Die weibliche Brust – Nahrungsquelle, Trostspender oder Lustobjekt?

14. Mai 2016 | Von | Kategorie: Hätten Sie es gewusst?, Langzeitstillen, Sibylles Beiträge
weibliches Torso

Über die Funktion der weiblichen Brust spalten sich die Geister. (© W. Jarek)

Vor dem Hintergrund des Schweizer Gerichtsprozesses, in dem eine Mutter wegen Langzeitstillens ihrer 7-jährigen Tochter angeklagt wurde, stellt sich die Frage: Was ist die eigentliche Funktion der weiblichen Brust? Ist sie ein Sexualorgan oder in erster Linie Nahrungs- oder gar Trostspender für den Nachwuchs? Und wie lange ist es überhaupt „normal“, einem Kind die Brust zu geben?

Diesen Fragen geht Sibylle Lüpold, Autorin und Still- und Laktationsberaterin IBCLC, in ihrem Artikel gründlich nach und sucht nach möglichen Antworten. Sie beleuchtet biologische wie anthropologische Hintergründe sowie kulturelle Traditionen in verschiedenen Volksgruppen. Sie beschäftigt sich mit Langzeitstillen, möglichen sexuellen Empfindungen während des Stillens, mit Schönheitsidealen und Brust-OPs. Möglicherweise ist die sexuelle Bedeutung der Brust lediglich ein kulturelles Phänomen in der westlichen Welt.

„Woher kommt die große Aufruhr um die kleine Milchdrüse, die eine ganze Nation in Aufregung versetzt? Vielleicht von den Generationen von Männern, die nicht genug davon bekamen, als es darauf ankam.“ (O’Brian, 1995)

Wenn Medien davon berichten, dass ältere Kinder gestillt werden, löst dies oft eine breite gesellschaftliche Reaktion aus. So führte das Cover des Time Magazins 2012 zu internationaler Empörung. Darauf abgebildet war eine Mutter, deren dreijähriger Sohn an ihrer Brust saugte. Kürzlich wurde eine Schweizer Mutter der „Schändung“ angeklagt, weil ihre 7-jährige Tochter regelmäßig an der einen Brust saugte und mit der anderen Hand die andere Brust berührte. Der Vater wurde als Mittäter verurteilt, da er nichts gegen die „sexuelle Handlung“ unternommen hatte.

Lippenkuss zwischen Mutter und Tochter

Ein Kuss auf die Lippen gilt in manchen Kulturen als sexuelle Handlung. In anderen Kulturen ist er auch zwischen Eltern und Kindern üblich. (© quintanilla)

Was Menschen als normal empfinden, hängt davon ab, an was sie gewöhnt sind. Ein Kuss auf den Mund unter Familienangehörigen kann für die einen die natürlichste Begrüßungsform der Welt sein, andere sind bei diesem Anblick schockiert. In Europa streichen oftmals auch Fremde einem Kind wie selbstverständlich über den Kopf – ein unverzeihliches Tabu ist dies hingegen in Thailand, wo der Kopf als Intimbereich gilt (Krack, 1995). Wenn wir ein (zwischen)menschliches Verhalten als unanständig oder sogar pervers empfinden, dann hängt unsere Sichtweise weit mehr vom kulturellen Kontext als von der natürlichen Bedeutung der bestimmten Handlung ab.

Ein gestilltes Kleinkind würde in Afrika keine Aufmerksamkeit erregen. Im Westen, wo Menschen sogar beim öffentlichen Anblick eines gestillten Säuglings irritiert sind, kann ein Kleinkind an der Brust eine geradezu schockierende Wirkung haben.

Da innerhalb der westlichen Gesellschaft noch kein Konsens darüber gefunden wurde, ob, wie lange und unter welchen Umständen das Stillen eines Kindes normal ist, ist es dringend nötig, folgenden Fragen nachzugehen:

1. Wie lange werden Menschenkinder aus natürlicher Sicht gestillt?

Die WHO (World Health Organisation) empfiehlt, ein Kind bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus zu stillen. Diese Empfehlung gilt nicht nur für Kinder in Entwicklungsländern, sondern für alle Kinder weltweit. Die Antwort auf die oben stehende Frage setzt also voraus, dass das Stillen eines Kindes bis und mit zwei Jahren im normalen Bereich liegt. Gibt es darüber hinaus eine Alters-Obergrenze für das Stillen?

Muttermilch liefert auch im zweiten Lebensjahr und später noch einen beachtlichen Anteil an Kalorien, Eiweißen, Vitaminen, Eisen und anderen Nährstoffen, sodass Stillkinder in diesem Alter oft besser ernährt sind als ihre abgestillten Altersgenossen. Interessant ist die Tatsache, dass die für die kindliche Gesundheit so wichtigen Immunfaktoren in der Muttermilch ab sechs Monaten wieder ansteigen, so dass das immer mobiler werdende Stillkind weiterhin gut geschützt ist (Hormann, 1997). Muttermilch büßt ihre inhaltlich wertvollen Bestandteile mit zunehmendem Alter keineswegs ein und bleibt nach wie vor eine ideale (Zusatz)Nahrung. Die mit dem Stillen verbundenen Vorteile hören nach dem 2. Geburtstag nicht etwa auf, es fehlen ganz einfach wissenschaftliche Untersuchungen älterer Stillkinder.

Unsere nächsten Verwandten, die Primaten, säugen ihren Nachwuchs mehrere Jahre. Umgerechnet auf Menschenjahre würde ihre Säugedauer 3-7 Jahren entsprechen. (© ammit)

Unsere nächsten Verwandten säugen ihren Nachwuchs mehrere Jahre. Umgerechnet auf Menschenjahre würde ihre Säugedauer 3 bis 7 Jahren entsprechen. (© ammit)

Einige Forscher haben versucht, die Frage nach dem natürlichen Abstillalter anhand Beobachtungen unserer nächsten tierischen Verwandten, die 98% ihrer Gene mit uns Menschen teilen, zu beantworten. Bei anderen Primaten (Gorillas, Schimpansen u.a.) werden Jungtiere so lange gesäugt, bis sie ihr Geburtsgewicht vervierfacht oder ein Drittel des durchschnittlichen Erwachsenengewichts erreicht haben. Einen weiteren Hinweis liefert unter anderem das Durchbrechen der ersten Backenzähne, was bei einem Menschenkind zwischen ca. 3 und 7 Jahren liegen würde. Das kindliche Immunsystem ist erst mit gut 6 Jahren voll ausgereift – bis dahin profitiert es von den Antikörpern in der Muttermilch. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die natürliche Stilldauer des Menschen aus biologischem Blickwinkel ungefähr 2,5 – 7 Jahre beträgt (Dettwyler, 1995a).

Völkervergleichende Untersuchungen mit 64 Kulturen ergaben eine durchschnittliche Stilldauer von 2,8 Jahren, wobei in manchen Kulturen deutlich kürzer oder aber deutlich länger gestillt wurde (Dettwyler, 1995). Die Erfahrung aus der Stillberatung zeigt, dass sich viele Kinder, die die Stillbeziehung aktiv mitgestalten dürfen, zwischen dem 2. und 4. Geburtstag selbst abstillen. Andere Kinder stillen bis zum Vorschul- oder Grundschulalter weiter. Natürlich wird der Abstillprozess immer von beiden Partnern des Mutter-Kind-Paares gesteuert und hängt davon ab, wie früh und wie lange es zu Trennungen kommt, ob das Kind allein und durchschläft, wie viel und gerne es andere Nahrungsmittel essen mag usw. Ein Kind, das 7 Jahre oder länger gestillt wird, ist in den westlichen Ländern sehr selten und ungewohnt. Da aber die meisten westlichen Kinder von ihrer Mutter bereits im Säuglingsalter abgestillt werden, gibt es keine Datenlage dazu, wie lange diese Kinder das Bedürfnis gehabt hätten, weiterhin an der Mutterbrust zu nuckeln. Die Tatsache, dass es in den meisten Familien äußerst schwierig ist, in den Vorschuljahren den Schnuller oder das Daumenlutschen abzugewöhnen, lässt erahnen, dass das Saugbedürfnis nicht nach ein paar Monaten gestillt ist.

Kleinkind an der Brust

Stillen eines größeren Kindes? Die Kinder sind darauf „programmiert“. In der Menschheitsgeschichte sicherte das lange Stillen das Überleben. (alexhgl)

Warum die Stilldauer so sehr kulturellen Unterschieden unterliegt, hängt von den Lebens- und Umweltbedingungen des jeweiligen Volkes ab. Sesshaftigkeit oder Nomadentum, Arbeit der Mutter (kann sie ihr Kind z.B. mitnehmen oder muss sie sich von ihm trennen?), Ernährungsangebot, religiöse Vorstellungen usw. – all diese Faktoren beeinflussen das Abstillalter. Auch wenn in modernen Gesellschaften die Muttermilch früh schon durch andere Nahrungsmittel ersetzt werden kann und von daher nicht mehr direkt überlebensnotwendig ist, spricht aus kinderärztlicher Sicht nichts gegen das Langzeitstillen, wie der Autor und Kinderarzt Herbert Renz-Polster aufzeigt (Renz-Polster, 2010). Manche Psychologen argumentieren, langes Stillen würde den kindlichen Autonomieprozess hemmen. Bisher gibt es für diese Vermutung jedoch keine überzeugenden Belege.

2. Löst das Saugen des Kindes an der Brust bei der Mutter sexuelle Gefühle aus?

Saugt ein Kind an der Brust, führt dies in der Regel bei der Mutter zur Ausschüttung von Hormonen, wobei zwei davon besonders wichtig sind: Oxytozin und Prolaktin. In der Tat sind diese beiden Hormone auch an der Sexualität beteiligt, so dass es naheliegend ist, Empfindungen beim Stillen und beim Sex im Zusammenhang zu sehen. Oxytozin wird u.a. durch das Saugen des Babys an der Brust, aber auch durch liebevollen Körperkontakt ausgeschüttet. Einerseits führt dies dazu, dass die Muttermilch gut fließt, andererseits stärkt es die Mutter-Kind-Bindung. Das sogenannte „Bindungs-“ oder „Kuschelhormon“ spielt aber auch in der Sexualität eine entscheidende Rolle. So erhöht sich sein Spiegel bei Intimität und Berührung, insbesondere beim Orgasmus (was irritierend sein kann, wenn bei der stillenden Mutter beim Sex plötzlich Milch aus den Brüsten tropft).

Das Hormon Prolaktin ist für die Bildung und Menge der Muttermilch verantwortlich. Als „Brutpflegehormon“ wird es bei allen (auch nicht verwandten) Bezugspersonen ausgeschüttet, die sich an der Betreuung eines Kindes beteiligen. Prolaktin ist ein Gegenspieler von Testosteron, das bei beiden Geschlechtern mitunter verantwortlich für die Libido ist. Stillende Mütter haben aufgrund des hohen Prolaktin-Spiegels oft weniger Lust auf Sex. Auch bei Vätern sinkt die sexuelle Lust, wenn sie sich intensiv um ihr Kind kümmern (Lüpold, 2015).

Die angenehmen Gefühle beim Stillen, also bei der Brutpflege, sind entwicklungsbiologisch älter einzustufen als die lustvollen sexuellen Gefühle bei der Frau. (© Anastasiya Bobrova)

Die angenehmen Gefühle beim Stillen, also bei der Brutpflege, sind entwicklungsbiologisch älter einzustufen als die lustvollen sexuellen Gefühle bei der Frau. (© Anastasiya Bobrova)

Die Brutpflege ist entwicklungsbiologisch älter einzustufen als Stillen und Sexualität. So wurde das Brutpflegehormon Prolaktin bereits mehrere Millionen Jahre vor dem Auftauchen der ersten Säugetiere bei amphibischen Lebewesen ausgeschüttet. „Es mag (…) nützlich sein, sich vor Augen zu halten, dass mütterliche Gefühle im Rahmen der Evolution eindeutig Vorrang vor irgendwelchen Lustempfindungen haben. Lange ehe irgendeine Frau Vorspiel oder Geschlechtsverkehr als lustvoll empfand, sorgte die natürliche Selektion dafür, dass ihre Ahnen positiv auf ähnliche Gefühle reagierten, die bei der Geburt und beim Stillen ausgelöst wurden.“ so die amerikanische Soziobiologin Sarah Balffer Hrdy (Hrdy, 2010). Oder anders ausgedrückt: Stillen und damit verbundene angenehme Gefühle sind nicht Folge, sondern Ursprung der lustvollen, sexuellen Gefühle. Anstatt die positiven mütterlichen Empfindungen beim Stillen als „sexuell“ zu beschreiben und der Mutter einen „sexuellen Missbrauch“ zu unterstellen, wäre es viel zutreffender, die angenehmen Gefühle während des Sex als „mütterlich“ zu bezeichnen. „Mutterschaft und Sexualität sind (…) untrennbar miteinander verbunden – in einer Weise, die für Vaterschaft und die erotischen Erfahrungen von Männern einfach nicht zutrifft“ (Hrdy, 2010). Das ist vielleicht mitunter der Grund, weshalb Männer und kinderlose oder nicht stillende Frauen die mütterlichen Gefühle einer stillenden Frau nicht nachvollziehen können und komplett missverstehen.

Ob Stillen grundsätzlich bei Müttern zu sexuellen Gefühle führt, darüber sind sich die Forscher nicht einig (Avery, 2000). Tatsache ist, dass Stillen bei jeder Mutter individuelle Gefühle auslöst. Beschrieben werden angenehme, prickelnde, warme, stechende, schmerzhafte, lästige bis neutrale Empfindungen (Dettwyler, 1995b).Tatsache ist auch, dass sehr viele Frauen aufgrund der Schmerzen die Stillbeziehung frühzeitig beenden und in der ganzen Stillzeit das Saugen ihres Kindes nicht einmal annähernd als angenehm empfinden.

Baby knabbert am Gitterbett

In der westlichen Welt sollten wir viel mehr darüber Sorgen machen, dass Kinder zu wenig Nähe und Körperkontakt erfahren. (© Mario Ondris)

Diejenigen Mütter, die Stillen tatsächlich mit positiven Körpereindrücken verbinden, werden dadurch nicht zwangsläufig sexuell stimuliert. Nur weil eine körperliche Empfindung oder Berührung durch andere angenehm erlebt wird, ist sie nicht automatisch sexueller Art. Und auch wenn einzelne Mütter tatsächlich sexuell erregt werden, dann kann man trotzdem nicht von sexuellem Missbrauch sprechen. Wer weiß, wie viele Väter sexuelle Empfindungen haben, wenn sie mit ihrem Kind baden oder kuscheln – muss man solche Verhaltensweisen deswegen verbieten oder bestrafen? Solange der Elternteil sich seiner Grenzen bewusst ist und das Kind nicht zu etwas gezwungen wird, was es nicht will, sind die Empfindungen einer verantwortungsbewussten Betreuungsperson irrelevant. Außerdem gibt es Hinweise, dass Stillen vor mütterlicher Misshandlung und Vernachlässigung schützt (Stratehearn, 2009). In der westlichen Kultur sollten wir uns vielmehr darüber Sorgen machen, dass Kinder viel zu wenig Nähe und Körperkontakt erfahren, gerade weil ihre Eltern besorgt sind, sie könnten sich dadurch schuldig machen. Kindliche Bedürfnisse bleiben folglich unerfüllt, nur um ja kein Risiko einzugehen. Die Distanz (frühes Abstillen, alleine Schlafen, wenig Körperkontakt) schadet dem Kind vermutlich viel mehr als die unausgelebten Empfindungen der Eltern.

Es gibt keine Untersuchungen dazu, aber Stillberaterinnen und Mütter wären sich einig: Ein Kind kann nicht zum Stillen gezwungen werden, wenn es diesem Bedürfnis entwachsen ist. Mütter, deren Kinder nicht mehr dazu zu bewegen sind, an der Brust zu saugen, sind ein häufig auftretendes und schwieriges Thema in der Stillberatung. Beim Säugling macht es noch Sinn, die Brustverweigerung zu überwinden, beim älteren Kind bleibt der Mutter nichts anderes übrig, als das selbstbestimmte Abstillen des Kindes zu akzeptieren, will sie nicht gebissen werden.

3. Was ist die natürliche Bedeutung der weiblichen Brust?

TAndem-Stillen: Mutter stillt ein Baby und gleichzeitig den großen Bruder

Stillen ist weit mehr als eine Ernährungsart. Sie ist eine Betreuungsform und nonverbale Kommunikation. (© Wong Sze Yuen)

Aus natürlicher Sicht liegt die Funktion der weiblichen Brustdrüse in der Bildung von Muttermilch und der Ernährung des Kindes nach der Geburt, wie auch der lateinische Name „mamma“ (Mutter, Brust, Euter) belegt. Bereits im Mutterleib bildet sich beim weiblichen Embryo die erste Anlage der Brust. In der Pubertät kommt es zu einem Wachstum der Brustdrüsen und einer Zunahme an Fettgewebe. Dieser Prozess setzt sich in der Schwangerschaft fort; die Brust bereitet sich jetzt ganz konkret auf ihre zukünftige Rolle als Nahrungsquelle vor. Gesteuert wird diese ganze Entwicklung durch einen komplexen Ablauf verschiedener Hormone.

Nach dem Abstillen erfolgt die sogenannte Involution. Die Brustdrüsen bilden sich zurück und das verdrängte Fettgewebe wird langsam wieder aufgebaut (Lawrence & Lawrence 2005). Grundsätzlich wird solange Milch gebildet, wie eine Brust durch das Saugen des Kindes oder eine Milchpumpe stimuliert wird. Die Milchmenge bildet sich mit Einführen der Beikost, zunehmendem Durchschlafen des Kindes und Trennungen von der Mutter langsam zurück. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kind auch dann noch an der Brust saugen möchte, wenn nur noch wenig oder keine Milch mehr fließt. Hier stehen die beruhigenden Effekte des Saugens und die körperliche Nähe zur Mutter im Vordergrund. Das sogenannte „non-nutritive Saugen“ ist weit verbreitet. Kinder, die einen Schnuller oder den Daumen brauchen, um ihr Saugbedürfnis zu erfüllen, tun nichts anderes, als sich mit einer Kopie des Originals, der Mutterbrust, zufrieden zu geben.

Stillen ist weit mehr als reine Ernährung mit Muttermilch. Das Saugen an der Brust und der damit verbundene Körperkontakt mit der Mutter bieten u.a. Sicherheit, Trost und Beruhigung. Stillen macht nicht nur satt, es hat zahlreiche physiologische Auswirkungen auf das Kind. Bei Säuglingen werden Herzschlag, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutzuckerwerte durch das Stillen verbessert (ILCA, 2005; Biancuzzo, 2005, Williams, 1997, Bergman, 2004, Bystrova, 2003). Außerdem wirkt Stillen schmerzlindernd (Shah et al., 2006) und fördert das Einschlafen. Stillen nur als bestimmte Ernährungsform zu betrachten, bei der das Kind Muttermilch erhält und die mit zunehmendem Alter des Kindes an Bedeutung verliert, wird dieser höchst komplexen Form der Mutter-Kind-Beziehung nicht gerecht. Stillen ist ganz klar nicht nur eine Ernährungsart, sondern ein stärkendes Beziehungsritual und nonverbale Kommunikation.

4. Ist die sexuelle Funktion der weiblichen Brust biologisch oder kulturell bedingt?

sexy Frau mit runden Brüsten und eine etiopische Mutter mit stillendem Kind auf dem Arm

Ob die Brust als Sexobjekt oder Nahrungsquelle gilt, ist eine Frage der Kultur. (© Pawel Sierakowski und Hector Conesa)

Die weibliche Brust hat eine klar definierte biologische Funktion und spielt bei keinem anderen Lebewesen – abgesehen von einigen menschlichen Kulturen – eine sexuelle Rolle. Die Bedeutung der Brust und das Stillen sind jedoch auch stark kulturell geprägt und unterscheiden sich deshalb je nach Epoche und Gesellschaft. Völkerübergreifende Studien haben gezeigt, dass Stillverhalten und die Entscheidung darüber, ob gestillt wird oder nicht, vom kulturellen Kontext abhängen (Dettwyler, 1995). Erwägungen bezüglich der ernährungsbedingten Vorteile der Muttermilch, der Immunabwehr, der Verhütung und der ökonomischen Situation beeinflussen die mütterliche Entscheidung. Wichtig ist jedoch auch die soziale Definition der Brust: Ist die Brust ein nützlicher Teil des weiblichen Körpers wie andere Organe? Ist ihre Aufgabe die Ernährung des Kindes oder hat sie vielmehr eine sexuelle Funktion, um eine Frau für Männer attraktiv zu machen?

In der westlichen Gesellschaft scheint die weibliche Brust ohne Zweifel zu den Sexualorganen zu gehören. Während sich Frauen in Europa oder Nordamerika problemlos mit nackten Oberarmen, bauchfreien T-Shirts oder kurzen Röcken in der Öffentlichkeit bewegen können, wäre eine entblößte Brust im öffentlichen Verkehr, in Restaurants oder am Arbeitsplatz unangebracht. Im normalen Alltag würde auch eine zu tief ausgeschnittene oder durchsichtige Bluse (ohne BH) zu irritierten Blicken führen. Abends, im Ausgang darf eine Frau aber durchaus mit ihren weiblichen Reizen spielen und offenherzigere Bekleidung tragen. Am Strand oder im Freibad werden teilweise sogar völlig nackte weibliche Oberkörper toleriert.

Obschon keine westliche Frau mit entblößter Brust in einen Bus steigen würde, fallen nackte Busen an einem Zeitungsstand, in der Werbung oder im Fernsehen kaum noch auf. Es gibt also keine eindeutige soziale Regelung, wie weit eine Brust verhüllt werden muss, um keine Aufruhr zu erzeugen: Je nach Umstand, Tageszeit und Ort gelten unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen.

Mutter gibt ihrem Baby die Brust im Biergarten

In westlichen Ländern macht Stillen in der Öffentlichkeit eher stutzig. (© Brandt)

Stillende Mütter, die ihrem Kind im öffentlichen Raum die Brust geben, stoßen immer wieder auf Kritik, wie der sich vor Kurzem ereignete Vorfall in Berlin, bei dem eine stillende Mutter aus einem Restaurant verwiesen wurde, gezeigt hat (siehe Tagesspiegel, Die Welt). Auch hier gehen die Meinungen stark auseinander. Stillbefürworter sind der Ansicht, dass Stillen die natürlichste Sache der Welt ist und folglich überall ausgeübt werden darf. Die Kritiker finden, es sei höchstens akzeptabel, wenn die Mutter ihre Brust während des Stillens mit einem Tuch verhülle, sich am besten jedoch z.B. in eine Umkleidekabine oder auf die Toilette zurückziehe, um niemandem zu nahe zu treten. In diesem Fall wird die weibliche Brust und die Tatsache, dass ein Kind daran saugt, als respektlos oder sogar ekelerregend empfunden. Dieselbe Brust, die sexuell betrachtet attraktiv ist und eine fest verankerte kulturelle Bedeutung besitzt, wird in einem anderen Kontext (beim Stillen bzw. Beruhigen des Kindes) als widerwärtig definiert. Und dies obschon die Ernährungsfunktion der Brust biologisch bedingt ist, während ihre sexuelle Funktion – so Dettwyler – einem kulturell erlernten Verhalten entspricht.

Ist die Brust nun primär Nahrungs- oder Lustquelle? Oder beides?

Einigen Wissenschaftlern zufolge haben menschliche Frauen in erster Linie deshalb dauerhaft vergrößerte Brüste, um Männer auf sich aufmerksam zu machen (Lovejoy, 1981). Unter allen Säugetieren sind die menschlichen Frauen die einzigen „Weibchen“, die auch vor und nach der Stillzeit „große“ Brüste aufweisen (Boderas 2009). Bei Affenweibchen ist die Brust nur in der Stillzeit vergrößert und flacht danach wieder ganz ab. Durch den aufrechten Gang des Menschen, so unter anderem der Evolutionsbiologie Desmond Morris, verloren die runden Pobacken und die sichtbare Vagina an Bedeutung. Übernommen habe diese sexuelle Lockfunktion die im Laufe der Geschichte immer größer werdende Brust. Andere Fachleute behaupten, eine große Brust weise auf eine reichliche Nahrungsquelle für den Nachwuchs hin und sei deshalb für zukünftige Väter attraktiv.

Brustoperation

Unzählige Frauen lassen ihre Brüste verstümmeln, um dem aktuellen Schönheitsideal zu entsprechen. (© tunedin)

Zu all diesen Theorien existieren jedoch nur wenig überzeugende Beweise. So gibt die Größe der Brust weder einen verlässlichen Hinweis auf die mögliche Milchmenge, noch Gesundheit oder Libido ihrer Trägerin. Im Gegenteil ist das Stillen für übergewichtige Mütter mit sehr voluminösen Brüsten eher erschwert und die Milchmenge nicht selten kleiner als bei den normal- und kleinerbrüstigen Frauen. Möglich ist es allerdings, dass eine leichte Wölbung der Brust dem menschlichen Säugling das Saugen erleichtert und daher aufgrund der natürlichen Selektion stärker bevorzugt wurde. Für Frauen ist ein großer Busen aus gesundheitlicher Sicht zudem eher ein Nachteil: Eine sehr schwere Brust kann die Bewegungsfähigkeit einschränken oder zu Rückenproblemen führen.

Während noch vor ein paar Jahren die Brustvergrößerung unter den Schönheitsoperationen Platz eins belegte, haben die Brustverkleinerungen aufgeholt. Ob operative Vergrößerung oder Verkleinerung: Was bringt Millionen von gesunden, normal aussehenden Frauen dazu, sich ohne medizinische Indikation freiwillig und für große Kosten unters Messer zu legen, nur um ein Körperorgan chirurgisch zu verändern, dessen biologische Funktion nicht die Anziehung der Geschlechtspartner, sondern die Ernährung der Nachkommen ist?

Es handelt sich hier nicht um kleine kosmetische Korrekturen, sondern um beachtliche Eingriffe, die ernstzunehmende Komplikationen mit sich bringen können. Bei Vergrößerungen müssen die Implantate zudem oftmals nach einigen Jahren ausgewechselt werden, was einen erneuten Eingriff erfordert.

Chinesisches Lotusfuß

Im alten China wurden die Füße der Frauen verstümmelt. Die kleinen Füße galten als die erotischsten Körperteile der Frauen.

Die amerikanische Anthropologin Katherine Dettwyler erinnert in diesem Zusammenhang an das höchst fragwürdige Abbinden von Frauenfüßen im alten China (Dettwyler, 1995). Für moderne westliche Menschen ist diese barbarische Sitte, die nur dazu diente, die Frauen dank kleiner Füße für den Mann (sexuell) attraktiver zu gestalten, aus menschlich-ethischer Sicht verwerflich und unverständlich. Genau betrachtet handelt es sich jedoch bei Schönheitsoperationen der weiblichen Brust um nichts anderes. Ein völlig gesundes, funktionsfähiges Organ wird „verstümmelt“, weil es in der natürlichen Version (zu klein, zu groß) nicht der gesellschaftlichen Idealvorstellung entspricht. Durch die „Verstümmelung“ ist der betreffende Körperteil sexuell anziehender als zuvor. Dass durch Operationen an der Brust, damit verbundenem Entfernen von Drüsengewebe oder Durchtrennen von Nerven ein zukünftiges Stillen erschwert bis verunmöglicht werden kann, wird viel zu selten thematisiert.

Japanische Frau in Kimono mit zugeschnürter Brust

Im alten Japan wurde die Brust der Frau zugeschnürt. Als erotisch galt die Hals-Nacken-Partie. (© Chee-Onn Leong)

Das Beispiel der sogenannt chinesischen „Lotusfüße“ zeigt außerdem auf, dass es große kulturelle Unterschiede gibt, welche Körperteile einer Frau in welcher Form für Männer attraktiv sind. Ein weiteres Beispiel für die unterschiedliche Bedeutung der Brust stellt das alte Japan dar. Dort galt das freie und bemalte Hals-Nacken-Partie als höchts erotisch, während die Brust durch den Kimono eng eingebunden wurde (Schmitz, 2015). Westliche Menschen mag es erstaunen, dass in 190 untersuchten menschlichen Kulturen der weiblichen Brust nur in 13 eine sexuelle Bedeutung zugeschrieben wird (Ford & Beach, 1951). In den restlichen 177 Kulturen ist die Brust für Männer weder sexuell attraktiv noch hat sie während des Sexualaktes irgendeine Funktion (Streicheln, Mund-Brust-Kontakt etc…). In Mali (Afrika) z.B. dient (zumindest in der ursprünglich lebenden Bevölkerung) die weibliche Brust einzig und allein der Ernährung und Betreuung des Kindes. Eine sexuell orientierte Berührung der Brust durch den (Mund eines) Mannes wird von beiden Geschlechtern entweder als komisch oder sogar abstoßend empfunden. Frauen entblößen ihre Brust in der Öffentlichkeit, was keinerlei Grund zum Anstoß gibt, im Gegenteil völlig natürlich empfunden wird. Malische Mütter fühlen sich absolut frei, ihre Kinder auf dem Markt, im Bus oder unterwegs nach Bedarf zu stillen, so oft und lange wie nötig.

ine sexuell orientierte Berührung der Brust durch den (Mund eines) Mannes wird von beiden Geschlechtern entweder als komisch oder sogar abstoßend empfunden. (© mocker)

Während bei uns die Brust mit Sex assoziiert wird, gilt in Mali deren sexuell orientierte Berührung durch den Mann als komisch oder abstoßend. (© mocker)

Im westlichen Kulturkreis hingegen scheint die primäre Aufgabe der weiblichen Brust, ein männlichen Wünschen entsprechendes erotisches Attribut zu sein. Dass sich deswegen immer jüngere Frauen, oft noch im Alter der körperlichen Entwicklung, unters Messer legen, stimmt nachdenklich. Angeblich ist es in den USA üblich, dass High-School-Abgängerinnen zu bestandenem Examen von ihren Eltern eine Brustvergrößerung geschenkt bekommen. Aber auch in Europa unterscheidet sich eine Schönheitsoperation nicht mehr groß von einem harmlosen Zahnarztbesuch. Allein in Deutschland werden pro Jahr 35.000- 40.000 Brustimplantate verkauft (Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie, 2012).

Wird die Brust zum Stillen genutzt, dann – so die westliche Normvorstellung – bitte nur zur Nahrungsaufnahme und nur bei Babys im ersten Lebensjahr! Zudem soll die Brust, ob für Sex oder zum Stillen, nur im privaten Rahmen entblößt werden. Öffentliches Stillen ist trotz großflächiger Stillförderung und -aufklärung nach wie vor verpönt und zahlreiche Mütter fühlen sich dabei äußerst unwohl, so dass viele nach wenigen Monaten abstillen.

Weibliches Selbstbewusstsein und mütterliche Selbstbestimmung

Nichts spricht dagegen, dass die weibliche Brust in die Sexualität erwachsener Menschen mit einbezogen wird und diese bereichert. Sexuelle Berührungen der Brust dürfen von Frauen genauso genossen werden wie die mütterlichen Empfindungen beim Stillen. Umfragen zeigen jedoch, dass ein Großteil der westlichen Frauen mit ihrer Oberweite unzufrieden ist, so dass Berührungen vermutlich oft gar nicht erfüllend erlebt werden.

Die sexuelle Bedeutung der weiblichen Brust kann ihre ursprüngliche Funktion der Ernährung und Betreuung eines Kindes ergänzen – idealerweise ohne diese zu behindern oder zu konkurrieren. Wenn Kinder nur kurz oder gar nicht gestillt werden, da der Erotik im Vergleich zu den Bedürfnissen des Kindes die größere Priorität zukommt, geschieht dies auf Kosten der kindlichen Gesundheit, Entwicklung sowie der Mutter-Kind-Bindung.

Kinder, die 7 Jahre gestillt werden, sind auch im weltweiten Vergleich eine Minderheit. Darin einen sexuellen Missbrauch zu sehen, ist jedoch eine grobe, auf Unwissenheit basierende Unterstellung und fügt dem betroffenen Mutter-Kind-Paar massiven Schaden zu.

⇒ Juristische Verfahren wie der anfangs erwähnte Schweizer Fall führen voraussichtlich dazu, dass zahlreiche Mütter jüngerer Stillkinder früher als gewollt abstillen werden, aus Angst, sich durch längeres Stillen strafbar zu machen.

Die über Jahrzehnte mühsam erzielten Fortschritte der Stillförderung, Stillen seine Natürlichkeit zurückzugeben und Mütter zu ermutigen, möglichst lange zu stillen, werden durch die negativen Medienberichte teilweise zunichte gemacht. Den meisten Müttern fällt es eh schon schwer, ihr Kind in der Öffentlichkeit an die Brust zu legen: Sie werden sich also – sofern sie nicht gleich abstillen – wieder genötigt fühlen, zu Hause und heimlich zu stillen und dadurch unter sozialer Isolation leiden.

Es ist wünschenswert, dass dem Stillen in Zukunft der Respekt und die natürliche Haltung zukommen, die ihm gebühren und dass alle Frauen unabhängig von Form und Größe auf ihre Brust stolz sein dürfen. Eine Gesellschaft ist dann frauenfreundlich, wenn der weibliche Körper in seiner Vielfalt akzeptiert wird, und sich keine Frau aufgrund von Idealvorstellungen operativ verändern muss. Alle Mütter sollen zudem selbst entscheiden dürfen, ob, wo, wie oft und wie lange sie ihr Kind stillen, es an ihrer Brust saugen oder diese berühren lassen, vorausgesetzt, dass das Kind dies will.

Quellenangaben für diesen Beitrag

Sibylle Lüpold Foto

Die Autorin, Sibylle Lüpold, ist dreifache Mutter, ausgebildete Stillberaterin, Expertin und Buchautorin zum Thema Schlafen von Babys und Kleinkindern. Sie macht persönliche Beratungen in ihrer Praxis in Bern (www.frauen-oase.com), beantwortet aber auch gerne Telefon- und Skype-Anfragen aus dem Ausland und gibt Kurse für Fachpersonen. Kontakt und weitere Infos finden Sie unter www.1001kindernacht.ch.

 

 


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.

Ein Kommentar auf "Die weibliche Brust – Nahrungsquelle, Trostspender oder Lustobjekt?"

  1. Emma sagt:

    Eine fantastische Zusammenfassung mit allem was wirklich wichtig ist, aus der Sicht einer stillenden Mama. Danke dafür!

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