Stillen und Milchzahnkaries: Brief an behandelnde Zahnärzte

20. November 2017 | Von | Kategorie: Langzeitstillen, Neu im Still-Lexikon
Zahnärztin liest einen Brief

Zahnärzte kennen häufig nur eine Seite der Medaille (© Andrey Popov)

Die Diskussion um Stillen und Karies ebbt nicht ab. Mütter, die ihre Kinder länger stillen, spüren, wie gut dies ihrem Kind tut, wie leicht ihr Kind durch das Stillen in den Schlaf findet, beruhigt und getröstet werden kann. Wenn sie von ihren Zahnärzten hören, dass Stillen nach dem Druchbruch der Zähne Karies verursache und daher unverantwortlich sei, dann geraten sie in ein schwieriges Dilemma. Um die Mütter und ihre Zahnärzte bei ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen, erscheint im Still-Lexikon – ergänzend zum bereits vorhandenen Informationsangebot zum Thema Stillen und Karies – nun ein Brief an Zahnärzte, welcher die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema zusammenfasst und auch die Bedeutung des Weiterstillens beleuchtet (siehe auch die Druckversion des Briefes zum Mitnehmen).

„Sehr geehrte Zahnärztin, sehr geehrter Zahnarzt,

Zahnärzte empfehlen Müttern von kleinen Kindern häufig, spätestens nach dem Durchbruch der ersten Zähne abzustillen, um das Risiko von frühkindlicher Karies zu reduzieren. In der Tat zeigen aktuelle Metaanalysen, dass zwar jegliches Stillen das Kariesrisiko reduziert, aber Weiterstillen nach dem Durchbruch der Zähne das Kariesrisiko erhöht, vor allem nächtliches und sehr häufiges Stillen (Tham et al. 2015; Cui et al. 2017). Aus der Sicht der Kariesprophylaxe erscheint das Beenden des Stillens nach dem Durchbruch der Zähne daher eindeutig vorteilhaft. Doch aufgrund der zahlreichen Vorteile des Stillens auch im Kleinkindalter wird eine Einschränkung des Stillens oder gar Abstillen nach dem Durchbruch der Zähne in der einschlägigen Fachliteratur trotz des erhöhten Karies­risikos nicht allgemein empfohlen (Cui et al. 2017; Tham et al. 2015; Victora et al., 2016; Wong et al., 2017). Stattdessen sollen länger stillende Familien auf das erhöhte Kariesrisiko und die erfor­derlichen Präventionsmaßnahmen aufmerksam gemacht und darin geschult werden.

Die Bedeutung des fortgesetzten Stillens

Das Stillbedürfnis ist bei kleinen Kindern stark ausgeprägt; Das Abstillen findet meist zur Saugflasche, zum Schnuller oder Daumen statt. Diese Alternativen sind im Vergleich zum Stillen nachteilig für die Kieferentwicklung (Peres et al., 2016) und Saugflaschen sind darüber hinaus mit einem höheren Kariesrisiko assoziiert als Stillen (Avila et al., 2015). Industriell hergestellte Muttermilchersatznah­rungen weisen eine höhere Kariogenität auf als Muttermilch (Peres et al., 2009). Daher kann Abstillen im frühen Alter auch einen Nachteil für die Zahn- und Kiefergesundheit bedeuten.

Stillen schützt außerdem vor Infektionserkrankungen bis ins Kleinkindalter: Die weltweite Gesamt­mortalität und infektionsbedingte Mortalität wird laut einer aktuellen Metaanalyse durch Stillen halbiert  – und zwar mindestens bis zu einem Alter von zwei Jahren (Sankar et al, 2015). Dies ist ein wichtiger Grund, warum die Weltgesundheitsorganisation das Stillen bis zu diesem Alter und darüber hinaus propagiert (Victora et al., 2016). Längeres Stillen unterstützt außerdem die mütterliche Ein­fühl­samkeit, die Mutter-Kind-Bindung und die Emotionsregulation bei kleinen Kindern. Verschiedene Studien zeigen auf, dass gestillte Kinder seltener von ihren Müttern vernachlässigt oder misshandelt werden, als nicht oder kürzer gestillte Kinder (Kremer & Kremer 2017; Strathearn, 2009).

Auch die Mütter profitieren von einer längeren Stillzeit: Der protektive Effekt des Stillens vor einer Reihe mütterlicher Erkrankungen wie Mammakarzinom, Ovarialkarzinom, Diabetes mellitus Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Dosis-abhängig: Je länger eine Frau in ihrem Leben stillt, umso ausgeprägter ist die protektive Wirkung des Stillens (Victora et al., 2016).

Individuelle Nutzen-Risiko-Bilanz

Die große Mehrheit der langzeitgestillten Kinder behalten gesunde Milchzähne, wenn die grund­legenden Maßnahmen zur Kariesprophylaxe in der Familie umgesetzt werden. Das zeigen unsere Erfahrungen mit langzeitstillenden Familien und auch wissenschaftliche Daten: In einer aktuellen Analyse an 1918 gesunden kanadischen Kindern zwischen 1 und 6 Jahren mit einer Gesamtkaries­prävalenz von 13% zeigt (vergleichbar mit der Milchzahnkariesprävalenz in Deutschland), dass das Kariesrisiko zwar unter gestillten Kindern deutlich höher ist und mit der Stilldauer zunimmt, aber die große Mehrheit der ge­still­ten Kinder dennoch kariesfrei bleibt (Wong et al., 2017). Anhand eines aus diesen empirischen Daten abgeleiteten Modells schätzen die Autoren, dass das Kariesrisiko bei einer Stilldauer von 20 Monaten bei ~9%, 40 Monaten bei ~19% und 50 Monaten bei ~23% liegt (Wong et al., 2017). Das heißt, 91%, 81% und 77% der Kinder würden auch unter Weiterstillen kariesfreie Zähne erhalten und – zusammen mit ihren Müttern – von den zahlreichen Vorteilen des längeren Stillens profitieren.

Diese Fakten zeigen auf, dass die Gesamt-Nutzen-Risiko-Bilanz für längeres Stillen positiv ausfallen kann, auch wenn aus der Sicht der Kariesprophylaxe ein Abstillen nach dem Durchbruch der Zähne indiziert wäre. Bitte weisen Sie die Familien daher nicht generell an, nach dem Durchbruch der Zähne abzustillen. Karies ist eine multifaktorielle Erkrankung, der in vielen Fällen vorgebeugt werden kann, wenn die Basis-Risikofaktoren beherrscht werden.

Fortschreitende Karies

Lässt sich das Fortschreiten eines Kariesbefalls durch andere Maßnahmen nicht stoppen, dann kann das Einschränken des Stillens bei einzelnen Familien sinnvoll sein: in erster Linie das nächtliche Stillen nach dem abendlichen Zähneputzen und sehr häufiges Stillen. Für diese Umstellung brauchen die betroffenen Familien jedoch Zeit und Geduld.

Handreichungen zum Einschränken des Stillens für Eltern:

Quellen:

  • Avila WM, Pordeus IA, Paiva SM, Martins CC: Breast and bottle feeding as risk factors for dental caries: A systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2015 Nov 18;10(11):e0142922.
  • Cui et al.: Breastfeeding and early childhood caries: A metaanalysis of observational studies. Asia Pac J Clin Nutr 2017;26(5):867-880.
  • Kremer KP, Kremer TR: Associations between breastfeeding and maltreatment in childhood. Breastfeed Med 2017 Nov 10. doi: 10.1089/bfm.2017.0105
  • Peres KG, Cascaes AM, Nascimento GG, Victora CG. Effect of breastfeeding on malocclusions: A systematic review and metaanalysis. Acta Paediatr 2015; 104 (Suppl. 467): 54–61.
  • Peres RC, Coppi LC, Volpato MC, Groppo FC, Cury JA, Rosalen PL: Cariogenic potential of cows‘, human and infant formula milks and effect of fluoride supplementation. Br J Nutr 2009;101(3):376-82.
  • Sankar MJ, Sinha B, Chowdhury R, Bhandari N, Taneja S, Martines J, Bahl R: Optimal breastfeeding practices and infant and child mortality: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 2015 Dec;104(467):3-13.
  • Strathearn L, Mamun AA, Najman JM, O’Callaghan MJ. Does breastfeeding protect against substantiated child abuse and neglect? A 15-year cohort study. Pediatrics 2009 Feb;123(2):483-93.
  • Tham R, Bowatte G, Dharmage SC, Tan DJ, Lau M, Dai X, Allen KJ, Lodge CJ: Breastfeeding and the risk of dental caries: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr Suppl. 2015 Dec;104(467):62-84.
  • Victora CG, Bahl R, Barros AJ, França GV, Horton S, Krasevec J, Murch S, Sankar MJ, Walker N, Rollins NC; Lancet Breastfeeding Series Group: Breastfeeding in the 21st century: epidemiology, mechanisms, and lifelong effect. Lancet 2016;387(10017):475-90.
  • Wong PD, Birken CS, Parkin PC, Venu I, Chen Y, Schroth RJ, Maguire JL; TARGet Kids! Collaboration. Total breast-feeding duration and dental caries in healthy urban children. Acad Pediatr 2017 Apr;17(3):310-315. „

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