Stillen und verstärkte Neugeborenen-Gelbsucht (Ikterus)

Baby mit hohen Bilirubin-Werten liegt im Bilibed

Bei hohen Bilirubin-Konzentrationen bekommt das Neugeborene eine Fototherapie (© Paul Hakimata)

Neugeborenen-Gelbsucht (Ikterus), bei der sich die Haut vorübergehend gelb verfärbt, kommt zu einem gewissen Grad bei allen Babys vor. Der Ikterus stellt einen natürlichen Umstellungsprozess auf das Leben außerhalb des Mutterleibes dar. Die stärkste Ausprägung der Gelbsucht wird meistens zwischen dem 3. und 7. Tag nach der Geburt beobachtet. Der Ikterus geht innerhalb der ersten Wochen, spätestens nach 3 Monaten vorüber. Die Gelbsucht wird durch den gelbbraunen Gallenfarbstoff Bilirubin verursacht, der beim Abbau von roten Blutkörperchen entsteht. Man spricht daher auch von Hyperbilirubinämie.

Extrem hohe Bilirubin-Konzentrationen sind für die Hirnentwicklung schädlich (Kernikterus) und können zu einer bleibenden Behinderung führen. In Deutschland treten bei ~700.000 Geburten etwa 5–7 Kernikterus-Fälle pro Jahr auf. Um der Entwicklung von Kernikterus vorzubeugen, werden Neugeborene beobachtet und bei Bedarf frühzeitig durch eine Fototherapie behandelt, bei der Bilirubin durch blaues Licht in eine unschädliche Form umgewandelt wird. Auf diese Weise lassen sich langfristige Schäden zuverlässig vermeiden.

Manche Neugeborenen haben ein erhöhtes Risiko zu übermäßig erhöhten Bilirubin-Werten, darunter u.a. frühgeborene oder dehydrierte Babys, untergewichtige oder sehr kleine Neugeborene (Small for Gestational Age, SGA), bei einem großen Bluterguss z.B. nach einer Vakuum-Extraktion oder bei einer AB0-Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind. Auch Kinder von Müttern mit Diabetes oder Übergewicht zählen zur Risikogruppe. Eine verzögerte Ausscheidung vom Mekonium, dem ersten, stark Bilirubin-haltigen Stuhl, und ein zu starker Gewichtsverlust in den ersten Tagen nach der Geburt aufgrund einer verzögerten und zu geringen Nahrungsaufnahme, erhöhen ebenfalls die Gefahr. Bei diesen Risikogruppen ist es besonders wichtig auf die Ausscheidungen zu achten und diese zu protokollieren (siehe den Artikel Stuhlgang und Urin eines neugeborenen, gestillten Babys und unsere Vorlage für das Ausscheidungsprotokoll).

Bilirubin wird über den Stuhl ausgeschieden. Durch den Verzehr von Muttermilch wird die Ausscheidung vom Stuhl und somit von Bilirubin angeregt. Unzureichende Versorgung mit Muttermilch erhöht die Gefahr einer übermäßigen Gelbsucht. Ein gutes Stillmanagement trägt daher dazu bei, schädliche Bilirubin-Konzentrationen zu vermeiden:

  • Erstes Stillen direkt innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt, auch nach Kaiserschnitt
  • Das Baby bereits bei den ersten Hungerzeichen anlegen, insgesamt mindestens 8- bis 12-mal in 24 Stunden, d.h. alle 1–3 Stunden vom Anfang einer Stillmahlzeit bis zum Anfang der nächsten Stillmahlzeit
  • Auf ein gutes Anlegen mit effektivem Saugen und Milchtransfer achten und auch vom Fachpersonal überprüfen lassen
  • Das Baby sollte nichts anderes außer Muttermilch erhalten, insbesondere keinen Tee oder Wasser mit/ohne Zucker (Säuglingsnahrung wird manchmal gegeben, wenn die Milchbildung der Mutter z.B. aufgrund von zu späten und seltenen Brustentleerungen noch nicht ausreichend in Gang gekommen ist, siehe den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann)

Babys mit übermäßiger Gelbsucht werden lethargisch, schläfrig und trinkschwach und müssen zum Stillen alle zwei Stunden geweckt werden, damit sie die 8–12 Stillmahlzeiten am Tag erhalten (s. auch Ein schläfriges Baby zum Stillen wecken). Die Stillmahlzeiten und die Uhrzeiten sollten neben den Ausscheidungen ebenfalls protokolliert werden, um sicherzustellen, dass das Baby häufig genug trinkt. Wenn das Baby nicht oft oder effektiv genug trinkt, muss die Milchbildung über zusätzliche Entleerung der Milch per Hand oder Pumpe aufrechterhalten und gesteigert werden (z.B. nach jeder Stillmahlzeit oder 8- bis 12-mal in 24 Stunden), die gewonnene Milch soll dem Baby gegeben werden – idealerweise mit alternativen Fütterungsmethoden, d.h. per Löffel, Becher, Ernährungssonde oder Brusternährungsset (siehe auch den Artikel Stillschwierigkeiten im Frühwochenbett: erste Hilfsmaßnahmen).

In aller Regel reichen die sorgfältige Ernährung des Babys mit Muttermilch und eine Fototherapie aus, um die Bilirubinwerte zu senken.

Es gibt verschiedene Apparaturen zur Fototherapie:

  • Bei der traditionellen Form (siehe Bild oben) wird das Baby von oben mit Blaulicht bestrahlt. Für diese Therapieform müssen die Augen mit einer Klappe geschützt werden, außerdem wird das Baby vorübergehend von der Mutter getrennt. Auch in diesem Fall sollte das Baby etwa alle zwei Stunden gestillt werden (vom Beginn einer Stillmahlzeit bis zum Beginn der nächsten Stillmahlzeit) und nach dem Stillen unverzüglich unter die Lampe gelegt werden.
  • Bei neueren Therapieformen liegt das Baby auf einem transportablen Bili-Teppich oder in einem Bili-Schlafsack. Das Licht kommt von unten, das Baby wird zugedeckt. Auf diese Weise sind keine Augenklappen erforderlich und das Baby kann bei der Mutter bleiben. Auf dem Bili-Teppich kann das Baby sogar gestillt werden.
  • Seit Neuestem gibt es auch ambulante Fototherapien, diese werden jedoch nur von einzelnen Ärzten durchgeführt. Bei einer ambulanten Fototherapie erhält die Familie eine Bilirubinlampe mit einer Lichtdecke mit nach Hause. Diese Therapieform ist besonders günstig, weil Mutter und Kind nicht voneinander getrennt werden müssen und mehr Körper- und Hautkontakt praktizieren können als bei einem Aufenthalt in der Kinderklinik. Auf diese Weise werden die Mutter-Kind-Bindung und das Stillen gefördert.

Es hängt vom Krankenhaus bzw. dem behandelnden Kinderarzt ab, welche Apparaturen zur Fototherapie zur Verfügung stehen. Mit etwas Durchsetzungsvermögen können die Mütter manchmal erreichen, dass sie für die Phototherapie nicht von ihren Babys getrennt werden. Bei Blaulicht-Apparaturen, die von oben bestrahlen, kann sich die Mutter auch mit unter die Lampe legen und sich mit einer Sonnenbrille vor den Strahlen schützen. Währenddessen kann sie mit ihrem Baby Haut an Haut kuscheln, was die Bindung und die Bildung der Stillhormone unterstützt, und ggf. sogar stillen.

In vielen Krankenhäusern ist es ungewöhnlich, dass Mutter und Kind während der Phototherapie zusammenbleiben. Fragt die Mutter, ob das möglich wäre, erhält sie tendenziell eine negative Antwort. Wenn sie stattdessen als selbstbewusste Kundin des Krankenhauses darauf besteht, von ihrem Kind nicht getrennt zu werden, und danach fragt, wie das Zusammenbleiben umsetzbar ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Lösung gefunden.

In vielen Fällen reicht eine 48-stündige Fototherapie  aus, um die Bilirubinwerte ausreichend zu senken, die Werte müssen aber weiterhin regelmäßig kontrolliert werden, bis sie von allein weitersinken.

Ist bei einem „Muttermilch-Ikterus“ eine Stillpause oder sogar ein Abstillen erforderlich?

Bei gestillten Neugeborenen kommt eine übermäßige Gelbsucht öfter vor und diese dauert länger als bei künstlich ernährten Säuglingen. Aus diesem Grund ist die Bezeichnung „Muttermilch-Ikterus“ entstanden. Diese Bezeichnung ist allerdings höchst umstritten und irreführend, weil sie impliziert, dass Muttermilch zum Ikterus führe, also dem Kind schade. Das stimmt natürlich nicht. Stillen ist die Norm und die künstliche Ernährung die ungesunde Abweichung von dieser Norm. Abstillen aufgrund einer Neugeborenen-Gelbsucht ist daher nicht sinnvoll und würde deutlich mehr schaden als helfen. Es ist bislang nicht eindeutig geklärt, warum künstlich ernährte Säuglinge seltener und weniger stark Gelbsucht haben. Vermutlich fangen bestimmte Eiweißkomponenten in der künstlichen Säuglingsmilch Bilirubin ab, welche in der Muttermilch nicht vorkommen.

Durch die Fototherapie und eine ausreichende Ernährung des Säuglings mit Muttermilch kann eine übermäßige Gelbsucht in den meisten Fällen bereits effektiv therapiert werden. Nur, wenn die Milchbildung der Mutter vorübergehend noch nicht ausreichen sollte, um das Baby ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren, sollte künstliche Säuglingsmilch vorübergehend zugefüttert werden (siehe auch den Artikel Stillschwierigkeiten im Frühwochenbett: erste Hilfsmaßnahmen).

Allerdings kann es sein, dass der Kinderarzt bei über Wochen anhaltenden erhöhten Bilirubinwerten eine Stillpause verordnet, da die Bilirubinwerte durch die künstliche Säuglingsmilch schneller sinken als durch Muttermilch allein. Lassen sich die Bilirubinwerte durch die künstliche Säuglingsmilch schnell senken, dann kann der Arzt außerdem andere Ursachen für den anhaltenden Ikterus ausschließen, wie z.B. bestimmte angeborene Enzymdefekte. Daher wird eine Stillpause bei hohen Bilirubinwerten relativ häufig verordnet. In einem solchen Fall sollte die Milchbildung der Mutter weiter aufrechterhalten und gesteigert werden, um nach der Stillpause mit dem Stillen fortzufahren: Hierzu wird die Brust per Hand und/oder mit einer elektrischen Krankenhaus- oder Verleih-Milchpumpe mit Doppelpumpset 8- bis 12-mal in 24 Stunden entleert (siehe den Artikel Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch), die Milch kann als Vorrat für spätere Zeiten eingefroren werden. Das Kind sollte die künstliche Milch idealerweise aus einem Becher erhalten, um das Risiko einer Saugverwirrung zu reduzieren.

Laut der S2k-Leitlinie „Hyperbilirubinämie des Neugeborenen – Diagnostik und Therapie“ (2015) der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kann bereits die tägliche Gabe von 6–8 x 5 ml künstlicher Säuglingsmilch (also etwa bei jeder zweiten Stillmahlzeit 5 ml) die Bilirubinwerte auf das Niveau von Babys senken, die ausschließlich mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährt werden. Das bedeutet, eine Stillpause kann vermieden werden, die Zufütterung von geringen Mengen Säuglingnahrung hat denselben Effekt wie eine komplette Umstellung auf die künstliche Säuglingsnahrung.

Quellen:

  • Academy of Breastfeeding Medicine: Clinical Protocol #22: Guidelines for management of jaundice in the breastfeeding infant equal to or greater than 35 weeks’ gestation. Breastfeeding Medicine 2010;5(2).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S2k-Leitlinie Hyperbilirubinämie des Neugeborenen – Diagnostik und Therapie (08/2015)
  • Schwaiger P, Prothmann A: Hyperbilirubinämie. Laktation & Stillen 2017/02 S. 25-29.
  • von der Ohe G, Schwaiger P: Therapie zur Gelbsucht: Diskussion um „Muttermilch-Ikterus“ und die Zufütterung von Formulanahrung. Laktation & Stillen 2017/03 S. 4-5.
  • Wambach K, Riordan J: Breastfeeding and Human Lactation. Jones & Bartlett Learning. 2015, 5. Aufl.
  • Wilson-Klay B, Hoover K: The Breastfeeding Atlas. LactNews Press, 2013, 5. Aufl.

 


Weitere Online-Publikationen zum Thema:


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2018. Letzte Änderung: September 2018.