Ein zweiter Stillbeginn (Relaktation)

Mutter kontrolliert, ob das Baby richtig saugt

Stillen ist mehr als Ernährung (© Oksana Kuzmina)

Manchmal stillen Mütter aufgrund von Stillproblemen, Erkrankungen oder einer vorübergehend erforderlichen Trennung vom Kind ab und trauern im Nachhinein der Stillbeziehung nach. In anderen Fällen vertragen Babys die Muttermilchersatznahrung nicht. Daher ziehen einige Mütter eine Relaktation in Erwägung. Der folgende Artikel zeigt Erfolgsaussichten einer Relaktation auf und schildert eine mögliche Vorgehensweise.

Inhaltsübersicht:

Wie die Erfolgsaussichten sind

Relaktation ist die Wiederaufnahme des Stillens nach dem Abstillen. Hat eine Frau kein eigenes Kind geboren und möchte ein adoptiertes Kind stillen, dann spricht man von induzierter Laktation. Darüber hinaus wird Relaktation in der Fachliteratur auf unterschiedliche Weise definiert. Hat eine Frau zwar geboren, aber nie gestillt und versucht zu einem späteren Zeitpunkt ihre Milchbildung aufzubauen, dann sprechen viele Fachleute von einer Relaktation (z.B. Hormann & Savage, 1998), andere jedoch von induzierter Laktation (z.B. Bautsch & Kastaun, 2017). Denn eine vorausgegangene Laktation scheint neben einer vollendeten Schwangerschaft ein wichtiger Einflussfaktor darauf zu sein, inwieweit sich die Milchbildung aufbauen lässt.

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Dr. med. Alexandra Glaß Gynäkologin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und 2. Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher LaktationsberaterInnen e.V. Anja Lohmeier Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und Stillbeauftragte des Hebammenverbands Niedersachsen e.V.
Dr. med. Alexandra Glaß Anja Lohmeier

Hat eine Frau in der Vergangenheit bereits erfolgreich über eine gewisse Zeitdauer voll gestillt, sind ihre Erfolgsaussichten deutlich besser, nach einer Stillpause ihre Milchbildung wieder aufzubauen (Guóth-Gumberger, 2014). Manchmal muss eine Frau nach Monaten erfolgreichen Stillens z.B. aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls abstillen. Nimmt sie das Stillen nach wenigen Tagen oder Wochen wieder auf, wird sie ihre Milchbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder voll aufbauen können. Frauen, die zwar ein Kind geboren, es in der ersten Zeit nach der Geburt nicht gestillt haben, werden bei einer späteren Relaktation ihre Milchbildung ebenfalls in Gang bringen können. In vielen Fällen werden sie jedoch keine volle Milchbildung mehr erreichen, um ihr Baby ausschließlich stillen zu können, bzw. der Aufbau der Milchbildung wird mehr Zeit in Anspruch nehmen. Sie können jedoch häufig zum Teilstillen gelangen und die emotionelle Erfahrung des Stillens genießen. Haben sie früher bereits ein Kind voll gestillt, ist ihre Chance deutlich besser, auch ein jüngeres Kind voll stillen zu können oder ihre Milchbildung wieder aufzubauen.

Es gibt Hinweise aus der Forschung, dass es in der ersten Zeit nach der Geburt ein kritisches Zeitfenster gibt, in dem sich das Brustdrüsengewebe durch regelmäßige und gründliche Entleerung der Brust vermehrt (Lauwers & Swisher, 2016, S. 538, Benkert 2017, S. 104-105). Wird die Brust in den ersten Stunden, Tagen und Wochen gar nicht oder zu wenig entleert, dann kann dieses kritische Zeitfenster ungenutzt verstreichen. Hierbei scheint das Stillhormon Prolaktin und die Bildung von Prolaktinrezeptoren an den Milchdrüsen eine zentrale Rolle zu spielen. Direkt nach der Geburt ist der Prolaktin-Spiegel im Blut sehr hoch und induziert die Vermehrung von Prolaktinrezeptoren an den Milchdrüsen, falls diese häufig entleert werden. Bei Frauen, die nach der Geburt nicht stillen, fällt der Prolaktin-Spiegel innerhalb von einer bis drei Wochen auf den Basal-Wert herab und das Brustdrüsengewebe bildet sich zurück (Involution). Die Prolaktinrezeptoren vermehren sich nicht. Bei Frauen, die in der ersten Zeit nach der Geburt häufig und effektiv stillten, bilden sich zahlreiche Prolaktin-Rezeptoren im Brustdrüsengewebe aus. Dies könnte erklären, warum Frauen, die schon mal in der vollen Laktation waren, mit höherem Erfolg relaktieren können (Lauwers & Swisher, 2016, S. 538). Fallberichte und Beobachtungsstudien vor allem aus Entwicklungsländern zeigen jedoch, dass eine volle Milchbildung auch dann noch manchmal aufgebaut werden kann, wenn eine Frau in der ersten Zeit nach der Geburt nicht gestillt hat und auch früher kein Kind geboren und gestillt hat (Muresan, 2011; Banapurmath et al., 2002; Gmeiner, 2004; Seema et al., 1997).

Afrikanische Mutter mit Baby im Tragesack vor der nackten Brust

In vielen traditionellen Kulturen verbringen Mutter und Kind den ganzen Tag in direktem Hautkontakt und mit ungehindertem Zugang zur Brust. Es wird sehr häufig und eher kurz gestillt. (© Eric Reisenberger )

Nicht zuletzt könnten der gesellschaftlich akzeptierte intensive Körper- und Hautkontakt und das sehr häufige Anbieten der Brust rund um die Uhr eine wesentliche Rolle darin spielen, dass die Erfolgsaussichten einer Relaktation und einer induzierten Laktation in vielen Entwicklungsländern deutlich höher sind als in den westlichen Kulturen (Gribble, 2004). Der ausgedehnte Haut- und Körperkontakt unterstützt die Bildung der Stillhormone Prolaktin und Oxytocin. Laut Forschungsarbeiten des Humenethologen Prof. Wulf Schiefenhövel verbrachten Säuglinge in diversen steinzeitlichen Kulturen 60% des Tages in Körper-/Hautkontakt mit Angehörigen: 50% des Tages (ca. 10 Stunden, etwa 5-mal so lang wie in westlichen Kulturen) in Körper-/Hautkontakt mit der Mutter und 10% mit anderen Angehörigen. Die beobachteten Säuglinge verbrachten viel Zeit mit Saugen an der Brust; davon war ein erheblicher Teil non-nutritives Saugen (d.h. ohne Milchtransfer).

Häufiges Saugen an der Brust führt zur Erhöhung des Prolaktin-Spiegels. Auf diese Weise können sich die kritischen Prolaktin-Rezeptoren zum Teil auch zu einem späteren Zeitpunkt noch vermehren, auch wenn der hohe Prolaktin-Spiegel der Neugeborenenzeit nicht mehr erreicht wird. Wird die Brust darüber hinaus häufig und stark entleert, dann wird das Milchbildungspotenzial des vorhandenen aktiven Milchdrüsengewebes voll ausgeschöpft (siehe auch den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann). So kann auch mit reduziertem Drüsengewebe manchmal ausschließliches Stillen erreicht werden, während im Westen übliche längere Intervalle zwischen Stillmahlzeiten zu einer Unterversorgung des Babys führen würden.

Über die vorausgegangene Schwangerschaft und Laktation hinaus beeinflussen folgende Faktoren die Erfolgsaussichten einer Relaktation (WHO, 1998):

  • Die Bereitschaft des Säuglings, an der Brust zu saugen: In einer indischen Studie haben Dreiviertel der nicht gestillten Säuglinge (29-100 Tage alt), die Brust zunächst verweigert, weil sie nicht andocken konnten. Mithilfe von in der Relaktation erfahrenem Fachpersonal konnten aber alle Babys an die Brust gebracht werden.
  • Das Alter des Säuglings: Vor allem jüngere Babys können wieder an die Brust gewöhnt werden. Bei älteren Babys misslingt dieser Versuch öfter. Allerdings konnten auch schon Kleinkinder wieder an die Brust gewöhnt werden. Daher gibt es kein spezielles Alter, ab dem der Versuch einer Relaktation aussichtslos wäre.
  • Die Zeitdauer ohne Stillen: Je weniger Zeit seit der Geburt bzw. seit dem Abstillen vergangen ist, umso höher ist die Chance, dass das Kind wieder an die Brust geht und dass die Milchbildung der Mutter wieder angekurbelt werden kann. Allerdings zeigen Erfahrungsberichte von Großmüttern aus Entwicklungsländern, dass eine Laktation der Frau auch nach 15 oder 20 Jahren nach dem Abstillen – auch nach der Menopause – noch möglich war.
  • Fütterungsmethode in der Zeit ohne Stillen: Babys tendieren vor allem dann dazu, die Brust zu verweigern , wenn sie an die Flasche oder den Schnuller gewöhnt sind. Wenn eine Mutter weiß, dass sie stillen möchte, dann sollte sie künstliche Sauger möglichst vermeiden und das Kind mithilfe alternativer Methoden füttern (siehe unseren Artikel Muttermilch oder Säuglingsmilch stillfreundlich füttern). Durch das Weglassen künstlicher Sauger kann man Babys oft noch an die Brust gewöhnen.
  • Saugprobleme seitens des Kindes: Manchmal liegt es an gesundheitlichen oder anatomischen Problemen, wenn ein Baby an der Brust nicht saugen kann, z.B. aufgrund eines verkürzten Zungenbands, hohen Gaumens, fliehenden Kinns, Hypotonie usw. Diese Probleme werden manchmal zu spät erkannt. Daher sollte das Kind bei Saugproblemen von einem Kinderarzt und einer Still- und Laktationsberaterin IBCLC untersucht werden.
  • Bereitschaft der Mutter, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen: Um erfolgreich stillen und erfolgreich relaktieren zu können, ist es wichtig, dass die Mutter ihr Baby rund um die Uhr sehr häufig, bei den ersten Anzeichen der Stillbereitschaft anlegt.
  • Unterstützung durch das Umfeld: Damit die Frau sich auf die zeitaufwendige, kräftezehrende Prozedur der Relaktation konzentrieren kann, braucht sie Motivation, Unterstützung und Entlastung durch ihre Angehörigen und das weitere Umfeld. Sie sollte von Verpflichtungen im Haushalt, Beruf und der Betreuung weiterer Kinder freigestellt werden. Sie braucht konstanten Zuspruch durch ihre engsten Angehörigen und das begleitende Fachpersonal.

Relaktation in Zahlen: Erfolgsquoten in Beobachtungsstudien

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie hoch die Chance für eine Relaktation ist, sollen hier verschiedene Beobachtungsstudien zitiert werden, die eine größere Anzahl von Frauen während der Relaktation begleitet haben. In manchen Studien waren die Relaktationsraten erstaunlich hoch, in anderen ernüchternd niedrig.

Indische Mutter mit Neugeborenem

Wichtige Studien zur Relaktation stammen aus Indien (© Pippa Ranger)

In einer indischen Studie (Seema et al., 1997) wurde die Relaktation bei 50 Mutter-Kind-Paaren initiiert, die aufgrund einer Erkrankung des Kindes ins Krankenhaus aufgenommen wurden. In dieser Studie waren die Babys durchschnittlich 2 Monate alt (29–100 Tage, mit 76% unter 3 Monaten) und wurden entweder gar nicht (86%) oder noch teilgestillt (14%). 40% der Mütter waren Erstgebärende, 60% hatten bereits früher geboren. 14 Mütter stillten ein früheres Baby (28%) und 16 Mütter (32%) stillten ursprünglich das aktuelle Baby, gaben das Stillen mit der Zeit jedoch auf. 13 Mütter (26%) hatten nie laktiert. Alle in die Studie eingeschlossenen Babys waren prinzipiell in der Lage, effektiv zu saugen. Die Mütter wurden gebeten, ihre Brüste zu massieren und ihre Babys 8- bis 10-mal am Tag für 10-15 Minuten in 24 Stunden anzulegen. Auf Saugflaschen und Schnuller wurde vollständig verzichtet. Die Babys wurden mithilfe von Milchtropfen an der Brustwarze an die Brust gelockt und mithilfe eines Brusternährungssets an der Brust zugefüttert. Die Zufütterung erfolgte erst, wenn das Baby mindestens 15 Minuten an der Brust saugte und noch nicht zufrieden war. Die Brustwarzen der Mütter wurden täglich auf Risse und Verletzungen inspiziert, das Gewicht und die Ausscheidungen der Babys täglich protokolliert. Ist die Milchbildung in Gang gekommen (Milchtropfen bei Handentleerung, Milchspendereflex beim Stillen, Abnahme der Zufütterungsmengen), wurde die Menge der zugefütterten Milch allmählich reduziert.

Von den 50 Müttern konnte die Relaktation bei 49 erfolgreich initiiert werden. Bei dem einzigen Fall, bei der die Relaktation gar nicht funktioniert hat, war die Mutter davon überzeugt, dass sie nicht stillen konnte, und verweigerte die Mitwirkung. Bei Müttern ohne Milchbildung zum Start der Studie erschienen erste Milchtropfen bei der manuellen Milchgewinnung innerhalb von 2 bis 6 Tagen. Die Hälfte der Zufüttermengen konnte innerhalb von 7 bis 28 Tagen weggelassen werden. 46 Mütter konnten zum vollen Stillen gelangen. Hierfür benötigten sie zwischen 7 und 60 Tage, durchschnittlich 32 Tage. Die Einnahme vom Galaktogogon Metoclopramid (MCP; 3 x 10 mg am Tag) hat die Relaktation nicht beschleunigt und die Milchmengen nicht erhöht. In dieser Studie konnten auch einige Mütter, die nie zuvor laktiert hatten, ihre Milchbildung vollständig oder zum Teil aufbauen.

In der zweiten indischen Studie (Banapurmath et al., 2003) wurde das Thema Stillen bei Kinderarztbesuchen angesprochen und wenn die Babys nicht bzw. nicht ausschließlich gestillt wurden, wurden die Mütter zur Relaktation ermutigt und dabei unterstützt. Es wurden in den Jahren 1994–2002 insgesamt 1000 Fälle analysiert. Hier waren alle Babys jünger als 6 Wochen und 92,5% der Babys sogar jünger als ein Monat alt. Bei 871 Babys waren weniger als 15 Tage ohne Stillen vergangen. Alle Babys konnten mithilfe von unterstützendem Fachpersonal innerhalb von 3 Tagen an der Brust richtig saugen. Und alle Babys jünger als 1 Woche lernten das richtige Saugen innerhalb von 24 Stunden. Innerhalb von 10 Tagen konnten 83,4% der Paare zum vollen Stillen und 8,2% zum Teilstillen übergehen. Die Mütter wurden angeleitet, zur Initiierung der Milchbildung ihre Babys alle zwei Stunden für 10-15 Minuten an die Brust zu legen. Lehnten die Babys die Brust zunächst ab, wurden sie mithilfe von Milchtropfen an der Brustwarze an die Brust gelockt. Fachpersonal unterstütze die Mütter beim korrekten Anlegen. Waren Mutter oder Baby nicht bereit, wurde der Versuch später wiederholt, bis es geklappt hat. Die Familien wurden angewiesen, die Mütter zu unterstützen und von allen Verpflichtungen freizustellen. Die Mütter sollten mit ihren Babys sehr viel Zeit in direktem Hautkontakt verbringen und mit ihnen zusammen schlafen und ihnen die Brust Tag und Nacht bei jeder Gelegenheit anbieten. Auch in dieser Studie wurden künstliche Sauger (Flaschen und Schnuller) komplett weggelassen. Die Zufüttermengen wurden sukzessive ausgeschlichen.

Allerdings zeigen nicht alle Beobachtungsstudien so positive Resultate wie die beiden indischen Studien. In einer egyptischen Studie wurde Relaktation bei 200 Mutter-Kind-Paaren initiiert, die Babys waren jünger als drei Monate alt. Die Mütter wurden in einem persönlichen Gespräch zur Relaktation angeleitet und anschließend sechs Wochen lang telefonisch begleitet. In dieser Studienpopulation konnten lediglich 10% erfolgreich relaktieren. Bei Kindern, bei denen künstliche Sauger (Saugflaschen und Schnuller) konsequent weggelassen wurden und bei denen der Vater den Relaktationsprozess aktiv unterstützt hat, war die Erfolgsrate höher (Abul-Fadl et al., 2012).Bitte unterstützen Sie das Still-Lexikon

In einer brasilianischen Studie versuchten 22 nicht stillende Mütter anhand einer einmaligen persönlichen und einer mitgegebenen schriftlichen Anleitung zu relaktieren, nachdem ihre Kinder (jünger als 6 Monate) Unverträglichkeitsreaktionen zur Formulanahrung entwickelten. Es wird in dieser Studie nicht beschrieben, ob die eingeschlossenen Mütter in der Vergangenheit laktiert hatten oder nicht. Sie erhielten auch Ernährungssonden zur Zufütterung von Säuglingsmilch anstelle von Saugflaschen. 15 von 22 Frauen ist es nicht gelungen, das Stillen erfolgreich zu starten. Die meisten dieser Mütter gaben an, dass ihre Babys die Brust verweigerten und/oder dass sie keine Milch bildeten. Schließlich ist es 7 Frauen gelungen, das Stillen zu etablieren, 5 erreichten teilstillen und 2 ausschließliches Stillen (Oliveira et al. 2014).
Es gibt verschiedene Ansätze, die unterschiedlichen Erfolgsraten in den einzelnen Studien zu erklären. Wesentliche Einflussfaktoren sind wahrscheinlich das Alter der eingeschlossenen Kinder, der Anteil der Mütter, die zuvor bereits laktierten, und das Ausmaß der Motivation und der Unterstützung durch Stillfachkräfte, Familie und das weitere Umfeld. In den beiden indischen Studien erhielten die Mütter langfristige Begleitung und Beratung durch in der Relaktation kundigen Fachpersonen. In der Studie von Banapurmath et al. waren die Säuglinge noch sehr jung und die Zeit ohne Stillen kurz. In der Studie von Seema et al. wurden die Mütter für mehrere Wochen bis Monate stationär aufgenommen, wo sie von allen anderen Aufgaben entlastet und von kundigen Fachpersonen täglich begleitet und motiviert wurden. Sie erhielten auch mit Erfolg relaktierte Mütter als Rollenvorbilder. In der egyptischen und der brasilianischen Studie wurde den Müttern die Relaktation zwar erklärt, aber anschließend wurden sie im Wesentlichen allein gelassen. Ohne intensive professionelle und hartnäckige Anleitung schaffen viele Mütter offenbar nicht, ihre brustverweigernden Babys an die Brust zu bringen und ihre Kinder ohne Saugflaschen zu ernähren.

Hier sei noch angemerkt, dass in Indien nicht gestillte Babys das 10- bis 20-fach erhöhte Risiko haben zu sterben als gestillte (Banapurmath et al., 2003). Daher ist der Druck auf die Mütter, erfolgreich zu relaktieren, ungleich höher als bei uns.

Vorbereitung auf die Relaktation

Bevor man in das große Abenteuer startet, sollte der Prozess gut geplant und vorbereitet werden. Im Folgenden wird eine mögliche Vorgehensweise zur Relaktation beschrieben.

Realistische Ziele formulieren: Haben Frauen an die Relaktation unrealistisch hohe Erwartungen, dann können sie schnell enttäuscht werden und geben ganz auf. Oft gibt es jedoch Zwischenergebnisse, die dem Nicht-Stillen gegenüber deutlich überlegen sind. Frauen, die nie zuvor in der vollen Milchbildung waren, werden möglicherweise nur Teilstillen erreichen können. Dennoch kann auch Teilstillen eine hochzufriedenstellende Erfahrung sein. Auch wenn nur wenig Milch gebildet wird, versorgen auch diese vergleichsweise geringen Milchmengen das Baby mit wertvollen Schutzfaktoren. Manche Inhaltsstoffe der Muttermilch – vor allem manche immunologischen Komponenten – zeigen bei geringerer Milchmenge eine höhere Konzentration. Der direkte Mund-Brustwarzen-Kontakt zwischen Baby und Mutter ist dabei für den optimalen Immunschutz wichtig. Denn das Immunsystem der Mutter wird über die Besiedlung des Babys mit pathogenen Keimen dadurch informiert, dass diese aus dem Mundraum des Babys über die Brustwarze in den Körper der Mutter gelangen. Stillen fördert darüber hinaus die Zuneigung und Nähe zwischen Mutter und Baby – auch bei geringerer Milchbildung.

Entlastung organisieren: Bitten Sie Ihren Partner mindestens eine Woche frei zu nehmen, oder fragen Sie z.B. Ihre Mutter oder eine gute Freundin, Sie für 1–2 Wochen rund um die Uhr zu versorgen und Ihnen alle Verpflichtungen (Einkaufen, Essen zubereiten, Spülen, Wäschewaschen, Aufräumen, Putzen, Windeln wechseln, Betreuung weiterer Kinder usw.) abzunehmen, Ihnen bei der Relaktation zu assistieren und Sie emotional zu unterstützen. Für die Umstellung von der Flasche auf alternative Fütterungsmethoden braucht es am Anfang häufig zwei Köpfe und vier Hände. Insbesondere für den Start der Relaktation ist diese Unterstützung wichtig. Wenn der Unterstützungsbedarf zeitlich begrenzt wird (z.B. eine Woche Urlaub für 9 Tage intensive Relaktationsassistenz), dann sind die Angehörigen einfacher zu überreden, mitzuhelfen.

Professionelle Unterstützung organisieren: idealerweise eine Stillberaterin oder Hebamme mit Stillexpertise, die bereit ist, Hausbesuche zu machen, beim Anlegen des Babys, der Entleerung der Brust, alternativen Fütterungsmethoden und Gewichtskontrollen zu assistieren und Sie auch emotional zu unterstützen.

Auf Misserfolge und Rückschritte vorbereitet sein: Eine komplette Umstellung der Ernährung ist eine große Herausforderung – nicht nur für die Eltern, sondern vor allem für das Baby. Viele der betroffenen Babys sind laut ihrer Mütter ohnehin schon „schwierig“ und schreien viel: Die Umstellung ist eine erhebliche Zusatzbelastung. Es wird vielleicht Tage geben, an denen Sie alles hinschmeißen möchten. Viele relaktierende Mütter beschreiben in der aufreibenden Anfangsphase Gefühle von Frustration, Versagen, Zurückweisung, Im-Stich-Gelassen-Sein und Ärger. Hier brauchen sie einen starken Durchhaltewillen und ein Umfeld, das ihnen zuhört, sie tröstet und ermutigt. Hat die Mutter bei der Relaktation Erfolge erzielt, wird sie wahrscheinlich sehr stolz und glücklich sein und die Nähe zu ihrem Baby genießen. Aber selbst, wenn sie ihre Versuche schließlich aufgibt, kann sie stolz darauf sein, alles versucht zu haben, ihr Kind stillen zu können.

Alle Utensilien im Vorfeld besorgen:

Baby stillt im Tragetuch

Hat das Baby die „Milchbar“ direkt vor der Nase, dann wird es sich häufig bedienen und die Milchbildung in Gang bringen. (© Vitalinko)

  • Tragetücher oder Babytragen, die auch auf nackter Haut angenehm getragen werden können, damit Sie möglichst viel Zeit mit Ihrem Baby in Hautkontakt verbringen können (siehe auch: Mit Tragetüchern die Milchbildung fördern).
  • Angenehme Blusen oder Jäckchen, die man auf nackter Haut tragen kann, Rücken und Arme wärmen, vorne aber offen bleiben können, damit Sie beim Anlegen nichts stört und Ihr Baby möglichst viel Zeit an Ihrer nackten Brust verbringen und jederzeit ungehinderten Zugang zu Ihrer Brust haben kann.
  • Familienbett oder eine Matratze auf dem Boden, wo Sie Tag und Nacht sicher und bequem direkt neben Ihrem Baby schlafen können (siehe auch: Stillen in der Nacht).
  • Stillkissen und/oder andere Kissen, mit denen Sie sich bequeme Stillnestchen bauen können (siehe auch Stillpositionen und  Welches Stillkissen ist sinnvoll?)
  • Eine präzise Babywaage (kann in vielen Apotheken und auch online gemietet oder gekauft werden)
  • Utensilien zur alternativen Zufütterung: das Brusternährungsset, die Kurzinfo und die ausführliche Eltern-Info dazu; Sie können auch andere Untensilien für alternative Zufütterungsmethoden besorgen, wenn Sie möchten, wie evtl. Ernährungssonden (für den Fall, dass Sie damit besser zurechtkommen als mit dem Brusternährunsset); Spritzen in verschiedenen Größen (z.B. 5, 10, 20 ml), Fingerfeeder-Aufsätze sowie Fütterungsbecher (z.B. SoftCup, CamoCup oder ein Becher aus dem Haushalt)(Details zu den einzelnen Stillhilfsmitteln siehe im Artikel Muttermilch oder Säuglingsmilch stillfreundlich füttern). Manche relaktierende Familien benutzen mehrere verschiedene alternative Fütterungsmethoden, andere nur das Brusternährungsset.
  • Ein Heft oder ein Hefter mit Protokoll-Vorlagen, um die Menge der zugefütterten Milch (industrielle Säuglingsmilch, ggf. Muttermilch), die Ausscheidungen und das Gewicht des Babys, ggf. Anzahl und Dauer der Stillmahlzeiten, Art, Anzahl und Dauer der Zufütterungen, evtl. Anzahl und Dauer der Pumpsitzungen, usw. festzuhalten (siehe hierzu unsere Protokollvorlagen, die Sie herunterladen und ausdrucken können).
  • ggf. eine hochwertige elektrische Intervallmilchpumpe mit Doppelpumpset: Eine Relaktation kann ohne Milchpumpe funktionieren, wenn das Baby an der Brust saugt. Ist dies nicht gegeben, kann der Aufbau der Milchbildung mit einer Pumpe unterstützt werden. Es gibt verschiedene Pumpentypen. Bei einer Relaktation sind die modernsten elektrischen Klinik- und Verleihpumpen am effektivsten, die in Apotheken und Sanitätshäusern ausgeliehen werden können. Sie haben eine Initiationsphase und eine Abpumpphase. Außerdem stehen bei diesen modernen Pumpen verschiedene Trichtergrößen zu Verfügung (mehr zur Auswahl von geeigneten Pumpen im Artikel Muttermilchernährung und Stillen von Frühgeborenen und Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch).
  • ggf. ein Schaukelstuhl oder Gymnastikball, um ein aufgebrachtes Baby an der Brust zu beruhigen und leichter an die Brust zu bringen (dabei sollen vertikale Bewegungen effektiver sein als horizontale).
  • ggf. Brustwarzencremes und -schutz für beanspruchte Brustwarzen (nicht für jede Frau erforderlich; s. Mittel gegen wunde Brustwarzen)

Basis-Werte aufnehmen:

  • Das Baby wiegen und alle bisherigen Gewichtsdaten seit der Geburt inklusive der Daten aus den Vorsorgeuntersuchungen in eine Tabelle (siehe unsere Vorlage) und dann in die WHO-Gewichtskurve (für Mädchen / für Jungen) eintragen
  • Zugefütterte Milchmenge über mindestens drei Tage und anschließend regelmäßig protokollieren (siehe unsere Protokollvorlagen)
  • Menge der Ausscheidungen protokollieren (Anzahl der Urin- und Stuhlausscheidungen; siehe unser Ausscheidungsprotokoll)
  • Falls Milchbildung vorhanden ist, tägliche Mengen der gewonnenen Milch (ml; siehe unsere Brustentleerungsprotokolle) und eventuell der vom Baby getrunkenen Milch (Zunahme nach dem Stillen im Vergleich zum Gewicht vor dem Stillen in Gramm, nicht unbedingt erforderlich) protokollieren
    Stillfreundliche Fütterhilfen

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Bevor man mit der Relaktation – vor allem der Reduzierung der zugefütterten Milchmenge – beginnt, muss sichergestellt werden, dass das Baby aktuell ausreichend ernährt wird (ausreichend Ausscheidungen und perzentilenparallele Gewichtszunahme auf der WHO-Wachstumskurve). Babys von Müttern mit „zu wenig Milch“ bzw. Relaktationswunsch sind überdurchschnittlich gefährdet, unterernährt zu sein. Sollte dies der Fall sein, dann muss das Baby zunächst mehr und evtl. öfter Säuglingsnahrung erhalten, auch wenn dies als Relaktationsstart zunächst paradox klingt.

Der Beginn der Relaktation

Eine Relaktation beinhaltet zwei Herausforderungen:

  1. Heranführung des Babys an die Brust
  2. Steigerung der Milchmenge

Nur wenige Mütter schaffen es, den für die Initiierung und Steigerung der Milchbildung erforderlichen Pumpaufwand (mindestens 2 Stunden täglich) längere Zeit durchzuhalten, vor allem, wenn sie sich gleichzeitig um ihr Kind kümmern und es füttern müssen. Im Gegensatz zum Stillen, welches eine angenehme, für Mutter und Kind sinnliche, gemeinsame Tätigkeit ist, ist Pumpen ein lästiger technischer Vorgang, der die Zeit der Mutter auch von ihrem Baby „raubt“. Hinzukommt, dass auch die besten Milchpumpen die Milchbildung bei weitem nicht so effektiv anregen können wie ein gut saugendes Baby.

=> Der Fokus einer Relaktation kann zunächst darauf gerichtet werden, das Baby an die Brust heranzuführen und es dort zuzufüttern. Die Milchbildung wird durch das Saugen des Babys an der Brust in Gang gesetzt und anschließend gesteigert.

Stillen mit Brusternährungsset

Stillen mit dem Brusternährungsset (© Medela)

Die große Herausforderung bei einer Relaktation ist es zunächst, das Baby dazu zu animieren, (wieder) an der Brust zu saugen. Manche Babys akzeptieren die Brust schnell, andere gar nicht oder nur nach erheblichem Aufwand. Hier sind viel Geduld und Ausdauer gefragt. Das Saugen des Babys an der Brust wird gefördert, indem andere Saugmöglichkeiten wie Flasche und Schnuller abgesetzt werden (Saugdeprivation) und die Zufütterung an der Brust erfolgt. Fließt die Milch an der Brust, wird das Baby früher oder später mit hoher Wahrscheinlichkeit daran saugen. Zur Umgewöhnung eines Babys von der Flasche an die Brust siehe den ausführlichen Artikel Das Baby von der Flasche an die Brust gewöhnen.

Das Hilfsmittel zur Zufütterung an der Brust, welches bei Relaktationen in der Regel eingesetzt wird, ist das Brusternährungsset. Idealerweise zeigt die Stillfachkraft bei einem Hausbesuch seine Anwendung und der begleitende Partner hilft am Anfang ebenfalls mit, es zusammenzusetzen und beim Füttern einzusetzen. Im Laufe der Zeit entsteht viel Routine, sodass das Brusternährungsset unkompliziert in den Alltag eingebaut werden kann. Die Kurzanleitung und die ausführliche Eltern-Info zum Brusternährungsset können gründlich und wiederholt studiert werden, idealerweise von der Mutter und ihrem Partner, damit sie gemeinsam an seinem Einsatz arbeiten können.

In manchen Situationen muss die Milchbildung in Gang gesetzt werden, während das Baby (noch) nicht an der Brust saugt, z.B. bei einem Krankenhausaufenthalt oder hartnäckiger Brustverweigerung. Die Milch kann auf andere Weise gewonnen werden: mithilfe einer hochwertigen elektrischen Intervall-Doppel-Milchpumpe, ergänzt durch Brustmassage und Handgewinnung.

Um die Milchbildung in Gang zu setzen und aufzubauen ist eine häufige und ausgiebige Stimulation der Brust durch das Baby (eine Pumpe oder per Hand) erforderlich, auch nachts, über eine Dauer von 2 bis >4 Stunden am Tag. Durch die Stimulierung der Brust wird das Milchbildungshormon Prolaktin ausgeschüttet.

Das Baby braucht mindestens 8 bis 12 Mahlzeiten in 24 Stunden an der Brust. Es ist sinnvoll, auch außerhalb der Mahlzeiten, möglichst viele Stunden am Tag ausgiebigen Haut-zu-Haut-Kontakt und Mund-Brust-Kontakt herzustellen, um die Ausschüttung des Stillhormons Oxytocin zu unterstützen, welches für den Milchspendereflex, d.h. für den Milchfluss zuständig ist. Dem Baby darf die Brust auch zwischendurch immer zum Nuckeln angeboten werden, falls es sie auch ohne Milchfluss annimmt.

Wird die Milchbildung per Pumpe initiiert und aufgebaut, ist es am Anfang – wenn keine oder nur wenig Milch gebildet wird – sinnvoller, zahlreiche kurze Pumpsitzungen von etwa 5 Minuten einzuberaumen. Bei 2 Stunden Bruststimulation (bei einem Doppelpumpset) wären das mindestens 24 Pumpsitzungen á 5 Minuten über den Tag verteilt. Es kann hierzu eine Strichliste mit Uhrzeiten geführt werden. Man kann mit wenigen Pumpsitzungen pro Tag beginnen und die Anzahl und Länge der Sitzungen allmählich steigern, je nach Kapazität und Strapazierbarkeit. Es ist nicht erforderlich, die Pumpsitzungen in gleichmäßigen Intervallen durchzuführen. Die Pumpsitzungen können über den Tag ungleichmäßig verteilt und auch „geclustert“ werden, z.B. mehrfach hintereinander z.B. in 5-, 10-, 20-Minuten Intervallen, oder wie es gerade passt, wenn die Mutter sich zum Ausruhen und Pumpen hinsetzt. Es kommt auf die Gesamtdauer der Bruststimulation an. Um die Milchbildung optimal zu unterstützen, sollten die Pausen zwischen zwei Bruststimulationen jedoch nicht länger als 3(-4) Stunden betragen, nachts nicht länger als 4(-5) Stunden. Eine Brustmassage vor dem Pumpen fördert den Milchspendereflex. Um die Brustwarzen zu schonen, kann ein Teil der Stimulation per Hand erfolgen. Ist die Milchbildung in Gang gekommen, können die Pumpsitzungen verlängert werden, um die Brust möglichst vollständig zu entleeren. Eine Kombination mit Hands-on-Pumping und Power-Pumping hilft die Milchbildung weiter zu steigern (siehe zum Aufbau und Aufrechterhaltung der Milchbildung per Pumpe auch den Beitrag Muttermilchernährung und Stillen von Frühgeborenen, Kapitel 4: Aufbau und Aufrechterhaltung der Milchbildung nach Frühgeburt).

Nicht für jede Mutter ist es erstrebenswert, das Maximalprogramm durchzuführen. Nicht immer kommen Mütter in die volle Milchbildung, um ihr Baby ausschließlich stillen zu können. Auch Teilstillen kann ein großer Gewinn sein. Zufütterung an der Brust sichert die Brusternährung und dass das Baby die Muttermilch, die gebildet werden kann, an der Brust erhält.

Die Milchbildung kann – ergänzend zur häufigen und ausgiebigen Bruststimulation – durch milchbildungssteigernde Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, so genannte Galaktogoga, unterstützt werden. Die beste, belegte Wirksamkeit bei vertretbaren Nebenwirkungen für die Mutter hat das Medikament Domperidon. Domperidon ist verschreibungspflichtig und die Steigerung der Milchbildung gilt als „off-label-use“. Nicht alle Ärzte verschreiben Domperidon bei Relaktationswunsch der Mutter. Viele Mütter greifen alternativ zu Bockshornkleesamenpräparaten. Mehr zum Thema Galaktogoa findet sich im Artikel Die Milchmenge steigern – Wie man mehr Milch bilden kann.

Woran man merkt, dass die Milchbildung eingesetzt hat

Wenn Mütter mit der Relaktation beginnen, fragen sie sich, ob und ab wann sich Milch bildet. Hatte die Mutter beim Start der Relaktation keinen Milchfluss, dann kann es laut Studien bei regelmäßiger Bruststimulation bis zu 6 Tage dauern, bis sich erste Milchtropfen bilden. Diese können am Anfang wässrig erscheinen, mit der Zeit werden sie milchig aussehen.

Das Schlucken des Babys beim Stillen ohne Zufütterung an der Brust ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es beim Saugen Milch bekommt. Vielleicht merkt die Mutter auch, dass sich die Brust nach dem Stillen leerer anfühlt als vor dem Stillen, wobei sich dieser Effekt eher bei größeren Milchmengen bemerkbar macht. Vielleicht spürt die Mutter den Milchspendereflex beim Stillen. Beim sog. Milchspendereflex ziehen sich in der Brust zahlreiche winzige Muskeln zusammen, um die Milch Richtung „Ausgang“ zu befördern. Der Milchspendereflex setzt nach den ersten Saugbewegungen des Babys ein und fühlt sich wie ein Kribbeln oder Ziehen an. Das spürt man eher an der Brust, die gerade nicht entleert wird. Es kann passieren, dass während des Saugens Milch an der zweiten Brust austritt. Vielleicht kann die Mutter per Hand oder Pumpe Milch aus ihrer Brust gewinnen. Sie kann das Gewicht des Babys vor und nach dem Stillen bestimmen und die Differenz berechnen (Stillproben). Stillproben können einzelne Male durchgeführt werden. Regelmäßige Stillproben stellen eine erhebliche Zusatzbelasung dar und sind nicht erforderlich.

Woher man weiß, ob das Baby genug Milch bekommt

Während einer Relaktation wird das Baby in der Regel an der Brust zugefüttert. Es darf dabei „ad libitum“, also nach Bedarf trinken. Steigt die Milchmenge der Mutter, wird das Baby zunehmend mehr Milch im Behälter übrig lassen.

Um feststellen zu können, ob das Baby ausreichend mit Milch versorgt wird, ist man auf verschiedene Hinweise angewiesen:

Baby beim Windelwechseln

Die Ausscheidungen des Baby liefern wichtige Hinweise darüber, ob es mit Milch ausreichend versorgt wird. (© Jozef Polc)

Die Beobachtung der Ausscheidungen ist ein relativ einfacher Weg, die Versorgung des Babys zu verfolgen (Sie können hierzu unsere Vorlage für das Ausscheidungsprotokoll verwenden). Wenn das Baby täglich mindestens sechsmal farblosen Urin ausscheidet, bekommt es genug Flüssigkeit.

Baby auf Waage

Regelmäßiges Wiegen hilft die Gewichtszunahme zu kontrollieren (© Vojtech Vlk)

Die regelmäßige Kontrolle der Gewichtszunahme ist die zuverlässigste Methode, um festzustellen, ob das Baby ausreichend ernährt wird und sollte bei einer Relaktation einbezogen werden. Dabei hat sich das Wiegen ein- bis zweimal die Woche bewährt (siehe unsere Protokollvorlagen für die Gewichtsentwicklung). Die Somatogramme in den aktuellen gelben Vorsorgeuntersuchungsheften sind für diesen Zweck leider ungeeignet. Besser sind die aktualisierten WHO-Kurven von 2006, die übrigens anhand voll gestillter Säuglinge erfasst wurden (WHO-Gewichtskurve für Mädchen (0–6 Monate) und für Jungen (0–6 Monate)).

Grafik mit den WHO-Wachstumskurven

Die Gewichtsentwicklung des Babys sollte entlang seiner individuellen Perzentile verlaufen.

Vor dem Beginn der Relaktation haben die Eltern oder eine Fachkraft die Gewichtswerte bereits in die Kurve eingetragen. Dabei kommt es weniger darauf an, auf welcher Perzentile sich das Baby befindet – denn Kinder sind von Natur aus pummeliger oder schlanker, größer oder kleiner –, sondern auf den Verlauf. Das Baby soll entlang „seiner Perzentile“ zunehmen, welche vor dem Beginn der Relaktation festgestellt wurde und während der Relaktation gehalten wird. Eine Verlangsamung der Gewichtszunahme im Vergleich zur individuellen Perzentile des Kindes oder sogar ein Knick der Kurve nach unten sind Hinweise darauf, dass das Baby mehr Milch braucht. Idealerweise erhalten die Eltern für die Benutzung und Interpretation der Kurve Unterstützung von einer Still- und Laktationsberaterin oder einer anderen Fachperson.

Steigerung der Milchbildung und Ausschleichen der zugefütterten Milch

In der ersten Zeit, wenn das Baby die Zufütterung an der Brust kennenlernt, darf die Milch auch ohne effektives Saugen fließen, damit das Baby schnell belohnt wird. Zur Steigerung der Milchmenge soll das Baby anschließend effektiv an der Brust saugen. Das Saugen des Babys signalisiert der Brust, dass Milch benötigt wird. Dazu wird der Milchfluss etwas langsamer eingestellt, damit langes und aktives Saugen durch das Baby erforderlich wird. Für 60 bis 90 ml an der Brust zugefütterte Milch sollte das Baby 20 bis 30 Minuten benötigen, d.h. pro Minute etwa 3 ml Milch trinken. Diese relativ langsame Füttergeschwindigkeit bewirkt, dass das Baby ausreichend lange und intensiv die Brust stimuliert und dadurch die Milchbildung anregt. Auch die Signale des Babys und seine Ausscheidungen und Gewichtsentwicklung spielen bei der Einstellung der Fließgeschwindigkeit eine Rolle.

=> Wird das Baby konsequent an der Brust zugefüttert, dann wird sich seine Saugfähigkeit an der Brust mit der Zeit verbessern. Es heißt: stillen lernen Babys durch Stillen.

Wenn bereits Milch gebildet wird, dann kann die Zusatzmilch erst gegeben werden, nachdem das Kind an der Brust eine Weile getrunken und die Brust schon zum großen Teil geleert hat. Alternativ kann der Milchfluss aus dem Schlauch für den Anfang noch langsamer eingestellt werden.

Sehr häufiges Anlegen rund um die Uhr und ein sehr gründliches Entleeren der Brust durch das Baby helfen am besten, das vorhandene Milchbildungspotenzial auszuschöpfen und die Milchmenge auch längerfristig zu steigern (siehe auch den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann). Das Baby sollte mindestens 8- bis 12-mal in 24 Stunden an der Brust saugen. Das Kind darf zum Stillen auch sanft geweckt werden. Es spricht auch nichts dagegen, sehr viel häufiger als 12-mal zu stillen, auch mehrmals die Stunde Tag und Nacht. Einige traditionelle Völker stillen mehrmals die Stunde und dann jeweils nur relativ kurz auf einmal. Durch dieses sehr häufige und effektive Stillen wird das vorhandene Milchbildungspotenzial der Mutter optimal ausgenutzt, sodass das Kind am meisten Milch erhält. Zu manchen Tageszeiten wird das Baby mehrere Stunden am Stück durchschlafen, zu anderen Tageszeiten wird es vielleicht alle 10 Minuten an der Brust trinken (Cluster-Stillen).

Diagramm mit abnehmender Zufüttermenge

Die Menge der zugefütterten Milch kann in eine Tabelle und anschließend in ein Koordinatensystem eingetragen werden, um die Veränderung zu visualisieren.

Nachdem die Milchbildung in Gang gekommen ist, kann die zugefütterte Milchmenge langsam ausgeschlichen werden. Dabei ist die erste Priorität sicherzustellen, dass das Baby mit Nahrung ausreichend versorgt wird. Eine zu schnelle oder drastische Reduzierung der zugefütterten Milch kann zu einer Unterernährung des Babys führen. Das Baby zeigt, dass es weniger Zufütterung braucht, indem es die zugefütterte Milch oder die zweite Brust ablehnt bzw. von der zugefütterten Milch immer mehr übrig lässt. Das Führen eines Protokolls ist zwar aufwendig, aber praktisch, um die Orientierung beizubehalten. Hierzu kann das Still- und Fütterprotokoll regelmäßig,  so oft wie möglich ausgefüllt werden. Häufig gibt es Schwankungen in der konsumierten Milchmenge, sodass die feinen Verbesserungen nicht ins Auge fallen. Der langfristige Trend lässt sich am besten erkennen, wenn die zugefütterte Milchmenge genau protokolliert und grafisch aufgetragen wird. Hierfür können die Werte in ein Koordinatensystem aufgetragen werden (siehe hierzu unsere Protokollvorlage Zeitverlauf zugefütterte Milchmenge).

Der zuverlässigste Hinweis auf die steigende Milchbildung ist die Abnahme der zugefütterten Nahrung bei stabiler, perzentilenparalleler Gewichtszunahme. Die Konsistenz des Stuhls ändert sich auch, wenn das Baby mehr Muttermilch und weniger industrielle Säuglingsmilch bekommt. Der Stuhl wird loser, ungeformter und riecht milder. Wenn die Milchmenge zunimmt, dann kann das Brusternährungsset Schritt für Schritt weggelassen werden, meist zuerst in der Nacht.

Manche Frauen werden ihre Milchbildung über eine gewisse individuelle Grenze nicht weiter steigern können, sodass sie sich auch langfristig auf eine Zufütterung einstellen müssen. Wenn Vollstillen nie komplett erreicht wird, dann kann die zugefütterte Milch im Laufe des 2. Lebenshalbjahrs allmählich gegen Beikost ausgetauscht werden, sodass das Baby irgendwann nur noch Muttermilch und Beikost bekommt, aber keine Säuglingsmilch mehr.

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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2019. Vollständige Überarbeitung im Dezember 2017, letzte Änderungen: Oktober 2019.