit die Brustwarze sich aufrichtet und den Mund füllt; auch nach den Saugpausen muss die Brustwarze immer wieder eingesogen werden. Zudem erfasst das Baby die Brust beim direkten Stillen hinter der Brustwarze mit den Kauleisten, was beim Stillhütchen nicht möglich ist. Möglicherweise ist das Baby deshalb nach der Anwendung von Stillhütchen nicht mehr in der Lage, an der Brust ohne Hütchen zu saugen, oder es saugt mit einem falschen Saugmuster, sodass die Brustwarzen gequetscht und verletzt werden, oder das Baby verweigert die Brust ohne Hütchen komplett. Die Entwöhnung vom Stillhütchen kann genauso schwierig oder sogar noch schwieriger sein als die Entwöhnung von der Flasche.
  • Anlegeprobleme ließen sich durch die Optimierung der geburtshilflichen Routinen oft von vorne herein vermeiden (mütterzentrierte Geburten, stillfreundliche Wochenbettroutinen)
  • Die ersten Anlegeschwierigkeiten nach der Geburt bessern sich oft nach 3–5 Tagen, wenn das Baby fiter ist, die Auswirkungen der Geburtsmedikationen nachlassen und die Milch (angeregt durch Handentleeren und häufiges Pumpen) reichlich fließt. Wenn man die Geduld hat, solange zu warten, während das Baby mit alternativen Fütterungsmethoden ernährt wird, kann man ohne Hütchen direkt zum Stillen übergehen.
  • Stillen kann vielfach auch mit ursprünglich flachen, unelastischen Brustwarzen funktionieren. Nach dem Einsatz von Stillhütchen ist die Rückkehr zur Brust in diesen Fällen allerdings deutlich schwieriger.
  • Auch Frühgeborene könnten in vielen Fällen an der Brust trinken, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Oft wird das gar nicht erst versucht, sondern es wird gleich zur Flasche oder zum Brusthütchen gegriffen. Auch bei Frühgeborenen gilt: wenn sie viel Zeit in direktem Hautkontakt mit ihren Müttern verbringen und ihnen aureichend Zeit gelassen wird, können sie oft durchaus effektiv an der Brust trinken.
  • Wird eine falsche Stillhütchen-Größe gewählt oder wird das Stillhütchen nicht richtig angebracht, dann können beim Stillen Schmerzen, Hautverletzungen, Quetschungen und auch Verletzungen des inneren Brustwarzengewebes und ein ungenügender Milchtransfer resultieren.
  • Das Risiko, dass das Baby die Brust nicht ausreichend entleert und somit die Milchmenge zurückgeht, wird höher eingeschätzt als beim Stillen ohne Hütchen. Daher wird Frauen, die mit Hütchen stillen, meist empfohlen, sicherheitshalber zusätzlich abzupumpen (ein- bis mehrfach am Tag) und einen Vorrat an eingefrorener Muttermilch anzulegen (mehrere Liter). Außerdem soll die Gewichtsentwicklung des Babys engmaschig überprüft werden (zweimal die Woche wiegen und in die Gewichtskurve eintragen), um eine unzureichende Zunahme zeitnah identifizieren zu können.
  • Durch die Plastikschicht zwischen Babys Mund und der Haut der Mutter ist die Ausschüttung der Stillhormone Prolaktin und Oxytocin möglicherweise vermindert. Auch der charakteristische Duft, der am Brustwarzenhof durch die Montgomery-Drüsen produziert wird, erreicht das Baby weniger gut als ohne Hütchen. Dieser Duft führt das Baby beim Andocken.
  • Das Stillen mit Hütchen ist vergleichsweise umständlich. Das Baby kann nicht so spontan angelegt werden wie ohne Hütchen. Auch nachts kann die Mutter weniger gut im Halbschlaf stillen: Für das Anlegen des Stillhütchens muss sie richtig wach werden. Sie hat dadurch weniger Schlaf und Erholung. Mutter und Kind sind außerdem abhängig von einem Stück Plastik, welches nicht verlegt oder vergessen werden darf, weil das Kind sonst hungern müsste. Durch das regelmäßige Reinigen und Auskochen, welches für die Vermeidung von Infektionen unerlässlich ist, entsteht auch zusätzlicher Arbeitsaufwand.

Wie Stillhütchen trotz Anlegeproblemen vermieden werden können

Mutter hält Neugeborenes nach Hausgeburt

Durch eine natürliche, mütterzentrierte Geburt ohne medizinische Interventionen und mit ungestörtem, ununterbrochenem Hautkontakt lässt sich das Risiko von Saugproblemen deutlich reduzieren. (© Kati Molin)

Der kanadische Kinderarzt und anerkannter Still- und Laktationsberater Dr. Jack Newmann, ein vehementer Gegner von Stillhütchen, empfiehlt, bei Anlegeschwierigkeiten Geduld zu üben. Nicht alle Neugeborenen wollen alle zwei bis drei Stunden stillen und ein Forcieren kann zur Brustverweigerung führen. Manchmal sind Babys in den ersten Tagen nach der Geburt von den Medikamenten oder der traumatischen Geburt noch benommen oder von der Infusion während der Geburt überwässert. Bis das Baby fit genug ist, an der Brustwarze anzudocken und effektiv zu saugen, kann die Milch per Hand und Pumpe gewonnen und das Baby per Löffel, Becher oder per Brusternährungsset / Sonde gefüttert werden. Gleichzeitig wird möglichst den ganzen Tag in direktem Haut-zu-Haut-Kontakt gekuschelt; das Baby darf in der zurückgelehnten Stillposition (Laid-back-Nursing) anhand seiner angeborenen Reflexe die Brust suchen und daran andocken, wenn es bereit ist. Gegebenenfalls hilft eine qualifizierte Stillfachkraft mit der Positionierung und dem Anlegen und der Milchfluss wird mittels Brustkompression oder ggf. mithilfe des Brusternährungssets erhöht, um das Baby zum Weitersaugen zu animieren.

Die Anwendung von Stillhütchen

Ob eine Frau Stillhütchen bekommt oder nicht, hängt oft davon ab, mit welchen Methoden die betreuenden Fachkräfte arbeiten. Da Stillhütchen trotz langfristiger Nachteile eine scheinbar schnelle und einfache Lösung bieten, bevorzugen viele betreuende medizinische Fachkräfte, die Mutter und Kind nur kurze Zeit und unter großem Zeitdruck begleiten, den Einsatz von Stillhütchen.

Gut ausgebildete Stillfachleute, die sich auch mehrere Stunden Zeit für einzelne Familien nehmen können (meist freiberufliche Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC, siehe auch unser IBCLC-Verzeichnis), finden oft Lösungen, Stillprobleme ohne Hütchen zu meistern. Sie setzen Stillhütchen daher viel seltener ein. Aber auch viele leitende Still- und Laktationsberaterinnen nutzen Stillhütchen, wenn das Stillen auf keine andere Weise ermöglicht oder das Abstillen nicht anders vermieden werden kann.

Stillhütchen mit Flaschensaugerform

Stillhütchen in der Form von Flaschensaugern gibt es leider immer noch auf dem Markt. Hier kann das Baby nur am Schaft saugen und erfasst das Brustgewebe nur oberflächlich: die Brust wird nicht effektiv entleert und kann sogar beschädigt werden.

Wenn Stillhütchen benutzt werden, dann muss auf die korrekte Anwendung geachtet werden, wie eine passende Größe und das richtige Anbringen der Hütchen sowie das korrekte Anlegen des Babys. Auch beim Stillen mit Brusthütchen muss das Baby den Mund vor dem Anlegen weit öffnen und möglichst viel vom Brustgewebe erfassen (siehe dazu die Bilder im Artikel Das korrekte Anlegen des Babys). Die Zahnleiste des Babys liegt am Brustwarzenhof, am Rand des Stillhütchens, und nicht am Schaft. Wenn das Baby am Silikonschaft hin- und herrutscht, würgt oder die Zahnleiste am Schaft zusammendrückt, dann ist das Hütchen zu lang oder das Baby ist nicht korrekt angelegt. Die regelmäßige Kontrolle der Ausscheidungen und der Gewichtszunahme hilft festzustellen, ob das Baby ausreichend mit Milch versorgt wird (mehr darüber im Artikel Zu wenig Milch). Mehrere Ausbildnerinnen von Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC (Walker, 2016; Wilson-Clay & Hoover, 2017)  empfehlen, dass das Gewicht des Babys bei der Anwendung von Stillhütchen regelmäßig, z.B. zweimal wöchentlich kontrolliert wird. Bei der richtigen Anwendung von ultradünnen Silikon-Stillhütchen und korrektem Anlegen und Saugen an der Brust kann die Milchbildung anhand von Studien genauso gut in Gang kommen wie ohne Stillhütchen. Frühere Modelle aus dickem Gummi (Kautschuk) oder Latex führten im Gegensatz zu modernen ultradünnen Silikon-Stillhütchen zu einem deutlichen Rückgang der Milchbildung. Auch wenn die Stillhütchen nicht korrekt sitzen oder nicht die richtige Form oder Größe haben, kann die Milchmenge zurückgehen bzw. nicht ausreichend in Gang kommen. Es kommt laut Beobachtungen von Stillberaterinnen auch öfter vor, dass die Milchbildung mit Stillhütchen gut in Gang kommt, nach den ersten Wochen oder Monaten jedoch wieder zurückgeht. Daher empfehlen sie, bei der Anwendung von Stillhütchen jeden Tag zusätzlich zu pumpen und einen Vorrat an Milch von mehreren Litern aufzubauen und einzufrieren. Beim zusätzlichen Pumpen kommt es neben dem Anlegen eines Milchvorrats darauf an, die Brust möglichst stark zu entleeren, z.B. mit der Methode des Hands-on-Pumping. Eine starke Entleerung ist das Signal für die Steigerung der Milchbildungsrate. Eine regelmäßige und zusätzliche gründliche Entleerung der Brust hilft, die Milchbildung trotz Stillhütchen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Stillhütchenmodelle, die eine Aussparung für die Nase haben, ermöglichen mehr Hautkontakt zwischen Mutter und Kind. Das Baby kann somit den charakteristischen Geruch der Brustwarze besser erkennen. Andererseits haften die Hütchen mit größeren Aussparungen tendenziell schlechter an der Brust.

Um ein Baby mit Saugproblemen oder Brustverweigerung zum Trinken zu animieren, kann man die Spitze des Saughütchens mit Milch befüllen: entweder, indem die Mutter etwas Milch in das Hütchen ausdrückt, oder, indem Milch von außen durch das Loch gegeben wird (z.B. mithilfe einer kleinen Spritze oder einer dünnen Ernährungssonde). Auf diese Weise wird das Baby gleich belohnt, wenn es anfängt zu saugen.

Die passende Stillhütchen-Größe finden

Ein wesentlicher Punkt bei der Anwendung von Stillhütchen ist die Wahl der richtigen Größe. Diese sollte sowohl zur Brustwarze der Mutter als auch zum Mund des Kindes passen. Frauen mit großen Brustwarzen brauchen größere Stillhütchen, Frauen mit kleinen oder flachen Brustwarzen sollten kleine wählen, u.a. um den späteren Verzicht auf Stillhütchen zu erleichtern. Kleine Babys mit einem kleinen Mund brauchen kleinere Stillhütchen, da zu große nicht in ihren Mund passen. Wenn der Schaft zu lang ist, dann wird beim Baby der Würgereflex und eine Abwehrreaktion ausgelöst oder das Baby kann die Brustwarze samt Stillhütchen nicht tief genug in den Mund nehmen. Dann drückt das Baby den Stillhütchen-Schaft und die Brustwarze zu weit vorne zusammen, was einerseits für die Mutter sehr schmerzhaft ist und andererseits zur effektiven Milchentleerung nicht ausreicht. Die Länge des Stillhütchen-Schafts sollte daher die Länge des Mundes vom Lippenschluss bis zum Übergang des harten zum weichen Gaumen (hinterer Gaumenteil, der am Schlucken beteiligt ist) nicht überragen. Manche Fachleute messen den Abstand, indem sie ihren Finger bis zum Anfang des weichen Gaumens in den Mund des Kindes stecken und am Finger kurz hinter dem Lippenschluss eine Markierung machen. In einer Untersuchung betrug diese Länge bei Neugeborenen (Geburt ab der 35. Schwangerschaftswoche) und 3 Monate alten Babys zwischen 1,9 und 3,2 cm (Wilson-Clay & Hoover, 2013).

Andererseits muss der Schaft lang genug sein, damit sich die Brustwarze während des Saugvorgangs zu ihrer vollen Ausdehnung verlängern kann. Durchschnittlich beträgt die Ruhe-Länge von Brustwarzen 0,9 mm und kann von 0 bis über 2 cm reichen. Durch das Saugen verlängern sich die Brustwarzen bei manchen Frauen um wenige Millimeter, bei anderen jedoch um das Zwei- bis Dreifache der Ruhelänge. In einem Fallbeispiel betrug die maximale Brustwarzenlänge einer Frau während des Pumpens 4,0 cm – eine Länge, die äußerst selten vorkommt. Ihre Zwillingsbabys waren in den ersten Wochen nicht in der Lage, an der Brust zu saugen, und die Mutter musste vorübergehend abpumpen, bis die Babys groß genug waren, um mit den großen Brustwarzen der Mutter zurechtzukommen (Wilson-Clay & Hoover, 2013). Ist der Schaft zu kurz, dann drückt das Stillhütchen beim Saugen gegen die Brustwarze. Hat die Frau Schmerzen oder zeichnen sich nach dem Stillen die Löcher des Hütchen an der Brustwarze ab, so ist das Hütchen zu klein. Die meisten Stillhütchen haben eine Schaftlänge von 2,5 cm (Größe M und L). Bei Größe S ist der Schaft etwas kürzer, etwa 2,1 cm lang. Übrigens, die Größe der Brustwarzen korreliert nicht mit der Größe der Brust. Das heißt, es gibt Frauen mit großen Brüsten und kleinen Brustwarzen und umgekehrt.

Nicht nur von der Länge, sondern auch vom Durchmesser her sollten die Stillhütchen zur Brustwarze passen. Die Hütchen sollen vom Durchmesser her etwa 2 mm größer sein als der Durchmesser der Brustwarzen in Ruheposition. Ist das Hütchen zu breit, dann wird auch viel Brustgewebe vom Warzenhof mit eingesogen. Dann erscheint das Hütchen kürzer als es ist. Das Stillhütchen soll so klein wie möglich und so groß wie nötig sein.

Brustwarze wird im Kreisschablon ausgemessen

Als ein erster Anhaltspunkt kann der Durchmesser der Brustwarze ausgemessen werden. Das Hütchen soll so klein wie möglich und so groß wie nötig sein.

Es gibt eine Reihe von verschiedenen Stillhütchen-Größen, vor allem wenn man Hütchen von mehreren Herstellern in Betracht zieht. Die Millimeter-Angaben beziehen sich auf den inneren Durchmesser des Schafts an der Basis. Um erste Anhaltspunkte für die richtige Größe zu erhalten, kann der Durchmesser der Brustwarzen an der Basis mit einem Lineal oder einem Kreisschablon (erhältlich in Schreibwarengeschäften oder selbst aus Papier gebastelt) gemessen werden. Mamivac bietet einen so genannten Mamillometer zur Bestimmung der geeigneten Hütchengröße an. Viele Frauen haben Brustwarzen mit 13-17 mm Durchmesser, sie haben eine gute Auswahl an Stillhütchen. Auch Brustwarzen unter 10 mm oder über 30 mm kommen gelegentlich vor. Gerade bei sehr großen Brustwarzen gibt es keine passenden Hütchen.

Die beiden Brustwarzen einer Frau sind meist verschieden groß. Die beste Passform erhält man durch das Ausprobieren verschiedener Größen und Marken. Es kann sich lohnen, mit den kleinsten Hütchen anzufangen und dann größere auszuprobieren, wenn diese zu klein sein sollten.

Die meisten Stillhütchen sind konisch geformt. Mamivac bietet auch kirschförmig geformte Stillhütchen an. Diese sollen das Abrutschen insbesondere bei frühgeborenen oder saugschwachen Babys verhindern und sollten eingesetzt werden, wenn die konisch geformten Hütchen nicht die erwünschten Ergebnisse erzielen.

Größenübersicht von Silikon-Stillhütchen
Marke Größen (mm)
Ardo medical
20 (M), 24 (L)
Avent 15 (klein), 21 (Standard)
Lansinoh 24
Medela Contact 16 (S), 20 (M), 24 (L)
Mamivac konisch 18, 20, 28
Mamivac kirschförmig 18, 22
Nuk 20 (M), 24 (L)

Das Anlegen des Stillhütchens

Es gibt mehrere Wege, ein Stillhütchen an der Brust anzubringen. Manche Stillberaterinnen zentrieren das Hütchen über der Brustwarze mit hochgefaltetem Rand und streichen dann den Rand am Brustwarzenhof glatt. Manche Stillberaterinnen nutzen Drehbewegungen beim Anbringen. Einige Stillberaterinnen stülpen das Stillhütchen vor dem Anbringen fast vollständig aus, dehnen es, setzen es mittig auf die Brustwarze auf und stülpen es zurück. Während das zuvor gedehnte Hütchen in seine Ausgangsform zurückkehrt, wird die Brustwarze in den Schaft hineingezogen. So wird dem Baby auch diese Arbeit abgenommen. Im Kurzfilm einer Ausbildnerin für Stillberaterinnen werden zwei Wege gezeigt (ohne Ausstülpen): http://www.breastfeedingmaterials.com/video/J8DB74-nipple-shield/. Im ELACTA-Handout wird das Anbringen der Stillhütchen ebenfalls gezeigt.

Wenn die Hütchen vor der Benutzung angefeuchtet werden, dann haften sie besser. Durch warmes Wasser sind sie formbarer. Gut angebrachte Stillhütchen halten von alleine und müssen nicht per Hand festgehalten werden.

Das Stillhütchen abgewöhnen

Aufgrund der Nachteile sollten Stillhütchen nur so kurz wie möglich eingesetzt werden. Für manche Babys bereitet es keine Schwierigkeiten, vom Brusthütchen zur nackten Brust zu wechseln, andere Babys können nur mit viel Ausdauer entwöhnt werden und wieder andere Babys können während der ganzen Stillzeit nur mit Brusthütchen trinken. In einer Studie mit 81 Müttern, die aufgrund von Anlegeproblemen ein Stillhütchen bekommen haben, hat die Hälfte der Mütter innerhalb von 5 Wochen das Stillhütchen absetzen können.

Strategien zur Entwöhnung vom Stillhütchen:

  • Im Halbschlaf: Wenn das Baby gerade dabei ist aufzuwachen und seine ersten Saugbewegungen zu machen, dann nimmt es die Brustwarze vielleicht ohne Hütchen, einfach zum Nuckeln.
  • Beim Haut-an-Haut-Kuscheln: Mutter und Baby können viel Zeit in direktem Hautkontakt miteinander verbringen, zum Beispiel im Bett oder während das Baby im Tragetuch ist. Manchmal fangen Babys ganz von alleine an, an der Brustwarze zu saugen. Wenn das Baby im Tragetuch ist, dann sollte sein Mund auf der Höhe der Brustwarzen sein (mehr zum Stillen im Tragtuch: Mit Tragetüchern die Milchbildung fördern). Bewegung z.B. durch Herumlaufen oder Wiegen wirkt beruhigend, sodass das Baby nicht gleich aufgebracht ist, wenn das Stillhütchen fehlt. Im Bett kann das bis auf die Windel nackte Baby auf den Bauch der Mutter gelegt werden. Oft fangen die Babys ganz von alleine mit der Suche nach der Brustwarze an (siehe das Laid-back-Nursing). Das Baby sollte die Brustwarze am besten alleine finden und erfassen. Das Drücken von Babys Köpfchen zur Brustwarze ist tabu, das kann zur Ablehnung der Brust führen.
  • Die Stillmahlzeit mit Stillhütchen beginnen und ohne fortsetzen. Nachdem das Baby an der Brust die ersten Züge mit Stillhütchen getrunken hat und gerade ein erstes Päuschen einlegt, dann zieht die Mutter das Hütchen schnell ab und lässt das Baby an der noch gedehnten Brustwarze wieder andocken. Manche Babys merken die Änderung nicht einmal und trinken fröhlich weiter.
  • Das Baby mithilfe der Fingerfütterung zum Saugen stimulieren und sobald das Baby am Finger saugt, es schnell an die Brust ohne Hütchen anlegen.
  • Dem Baby die nackte Brustwarze zuerst anbieten: Man kann immer wieder probieren, ob das Baby bereit ist, die Brustwarze ohne Stillhütchen zu nehmen, wenn es gerade an die Brust möchte. Wenn das Baby protestiert, dann kann die Mutter das Stillhütchen wieder aufsetzen.
  • Milchspendereflex vor dem Stillen auslösen: Den ersten Milchspendereflex per Hand oder per Pumpe auslösen, und sobald die Milch fließt, das Baby an die Brust legen. Auf diese Weise kann man das Baby manchmal an die Brust locken. Durch Brustkompression kann der Milchfluss unterstützt werden, damit das Baby für seine Bemühungen belohnt wird.

Vielfach hört man auch die Empfehlung, das Stillhütchen sukzessive abzuschneiden, also von der Spitze her immer weiter zu kürzen. Gerade bei Silikon-Hütchen spricht gegen diese Praxis, dass die Ränder scharfkantig sein und das Baby im Mund verletzen können. Einer Stillberaterin zufolge lassen sich scharfkantige Ränder mit dem Skalpell entfernen. Wenn das Baby im Mund nicht verletzt wird, kann auch diese Variante eingesetzt werden.

Wenn das Baby noch nicht bereit ist auf das Stillhütchen zu verzichten, dann kann man es zu einem späteren Zeitpunkt immer und immer wieder versuchen. Vielleicht klappt es irgendwann.

Quellen:

  • Giebel U: Alternative Stillbegleitung bei saugschwachen Kindern. Workshop beim interdisziplinären BDL-Kongress in Fulda Künzell. 24.03.2017
  • Kraus B: Anlegen nach mütterlichen und kindlichen Reflexen. Workshop beim interdisziplinären BDL-Kongress in Fulda Künzell. 25.03.2017
  • Newmann J: Nipple shield. Laktation & Stillen, 2017;2.
  • Wronski El Awamry C: Der Gebrauch des Stillhütchens: Eine Frage der Perspektive? Laktation & Stillen, 2017;1
  • Walker M: Breastfeeding Management for the Clinician. Using the Evidence. 4. Auf. 2017. Jones Bartlett Publishing. S. 79-80 und 338-342.
  • Wilson-Clay B, Hoover K: The Breastfeeding Atlas. 5. Aufl. 2013. Breastfeeding Materials. S. 48-49.
  • Chow S , Chow R , Popovic M , Lam H , Merrick J , Ventegodt S, Milakovic M , Lam M , Popovic M , Chow E and Popovic J The use of nipple shields: a review. Frontiert in Public Health. Oktober 2015. 3389/fpubh.2015.00236
  • Hanna S, Wilson M, Norwood S: A description of breast-feeding outcomes among U.S. mothers using nipple Midwifery 2013;29(6):616-21.
  • Elacta-Handout: Stillhütchen. Laktation und Stillen. 2015(28);4:13-14.
  • Pietsching B: Beeinflusst die Verwendung von Stillhütchen die Stilldauer? Analyse der Daten „Säuglingsernährung heute, 2006“. Laktation und Stillen. 2015(28);4:20-24.
  • Nipple Shields: 6 Steps To Weaning Off A Nipple Shield; http://www.bellybelly.com.au/breastfeeding/nipple-shields-steps-to-weaning-off-a-nipple-shield/
  • Chertok, IR. Reexamination of ultra-thin nipple shield use, infant growth and maternal satisfaction. J Clin Nurs 2009;18(21):2949-2955.
  • Both D, Frischknecht K: Stillen Kompakt. Atlas zur Diagnostik und Therapie in der Stillberatung. Urban & Fischer, 2007, S. 68-69.

© Dr. Bauer – Publikationen in der Stillförderung, 2003-2017. Letzte, vollständige Überarbeitung anhand neuer Fachliteratur: März 2017.

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