Wer (nicht) stillen kann

Mutter füttert ihr Baby in Körper- und Augenkontakt

Manchmal ist Stillen nicht möglich. Durch viel Körper- und Augenkontakt beim Füttern wird die innige Beziehung zwischen Mutter und Kind gefördert.

Die Tatsache, dass viele Frauen ihre Babys nur kurz oder gar nicht stillen, ist in erster Linie kulturell bedingt: Die Routinen in der westlichen Geburtshilfe greifen in den natürlichen Ablauf der Geburt und der Neugeborenenzeit ein; den Müttern fehlt es außerdem oft an positiven Vorbildern und kompetenter Unterstützung (Warum das Stillen häufig nicht klappt ). Die Mechanismen der Marktwirtschaft, die den Verkauf von Säuglingsnahrung finanziell direkt belohnen, verstärken zusätzlich die Problematik. Im Gegensatz zur Säuglingsnahrungsindustrie gibt es keine einflussreichen Interessengruppen, die vom Stillen der Frauen kommerziell profitieren würden. Medizinische Gründe, die das Stillen verhindern, liegen nur in Einzelfällen vor. Biologisch gesehen wären über 99% der Frauen in der Lage, ihre Babys ausschließlich zu stillen – auch Mehrlinge. Berücksichtigt man verschiedene Erkrankungen und Verletzungen der Mütter inklusive Brust-OPs, können immer noch etwa 95% der Mütter Ihre Säuglinge ausschießlich mit ihrer Milch ernähren.

In den meisten Fällen, wo Frauen den Eindruck haben, nicht genug Milch bilden können, liegt das Problem am suboptimalen Stillmanagement im Krankenhaus oder zu Hause. Unter professioneller Anleitung kann die Milchbildung in aller Regel wieder in Gang gebracht und gesteigert werden (siehe das Verzeichnis des Still-Lexikons für Stillberaterinnen und den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann). Wenn das Neugeborene (vorübergehend) nicht in der Lage ist, an der Brust zu saugen, dann ist eine Ernährung mit abgepumpter Muttermich möglich und das Beste für den Säugling.

Es gibt auch Situationen, in denen Muttermilch für den Säugling aufgrund von bestimmten Erkrankungen der Mutter giftige Substanzen enthält und daher gesundheitsschädigend ist. Schließlich gibt es schwere angeborene Stoffwechselstörungen seitens der Kinder, die mit (ausschließlichem) Stillen nicht vereinbar sind.

Im Folgenden werden konkrete Situationen aufgelistet, in denen (ausschließliches) Stillen nicht möglich ist:

Erkrankungen/Verletzungen seitens der Mutter, die ein (ausschließliches) Stillen verhindern

  • Verbleiben von Plazenta-Resten nach der Geburt in der Gebärmutter (umgehende gynäkologische Entfernung erforderlich)
  • Ausgeprägte Blutarmut (Anämie) inklusive Eisenmangelanämie
  • Starker Blutverlust in Verbindung mit der Geburt kann das Stillen vorübergehend beeinträchtigen
  • ausgeprägte Unterernährung
  • Schilddrüsen-Über- oder Unterfunktion (ein vergleichsweise häufiger Grund für unzureichende Milchbildung; sollte im Krankenhaus oder bei den gynäkologischen Untersuchungen entdeckt werden; durch die Behandlung der Schilddrüsenfehlfunktion kann die Milchbildung in Gang kommen)
  • Schwere Verletzungen der Brust (Stillen an der gesunden Brust möglich, an der verletzten je nach Ausprägung der Verletzung)
  • Zustand nach Brustkrebs (Stillen an der gesunden Brust ist möglich)
  • Chirurgische Eingriffe an der Brust (siehe auch: Stillen nach Verletzung oder Operation der Brust)
  • Fehlbildungen der Brust (hypoplastische Brüste: sehr selten, gehen meist mit Fehlbildungen anderer Organe einher, z.B. mit Handanomalien)
  • Polyzystisches Ovarsyndrom (PCO-Syndrom)
  • Hyperandrogenämie
  • Sheehan-Syndrom (Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz)
  • Diabetes-Erkrankung bei schlechter Einstellung
  • Einnahme bestimmter Arzneimittel (in den meisten Fällen sind Stillen und Arzneitherapie jedoch vereinbar; siehe auch Arzneimittel und Stillen − auch bei der Verhütung muss auf eine stillverträgliche Alternative gedacht werden, siehe Sexualität, Verhütung und Kinderwunsch in der Stillzeit)
  • Diagnostik und Therapie bei Schilddrüsenerkrankungen mit radioaktivem Jod: Eine stillende Frau muss mindestens sechs Wochen vor einer Radio-Jod-Therapie abstillen. Denn das radioaktive Jod reichert sich in der stillenden Brust an und führt zu einer hohen Strahlenbelastung für die Mutter.
Stillen mit Brusternährungsset

Stillen mit Brusternährungsset (© Medela)

Frauen, bei denen die Milchbildung aus medizinischen Gründen nicht ausreicht, können mithilfe des so genannten Brusternährungssets oder mithilfe einer Ernährungssonde Säuglingsmilch zufüttern (s. Muttermilch oder Säuglingmilch stillfreundlich füttern): Während das Baby an der Brust trinkt, erhält es Säuglingsmilch aus einem Schlauch (siehe einen Kurzfilm darüber von Jack Newmann, einem international anerkannten Laktationsberater). Auf diese Weise kommt das Baby in den Genuss der Muttermilch, die gebildet werden kann. Darüber hinaus erhält es die Nähe und die Geborgenheit wie beim Stillen und anatomisch gesunde Saugmöglichkeiten an der Brust. Das Stillen mit dem Brusternährungsset ist allerdings nicht selbsterklärend und sollte durch qualifizierte Beraterinnen unterstützt werden (siehe auch unser IBCLC-Verzeichnis).

Erkrankungen der Mutter, die Stillen und Muttermilchernährung ausschließen

  • Alkoholsucht
  • Drogenkonsum
  • exzessives Tabakkonsum
  • HIV-, HTLV- oder Ebola-Infektionen (siehe auch Stillen bei Infektionskrankheiten der Mutter)
  • Herpes-Infektionen an der Brust (Herpes an anderen Körperregionen ist kein Stillhindernis. Der Säugling darf aber nicht in Kontakt mit den Herpesläsionen kommen; Nach Abheilen der Herpesläsion ist Stillen an der betroffenen Brust wieder möglich)
  • Akute Krebserkrankungen (sobald die Krebstherapie beendet ist, kann wieder gestillt werden, in Absprache mit den Ärzten evtl. auch zwischen den Chemotherapie-Zyklen; bei Stillwunsch die Milchbildung mithilfe von Pumpen aufbauen und aufrechterhalten)
  • Einsatz von radioaktiven Diagnostika (z.B. bei Schilddrüsenerkrankungen; sobald die Radioaktivität aus der Milch eliminiert ist, darf wieder gestillt werden)

Erkrankungen des Kindes, bei denen direktes Stillen nicht immer möglich ist, aber Muttermilch die beste Ernährung darstellt

  • Brustverweigerung
  • Frühgeburt
  • Saugschwäche
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
  • Gewisse neurologische Beeinträchtigungen
  • Pierre-Robin-Sequenz
  • Choanalatresie
  • Chylothorax (hier muss die Muttermilch vorher entrahmt und supplementiert werden)

Stoffwechselerkrankungen des Säuglings

  • Galaktosämie (Stillen oder Ernährung mit Muttermilch ist ausgeschlossen)
  • Phenylketonurie (Teilstillen ist möglich und empfehlenswert, ergänzt durch phenylalaninfreie Spezialnahrung)

Falls Sie sich nicht sicher sind, ob Stillen bei Ihnen möglich ist, kontaktieren Sie am besten eine examinierte Still- und Laktationsberaterin IBCLC (siehe auch unser IBCLC-Verzeichnis). Diese Berufsgruppe kennt sich mit dieser komplexen Problematik am besten aus. Sie können Sie auch dann unterstützen, wenn das Stillen bei Ihnen nicht klappt.


Wenn Sie sich gegen Stillen entscheiden müssen, finden Sie im Buch von Regina Masaracchia „Wie, du stillst nicht?“ Unterstützung und Informationen (Kösel Verlag, 2012). Sie finden dort Informationen zur Fläschchenfütterung, zum Teilstillen und alternativen Zufütterungsmethoden und erfahren, wie Sie die Bedürfnisse Ihres Babys auch ohne Stillen befriedigen können.

Auch die WHO/UNICEF-Initiative hat einen Flyer für Mütter herausgegeben, die ihre Babys nicht stillen können: Mit Nähe zum Baby die Flasche geben.

 

Quellen:

  • Walker, M: Breastfeeding Management for the Clinician. Using the Evidence. Jones and Bartlett 2006
  • Both D, Frischknecht K: Stillen kompakt. Atlas zur Diagnostik und Therapie in der Stillberatung. Urban & Fischer, 2006
  • Springer S: Stillen und Muttermilchernährung bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen und Säuglingen. In: Stillen und Muttermilchernährung. Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2001
  • http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/031-003l_S1_Radioiodtherapie_benigne_Schilddruesenerkrankungen_2015-10.pdf

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Ergänzungen: September 2016.