Zahnarztbehandlungen in der Stillzeit

Frau wird vom Zahnarzt behandelt

Auch stillende Frauen müssen ihre Zähne vom Zahnarzt untersuchen und behandeln lassen. (© Kzenon, Fotolia)

Zahnärztliche Untersuchungen und Behandlungen gehören zu den häufigsten medizinischen Interventionen in der Stillzeit. Gleichzeitig herrscht eine große Verunsicherung unter stillenden Müttern darüber, welche Behandlungen bedenklich sind und welche nicht. Diese Bedenken beziehen sich hauptsächlich auf die Substanzen, die im Laufe einer zahnärztlichen Behandlung eingesetzt werden und über die Muttermilch das Baby erreichen können. Schlimmstenfalls verzichten die Frauen auf erforderliche Behandlungen, auf Betäubungen, oder stillen ihr Baby unnötigerweise vorzeitig ab. Auch eine Stillpause, die stillenden Müttern aufgrund von zahnärztlichen Behandlungen gelegentlich empfohlen wird, ist zu hinterfragen. Das folgende Interview behandelt die wichtigsten Fragen zu Zahnarztbesuchen in der Stillzeit.

Profilbild von Elien Rouw

Elien Rouw, Ärztin und Stillexpertin

Profilbild von Frau Ziegler-Zanotta

Cristina Ziegler-Zanotta, Zahnärztin in Basel

Unsere Interview-Partnerinnen sind Cristina Ziegler-Zanotta, Zahnärztin in Basel und stillende Mutter, und Elien Rouw, Ärztin, medizinische Expertin der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS), Mitglied der Nationalen Stillkommission und Vorstandsmitglied der Academy of Breastfeeding Medicine.

Grundsätzliche Fragen zu Zahnarztbehandlung und Stillen

Liebe Frau Ziegler, liebe Frau Rouw, während der Schwangerschaft können Zahnerkrankungen der Mutter schlimmstenfalls zu einer Frühgeburt oder niedrigem Geburtsgewicht des Neugeborenen führen. Haben Zahnerkrankungen in der Stillzeit weiterhin negative Auswirkungen auf das Kind?

C. Ziegler: So direkt wie in der Schwangerschaft nicht. Zu beachten ist allerdings, dass Karies einfach ausgedrückt eine Infektionskrankheit ist. Mit den Bakterien, die zur Kariesentstehung führen, werden die Kinder durch die Erwachsenen angesteckt, z.B. indem diese den Löffel des Kindes ablecken. Eine Mutter ist außerdem ein Vorbild für ihre Kinder und das trifft auch auf die Zahnhygiene zu. Hat die Mutter gesunde Zähne, pflegt sie diese gründlich und geht sie regelmäßig zum Zahnarzt, dann haben auch ihre Kinder eine bessere Chance, dass ihre Zähne gesund bleiben.

E. Rouw: Das sehe ich auch so. Es ist wichtig, dass die Mütter auch während der Stillzeit zum Zahnarzt gehen: Das ist vor allem für ihre eigene Gesundheit wichtig, aber auch für die ihrer Kinder. Ich sehe oft das Problem, dass aufgrund von befürchteten unerwünschten Wirkungen auf das Kind die Zahnarzttermine verschoben werden. Das ist aber problematisch. Wenn eine Behandlung angezeigt ist, dann sollte diese auch in der Stillzeit ohne Verzögerung durchgeführt werden.

Gelten in Bezug auf Arzneimittel in der Stillzeit dieselben Vorsichtsmaßnahmen wie während der Schwangerschaft?

Anatomie der Brust mit den Milchdrüsen und Blutgefäßen

Um das Kind zu erreichen, müssen die Medikamente zunächst aus dem Blutkreislauf der Mutter in die Muttermilch übertreten. Viele Wirkstoffe treten nur in geringen Mengen in die Muttermilch über, andere reichern sich in der Milch jedoch an. (© Tigatelu, Fotolia)

E. Rouw: Nein. Viele Medikamente sind in der Stillzeit ganz anders zu bewerten als in der Schwangerschaft. In der Schwangerschaft gelangt ein Medikament aus der Blutbahn der Mutter über die Plazenta und die Nabelschnur direkt in die Blutbahn des Kindes. In der Stillzeit gibt es jedoch mehrere Zwischenschritte: Um im Körper des Kindes wirksam zu werden, muss ein Wirkstoff in einem ersten Zwischenschritt aus dem Blutkreislauf der Mutter in ihre Milch übertreten. Außerdem werden nicht alle Stoffe, die in der Muttermilch enthalten sind, vom kindlichen Darm aufgenommen. Viele Stoffe werden bereits im Magen-Darm-Trakt des Kindes abgebaut oder sie werden dort gebunden und deshalb nicht in die Blutbahn aufgenommen. Viele Medikamente gelangen daher gar nicht oder nur in geringen Konzentrationen in den Blutkreislauf des Kindes, welche nicht schädlich sind.

Magen-Darm-System eines Babys

Die zweite Barriere ist das Magen-Darm-System des Kindes. (© Sebastian Kaulitzki, Fotolia)

Das heißt, in der Stillzeit müssen noch zwei Faktoren berücksichtigt werden: Die Milchgängigkeit des Wirkstoffs sowie dessen Aufnahme über das Magen-Darm-System. Medikamente, die schlecht muttermilchgängig sind, im Magen-Darm-Kanal abgebaut oder nicht gut in den Blutkreislauf aufgenommen werden, sind in der Stillzeit wenig problematisch. Im Allgemeinen ist eine Medikamenteneinnahme in der Stillzeit daher weniger kritisch als in der Schwangerschaft. Es gibt jedoch Medikamente, die sich in der Muttermilch anreichern. In solchen Fällen muss man natürlich vorsichtiger sein.

Zahnärztliche Betäubungen und Schmerzbehandlungen

Örtliche Betäubungsspritzen, welche Schmerzfreiheit während der Behandlung ermöglichen, enthalten Lokalanästhetika und meist auch Adrenalin-Zusätze, u.a. um die Wirkung der Betäubung zu verlängern. Während der Schwangerschaft werden Betäubungsspritzen möglichst niedrig dosiert, um dem Fetus nicht zu schaden. Sind auch während der Stillzeit noch Vorsichtsmaßnahmen wie eine niedrigere Dosierung oder ggf. sogar eine Stillpause erforderlich?

C. Ziegler: Eine niedrige Dosierung sollte ohnehin Standard sein, nicht nur in der Schwangerschaft und der Stillzeit. Darüber hinaus kommt es auf die einzelnen Wirkstoffe an. Sicherheitshalber sollte man auf alltägliche, bewährte Mittel zurückzugreifen. Bei uns in der Schweiz wird am häufigsten der Wirkstoff Articain zur Betäubung eingesetzt, bei dem kein nennenswerter Übergang in die Muttermilch zu erwarten ist. Bei Lidocain gilt dasselbe. Auf andere, speziellere Wirkstoffe (z.B. Prilocain) würde ich in der Stillzeit verzichten.

Bei den Adrenalin-Zusätzen gibt es verschiedene Wirkstärken: „normal“ und „forte“. In der Schwangerschaft würde ich auf das „forte“ verzichten und die „normale“ Wirkstärke wählen.

E. Rouw: Adrenalin ist in der Stillzeit ganz anders zu bewerten als in der Schwangerschaft. Denn Adrenalin wird im Magen-Darm-Trakt zerstört. Das ist auch der Grund, warum es gespritzt wird und nicht über den Mund gegeben werden kann. Zahnärztliche Lokalanästhetika sind in der Stillzeit in aller Regel unbedenklich.

Welche rezeptfreien Schmerzmittel können in der Stillzeit bei Zahnschmerzen genommen werden und welche sind zu vermeiden?

C. Ziegler: In der Stillzeit ist grundsätzlich Paracetamol nebst Ibuprofen das Mittel der Wahl. Bei üblichen Zahnschmerzen reichen diese beiden Wirkstoffe aus.

E. Rouw: Das sehe ich genauso. Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin, Ass) als weiterer rezeptfreier Wirkstoff, wird in der Stillzeit nicht empfohlen. Eine einzelne Tablette ist jedoch akzeptabel. Bei Bedarf kommen aber auch weitere Schmerzmittel infrage. Diclofenac ist bei kurzfristiger Therapie, die in der Zahnmedizin die Regel ist, ebenfalls vertretbar.

Gibt es bei den rezeptpflichtigen Schmerzmitteln, die z.B. nach Zahnextraktionen oder kieferchirurgischen Maßnahmen eingesetzt werden, Bedenken?

Weiße Medikamente in der Schachtel

Keine Mutter muss Schmerzen ertragen. Viele Schmerzmedikamente sind stillverträglich. (© Mariusz Blach)

E. Rouw: Die meisten Schmerzmittel, die für zahnmedizinische Behandlungen eingesetzt werden, können auch in der Stillzeit genommen werden. Denn in der Zahnmedizin werden Medikamente nur einmalig oder nur ganz kurz eingesetzt, meist bekommt die Mutter Medikamente für einen oder zwei Tage mit. Das ist meistens unbedenklich. Das gilt sogar für Opioidanalgetika, solange sie nur ganz kurzfristig eingesetzt werden, was bei zahnärztlichen Behandlungen meist der Fall ist. Es ist auch nicht erforderlich, dass eine Stillpause eingelegt wird, die Mutter kann uneingeschränkt weiterstillen.

Manche Frauen möchten in der Stillzeit nur anthroposophische oder homöopathische Mittel nehmen, auch gegen Zahnschmerzen bzw. anstelle einer Betäubung während der Behandlung. Können alternative Heilmittel die schulmedizinischen Analgetika und Lokalanästhetika ersetzen?

C. Ziegler: Womit wir in der Zahnmedizin – auch im Rahmen der Schmerzbehandlung – gute Erfahrungen gemacht haben, sind Hypnosebehandlungen vor oder während einer zahnmedizinischen Therapie. Durch die Hypnose kann die Angst genommen und die Schmerzen können eingedämmt werden. Auch bestimmte Akupunkturbehandlungen sind möglich. In den Nachbehandlungen sollen Arnika-Globuli helfen, den Heilungsprozess zu unterstützen.

Zahnärztliche Untersuchungen

Gibt es bei den diagnostischen Untersuchungen Besonderheiten? Dürfen insbesondere Röntgenuntersuchungen in der Stillzeit durchgeführt werden?

C. Ziegler: Alle diagnostischen Untersuchungen können in der Stillzeit problemlos durchgeführt werden, auch die zahnmedizinischen Röntgenuntersuchungen. In der Zahnmedizin arbeiten wir ja ohne Kontrastmittel, die ein Problem bedeuten könnten. Die visuelle Untersuchung ist natürlich kein Problem.

Materialien für Füllungen, Kronen und Brücken

Aus Vorsichtsgründen wird eine Amalgam-Sanierung während einer Schwangerschaft mitunter auf die Zeit nach der Geburt verschoben. Kann eine Amalgam-Füllung während der Stillzeit eingesetzt bzw. entfernt werden oder muss die Mutter eine Stillpause einlegen oder sogar vorher abstillen?

Kofferdam bei zahnärztlichen Behandlungen

Amalgamsanierungen und Wurzelkanalbehandlungen werden unter Kofferdam durchgeführt. Auf diese Weise wird ein Verschlucken kritischer Stoffe verhindert. (© Tipodonto31, Wikimedia)

C. Ziegler: Amalgam enthält bestimmte Metalle, insbesondere Quecksilber, auf die man in der Schwangerschaft und der Stillzeit besser verzichten sollte. Wenn die Entfernung von Amalgam erforderlich ist, besteht immer noch die Möglichkeit, dies unter Kofferdam durchzuführen. Das ist ein Schutz aus Plastik, der in den Mund eingebracht wird, um die Mundregion vom Rachenraum abzudämmen. So kann man sicherstellen, dass die Patientin nichts verschluckt. Ein kleines Restrisiko über das Einatmen bleibt jedoch bestehen. Falls die Amalgam-Entfernung nicht akut nötig ist, würde ich bis nach der Stillzeit warten.

E. Rouw: Hier möchte ich nur ergänzen, dass die Stillzeit nicht verkürzt werden sollte, nur um die Behandlung früher durchführen zu können. Wenn erforderlich, sollte die Amalgam-Sanierung vorgenommen werden und die Frau sollte ohne Einschränkung weiterstillen.

Sind die anderen Materialien für Zahnfüllungen, Kronen und Brücken wie Gold, Keramik, Kunststoffkomposite und Titan während der Stillzeit unproblematisch?

C. Ziegler: Diese Materialien können auch in der Stillzeit verwendet werden. Es gibt keine Hinweise auf potenziell schädliche Wirkungen.

Antiseptika und Antibiotika

Die Bekämpfung von Mikroorganismen spielt in der Zahnmedizin eine zentrale Rolle, um Karies, Zahnfleischentzündungen und Erkrankungen weiterer Organe zu vermeiden. Hierzu werden diverse Antiseptika und Antibiotika eingesetzt.

  • Lokale Antiseptika (wie z.B. Chlorhexidin oder Cetylpyridinium), werden eingesetzt, um Zahnfleischentzündungen zu behandeln. Povidon-Jod wird zur Wunddesinfektion bei zahn- und kieferchirurgischen Eingriffen (z.B. wenn man einen Zahn ziehen muss) manchmal eingesetzt. Bei Wurzelkanalbehandlungen kommen stark antiseptische Lösungen mit Natriumhypochlorit, hochprozentigem Chlorhexidinglukonat, Peroxiden usw. zum Einsatz. Sind diese Substanzen in der Stillzeit zulässig?

C. Ziegler: Jod sollte man in der Schwangerschaft und der Stillzeit grundsätzlich vermeiden. Ansonsten: Wurzelkanalbehandlungen werden unter Kofferdam durchgeführt. Auf diese Weise wird verhindert, dass mit dem Speichel Bakterien in den bereits desinfizierten Wurzelkanal gelangen. Gleichzeitig schützt der Kofferdam vor dem Verschlucken der antiseptischen Lösungen.

E. Rouw: Ja, auf Jod-haltige Desinfektionsmittel sollte man in der Stillzeit verzichten, weil Jod in der Milch angereichert wird. Was die anderen Antiseptika angeht, habe ich keine Bedenken. Selbst, wenn sie verschluckt werden, ist das eine einmalige Sache: Durch die Zwischenschritte erreicht nur ganz wenig den Blutkreislauf des Kindes.

  • Bei Zahnfleischentzündungen oder bei einer Parodontose/Parodontitis müssen manchmal Antibiotika eingesetzt werden. Können stillende Frauen davon ausgehen, dass alle Antibiotika bei ihnen eingesetzt werden dürfen oder sollten sie ihre Zahnärzte bitten, stillverträgliche Alternativen zu wählen?

C. Ziegler: Es ist wichtig, dass stillende Frauen ihren Zahnarzt informieren, damit er stillverträgliche Antibiotika wählen kann. Denn nicht alle Antibiotika sind in der Stillzeit gleichermaßen geeignet.

E. Rouw: Ja, das stimmt. Die meisten Antibiotika sind in der Stillzeit jedoch unproblematisch und es gibt ganz viele Ausweichmöglichkeiten, falls ein Antibiotikum nicht stillverträglich sein sollte.

Behandlung bei Patientinnen mit Zahnbehandlungsphobie

Auch unter stillenden Müttern kommen Ängste vor Zahnbehandlungen vor. Wie sieht es mit angstlösenden und beruhigenden Mitteln, Lachgasnarkose und Vollnarkose aus? Vor allem beim Einsatz von Benzodiazepinen trifft man auf die Empfehlung, dass die Mutter vor der Behandlung Milch auf Vorrat gewinnt und über etwa 10 Stunden nach der Behandlung ihre Milch entleert und wegschüttet. Welche Vorgehensweise empfehlen Sie?

E. Rouw: Was die Narkose angeht, gilt die Leitlinie, dass die Mutter das Kind anlegen kann, sobald sie dazu in der Lage ist. Benzodiazepine, die zur Beruhigung und Angstlösung eingesetzt werden, stellen in der Zahnmedizin auch keinen Grund zur Stillpause dar. Benzodiazepine sind eine Wirkstoffgruppe, die sich im Körper anreichert. Sie sollten in der Stillzeit daher so niedrig dosiert und kurz genommen werden, wie möglich. Aber viele Wirkstoffe aus dieser Gruppe sind unter diesen Umständen sowohl in der Zahnmedizin als auch bei anderen Indikationen auch in der Stillzeit akzeptabel, da beim Kind – durch die beiden Zwischenschritte – nur eine sehr geringe und nicht toxische Dosis ankommt. Bei Zahnarztbehandlungen werden kurzwirkende Mittel wie Lorazepam und Oxazepam und nur einmalig eingesetzt. Es müssen keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Selbst, wenn sich die Therapie über mehrere Wochen mit mehreren Behandlungsschritten erstreckt, erhält die Mutter die Benzodiazepine jeweils nur kurze Zeit. Es besteht keine Notwendigkeit für eine Stillpause.

Mutter pumpt beide Brüste gleichzeitig ab.

Das Abpumpen und Verwerfen von Muttermilch wird zwar oft empfohlen, ist aber bei Zahnarztbehandlungen nicht erforderlich. (© Fotolia Foto-Point)

Die Idee, die Milch zur Entgiftung abzupumpen und zu verwerfen, ist meist nicht sinnvoll. Häufig nehmen die Menschen an, dass die Brust ein geschlossenes System sei und das, was in der Milch drin ist, nur durch eine Entleerung entfernt werden könne. Das stimmt so aber nicht. Es findet zwischen der Muttermilch und der Blutbahn ein ständiger Austausch statt. Sobald die Konzentration eines Stoffes im Blut der Mutter sinkt, sinkt auch die Konzentration in der Muttermilch. Denn Stoffe aus der Milch werden über die Blutbahn der Mutter wieder abgebaut und ausgeschieden. Die Wirkstoffkonzentration in der Milch sinkt daher mit der Zeit, auch wenn die Brust nicht entleert wird. Aus diesem Grund gilt auch die Leitlinie, dass nach einer Vollnarkose das Kind angelegt werden kann, sobald die Mutter dazu in der Lage ist. Denn wenn die Mutter ihr Kind halten und stillen kann, dann ist die Wirkstoffkonzentration auch in der Milch der Mutter soweit gesunken, dass das Narkosemittel auf das Kind keine Auswirkungen mehr hat.

Ein Abpumpen und Verwerfen von Muttermilch ist nur sehr selten angezeigt. Manchmal muss eine Stillpause eingehalten werden, bis die Konzentration eines kritischen Wirkstoffs mit längerer Halbwertszeit in der Muttermilch bis zum zulässigen Grenzwert abgeklungen ist. Durch das Abpumpen werden Schmerzen, Milchstaus und Brustentzündungen vermieden und die Milchbildung wird aufrechterhalten. In der Zahnmedizin sind solche Maßnahmen in der Regel nicht erforderlich.

Bleichen der Zähne

Zum Bleichen von vergilbten Zähnen werden Peroxide eingesetzt. Kann das Bleichen in der Stillzeit durchgeführt werden?

E. Rouw: Ja, das ist kein Problem.

Mundspülungen

Können die Mütter zur Vorbeugung und Behandlung von Plaque, Zahnfleischentzündungen und Aphten die gängigen Mundspülungen und -gels verwenden?

E. Rouw: Ja, natürlich! Man sollte das Leben stillender Mütter nicht unnötig kompliziert machen. Wir möchten ja erreichen, dass die Frauen ein halbes Jahr ausschließlich und anschließend bis zum Alter von zwei Jahren und darüber hinaus neben geeigneter Beikost weiterstillen – entsprechend der WHO-Empfehlung. Wenn wir aber Ängste schüren und den Müttern sagen, dass sie in der Stillzeit dies und das nicht dürfen und dies und jenes möglicherweise gefährlich ist, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Frauen früh abstillen. Dass vorzeitiges Abstillen deutliche Gesundheitsrisiken mit sich bringt, das ist sehr wohl belegt.

Die behandelnden Zahnärzte informieren

Sollten Mütter ihre Zahnärzte auch bei Routinebehandlungen darüber informieren, dass sie stillen oder nur bei komplexeren Maßnahmen (wie bei chirurgischen Eingriffen oder einer Parodontose-Behandlung)?

C. Ziegler: Ich würde die Ärzte immer informieren, damit sie darauf Rücksicht nehmen können.

E. Rouw: Ich würde nur bei komplexeren Maßnahmen Bescheid sagen, da wir ansonsten unnötige Ängste schüren. Eine Pathologisierung kann zu einer Verunsicherung der Mütter führen, sodass sie zu früh abstillen oder die Behandlung ablehnen.

Wissen denn die Zahnärzte in der Hektik des Praxisalltages auf Anhieb, was bei einer stillenden Frau zu beachten ist?

E. Rouw: Nein, sie wissen es nicht, da bin ich mir absolut sicher! Sonst hätte ich nicht die Myriaden von Anfragen von ihnen erhalten.

C. Ziegler: Für den normalen Praxisalltag bedeutet Stillen keine großen Einschränkungen: Das übliche lokale Anästhetikum ist einsetzbar, man kann röntgen, man kann wie gewohnt untersuchen und die gängigen Füllungen einsetzen.

Wie und wo können Zahnärzte nachschauen oder sich beraten lassen, wie sie stillende Mütter optimal behandeln?

Das Nachschlagewerk "Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit" ist zur Zeit die zuverlässigste Quelle für Mediziner.

Das Nachschlagewerk „Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit“ ist zur Zeit die zuverlässigste Quelle für Mediziner.

E. Rouw: Idealerweise sollten alle Ärzte inklusive Zahnärzte das Nachschlagewerk Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit der Embryonaltoxikologischen Beratungsstelle in Berlin (www.embryotox.de) unter der Federführung von Schäfer, Spielmann, Vetter und Weber-Schöndörfer haben. Das ist die Quelle, auf die ich meine Aussagen stütze. Die ist sehr zuverlässig und weit weniger restriktiv als viele andere Quellen zu Arzneimitteln in der Stillzeit.

Denn die Arzneimittelhersteller führen keine Studien zur Verträglichkeit von Medikamenten in der Stillzeit durch, weil dies kostspielig ist und sich nicht rentiert. Sie warnen häufig pauschal vor der Anwendung von Medikamenten in der Stillzeit. Sie lassen außer acht, dass auch das Nicht-Stillen oder das Verzögern einer Behandlung Nebenwirkungen hat. Bei Schäfer/Spielmann werden auch diese Gesichtspunkte berücksichtigt, sodass sie oft zu einem anderen – zuverlässigeren – Ergebnis kommen als andere Quellen.

Ansonsten können die Zahnärzte auf das Protokoll Nr. 15 „Analgesia and Anesthesia for the Breastfeeding Mother“ der Academy of Breastfeeding Medicine, in dem manche Fragestellungen der Zahnmedizin kurz besprochen werden, und das Informationsblatt Narkosemittel und Lokalanästhetika in der Stillzeit der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen zurückgreifen.

Bis wann gilt die Stillzeit?

Wenn bestimmte Behandlungen in der Stillzeit kontraindiziert sind, dann stellt sich die Frage, bis wann der Zeitraum „Stillzeit“ verstanden wird. Hängt dies von der Reife, vom Alter oder vom Körpergewicht des Kindes ab oder davon, wie viel Muttermilch es erhält?

E. Rouw: Die Dosis, die ein gestilltes Kind bei medikamentösen Behandlungen der Mutter erhält, ist sicherlich größer, wenn es noch ausschließlich gestillt wird. Neugeborene und insbesondere Frühgeborene sind gegenüber manchen Medikamenten außerdem gefährdeter als ein älterer Säugling oder ein gestilltes Kleinkind mit einem reiferen Stoffwechsel. Andererseits sind die Nebenwirkungen des Nicht-Stillens, einer Stillpause oder nur einer Flasche mit künstlicher Säuglingsnahrung bei einem jungen Baby viel größer als bei einem dreijährigen Kind, das schon eine ganze Menge anderer Lebensmittel isst und nicht mehr ausschließlich auf das Stillen angewiesen ist. Grundsätzlich gilt: Ob eine Mutter stillt oder nicht, sollte nicht beeinflussen, wann eine Behandlung stattfindet.

Liebe Frau Rouw, liebe Frau Ziegler, vielen Dank für das Interview.


Danksagung: Wir danken den beiden Interviewpartnerinnen, Frau Elien Rouw (Bühl) und Cristina Zielger-Zanotta (Basel, Steinenvorstadt) dafür, dass sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben. Ein ganz besonderer Dank gilt Alexandra Waldschmidt-Battenberg (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen), die in ihrer Stillgruppe Fragen der Mütter zu Zahnarztbehandlungen eingesammelt und den Interviewleitfaden mit entwickelt hat. Herzlichen Dank auch an Sibylle Lüpold und die La Leche League Schweiz für die Vermittlung einer Zahnärztin, die bereit war, sich mit diesem Thema zu befassen.

Das Interview entstand zwischen Frühjahr und Herbst 2016.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.