Ein zweiter Stillbeginn (Relaktation)

Mutter kontrolliert, ob das Baby richtig saugt

Stillen ist mehr als Ernährung (© Oksana Kuzmina)

Manchmal stillen Mütter aufgrund von Stillproblemen, Erkrankungen oder einer vorübergehend erforderlichen Trennung vom Kind ab und trauern im Nachhinein der Stillbeziehung nach. In anderen Fällen vertragen Babys die Muttermilchersatznahrung nicht. Daher ziehen einige Mütter eine Relaktation in Erwägung. Der folgende Artikel zeigt Erfolgsaussichten einer Relaktation auf und schildert eine mögliche Vorgehensweise.

Inhaltsübersicht:

Wie die Erfolgsaussichten sind

Relaktation ist die Wiederaufnahme des Stillens nach dem Abstillen. Hat eine Frau kein eigenes Kind geboren und möchte ein adoptiertes Kind stillen, dann spricht man von induzierter Laktation. Darüber hinaus wird Relaktation in der Fachliteratur auf unterschiedliche Weise definiert. Hat eine Frau zwar geboren, aber nie gestillt und versucht zu einem späteren Zeitpunkt ihre Milchbildung aufzubauen, dann sprechen viele Fachleute von einer Relaktation (z.B. Hormann & Savage, 1998), andere jedoch von induzierter Laktation (z.B. Bautsch & Kastaun, 2017). Denn eine vorausgegangene Laktation scheint neben einer vollendeten Schwangerschaft ein wichtiger Einflussfaktor darauf zu sein, inwieweit sich die Milchbildung steigern lässt.

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Dr. med. Alexandra Glaß Gynäkologin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und 2. Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher LaktationsberaterInnen e.V. Anja Lohmeier Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und Stillbeauftragte des Hebammenverbands Niedersachsen e.V.
Dr. med. Alexandra Glaß Anja Lohmeier

Hat eine Frau in der Vergangenheit bereits erfolgreich über eine gewisse Zeitdauer gestillt, sind ihre Erfolgsaussichten deutlich besser, nach einer Stillpause ihre Milchbildung wieder aufzubauen (Guóth-Gumberger, 2014). Manchmal muss eine Frau nach Monaten erfolgreichen Stillens z.B. aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls abstillen. Nimmt sie das Stillen nach wenigen Tagen oder Wochen wieder auf, wird sie ihre Milchbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder aufbauen können. Frauen, die zwar ein Kind geboren, es in der ersten Zeit nach der Geburt nicht gestillt haben, werden bei einer späteren Relaktation ihre Milchbildung ebenfalls in Gang bringen können. In vielen Fällen werden sie jedoch keine volle Milchbildung mehr erreichen, um ein Baby ausschließlich stillen zu können, bzw. der Aufbau der Milchbildung wird mehr Zeit in Anspruch nehmen. Sie können jedoch häufig zum Teilstillen gelangen und die emotionelle Erfahrung des Stillens genießen.

Es gibt Hinweise aus der Forschung, dass es in der ersten Zeit nach der Geburt ein kritisches Zeitfenster gibt, in dem sich das Brustdrüsengewebe durch regelmäßige und gründliche Entleerung der Brust vermehrt (Lauwers & Swisher, 2016, S. 538, Benkert 2017, S. 104-105). Wird die Brust in den ersten Stunden, Tagen und Wochen gar nicht oder zu wenig entleert, dann kann dieses kritische Zeitfenster ungenutzt verstreichen. Hierbei scheint das Stillhormon Prolaktin und die Bildung von Prolaktinrezeptoren an den Milchdrüsen eine zentrale Rolle zu spielen. Direkt nach der Geburt ist der Prolaktin-Spiegel im Blut sehr hoch und induziert die Vermehrung von Prolaktinrezeptoren an den Milchdrüsen, falls diese häufig entleert werden. Bei Frauen, die nach der Geburt nicht stillen, fällt der Prolaktin-Spiegel innerhalb von einer bis drei Wochen auf den Basal-Wert herab und das Brustdrüsengewebe bildet sich zurück (Involution). Die Prolaktinrezeptoren vermehren sich nicht. Bei Frauen, die in der ersten Zeit nach der Geburt häufig und effektiv stillten, bilden sich zahlreiche Prolaktin-Rezeptoren aus. Dies könnte erklären, warum Frauen, die schon mal in der vollen Laktation waren, mit höherem Erfolg relaktieren können (Lauwers & Swisher, 2016, S. 538). Fallberichte und Beobachtungsstudien vor allem aus Entwicklungsländern zeigen jedoch, dass eine volle Milchbildung auch dann noch manchmal aufgebaut werden kann, wenn eine Frau in der ersten Zeit nach der Geburt nicht gestillt hat und auch früher kein Kind geboren und gestillt hat (Muresan, 2011; Banapurmath et al., 2002; Gmeiner, 2004; Seema et al., 1997).

Afrikanische Mutter mit Baby im Tragesack vor der nackten Brust

In vielen traditionellen Kulturen verbringen Mutter und Kind den ganzen Tag in direktem Hautkontakt und mit ungehindertem Zugang zur Brust. Es wird sehr häufig und eher kurz gestillt. (© Eric Reisenberger )

Nicht zuletzt könnten der gesellschaftlich akzeptierte intensive Körper- und Hautkontakt und das sehr häufige Anbieten der Brust rund um die Uhr eine wesentliche Rolle darin spielen, dass die Erfolgsaussichten einer Relaktation und einer induzierten Laktation in vielen Entwicklungsländern deutlich höher sind als in den westlichen Kulturen (Gribble, 2004). Der ausgedehnte Haut- und Körperkontakt unterstützt die Bildung der Stillhormone Prolaktin und Oxytocin. Häufiges Saugen an der Brust führt zur Erhöhung des Prolaktin-Spiegels. Auf diese Weise können sich die kritischen Prolaktin-Rezeptoren zum Teil auch zu einem späteren Zeitpunkt noch vermehren, auch wenn der hohe Prolaktin-Spiegel der Neugeborenenzeit nicht mehr erreicht wird. Wird die Brust darüber hinaus häufig und stark entleert, dann wird das Milchbildungspotenzial des vorhandenen aktiven Milchdrüsengewebes voll ausgeschöpft (siehe auch den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann). So kann auch mit reduziertem Drüsengewebe manchmal ausschließliches Stillen erreicht werden, während im Westen übliche längere Intervalle zwischen Stillmahlzeiten zu einer Unterversorgung des Babys führen würden.

Über die vorausgegangene Schwangerschaft und Laktation hinaus beeinflussen folgende Faktoren die Erfolgsaussichten einer Relaktation (WHO, 1998):

  • Die Bereitschaft des Säuglings, an der Brust zu saugen: In einer indischen Studie haben Dreiviertel der nicht gestillten Säuglinge (29-100 Tage alt), die Brust zunächst verweigert, weil sie nicht andocken konnten. Mithilfe von in der Relaktation erfahrenem Fachpersonal konnten aber alle Babys an die Brust gebracht werden.
  • Das Alter des Säuglings: Vor allem jüngere Babys können wieder an die Brust gewöhnt werden. Bei älteren Babys misslingt dieser Versuch öfter. Allerdings konnten auch schon Kleinkinder wieder an die Brust gewöhnt werden. Daher gibt es kein spezielles Alter, ab dem der Versuch einer Relaktation aussichtslos wäre.
  • Die Zeitdauer ohne Stillen: Je weniger Zeit seit der Geburt bzw. seit dem Abstillen vergangen ist, umso höher ist die Chance, dass das Kind wieder an die Brust geht und dass die Milchbildung der Mutter wieder angekurbelt werden kann. Allerdings zeigen Erfahrungsberichte von Großmüttern aus Entwicklungsländern, dass eine Laktation der Frau auch nach 15 oder 20 Jahren nach dem Abstillen – auch nach der Menopause – noch möglich war.
  • Fütterungsmethode in der Zeit ohne Stillen: Babys tendieren vor allem dann dazu, die Brust zu verweigern , wenn sie an die Flasche oder den Schnuller gewöhnt sind. Wenn eine Mutter weiß, dass sie stillen möchte, dann sollte sie künstliche Sauger möglichst vermeiden und das Kind mithilfe alternativer Methoden füttern (siehe unseren Artikel Muttermilch oder Säuglingsmilch stillfreundlich füttern). Durch das Weglassen künstlicher Sauger kann man Babys oft noch an die Brust gewöhnen.
  • Saugprobleme seitens des Kindes: Manchmal liegt es an gesundheitlichen oder anatomischen Problemen, wenn ein Baby an der Brust nicht saugen kann, z.B. aufgrund eines verkürzten Zungenbands, Lippenbands, hohen Gaumens, fliehenden Kinns, Hypotonie usw. Diese Probleme werden manchmal zu spät erkannt. Daher sollte das Kind bei Saugproblemen von einem Kinderarzt und einer Still- und Laktationsberaterin untersucht werden.
  • Bereitschaft der Mutter, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen: Um erfolgreich stillen und erfolgreich relaktieren zu können, ist es wichtig, dass die Mutter ihr Baby rund um die Uhr sehr häufig, bei den ersten Anzeichen der Stillbereitschaft anlegt.
  • Unterstützung durch das Umfeld: Damit die Frau sich auf die zeitaufwendige, kräftezehrende Prozedur der Relaktation konzentrieren kann, braucht sie Motivation, Unterstützung und Entlastung durch ihre Angehörigen und das weitere Umfeld. Sie sollte von Verpflichtungen im Haushalt, Beruf und der Betreuung weiterer Kinder freigestellt werden. Sie braucht konstanten Zuspruch durch ihre engsten Angehörigen und das begleitende Fachpersonal.

Relaktation in Zahlen: Erfolgsquoten in Beobachtungsstudien

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie hoch die Chance für eine Relaktation ist, sollen hier verschiedene Beobachtungsstudien zitiert werden, die eine größere Anzahl von Frauen während der Relaktation begleitet haben. In manchen Studien waren die Relaktationsraten erstaunlich hoch, in anderen ernüchternd niedrig.

Indische Mutter mit Neugeborenem

Wichtige Studien zur Relaktation stammen aus Indien (© Pippa Ranger)

In einer indischen Studie (Seema et al., 1997) wurde die Relaktation bei 50 Mutter-Kind-Paaren initiiert, die aufgrund einer Erkrankung des Kindes ins Krankenhaus aufgenommen wurden. In dieser Studie waren die Babys durchschnittlich 2 Monate alt (29–100 Tage, mit 76% unter 3 Monaten) und wurden entweder gar nicht (86%) oder noch teilgestillt (14%). 40% der Mütter waren Primiparas, 60% hatten bereits früher geboren. 14 Mütter stillten ein früheres Baby (28%) und 16 Mütter (32%) stillten ursprünglich das aktuelle Baby, gaben das Stillen mit der Zeit jedoch auf. 13 Mütter (26%) hatten nie laktiert. Alle in die Studie eingeschlossenen Babys waren prinzipiell in der Lage, effektiv zu saugen. Die Mütter wurden gebeten, ihre Brüste zu massieren und ihre Babys 8- bis 10-mal am Tag für 10-15 Minuten in 24 Stunden anzulegen. Saugflaschen und Schnuller wurden vollständig weggelassen. Die Babys wurden mithilfe von Milchtropfen an der Brustwarze an die Brust gelockt und mithilfe eines Brusternährungssets an der Brust zugefüttert. Die Zufütterung erfolgte erst, wenn das Baby mindestens 15 Minuten an der Brust saugte und noch nicht zufrieden war. Die Brustwarzen der Mütter wurden täglich auf Risse und Verletzungen inspiziert, das Gewicht und die Ausscheidungen der Babys täglich protokolliert. Ist die Milchbildung in Gang gekommen (Milchtropfen bei Handentleerung, Milchspendereflex beim Stillen, Abnahme der Zufütterungsmengen), wurde die Menge der zugefütterten Milch allmählich reduziert.

Von den 50 Müttern konnte die Relaktation bei 49 erfolgreich initiiert werden. Bei dem einzigen Fall, bei der die Relaktation gar nicht funktioniert hat, war die Mutter davon überzeugt, dass sie nicht stillen konnte, und verweigerte die Mitwirkung. Bei Müttern ohne Milchbildung zum Start der Studie erschienen erste Milchtropfen bei der manuellen Milchgewinnung innerhalb von 2 bis 6 Tagen. Die Hälfte der Zufüttermengen konnte innerhalb von 7 bis 28 Tagen weggelassen werden. 46 Mütter konnten zum vollen Stillen gelangen. Hierfür benötigten sie zwischen 7 und 60 Tage, durchschnittlich 32 Tage. Die Einnahme vom Galaktogogon Metoclopramid (MCP; 3 x 10 mg am Tag) hat die Relaktation nicht beschleunigt und die Milchmengen nicht erhöht. In dieser Studie konnten auch einige Mütter, die nie zuvor laktiert hatten, ihre Milchbildung vollständig oder zum Teil aufbauen.

In der zweiten indischen Studie (Banapurmath et al., 2003) wurde das Thema Stillen bei Kinderarztbesuchen angesprochen und wenn die Babys nicht bzw. nicht ausschließlich gestillt wurden, wurden die Mütter zur Relaktation ermutigt und dabei unterstützt. Es wurden in den Jahren 1994–2002 insgesamt 1000 Fälle analysiert. Hier waren alle Babys jünger als 6 Wochen und 92,5% der Babys sogar jünger als ein Monat alt. Bei 871 Babys waren weniger als 15 Tage ohne Stillen vergangen. Alle Babys konnten mithilfe von unterstützendem Fachpersonal innerhalb von 3 Tagen an der Brust richtig saugen. Und alle Babys jünger als 1 Woche lernten das richtige Saugen innerhalb von 24 Stunden. Innerhalb von 10 Tagen konnten 83,4% der Paare zum vollen Stillen und 8,2% zum Teilstillen übergehen. Die Mütter wurden angeleitet, zur Initiierung der Milchbildung ihre Babys alle zwei Stunden für 10-15 Minuten an die Brust zu legen. Lehnten die Babys die Brust zunächst ab, wurden sie mithilfe von Milchtropfen an der Brustwarze an die Brust gelockt. Fachpersonal unterstütze die Mütter beim korrekten Anlegen. Waren Mutter oder Baby nicht bereit, wurde der Versuch später wiederholt, bis es geklappt hat. Die Familien wurden angewiesen, die Mütter zu unterstützen und von allen Verpflichtungen freizustellen. Die Mütter sollten mit ihren Babys sehr viel Zeit in direktem Hautkontakt verbringen und mit ihnen zusammen schlafen und ihnen die Brust Tag und Nacht bei jeder Gelegenheit anbieten. Auch in dieser Studie wurden künstliche Sauger (Flaschen und Schnuller) komplett weggelassen. Die Zufüttermengen wurden sukzessive ausgeschlichen.

Allerdings zeigen nicht alle Beobachtungsstudien so positive Resultate wie die beiden indischen Studien. In einer egyptischen Studie wurde Relaktation bei 200 Mutter-Kind-Paaren initiiert, die Babys waren jünger als drei Monate alt. Die Mütter wurden in einem persönlichen Gespräch zur Relaktation angeleitet und anschließend sechs Wochen lang telefonisch begleitet. In dieser Kohorte konnten lediglich 10% erfolgreich relaktieren. Bei Kindern, bei denen künstliche Sauger (Saugflaschen und Schnuller) konsequent weggelassen wurden und bei denen der Vater den Relaktationsprozess aktiv unterstützt hat, war die Erfolgsrate höher (Abul-Fadl et al., 2012).Bitte unterstützen Sie das Still-Lexikon durch Spenden!

In einer brasilianischen Studie versuchten 22 nicht stillende Mütter anhand einer einmaligen persönlichen und einer mitgegebenen schriftlichen Anleitung zu relaktieren, nachdem ihre Kinder (jünger als 6 Monate) Unverträglichkeitsreaktionen zur Formulanahrung entwickelten. Es wird in dieser Studie nicht beschrieben, ob die eingeschlossenen Mütter in der Vergangenheit laktiert hatten oder nicht. Sie erhielten auch Ernährungssonden zur Zufütterung von Säuglingsmilch anstelle von Saugflaschen. 15 von 22 Frauen ist es nicht gelungen, das Stillen erfolgreich zu starten. Die meisten dieser Mütter gaben an, dass ihre Babys die Brust verweigerten und/oder dass sie keine Milch bildeten. Schließlich ist es 7 Frauen gelungen, das Stillen zu etablieren, 5 erreichten teilstillen und 2 ausschließliches Stillen (Oliveira et al. 2014).
Es gibt verschiedene Ansätze, die unterschiedlichen Erfolgsraten in den einzelnen Studien zu erklären. Wesentliche Einflussfaktoren sind wahrscheinlich das Alter der eingeschlossenen Kinder, der Anteil der Mütter, die zuvor bereits laktierten, und das Ausmaß der Motivation und der Unterstützung durch Stillfachkräfte, Familie und das weitere Umfeld. In den beiden indischen Studien erhielten die Mütter langfristige Begleitung und Beratung durch in der Relaktation kundigen Fachpersonen. In der Studie von Banapurmath et al. waren die Säuglinge noch sehr jung und die Zeit ohne Stillen kurz. In der Studie von Seema et al. wurden die Mütter für mehrere Wochen bis Monate stationär aufgenommen, wo sie von allen anderen Aufgaben entlastet und von kundigen Fachpersonen täglich begleitet und motiviert wurden. Sie erhielten auch mit Erfolg relaktierte Mütter als Rollenvorbilder. In der egyptischen und der brasilianischen Studie wurde den Müttern die Relaktation zwar erklärt, aber anschließend wurden sie im Wesentlichen allein gelassen. Ohne intensive professionelle und hartnäckige Anleitung schaffen viele Mütter offenbar nicht, ihre brustverweigernden Babys an die Brust zu bringen und ihre Kinder ohne Saugflaschen zu ernähren.

Hier sei noch angemerkt, dass in Indien nicht gestillte Babys das 10- bis 20-fach erhöhte Risiko haben zu sterben als gestillte (Banapurmath et al., 2003). Daher ist der Druck auf die Mütter, erfolgreich zu relaktieren, ungleich höher als bei uns.

Vorbereitung auf die Relaktation

Bevor man in das große Abenteuer startet, sollte der Prozess gut geplant und vorbereitet werden. Im Folgenden wird eine mögliche Vorgehensweise zur Relaktation beschrieben.

Realistische Ziele formulieren: Haben Frauen an die Relaktation unrealistisch hohe Erwartungen, dann können sie schnell enttäuscht werden und geben ganz auf. Oft gibt es jedoch Zwischenergebnisse, die dem Nicht-Stillen gegenüber deutlich überlegen sind. Frauen, die nie zuvor in der vollen Milchbildung waren, werden möglicherweise nur Teilstillen erreichen können. Dennoch kann auch Teilstillen eine hochzufriedenstellende Erfahrung sein. Auch wenn nur wenig Milch gebildet wird, versorgen auch diese vergleichsweise geringen Milchmengen das Baby mit wertvollen Schutzfaktoren. Manche Inhaltsstoffe der Muttermilch – vor allem manche immunologischen Komponenten – zeigen bei geringerer Milchbildung eine höhere Konzentration. Stillen fördert darüber hinaus die Zuneigung und Nähe zwischen Mutter und Baby – auch bei geringerer Milchbildung.

Entlastung organisieren: Bitten Sie Ihren Partner mindestens eine Woche frei zu nehmen, oder fragen Sie z.B. Ihre Mutter oder eine gute Freundin, Sie für 1–2 Wochen rund um die Uhr zu versorgen und Ihnen alle Verpflichtungen (Einkaufen, Essen zubereiten, Spülen, Wäschewaschen, Aufräumen, Putzen, Windeln wechseln, Betreuung weiterer Kinder usw.) abzunehmen, Ihnen bei der Relaktation zu assistieren und Sie emotional zu unterstützen. Für die Umstellung von der Flasche auf alternative Fütterungsmethoden braucht es am Anfang häufig zwei Köpfe und vier Hände. Insbesondere für den Start der Relaktation ist diese Unterstützung wichtig. Wenn der Unterstützungsbedarf zeitlich begrenzt wird (z.B. eine Woche Urlaub für 9 Tage intensive Relaktationsassistenz), dann sind die Angehörigen einfacher zu überreden, mitzuhelfen.

Professionelle Unterstützung organisieren: idealerweise eine Stillberaterin oder Hebamme mit Stillexpertise, die bereit ist, Hausbesuche zu machen, beim Anlegen des Babys, der Entleerung der Brust, alternativen Fütterungsmethoden und Gewichtskontrollen zu assistieren und Sie auch emotional zu unterstützen.

Auf Misserfolge und Rückschritte vorbereitet sein: Eine komplette Umstellung der Ernährung ist eine große Herausforderung – nicht nur für die Eltern, sondern vor allem für das Baby. Viele der betroffenen Babys sind laut ihrer Mütter ohnehin schon „schwierig“ und schreien viel: Die Umstellung ist eine erhebliche Zusatzbelastung. Es wird vielleicht Tage geben, an denen Sie alles hinschmeißen möchten. Viele relaktierende Mütter beschreiben in der aufreibenden Anfangsphase Gefühle von Frustration, Versagen, Zurückweisung, Im-Stich-Gelassen-Sein und Ärger. Hier brauchen sie einen starken Durchhaltewillen und ein Umfeld, das ihnen zuhört, sie tröstet und ermutigt. Hat die Mutter bei der Relaktation Erfolge erzielt, wird sie wahrscheinlich sehr stolz und glücklich sein und die Nähe zu ihrem Baby genießen. Aber selbst, wenn sie ihre Versuche schließlich aufgibt, kann sie stolz darauf sein, alles versucht zu haben, ihr Kind stillen zu können.

Alle Utensilien im Vorfeld besorgen:

Baby stillt im Tragetuch

Hat das Baby die „Milchbar“ direkt vor der Nase, dann wird es sich häufig bedienen und die Milchbildung in Gang bringen. (© Vitalinko)

  • Tragetücher oder Babytragen, die auch auf nackter Haut angenehm getragen werden können, damit Sie möglichst den ganzen Tag mit Ihrem Baby in Hautkontakt verbringen können (siehe auch: Mit Tragetüchern die Milchbildung fördern).
  • Angenehme Blusen oder Jäckchen, die man auf nackter Haut tragen kann, Rücken und Arme wärmen, vorne aber offen bleiben können, damit Sie beim Anlegen nichts stört und Ihr Baby möglichst viel Zeit an Ihrer nackten Brust verbringen und jederzeit ungehinderten Zugang zu Ihrer Brust haben kann.
  • Familienbett oder eine Matratze auf dem Boden, wo Sie Tag und Nacht sicher und bequem direkt neben Ihrem Baby schlafen können (siehe auch: Stillen in der Nacht).
  • Stillkissen und/oder andere Kissen, mit denen Sie sich bequeme Stillnestchen bauen können (siehe auch Stillpositionen und  Welches Stillkissen ist sinnvoll?)
  • Eine moderne elektrische Verleih-Milchpumpe mit Doppelpumpset und einem zu Ihren Brustwarzen passenden Pumptrichter (Vorsicht: leider verleihen manche Apotheken noch veraltete Milchpumpenmodelle, welche wenig effektiv und unsanft zu den Brustwarzen sind) (siehe auch Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch und Miete einer Milchpumpe auf Rezept)
  • Eine präzise Babywaage (kann in vielen Apotheken und auch online gemietet oder gekauft werden)
  • Utensilien zur alternativen Zufütterung: das Brusternährungsset und die ausführliche Eltern-Info dazu, evtl. Ernährungssonden (für den Fall, dass Sie damit besser zurechtkommen), Spritzen in verschiedenen Größen (z.B. 5, 10, 20 ml), Fingerfeeder-Aufsätze sowie Fütterungsbecher (z.B. SoftCup, CamoCup oder ein Becher aus dem Haushalt)(Details zu den einzelnen Stillhilfsmitteln siehe im Artikel Muttermilch oder Säuglingsmilch stillfreundlich füttern). Einige relaktierende Familien benutzen mehrere verschiedene alternative Fütterungsmethoden.
  • Ein Heft oder ein Hefter mit Protokoll-Vorlagen, um die Menge der zugefütterten Milch (industrielle Säuglingsmilch, ggf. Muttermilch), die Ausscheidungen und das Gewicht des Babys, Anzahl und Dauer der Stillmahlzeiten, Art, Anzahl und Dauer der Zufütterungen, evtl. Anzahl und Dauer der Pumpsitzungen, usw. festzuhalten (siehe hierzu unsere Protokollvorlagen, die Sie herunterladen und ausdrucken können).
  • ggf. ein Schaukelstuhl oder Gymnastikball, um ein aufgebrachtes Baby an der Brust zu beruhigen und leichter an die Brust zu bringen (dabei sollen vertikale Bewegungen effektiver sein als horizontale).
  • Brustwarzencremes und -schutz für beanspruchte Brustwarzen (s. Mittel gegen wunde Brustwarzen)

Basis-Werte aufnehmen:

  • Das Baby wiegen und alle bisherigen Gewichtsdaten seit der Geburt inklusive der Daten aus den Vorsorgeuntersuchungen in eine Tabelle (siehe unsere Vorlage) und dann in die WHO-Gewichtskurve (für Mädchen / für Jungen) eintragen
  • Zugefütterte Milchmenge über mindestens drei Tage und anschließend regelmäßig protokollieren (siehe unsere Protokollvorlagen)
  • Menge der Ausscheidungen protokollieren (Anzahl der Urin- und Stuhlausscheidungen; siehe unser Ausscheidungsprotokoll)
  • Falls Milchbildung vorhanden ist, tägliche Mengen der gewonnenen Milch (ml; siehe unsere Brustentleerungsprotokolle) und eventuell der vom Baby getrunkenen Milch (Zunahme nach dem Stillen im Vergleich zum Gewicht vor dem Stillen in Gramm) protokollieren
    Stillfreundliche Fütterhilfen

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Bevor man mit der Relaktation – vor allem der Reduzierung der zugefütterten Milchmenge – beginnt, muss sichergestellt werden, dass das Baby aktuell ausreichend ernährt wird (ausreichend Ausscheidungen und perzentilenparallele Gewichtszunahme auf der WHO-Wachstumskurve, siehe unten). Babys von Müttern mit „zu wenig Milch“ bzw. Relaktationswunsch sind überdurchschnittlich gefährdet, unterernährt zu sein. Sollte dies der Fall sein, dann muss das Baby zunächst mehr und evtl. öfter Säuglingsnahrung erhalten, auch wenn dies als Relaktationsstart zunächst paradox klingt.

Der Beginn der Relaktation

Eine Relaktation beinhaltet zwei Herausforderungen: Die Steigerung der Milchmenge und die Heranführung des Babys an die Brust. In unserer westlichen Kultur werden zur Steigerung der Milchmenge häufig Milchpumpen eingesetzt. Doch nur wenige Mütter schaffen es, den fürs Pumpen erforderlichen Zeitaufwand längere Zeit durchzuhalten. Im Gegensatz zum Stillen, welches eine angenehme, für Mutter und Kind sinnliche, gemeinsame Tätigkeit ist, ist Pumpen ein unangenehmer technischer Vorgang, der die Zeit der Mutter auch von ihrem Baby „raubt“. Hinzukommt, dass auch die besten Milchpumpen die Milchbildung bei weitem nicht so effektiv anregen können wie ein gut saugendes Baby. Daher sollte der Fokus einer Relaktation darauf liegen, das Baby an die Brust heranzuführen.

Um die Bereitschaft des Babys zu erhöhen, an der Brust zu saugen, sollte es keine künstlichen Sauger (Saugflaschen, Schnuller) bekommen. Gefüttert werden soll das Baby mittels alternativer Fütterungsmethoden (z.B. SoftCup, CamoCup oder einem anderen Fütterungsbecher) und/oder direkt an der Brust mithilfe des Brusternährungssets, einer Ernährungssonde oder einer Spritze mit Fingerfeeder-Aufsatz (Details siehe im Artikel Muttermilch oder Säuglingsmilch stillfreundlich füttern). Sein Saugbedürfnis soll das Baby ausschließlich an der Brust befriedigen. Die Umstellung von der Flasche zum Becher bzw. zur Fütterung an der Brust sollte erfolgen, wenn das Kind gerade ausgeruht, wach und nicht allzu hungrig ist, aber bereit ist Milch zu sich zu nehmen. Diese Umstellung sollte nicht abrupt, sondern allmählich über mehrere Tage erfolgen.

Stillen mit Brusternährungsset

Stillen mit dem Brusternährungsset (© Medela)

Der Umgang mit dem Brusternährungsset ist vergleichsweise kompliziert und aufwendig. Idealerweise zeigt die Stillfachkraft bei einem Hausbesuch seine Anwendung und der begleitende Partner hilft am Anfang ebenfalls mit, es zusammenzusetzen und beim Füttern einzusetzen. Die Gebrauchsanweisung und die ausführliche Eltern-Info zum Brusternährungsset sollten gründlich und wiederholt studiert werden, idealerweise von der Mutter und ihrem Partner, damit sie gemeinsam an seinem Einsatz arbeiten können. Es gibt auch verschiedene YouTube-Videos zur Anwendung des Brusternährungssets bzw. einer selbst gebastelten Alternative (meist auf Englisch, Stichwort: Supplemental Nursing System, SNS). Zunächst soll das Brusternährungsset mit Wasser ausprobiert werden, dann mit Säuglingsmilch ohne Baby. Wenn das Baby angesetzt wird, soll alles einwandfrei funktionieren und reguliert werden können.

Da der Einsatz des Brusternährungssets vergleichsweise aufwendig ist, wird es am Tag nur 5- bis 8-mal verwendet. Die übrigen Mahlzeiten kann das Baby mittels Becher (SoftCup, CamoCup usw.) oder z.B. dem Fingerfeeder erhalten, falls erforderlich. Für das Kennenlernen des Brusternährungssets und die Eingewöhnung sollte mindestens eine Woche eingeplant werden.

Bis das Baby die Stimulation der Brust übernehmen kann, kann die Brust per Pumpe oder Hand regelmäßig entleert werden (optimalerweise mindestens 8-12-mal in 24 Stunden mit einem Doppelpumpset, bzw. so oft wie umsetzbar, siehe auch: Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch). Solange keine oder nur milliliterweise Muttermilch gebildet wird, ist es sinnvoller, nur kurz (z.B. 5 Minuten), dafür aber sehr häufig (z.B. 10- bis 20-mal in 24 Stunden) die Brust zu stimulieren, soweit umsetzbar (siehe auch unsere Protokollvorlagen für die Brustentleerung).

Baby schläft direkt neben der nackten Brustwarze

Wenn das Baby genügend Gelegenheiten erhält, wird es irgendwann spontan andocken. (© Aleksey Mnogosmyslov)

Um das Baby an die Brust zu gewöhnen, sollen Mutter und Kind möglichst viele Stunden in nahem Körper- und Hautkontakt verbringen. Sie sollen zusammen schlafen und sich ausruhen (siehe auch: Stillen in der Nacht). Auch nachts soll die Brust immer leicht zugänglich sein: Wenn das Baby unruhig ist, kann es gleich die Brust erhalten. Manche Mütter haben die Erfahrung gemacht, dass „brustscheue“ Babys eher wieder an der Brust trinken, wenn sie im Halbschlaf sind. Beim gemeinsamen Ausruhen tagsüber kann das Baby am nackten Oberkörper der Mutter schlafen, mit der Brustwarze am Gesicht. Wenn die Mutter sitzt, steht oder läuft, dann kann das Baby z.B. in einem Tragetuch an ihrem vorne nackten Oberkörper sein, mit der Brustwarze direkt auf Mundhöhe. Auf diese Weise sollte das Baby zahlreiche Kontakte am Tag zur Brust haben. Die Chancen sind gut, dass es die Brust irgendwann spontan nimmt. Es ist nicht möglich, das Andocken zu forcieren und könnte sogar kontraproduktiv sein. Man kann die Brust dem Baby lediglich anbieten. Zur Umgewöhnung eines Babys von der Flasche an die Brust siehe auch den Artikel Das Baby von der Flasche an die Brust gewöhnen.

laid-back-nursing / zurückgelehntes Stillen

Bei der zurückgelehnten Stillposition erfassen viele Babys die Brustwarze eigenständig. Das Risiko von Brustwarzenverletzungen ist am niedrigsten.

Um das Anlegen zu initiieren und zu üben, eignet sich die zurückgelehnte Stillposition am besten (siehe den Abschnitt zum Laid-back-Nursing). In dieser Position werden die Such- und Andockreflexe des Babys häufig noch aktiviert (je jünger das Baby, umso ausgeprägter sind noch diese Reflexe) und das Baby kann die Brust eigenständig erfassen. Die Chance auf ein tiefes, korrektes Anlegen ist am höchsten.

Manche Mütter finden zur Zufütterung an der Brust die Seitenhaltung (Footballhaltung) am praktischsten, weil sie dann die beste Übersicht haben und den Kopf des Babys gut führen können.

Um das Baby an die Brust zu locken, können Milchtropfen vorsichtig über die Brustwarze geträufelt werden (siehe dazu den indischen Artikel zur Drip-and-Drop-Methode). Hierzu kann z.B. eine Pipette oder eine Spritze mit Fingerfeeder-Aufsatz verwendet werden. Ist die Brustwarze zu flach, dann kann sie z.B. durch sanftes Reiben stärker aufgerichtet werden. Wenn das Baby die Brustwarze endlich erfasst und daran saugt, dann bekommt es die Milch mit dem Fingerfeeder oder einem Sondenschlauch über dem Mundwinkel in den Mund geträufelt und wird somit direkt belohnt. Hierzu gibt es auf Youtube Kurzfilme (siehe z.B. https://www.youtube.com/watch?v=-wDivd06doI). Mutter und Baby können auch regelmäßig gemeinsam baden. Es gibt Berichte, nach denen das gemeinsame Bad dazu verholfen hat, dass das Baby die Brust genommen hat.

Manche Familien versuchen es auch mit einem Stillhütchen. Manchmal akzeptieren Babys, die an künstliche Sauger gewöhnt sind,  die Brustwarze zunächst besser mit Stillhütchen als ohne. Andererseits stellen Stillhütchen eine zusätzliche Herausforderung dar und sollten mit der Zeit ebenfalls abgewöhnt werden (siehe auch Stillhütchen – ein Stillhilfsmittel mit bedingtem Nutzen).

Hat das Baby Hunger, dann soll es jedoch umgehend gefüttert werden – per Becher und am besten an der Brust. Falls die Zusammensetzung des Brusternährungssets zu lange dauert und das Baby nicht warten kann, dann kann es den ersten Teil der Mahlzeit oder die ganze Mahlzeit per Becher oder Fingerfeeder an der Brust bekommen. Mit der Zeit wird die Mutter geübter sein und die Zufütterung an der Brust schneller umsetzen können.

Nimmt das Baby die Brust noch nicht oder saugt noch nicht effektiv daran, dann kann die Brust mit der Milchpumpe und der Hand stimuliert werden. Eine Kombination aus Pumpen und „Handarbeit“ soll die besten Ergebnisse liefern (siehe auch den Abschnitt Hands-on-Pumping). Die Brust darf vor dem Pumpen mit warmen Händen gestreichelt und sanft massiert werden, das unterstützt den Milchspendereflex. Eine Massage zwischendurch hilft, den Milchspendereflex wieder auszulösen und die Milch aus allen Segmenten der Brust zu entleeren, sobald sie gebildet wird. Wenn die Brustwarze beim Pumpen schmerzt, dann kann ein Hauch Brustwarzensalbe über die Brustwarzenspitze gegeben werden.

Der sorgsame Umgang mit den Brustwarzen ist besonders wichtig während einer Relaktation. Nimmt das Baby die Brustwarze oberflächlich in den Mund und übt an falschen Stellen Druck- und Sogwirkungen darauf aus, dann kann die Haut aufplatzen – bereits nach einmaligem ungünstigem Anlegen (siehe auch: Wunde Brustwarzen). Wiederholtes oberflächliches Anlegen kann schwere Verletzungen der Brustwarzen hervorrufen – die Relaktation muss dann pausieren. Das Stillen darf nicht Weh tun: Wenn das Andocken schmerzt, dann soll das Baby sofort mit dem kleinen Finger von der Brust genommen und anschließend beim weit geöffneten Mund wieder angelegt werden. Beim Andocken ist stets darauf zu achten, dass das Baby den Mund vorher groß aufmacht und die Brustwarze samt einem Teil des Brustwarzenhofs tief erfasst. Ideal ist ein asymmetrisches Anlegen: das Baby nähert sich der Brust zunächst mit dem Kinn, das Kinn wird tiefer in die Brust gedrückt, die Nase bleibt frei. Mehr zum Anlegen siehe im Artikel Das korrekte Anlegen des Babys. Bei Bedarf dürfen die Brustwarzen hauchdünn mit einer Brustwarzensalbe eingecremt werden oder sich z.B. unter einem Silber-Brustwarzenhütchen regenerieren. Hier gilt es auszuprobieren, was hilft und gut tut (siehe den Artikel Mittel gegen wunde Brustwarzen).

Am Ende der ersten 7–10 Tage sind Mutter und Kind mit der Zufütterung an der Brust idealerweise vertraut und das Baby saugt regelmäßig an der Brust. Das Kind bekommt keine künstlichen Sauger (Flasche, Schnuller) und wird an der Brust und ergänzend nur aus einem Becher (SoftCup, CamoCup, usw.) zugefüttert. Die erste, anstrengendste Phase der Relaktation ist somit abgeschlossen. Nicht immer klappt alles in diesem Zeitraum – dann ist es wichtig, sich nicht unter Druck zu setzen und nicht aufzugeben. Manche Mutter-Kind-Paare brauchen länger.

Woran man merkt, dass die Milchbildung eingesetzt hat

Wenn Mütter mit der Relaktation beginnen, fragen sie sich, ob und ab wann sich Milch bildet. Hatte die Mutter beim Start der Relaktation keinen Milchfluss, dann kann es laut Studien bei regelmäßiger Bruststimulation bis zu 6 Tage dauern, bis sich erste Milchtropfen bilden. Diese können am Anfang wässrig erscheinen, mit der Zeit werden sie milchig aussehen.

Das Schlucken des Babys beim Stillen ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass das Baby beim Saugen Milch bekommt. Vielleicht merkt die Mutter auch, dass sich die Brust nach dem Stillen leerer anfühlt als vor dem Stillen, wobei sich dieser Effekt eher bei größeren Milchmengen bemerkbar macht. Vielleicht spürt die Mutter den Milchspendereflex beim Stillen. Beim sog. Milchspendereflex ziehen sich in der Brust zahlreiche winzige Muskeln zusammen, um die Milch Richtung „Ausgang“ zu befördern. Der Milchspendereflex setzt nach den ersten Saugbewegungen des Babys ein und fühlt sich wie ein ganz leichter Schmerz an. Das spürt man eher an der Brust, die gerade nicht entleert wird. Es kann passieren, dass während des Saugens Milch an der zweiten Brust austritt. Oder die Mutter kann versuchen, Milch aus ihrer Brust herauszudrücken, während ihr Baby an der anderen Brust saugt.

Geübte Stillbabys saugen am Anfang relativ schnell an der Brust, bis der Milchspendereflex einsetzt und größere Milchmengen kommen. Dann saugen sie langsamer und schlucken regelmäßig. Dieses Stillmuster zeigt eindeutig an, dass das Kind an der Brust Milch erhält und effektiv trinkt.

Woher man weiß, ob das Baby genug Milch bekommt

Die Relaktation ist eine herausfordernde Phase, die ständig mit der Sorge verbunden ist, ob das Baby genug Milch erhält. Die Mutter kann ja nicht sehen, wie viel Milch aus ihrer Brust herauskommt. Daher sollte eine Relaktation idealerweise von einer Fachperson begleitet werden, die die Versorgung des Babys regelmäßig überprüft.

Um feststellen zu können, ob das Baby ausreichend mit Milch versorgt wird, ist man auf indirekte Hinweise angewiesen:

Baby beim Windelwechseln

Die Ausscheidungen des Baby liefern wichtige Hinweise darüber, ob es mit Milch ausreichend versorgt wird. (© Jozef Polc)

Die Beobachtung der Ausscheidungen ist ein relativ einfacher Weg, die Versorgung des Babys zu verfolgen (Sie können hierzu unsere Vorlage für das Ausscheidungsprotokoll verwenden). Wenn das Baby täglich mindestens sechsmal farblosen Urin ausscheidet, bekommt es genug Flüssigkeit. Die Beobachtung des Stuhlgangs ist nach der Neugeborenenzeit weniger gut geeignet, um Rückschlüsse auf die aufgenommene Milchmenge zu ziehen. Bei manchen Babys nimmt die Zahl der Darmentleerungen nach den ersten 4–6 Wochen deutlich ab. Manche Babys haben dann mehrmals täglich Stuhlgang, manch andere nur alle 7–10 Tage. Das alles gilt als normal. Allerdings sind trockene Stühle immer ein Hinweis auf eine zu geringe Milchmenge.

Baby auf Waage

Regelmäßiges Wiegen hilft die Gewichtszunahme zu kontrollieren (© Vojtech Vlk)

Die regelmäßige Kontrolle der Gewichtszunahme ist die zuverlässigste Methode, um festzustellen, ob das Baby ausreichend ernährt wird und sollte bei einer Relaktation einbezogen werden. Denn manchen Babys merkt man nicht an, dass sie hungern und die Beobachtung der Ausscheidungen allein kann eine leichte Unterversorgung nicht aufdecken. Dabei hat sich das wöchentliche Wiegen sehr bewährt (Hornmann und Savage, 1998). Manche Autoren empfehlen Kontrollen zweimal die Woche (Walker, 2006). Für die Gewichtsmessung sollte man immer die gleiche Waage benutzen und das Baby sollte möglichst nackt sein und keine Windel tragen. Falls das Zimmer zu kalt sein sollte, kann das Baby eine frische Windel tragen (immer von der gleichen Sorte) und immer gleich viel anhaben. Die Waage muss vor dem Wiegen tariert werden (also auf Null stellen). Es empfiehlt sich, mehrmals zu messen, um Messfehler zu reduzieren. Um die Gewichtszunahme zu beobachten, kann man die gemessenen Werte in eine Gewichtskurve eintragen (siehe unsere Protokollvorlage für die Gewichtsentwicklung). Die Somatogramme in den aktuellen gelben Vorsorgeuntersuchungsheften sind für diesen Zweck leider ungeeignet. Besser sind die aktualisierten WHO-Kurven von 2006, die übrigens anhand voll gestillter Säuglinge erfasst wurden (WHO-Gewichtskurve für Mädchen (0–6 Monate) und für Jungen (0–6 Monate)).

Grafik mit den WHO-Wachstumskurven

Die Gewichtsentwicklung des Babys sollte entlang seiner individuellen Perzentile verlaufen.

Vor dem Beginn der Relaktation haben die Eltern oder eine Fachkraft die Gewichtswerte bereits in die Kurve eingetragen. Dabei kommt es weniger darauf an, auf welcher Perzentile sich das Baby befindet – denn Kinder sind von Natur aus pummeliger oder schlanker, größer oder kleiner –, sondern auf den Verlauf. Das Baby soll entlang „seiner Perzentile“ zunehmen, welche vor dem Beginn der Relaktation festgestellt wurde und während der Relaktation gehalten wird. Eine Verlangsamung der Gewichtszunahme im Vergleich zur individuellen Perzentile des Kindes oder sogar ein Knick der Kurve nach unten sind Hinweise darauf, dass das Baby zu wenig Milch bekommt. Idealerweise erhalten die Eltern für die Benutzung und Interpretation der Kurve Unterstützung von einer Still- und Laktationsberaterin oder einer anderen Fachperson.

Auch die Aktivität des Babys gibt Auskunft darüber, ob es ausreichend ernährt wird. Ein Baby, das alle 1 bis 3 Stunden gestillt werden möchte (mit Clusterfeeding-Episoden), kräftig trinkt und auch für soziale Interaktionen noch genügend Energie übrig hat, bekommt wahrscheinlich genug Nahrung. Ein Baby, das unterernährt wird, ist entweder immer unzufrieden oder eher ruhig und es fehlt ihm die Energie, um nach Nahrung zu verlangen.

Steigerung der Milchbildung und Ausschleichen der zugefütterten Milch

In der ersten Zeit, wenn das Baby die Zufütterung an der Brust kennenlernt, soll die Milch auch ohne effektives Saugen fließen, damit das Baby schnell belohnt wird. Zur Steigerung der Milchmenge soll das Baby anschließend kräftiger an der Brust saugen. Das Saugen des Babys an der Brust signalisiert, dass mehr Milch benötigt wird. Dazu wird der Milchfluss etwas langsamer eingestellt, damit langes und aktives Saugen durch das Baby erforderlich wird. Für 60 bis 90 ml an der Brust zugefütterte Milch sollte das Baby 20 bis 30 Minuten benötigen, d.h. pro Minute etwa 3,0-4,5 ml Milch trinken. Diese relativ langsame Füttergeschwindigkeit bewirkt, dass das Baby ausreichend lange und intensiv die Brust stimuliert und dadurch die Milchbildung anregt.

Wird das Baby konsequent an der Brust zugefüttert, dann wird sich seine Saugfähigkeit an der Brust mit der Zeit verbessern. Es heißt: stillen lernen Babys durch Stillen.

Wenn bereits Milch gebildet wird, dann kann die Zusatzmilch erst gegeben werden, nachdem das Kind an der Brust eine Weile getrunken und die Brust schon zum großen Teil geleert hat. Alternativ kann der Milchfluss aus dem Schlauch für den Anfang noch langsamer eingestellt werden.

Sehr häufiges Anlegen rund um die Uhr und ein sehr gründliches Entleeren der Brust durch das Baby helfen am besten, das vorhandene Milchbildungspotenzial auszuschöpfen und die Milchmenge auch längerfristig zu steigern (siehe auch den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann). Das Baby sollte mindestens 8- bis 12-mal am Tag an der Brust saugen (bzw. mindestens alle 1,5 bis 2 Stunden und insgesamt mindestens 3 bis 5 Stunden in 24 Stunden). Das Kind darf zum Stillen auch sanft geweckt werden. Es spricht auch nichts dagegen, sehr viel häufiger als 12-mal zu stillen, auch mehrmals die Stunde Tag und Nacht. Einige traditionelle Völker stillen mehrmals die Stunde und dann jeweils nur relativ kurz auf einmal. Durch dieses sehr häufige und effektive Stillen wird das vorhandene Milchbildungspotenzial der Mutter optimal ausgenutzt, sodass das Kind am meisten Milch erhält. Zu manchen Tageszeiten wird das Baby mehrere Stunden am Stück durchschlafen, zu anderen Tageszeiten wird es vielleicht alle 10 Minuten an der Brust trinken (Cluster-Stillen).

Diagramm mit abnehmender Zufüttermenge

Die Menge der zugefütterten Milch sollte in eine Tabelle und anschließend in ein Koordinatensystem eingetragen werden, um die Veränderung zu visualisieren.

Nachdem die Milchbildung in Gang gekommen ist, kann die zugefütterte Milchmenge langsam reduziert werden. Dabei ist die erste Priorität sicherzustellen, dass das Baby mit Nahrung ausreichend versorgt wird. Eine zu schnelle oder drastische Reduzierung der zugefütterten Milch soll vermieden werden. Manchmal zeigt das Baby, dass es weniger braucht, indem es die zugefütterte Milch oder die zweite Brust ablehnt bzw. von der zugefütterten Milch immer mehr übrig bleibt. Das Führen eines Protokolls ist zwar sehr aufwendig, aber bei einer Relaktation praktisch unverzichtbar, um die Orientierung zu behalten. Hierzu kann das Still- und Fütterprotokoll täglich oder so oft wie möglich ausgefüllt werden. Häufig gibt es beträchtliche Schwankungen in der konsumierten Milchmenge, sodass die feinen Verbesserungen nicht ins Auge fallen und die Mutter eventuell frustriert aufgibt. Der langfristige Trend lässt sich am besten erkennen, wenn die zugefütterte Milchmenge genau protokolliert und grafisch aufgetragen wird. Hierfür können die Werte in ein Koordinatensystem aufgetragen werden (siehe hierzu unsere Protokollvorlage Zeitverlauf zugefütterte Milchmenge).

Ein möglicher Weg, die zugefütterte Milch auszuschleichen, ist der folgende: Während der ganzen Relaktation wird Protokoll über die zugefütterte Milchmenge geführt. Zunächst wird der aktuelle Ist-Zustand über etwa 3 Tage dokumentiert. Anschließend wird die Menge, die am Tag maximal zugefüttert wird, alle 3 Tage z.B. um 30 bis 50 ml reduziert, indem z.B. 3 bis 5 Mahlzeiten um 10 ml gekürzt werden. Pro Mahlzeit wird nicht mehr als die berechnete Maximalmenge gegeben. Wenn das Baby noch Hunger oder Unruhe zeigt, wird es wieder an die Brust gelegt. Wenn das Baby nicht genügend nasse Windeln hat bzw. nicht perzentilenparallel zunimmt, verbleibt man längere Zeit bei einer Stufe oder man geht wieder eine Stufe höher und reduziert die Milchmenge langsamer. Bei dieser Vorgehensweise wird also nicht ganz nach Bedarf zugefüttert, denn die Mutter setzt ein oberes Limit. Das Baby darf jedoch unbegrenzt an die Brust und ganz häufig trinken. Durch diese sehr systematische und vorsichtige Vorgehensweise wird das Hungern praktisch ausgeschlossen.

Der zuverlässigste Hinweis auf die steigende Milchbildung ist die Abnahme der zugefütterten Nahrung bei stabiler, perzentilenparalleler Gewichtszunahme. Die Konsistenz des Stuhls ändert sich auch, wenn das Baby mehr Muttermilch bekommt. Der Stuhl wird loser, ungeformter und riecht milder. Wenn die Milchmenge zunimmt, dann kann das Brusternährungsset Schritt für Schritt weggelassen werden, meist zuerst in der Nacht.

Manche Frauen werden ihre Milchbildung über eine gewisse individuelle Grenze nicht weiter steigern können, sodass sie sich auch langfristig auf eine Zufütterung einstellen müssen. Wenn Vollstillen nie komplett erreicht wird, dann kann die zugefütterte Milch um den 6. Monat herum allmählich gegen Beikost ausgetauscht werden, sodass das Baby irgendwann nur noch Muttermilch und Beikost bekommt, aber keine Säuglingsmilch mehr.

Quellenangaben für diesen Beitrag
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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2018. Vollständige Überarbeitung im Dezember 2017.

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