Was ist Vordermilch und Hintermilch? Eine nähere Betrachtung

20. August 2017 | Von | Kategorie: Leitartikel
nachdenkliche Mutter

Missverständnisse um Vorder- und Hintermilch haben viele unnötige Sorgen hervorgerufen (© Andriy Popov).

Was steckt hinter den Begriffen Vorder- und Hintermilch? Im folgenden Artikel räumt Nancy Mohrbacher, Stillspezialistin und Co-Autorin des Handbuchs für die Stillberatung, mit den häufigsten Missverständnissen auf.

Teilwissen kann gefährlich sein. Dies gilt ganz besonders für die aktuelle Diskussion um Vorder- und Hintermilch und deren Auswirkung auf das Stillen. Die Missverständnisse rund um dieses Konzept haben Sorgen und Ängste ausgelöst, zu Stillproblemen und sogar zu vorzeitigem Abstillen geführt.

Die Ausgabe des Handbuchs für die Stillberatung von 2003 definiert diese Begriffe folgenderweise:

“ Zu Beginn der Stillmahlzeit erhält das Baby die so genannte Vordermilch. Die Vordermilch hat einen geringen Fettgehalt, liefert aber mehr Flüssigkeit. Im weiteren Verlauf der Mahlzeit nimmt der Fettgehalt der Milch stetig zu, während gleichzeitig die Milchmenge abnimmt. Die gegen Ende der Mahlzeit gebildete Milch, die „Hintermilch“, hat einen hohen Fettgehalt, steht aber nur in einer geringeren Menge zur Verfügung” (Mohrbacher and Stock, 2003, S. 49).

Weiter wird dort erklärt, dass, wenn man das Baby “die erste Brust fertig trinken lässt” (die Seiten erst dann wechselt, wenn das Baby alleine loslässt und nicht nach einer festgesetzten Zeit), dann kann die Mutter sicher sein, dass das Baby “eine ausgewogene Mischung von Flüssigkeit und Fett” bekommt. Seit der Veröffentlichung dieses Buches haben Untersuchungen unser Wissen über Vorder- und Hintermilch vergrößert und viele Fragen, die Mütter zu diesen Begriffen haben, beantwortet.

Welche Sorgen?

Der Trubel um Vorder- und Hintermilch hat zu viel Verunsicherung geführt. Gibt es zwei grundverschiedene Arten von Muttermilch? Muss das Baby für eine bestimmte Minutenzahl stillen, bevor Vordermilch sich plötzlich in Hintermilch verwandelt? Kann ein Baby die Hintermilch ganz verpassen, wenn es zu kurz stillt? Wenn das oft passiert, nimmt es dann zu wenig zu?

Manchmal kommt Fachpersonal hinzu und sagt den Müttern, dass sie die Zeit genau messen sollen, um sicher zu gehen, dass ihr Baby „lang genug stillt, um Hintermilch zu bekommen“. Die empfohlene Minutenzahl ist je nach Fachkraft auch noch unterschiedlich. Was müssen wir wirklich über Vorder- und Hintermilch wissen? Und gibt es einen Grund zur Sorge?

Die Wahrheit über Vorder- und Hintermilch

In Untersuchungen hat man festgestellt, dass dieses Konzept doch nicht so einfach ist wie es klingt. Es stimmt, dass das Fett an den Milchgängen in der Brust haftet und der Prozentsatz an Fett in der Muttermilch während des Stillens steigt, weil das Fett während der Milchspendereflexe von den Gängen freigegeben wird. Aber die Realität dieser anscheinend einfachen Dynamik ist nicht immer so wie sie scheint.

  • Es gibt keine „zwei Arten von Muttermilch“. Trotz dieses verbreiteten Glaubens gibt es keinen „magischen Augenblick“, in dem sich Vordermilch in Hintermilch verwandelt. Der Fettgehalt steigt schrittweise während das Baby stillt, die Milch wird mit der Zeit fettreicher und fettreicher, während die Brust immer stärker entleert wird.
  • Die tägliche Gesamtmenge an Muttermilch, nicht die Menge der Hintermilch, bestimmt die Gewichtszunahme des Babys. Unabhängig davon, ob Babys häufig und kurz stillen oder längere Stillmahlzeiten mit mehrstündigen Pausen haben, bleibt die tägliche Fettaufnahme konstant.
  • Vordermilch ist nicht immer fettarm. Der Grund dafür ist, dass der Fettgehalt der Vordermilch stark schwankt, abhängig vom täglichen Stillmuster. Wenn das Baby bald nach der letzten Stillmahlzeit wieder stillt, kann der Fettgehalt der Vordermilch dieser Mahlzeit höher sein, als die Hintermilch anderer Stillmahlzeiten.

Wie funktioniert das?

Interessanterweise ist das Konzept von Vorder- und Hintermilch nur dann sinnvoll, wenn längere Abstände, wie 2 bis 3 Stunden oder mehr, zwischen den Stillmahlzeiten liegen. Je länger der Abstand zwischen den Mahlzeiten ist und je voller eine Brust wird, desto größer ist der Unterschied des Fettgehalts von Vorder- und Hintermilch. Diese Unterschiede des Fettgehalts können im Verlauf eines Tages stark variieren, sogar bei einer einzelnen Mutter. Wenn es zum Beispiel nachts eine lange Stillpause gibt, ist die Vordermilch der nächsten Mahlzeit fettärmer als abends, wenn das Baby häufiger stillt.

Was wirklich wichtig ist

Untersuchungen zeigen, dass es keinen Grund gibt, sich um Vorder- und Hintermilch Sorgen zu machen oder ein Baby dazu zu bringen, länger an der Brust zu trinken. Solange ein Baby effektiv trinkt und die Mutter Stillmahlzeiten nicht vorzeitig abbricht, bekommt das Baby die gleiche Menge an Milchfett über den Tag verteilt, egal welches Stillmuster vorliegt (Kent, 2007). Das ist so, weil das Baby, das häufiger stillt, fettreichere Vordermilch bekommt, als das weniger häufig stillende Baby. Es gleicht sich letztlich alles aus.

Das wichtigste für die Gewichtszunahme und das Wachstum des Babys ist die Gesamtmilchmenge, die es in 24 Stunden bekommt. Im Durchschnitt nehmen Babys ca. 750 ml Muttermilch am Tag auf (Kent et al., 2006). Hinsichtlich des Wachstums ist es egal, ob das Baby stündlich 30 ml oder alle 3 Stunden 95 ml trinkt, solange es insgesamt genug Muttermilch bekommt (Mohrbacher, 2010). Tatsächlich haben Forscher herausgefunden, dass egal, ob Babys häufig stillen, wie in traditionellen Kulturen, oder mit längeren Abständen stillen, wie in der westlichen Welt – sie nehmen ungefähr die gleiche Milchmenge über den Tag verteilt auf (Hartmann, 2007) und bekommen ungefähr die gleiche Menge Milchfett. Lasst uns das Stillen für die Mütter, denen wir helfen, vereinfachen und die Vorder- und Hintermilch ein für alle Mal von der „Sorgenliste“ streichen.

Quellen

  • Hartmann PE: Mammary gland: Past, present, and future. in eds. Hale TW, Hartmann PE. Hale & Hartmann’s Textbook of Human Lactation. 2007, Amarillo, TX: Hale Publishing, S. 3-16.
  • Kent JC: How breastfeeding works. Journal of Midwifery & Women’s Health 2007;52(6): 564-570.
  • Kent JC, Mitoulas LR, Cregan MD, Ramsay DT, Doherty DA, Hartmann PE: Volume and frequency of breastfeedings and fat content of breast milk throughout the day. Pediatrics 2006;117(3), e387-395.
  • Mohrbacher N: Breastfeeding Answers Made Simple: A Guide for Helping Mothers. Amarillo, TX: Hale Publishing, 2010.
  • Mohrbacher N, Stock J: Handbuch für die Stillberatung, 3. Aufl., La Leche League International, La Leche Liga Deutschland e.V. 2003.

 

Profilbild von Nancy Mohrbacher

Nancy Mohrbacher

Autorin: Nancy Mohrbacher, langjährige Stillberaterin der La Leche League, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Autorin des Handbuchs für die Stillberatung, 2003.

Dieser Beitrag ist zuerst unter der URL http://www.nancymohrbacher.com/articles/2010/6/27/worries-about-foremilk-and-hindmilk.html 2010 erschienen. Er ist in deutscher Sprache auf die Initiative von Katja König, Still- und Laktationsberaterin IBCLC (http://stillberatung-ludwigsburg.de/ und https://www.facebook.com/stillberaterinkatjakoenig/ ) in ihrer Übersetzung erschienen. Wir danken Nancy Mohrbacher für ihre Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.

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