Die Vorteile des nächtlichen Stillens – auch nach dem 1. Geburtstag

30. März 2016 | Von | Kategorie: Sibylles Beiträge
Mutter stillt ihr älteres Baby im Bett

Nächtliches Stillen ist auch bei älteren Babys und Kleinkindern völlig normal (© Vitalinka)

Vor allem Mütter, die länger stillen, sind oft verunsichert, wenn ihre Kinder nach den ersten 6 bis 12 Monaten weiterhin nachts stillen möchten. Ihre Verunsicherung rührt von der verbreiteten Meinung her, dass Babys und Kleinkinder nach den ersten Monaten bereits durchschlafen müssten. Viele Mütter haben Angst, in der Erziehung zu versagen und ihren Kindern falsche Gewohnheiten beizubringen, wenn sie den kindlichen Bedürfnissen folgen und auch ihre Kleinkinder noch nachts nach Bedarf stillen. Im folgenden Beitrag räumt die erfahrene Still- und Schlafberaterin Sibylle Lüpold mit verbreiteten Mythen auf und zeigt, dass das nächtliche Stillen auch im Kleinkindalter normal ist und die kindliche Schlafentwicklung keineswegs beeinträchtigt. Das nächtliche Stillen ist eine biologisch sinnvolle, bindungsfördernde und im Idealfall auch für die Mütter angenehme Möglichkeit, ihr Kind nachts zu ernähren und zu umsorgen.

Nächtliches Stillen ist auch nach dem ersten Halbjahr normal

Es ist völlig normal, dass Stillkinder auch nach dem ersten oder sogar zweiten Geburtstag nachts noch gestillt werden möchten. Während der Organismus des Säuglings rund um die Uhr auf eine regelmäßige Nahrungszufuhr angewiesen ist, sind es beim Kleinkind vermutlich zunehmend emotionale Faktoren, die zum Bedürfnis führen, auch nachts an der Brust zu saugen (oft unabhängig davon, ob noch viel Milch fließt). Stillen ist ein wichtiger Bestandteil der Mutter-Kind-Bindung und von Anfang an weit mehr als reine Nahrungszufuhr. Das Einschlafen wird vom Kind in den ersten Jahren als beängstigende Trennungssituation empfunden und löst bei ihm das natürliche Bindungsverhalten aus. Das heißt, es sucht intensiv Nähe und Schutz bei seinen Bindungspersonen und reagiert mit Angst und Schreien, wenn es alleine gelassen wird. Das Saugen an der Brust und der damit verbundene Körperkontakt mit der Mutter bieten Sicherheit, Trost und Beruhigung. Stillen bzw. die Ernährung mit Muttermilch machen nicht nur satt, sie haben zahlreiche physiologische Auswirkungen auf das Kind. So werden Herzschlag, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutzuckerwerte verbessert. Außerdem ist Stillen schmerzlindernd und fördert das Einschlafen. Die meisten Stillkinder beruhigen sich an der Brust rasch wieder – vorausgesetzt, sie mussten nicht zuerst lange schreien – und schlafen dabei ein. Dieser aus kindlicher Sicht ideale Zustand der körperlichen Verbundenheit mit der Mutter bietet ein Optimum an Nähe und Geborgenheit.

Ein kleines Kind durchläuft während seiner emotionalen Entwicklung innerhalb der ersten drei Lebensjahre immer wieder Phasen, die mit großen, vor allem auch nachts auftretenden Ängsten verknüpft sind. Insbesondere während dem Fremdeln kommt es zu vermehrtem nächtlichen Aufwachen und häufigeren Stillmahlzeiten. Der Höhepunkt der Trennungsangst liegt zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag; eine Zeit, in der Kinder nachts ihr Bett eigenhändig verlassen und das Elternbett aufsuchen können.

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Westliche Kinder werden selten länger als ein halbes Jahr gestillt. Mit dem Abstillen müssen auch die nächtlichen Stillmahlzeiten durch eine andere Ernährungs- und Betreuungsform ersetzt werden. Bei denjenigen Müttern, die ihr Kind jedoch länger stillen, stellt sich früher oder später die Frage, ob das nächtliche Stillen weiterhin in Ordnung ist. Die Schlafentwicklung hängt eng mit dem Verlauf der Stillbeziehung zusammen. Irrtümlicherweise wird von vielen Eltern angenommen, dass beide Prozesse linear verlaufen (d.h. sie denken, ihr Kind würde mit zunehmendem Alter immer seltener aufwachen und gestillt werden wollen), was aber nicht unbedingt der Fall ist. Während es einige wenige Stillkinder gibt, die schon in den ersten Wochen und Monaten einen festen Rhythmus annehmen und mit längeren Pausen zwischen den Stillmahlzeiten zurechtkommen, verlangen viele auch mit zunehmendem Alter phasenweise zweistündlich oder öfter nach der Brust.

Verunsicherte Eltern, fehlende Vorbilder

Baby an der Brust schaut in die Kamera

Ältere Babys sind tagsüber oft zu abgelenkt und holen dann nachts die versäumten Stillmahlzeiten nach. (© Dmitry Lobanov)

„Unser Sohn ist 9 Monaten alt, 6 Monate lang wurde er voll gestillt. Tagsüber kommt er nicht mehr an die Brust, nachts will er aber immer noch alle zwei Stunden oder häufiger gestillt werden. Es gab bisher nur wenige Nächte, in denen er länger am Stück geschlafen hat. Den Schnuller und abgepumpte Milch aus der Flasche verweigert er. Nun habe ich gelesen, dass Kinder einen anderen Schlafrhythmus haben und dass sie einen individuellen Entwicklungsprozess durchlaufen, ehe sie durchschlafen können. Trotzdem ist es sehr anstrengend und ich plane bald wieder zu arbeiten. Ein Schlaftraining kommt für uns nicht in Frage. Ich war bereits in der Babysprechstunde und habe mit meiner Hebamme gesprochen. Mich stört die Tatsache, dass fast alle Fachleute die Meinung vertreten, dass sich die Kinder ändern bzw. anpassen müssen. Beim Thema Schlafen empfinde ich das als problematisch, da doch die Entwicklungsreife des Kindes ausschlaggebend ist. Wann stillen sich denn Kinder, die nach Bedarf gestillt werden, nachts von sich aus ab?“

Solche und ähnliche Fragen werden in der Stillberatung sehr häufig gestellt. Auch die Reaktion dieser Mutter auf meine Schlafberatung steht stellvertretend für viele andere Fälle.

„Herzlichen Dank für Ihre hilfreiche Rückmeldung. Ihre Erfahrungswerte machen mir deutlich, dass das Schlaf- und Stillverhalten unseres Sohnes völlig in Ordnung ist. Ihre Antwort hat mir aber auch gezeigt, dass wir nicht die einzigen sind, deren Kind ein solches Schlafverhalten hat. Ich hatte bisher das Gefühl, dass alle anderen Kinder im Alter unseres Sohnes sehr gut schlafen und wenn überhaupt, nur noch 1-2 Mal pro Nacht gestillt werden wollen. So habe ich mich gefragt, ob wir etwas falsch machen. Von einem Verhalten wie demjenigen unseres Sohnes habe ich vorher noch nie gehört und ich habe auch keine Literatur gefunden, in der dies als normal dargestellt wird. Hinzu kommt, dass unser Umfeld uns nicht unbedingt Mut macht, so fortzufahren und unsere Erziehung vielmehr in Frage stellt. Ich brauche sehr viel Kraft, um mich nicht verunsichern zu lassen und meiner Intuition zu vertrauen.“

Fast alle Mütter stillen ihr Kind in der ersten Zeit auch nachts und finden das anfangs normal. Nach ungefähr sechs Monaten sind sie über das nächtliche Stillen oft zunehmend beunruhigt und fragen sich, ob sie erzieherische Maßnahmen ergreifen müssen. Unterstützt wird ihre Befürchtung sehr oft von Fachleuten, die davor warnen, „falsche Gewohnheiten entstehen zu lassen“ und dazu raten, das nächtliche Stillen zu unterlassen (z.B. Kast-Zahn & Morgenroth, 2013). Viele Eltern befürchten aufgrund solcher Empfehlungen, dass ihr Kind seine „schlechte Gewohnheit“ nie mehr aufgeben werde, wenn es weiterhin nachts gestillt wird. Wollen Eltern etwas verändern, bevor ihr Kind von sich aus dazu bereit ist, reagiert es in der Regel mit Protest. Dies wiederum verstärkt die elterliche Angst, den „richtigen“ Zeitpunkt bereits verpasst und in der Erziehung versagt zu haben. Da die Eltern meistens keine anderen Eltern kennen, deren Kinder länger gestillt wurden, fehlen ihnen Vorbilder und Wissen zu dieser Thematik. Auch viele Fachleute verfügen nicht über Erfahrung mit langzeitgestillten Kindern und deren Schlafentwicklung.

Viele Mütter berichten in der Stillberatung, dass sie sich durch das nächtliche Stillen und die damit verbundenen Schlafunterbrüche sehr erschöpft fühlen. Im Gespräch stellt sich oft heraus, dass die Erschöpfung stark von der Befürchtung her rührt, etwas falsch zu machen. Konkrete Informationen über das natürliche Schlafverhalten von Stillkindern und den Vorteil des nächtlichen Stillens sowie eine wertschätzende Beratung können sehr hilfreich sein. Wenn Mütter verstehen, dass ein Säugling im ersten Lebensjahr auch nachts auf Nahrung und später auf nächtliche Zuwendung angewiesen ist, können sie oft viel besser damit umgehen und fühlen sich gestärkt.

Das nächtliche Aufwachen ist keine Störung

Mutter sitzt bei einer Beratungsstelle

Manche beratende Fachleute klassifizieren das nächtliche Aufwachen als „Störung“. Die Eltern fühlen sich dadurch oft verunsichert. (© Wavebreak Media Ltd)

Das häufige Aufwachen eines älteren Stillkindes wird von vielen Psychologen und anderen beratenden Fachleuten leider oft als „Störung“ bewertet. Ein „normales“ Kind schlafe nach Auffassung dieser „Experten“ nach wenigen Monaten die ganze Nacht durch. Manche Autoren aus der psychologischen Forschung schlussfolgern, dass hauptsächlich die Eltern „schuld“ an dieser so genannten kindlichen „Schlafstörung“ seien (Weinraub, 2010). Weinraub und Kollegen werfen den Eltern in einer Veröffentlichung vor, dass sie durch ihr feinfühliges Verhalten die kindliche Fähigkeit der Selbstberuhigung behindern würden. Das Kind könne, wenn die Eltern auf jedes seiner Signale reagieren, nicht lernen, selbständig (wieder) einzuschlafen. Die „Schlafprobleme“ würden also durch die nächtliche Zuwendung verstärkt. Insbesondere gestillte Kinder hätten Schwierigkeiten, sich selbst zu beruhigen und wieder in den Schlaf zu finden, weil sie sich daran gewöhnt hatten, an der Brust einzuschlafen.

Weinraub und Kollegen haben in ihrer Arbeit die Kinder nur bis zum dritten Geburtstag untersucht. Interessant wäre aber vor allem, wie deren Schlafentwicklung danach verlief. Die Tatsache, dass viele Stillkinder, die in den ersten drei Lebensjahren nachts häufig erwachen und die Unterstützung der Eltern einfordern, nach dem dritten Geburtstag problemlos lernen, selbständig ein- und durchzuschlafen, wird als mögliche Option nicht in Erwägung gezogen. Gerade jedoch dieser „verzögerte“, nach Ansicht anderer Fachleute durchaus normale Verlauf, ist hier aber von entscheidender Bedeutung und rückt die Schlussfolgerung, dass das „falsche“ Verhalten der Eltern zur kindlichen „Schlafstörung“ führe, in ein ganz anderes Licht.

Einige Experten sprechen von sogenannten „Touchpoints“, kritischen Meilensteinen in der kindlichen Entwicklung. Dazu gehört auch das häufigere Aufwachen zwischen acht und zwölf Monaten. Dieses Verhalten ist völlig normal und ein Hinweis auf eine gesunde Entwicklung, führt aber oft zu Störungen im Familiensystem, da Eltern aufgrund kultureller Normvorstellungen etwas anderes erwarten. Auch der Zusammenhang zwischen nächtlichem Aufwachen bzw. dem Rufen nach den Eltern und einer sicheren Bindung wurde untersucht. Sicher gebundene Kinder haben mehr Vertrauen in ihre Eltern. Sie zeigen in Situationen der Angst (wie es nachts und beim Alleine-Schlafen der Fall ist) ein gesundes Bindungsverhalten und verlangen nach den Bezugspersonen. Das Sich-Nicht-Melden ist in diesem Fall nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

Nachdem die Bindungsforschung die Bedeutung der elterlichen Feinfühligkeit über Jahrzehnte untersucht und bestätigt hat, ist die Schlussfolgerung der oben zitierten Studie irritierend. Anstatt Eltern das Gefühl zu vermitteln, sie hätten in der Erziehung versagt, weil ihr Kind nach sechs Monaten nachts noch gestillt werden möchte und ihre Unterstützung benötigt, ist es viel hilfreicher, sie in ihrem Tun zu bestärken und ihnen die Hintergründe des kindlichen Schlaf- und Stillverhaltens zu erklären.

Stillkinder schlafen anders

Kinderzimmer mit Gitterbett

Das Gitterbett und ein separates Zimmer haben sich im westlichen Kulturkreis als zweifelhafte Norm etabliert. (© Aleksei Sysoev)

Gestillte Kinder wachen nachts häufiger auf. Sie werden einerseits eher nach Bedarf ernährt, was sie auch nachts erwarten. Andererseits schlafen Stillkinder eher bei ihren Müttern, die deren Regungen im Idealfall sofort wahrnehmen und innerhalb weniger Sekunden darauf reagieren. Gründe für das nächtliche Aufwachen sind in den ersten Monaten hauptsächlich Hunger und Durst. Aber auch ernährungsunabhängige Faktoren können das Aufwachen begünstigen, so z.B. Infektionen, Zahnungsbeschwerden, Entwicklungsschritte, Fremdbetreuung, Umzug, Urlaub und Konflikte in der Familie. Manche Stillkinder sind tagsüber zu sehr an ihrer Umgebung interessiert und abgelenkt, sodass sie die verpasste Nahrungszufuhr und Nähe nachts nachholen.

Kinder, die im zweiten Lebensjahr noch gestillt werden, weisen oft eine ganz andere Schlafentwicklung auf, als es in der westlichen Gesellschaft erwartet wird. Diese Tatsache sollte Eltern jedoch nicht dazu verleiten, ihr Kind früh schon abzustillen, damit es schneller durchschläft. Schlafen ist ein biologischer und emotionaler Entwicklungs- und Reifungsprozess, der sich nur bedingt von außen beschleunigen lässt. Das abendliche Verabreichen von angereicherter, künstlicher Säuglingsmilch verhilft, wie verschiedene Studien belegt haben, nicht zu einem früheren Durchschlafen.

Die Norm-Definition der kindlichen Schlafentwicklung wurde Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts anhand von Untersuchungen mit westlichen, nicht-gestillten Babys in einer künstlichen Laborsituation erstellt. Um 1950 wurden in den Industrienationen kaum noch Kinder gestillt, geschweige denn war es verbreitet, dass sie bei ihren Eltern schlafen durften. Das „normale“ Kind war mit wenigen Wochen abgestillt und schlief alleine in einem Zimmer. Es stellt sich also die Frage, ob diese „Norm“ für heutige und insbesondere gestillte Kinder noch aussagekräftig ist.

Evolutionsbiologen und Anthropologen sind zudem der Frage nachgegangen, welches Still- und Schlafverhalten für Menschenkinder zu Jäger- und Sammlerzeiten vor ca. 10.000 Jahren und in ursprünglich lebenden Kulturen verbreitet war/ist. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass das, was im westlichen Kulturkreis weitläufig als „Störung“ definiert wird, ein für Menschenkinder ganz natürliches und durchaus sinnvolles Verhalten darstellt. Über fast die ganze Menschheitsgeschichte hinweg war nächtliches Stillen aus mehreren Gründen äußerst wichtig: Die häufigen Stillmahlzeiten fördern einerseits die mütterliche Milchproduktion, andererseits verhindern sie eine erneute Schwangerschaft und verbessern dadurch die kindlichen Überlebenschancen. Forscher zeigten auf, dass in vielen der untersuchten, teilweise heute noch existierenden ursprünglichen Gesellschaften Kinder auch nachts nach Bedarf gestillt werden.

Ist es folglich angebracht, das nächtliche Stillen eines Kindes ab sechs Monaten als „falsch“ zu bewerten oder stellt es nicht viel mehr ein ganz natürliches und sinnvolles Verhalten dar? Hierfür ist es hilfreich, folgende Frage zu beantworten:

Welche Vorteile bietet das nächtliche Stillen dem Säugling und dem Kleinkind?

Aus Sicht der kindlichen Entwicklung hat das nächtliche Stillen mehrere Vorteile:

  • Durch das nächtliche Stillen und den damit verbundenen Körperkontakt wird die Ausschüttung des Stillhormons Prolaktin angeregt. Dadurch wird die Milchproduktion aufrechterhalten und eine größere Milchmenge erzeugt.
  • Bei jeder Stillmahlzeit kommt es zu einer Ausschüttung des Hormons Oxytozin, das u.a. die Bindung zwischen Mutter und Kind verstärkt.
  • Kinder schlafen an der Brust oft schnell wieder ein. Die Muttermilch beinhaltet abends und nachts eine größere Menge an schlaffördernden Substanzen. Auch die Mutter beruhigt sich beim Stillen optimal und findet wieder in den Schlaf.
  • Nachts gestillte Kinder werden insgesamt länger gestillt und sind somit gesünder.
  • Da die Wachstumshormone nachts vermehrt ausgeschüttet werden und das kindliche Gehirn seine Größe im ersten Lebensjahr fast verdreifacht, unterstützt die nächtliche Nahrungszufuhr das Wachstum und die neurologische Entwicklung. Bei schlecht gedeihenden Kindern helfen zusätzliche nächtliche Stillmahlzeiten, die Gewichtszunahme zu verbessern.
  • Menschliche Muttermilch ist im Gegensatz zur Milch anderer Säugetiere kohlehydratreich, aber fettarm und wird rasch verdaut. Die Zusammensetzung der Menschenmilch und die geringe Größe des kindlichen Magens zeigen die Wichtigkeit von häufigen Mahlzeiten auf.
  • Kinder genießen beim nächtlichen Stillen zusätzliche Zuwendung und Körperkontakt, was zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen (sogenannten Glückshormonen) führt und ihre Entwicklung unterstützt.
  • Stillen begünstigt Co-Sleeping, was unter sicheren Bedingungen wiederum mit vielen Vorteilen für das Kind, aber auch seine Eltern verknüpft ist.
  • Stillkinder, die neben ihrer Mutter schlafen, liegen normalerweise in einer sicheren Position, d.h. in der Seiten- oder Rückenlage.
  • Das Risiko, am plötzlichen Kindstod (SIDS) zu versterben, ist bei Stillkindern um die Hälfte verringert. Nächtliches Stillen bzw. das Saugen verbessern die Atmung und verhindern zu lange, gefährliche Tiefschlafphasen.

Nächtliches Stillen soll für die Mutter angenehm sein

Mutter und Baby schlafen nachts zusammen

Wenn Mutter und Kind zusammen schlafen, ist Stillen auch nachts unproblematisch.

Das nächtliche Stillen ist für viele Mütter aufgrund der Schlafunterbrüche sehr anstrengend. Gerade wenn das Kind sich nachts mehrmals meldet, empfinden sie Aggressionen oder leiden tagsüber unter großer Müdigkeit. Das nächtliche Stillen bietet aber auch den Müttern Vorteile: Unter anderem kann das regelmässige Saugen volle/schmerzhafte Brüste bzw. Milchstaus verhindern und unterstützt die Stillbeziehung ganz allgemein. Die Prolaktin-Ausschüttung erleichtert außerdem das Einschlafen der Mutter. Nicht selten berichten Frauen, dass sie seit dem Abstillen viel weniger gut in den Schlaf finden.

Die Erholung der Mutter kann durch folgende Maßnahmen gefördert werden:

  • Co-Sleeping: Wenn das Kind – unter Berücksichtigung der Sicherheitsmaßnahmen – bei der Mutter schläft, muss sie nachts nicht aufstehen, wenn es gestillt werden möchte. Liegt das Kind unmittelbar neben der Mutter, kann sie es rasch an die Brust nehmen, bevor es sich laut meldet.
  • Es ist wichtig, dass Mütter bereits ab Geburt lernen, im Liegen zu stillen. Gerade bei Erstlingsmüttern ist das anfangs noch schwierig und muss gut mit Kissen (z.B.. im Rücken und zwischen den Beinen) unterstützt werden. Diese Stillposition ist auch tagsüber sinnvoll, damit sich die Mutter während dem Stillen besser erholen kann.
  • Wird nachts nur leise gesprochen und gedämpftes Licht verwendet, lernt das Kind bald schon zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden.
  • Das Einführen von immer gleichbleibenden Ritualen kann hilfreich sein, um das Kind darin zu unterstützen, möglichst schnell in den Schlaf zu finden.
  • Ein Kind sollte erst dann ins Bett gebracht werden, wenn es wirklich müde ist, sonst kann es dazu führen, dass das Einschlafstillen ewig lange dauert.
  • Wenn das Kind häufig aufwacht und gestillt werden möchte, weil es krank ist, helfen unterstützende Medikamente und Behandlungsmethoden, die das Wohlbefinden und den Schlaf des Kindes fördern (Luftwege freimachen, Schmerzen lindern etc.).
  • Vielleicht findet ein Kind alleine wieder in den Schlaf, ohne dass die Mutter es gleich an die Brust nimmt. Manchmal reichen ein Lagewechsel, Streicheln oder leises Summen eines Liedes. Es macht aber keinen Sinn, das Stillen so lange hinauszuzögern, bis das Kind weint, weil es dann richtig wach wird und nicht mehr so rasch wieder einschläft.
  • In den ersten Monaten bis Jahren ist das Leben mit einem Kind nicht nur aufgrund des nächtlichen Stillens anstrengend. Vielmehr sind es die pausenlose Verantwortung und fehlende Erholungsmöglichkeit, die zu einer Erschöpfung führen. Eine gesunde Ernährung und Lebensweise sind hier von großem Wert. Es macht Sinn, in dieser Phase des Familienlebens früh zu Bett zu gehen, um trotz der vielen Schlafunterbrüche genügend Schlaf zu bekommen. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, tagsüber auszuruhen, während sich eine andere vertraute Bezugsperson um das Kind kümmert.
  • Informationen über das kindliche Schlaf- und Stillverhalten sind hilfreich, um die Situation besser zu verstehen.
  • Der Austausch mit anderen stillenden Müttern, die Ähnliches erleben, kann sinnvoll sein (z. Bsp. im Rahmen von Stillgruppen).

Ergebnisse einer Befragung von stillenden Müttern

Mutter und Baby stillen nachts im Bett

Viele Mütter gewöhnen sich mit der Zeit ans nächtliche Stillen und fühlen sich morgens erholt.

Es gibt bisher leider nur wenig Fachliteratur zur Schlafentwicklung von Stillkindern. Da ich in meinen Beratungen aber viele stillende Mütter begleite, habe ich einen Fragebogen zum nächtlichen Stillen verschickt. 14 Mütter von insgesamt 30 gestillten Kindern haben diesen beantwortet. Ihre Erfahrungen und die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Interviewbefragung scheinen mir für alle Eltern gestillter Kinder interessant zu sein.

Alle Kinder der befragten Mütter wurden mindestens acht Monate lang nachts gestillt, einige länger als drei Jahre. Über die Hälfte der Kinder wurde im ersten Lebensjahr nachts zeitweise zweistündlich gestillt, danach meistens mit abnehmender Tendenz. Fast alle Mütter gaben an, dass Erkrankungen, Zahnen, Entwicklungsschritte, Fremdbetreuung, Umzüge und Urlaub zu häufigerem nächtlichen Aufwachen geführt haben. Ungefähr die Hälfte der Mütter fühlte sich ab und zu durch das nächtliche Stillen erschöpft. Die meisten jedoch gaben an, dass eher das Aufstehen, als das Stillen in der Nacht anstrengend war. Mit der Zeit gewöhnten sich viele der Mütter an das nächtliche Stillen und fühlten sich tagsüber trotzdem erholt. Erleichtert wurde der Zustand in allen Fällen durch Co-Sleeping und liegendes Stillen. Geholfen hat manchen Müttern tagsüber auszuruhen, früh zu Bett zu gehen oder dem Kind etwas beim Zahnen zu verabreichen.

Ungefähr die Hälfte aller Kinder hat sich von selbst abgestillt. Diese Kinder wurden nachts so lange (zwei oder drei Jahre) gestillt, bis sie von sich aus bereit waren, auf eine andere Weise ein- und weiterzuschlafen. Bei den anderen hat die Mutter aktiv abgestillt und ihrem Kind nachts als Ersatz ein Fläschchen, Trost oder mehr Körperkontakt angeboten. Diejenigen Kinder, die vor dem ersten Geburtstag von der Mutter abgestillt wurden, wachten nachts trotzdem noch regelmäßig auf. Erst ein nächtliches Abstillen im zweiten oder dritten Lebensjahr führte dazu, dass das Kind in der Folge ohne Unterbruch die ganze Nacht durchschlief. Dieser Punkt ist insofern interessant, als er verdeutlicht, dass das nächtliche Abstillen im ersten und evtl. auch zweiten Lebensjahr häufig nicht zum erwünschten Durchschlafen führt. Erst mit dem Älterwerden des Kindes kann eine Veränderung des Stillverhaltens auch das Durchschlafen beschleunigen.

Fast alle Mütter gaben an, dass sie froh waren, ihr Kind auch nachts so lange gestillt zu haben und dass sie es noch einmal genauso machen würden. Einige meinten, sie würden im Nachhinein sogar länger stillen und sich weniger verunsichern lassen.

„Da ich anfangs das Gefühl hatte, das nächtliche Stillen sei eine schlechte Angewohnheit und müsse abtrainiert werden, verbrauchte ich unnötigerweise viel Energie. Dieses Gefühl kam nicht von mir, sondern von außen durch entsprechende Ratgeber, Fachpersonen oder durch Aussagen meines Umfeldes.“

Quellenangaben für diesen Beitrag

Die Autorin, Sibylle Lüpold, ist dreifache Mutter, ausgebildete Stillberaterin, Expertin und Buchautorin zum Thema Schlafen von Babys und Kleinkindern. Sie macht persönliche Beratungen in ihrer Praxis in Bern (www.frauen-oase.com), beantwortet aber auch gerne Telefon- und Skype-Anfragen aus dem Ausland und gibt Kurse für Fachpersonen. Kontakt und weitere Infos finden Sie unter www.1001kindernacht.ch.


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung, 2003-2017.

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