Warum das Stillen häufig nicht klappt

Die Mutter gebärt im Krankenhaus

Der natürliche Geburtsprozess gerät in vielen Krankenhäusern durcheinander.

Stillen beruht auf einer hochkomplexen Interaktion zwischen Mutter und Kind, die sehr empfindlich gegenüber Störfaktoren ist. Die Krankenhausroutine ist in vielen Entbindungskliniken sehr ungünstig für die Etablierung einer funktionierenden Stillbeziehung, da sie in den natürlichen Ablauf der Geburt und der Neugeborenenzeit eingreift. Darüber hinaus fehlt es den Müttern oft an Unterstützung und positiven Vorbildern. Im Laufe der Industrialisierung haben sich in der westlichen Welt außerdem Traditionen etabliert, die einem erfolgreichen Stillen im Wege stehen. Eine Reihe von Umständen wirken sich aufs Stillen nachteilig aus.

Medikamente während der Geburt

Schmerzmittel, Narkotika, Wehenmittel und eine ganze Reihe weiterer Medikamente unter der Geburt wirken nicht nur auf die Mutter, sondern auch auf das Baby. Dadurch wird das Baby nach der Geburt schläfrig und benommen, sein angeborenes Such- und Andockverhalten kommt durcheinander. Schläfrige Babys saugen seltener und nicht so effektiv an der Brust wie muntere Babys und regen die Milchbildung daher nicht so effektiv an. Auch die intuitiven mütterlichen Reaktionen unmittelbar nach der Geburt können sich durch die Medikamente verändern, wodurch die feine Abstimmung zwischen Mutter und Baby gestört wird. Infusionen unter der Geburt können den Stillstart ebenfalls erschweren, da sie zu Anschwellungen des Brustwarzenbereichs und zu einer gewissen Überwässerung beim Baby führen können. Das erschwert das Andocken nach der Geburt und kann möglicherweise auch den Appetit des Babys beeinträchtigen, sodass die Milchbildung durch das Baby nicht ausreichend angeregt wird (über Zusammenhänge der Milchbildung s. Die Milchmenge steigern, wie man mehr Milch bilden kann). Eine Geburt ohne Medikamente ist aus der Sicht des Stillens am besten. Wenn Schmerzmittel eingesetzt werden, sollten möglichst diejenigen bevorzugt werden, die das Baby weniger beeinträchtigen. Medikamente sind bei manchen Geburten jedoch unverzichtbar. Bei einem guten anschließenden Stillmanagement (richtiges und häufiges Anlegen rund um die Uhr, ggf. sanftes Wecken des Babys und / oder Entleerung der Brust per Hand oder Pumpe, emotionale und praktische Unterstützung) können die Anfangsschwierigkeiten überwunden werden.

Trennung von Mutter und Kind direkt nach der Geburt

schreiendes Neugeborenes auf einem medizinischen Tisch

Das Baby wird nach der Geburt von der Mutter weggenommen, um es zu wiegen, messen und medizinisch zu untersuchen

Früher war es üblich, das Neugeborene von der Mutter gleich nach der Entbindung zu trennen. Es ist inzwischen klar geworden, dass direkter, ungestörter Hautkontakt in den ersten Stunden nach der Geburt nicht nur die Mutter-Kind-Bindung fördert, sondern auch das spätere Stillen erleichtert. Legt man das Neugeborene gleich nach der Geburt auf den nackten Bauch oder die Brust der Mutter, oder nimmt die Mutter das Kind selber hoch, fängt das Baby nach einer ersten Verschnaufpause an, nach der Brust der Mutter zu suchen. Es hebt den Kopf, bewegt sich ohne Hilfe zur Brust, nimmt die Brustwarze in den Mund und fängt an zu saugen. Dafür braucht es durchschnittlich etwa 60 Minuten. Medikamente während der Geburt und eine Trennung des Kindes von der Mutter für Untersuchungen und ärztliche Routinemaßnahmen stören diesen Prozess. In solchen Fällen braucht das Baby wesentlich länger, bis es an der Brust saugen kann. Häufig schläft es sogar vorher ein. Aber auch, wenn das Baby nur den Warzenhof berührt oder leckt, ist dies schon hilfreich für einen erfolgreichen Stillstart (siehe auch Erstes Stillen nach der Geburt).

In immer mehr Krankenhäusern dürfen Mutter und Kind nach der Geburt mehrere Stunden im Kreißsaal ungestört, aber unter der Aufsicht einer Hebamme, zusammen verbringen. Die erste Untersuchung des Babys (U1) wird erst vorgenommen, nachdem das erste Stillen stattgefunden hat. Die Babys werden nicht einmal gebadet, sondern nur trockengetupft. Das sind optimale Bedingungen für den Stillbeginn.

Neugeborene, die gleich nach der Geburt nicht an der Brust trinken konnten, schlafen häufig besonders lange. In solchen Fällen soll man versuchen, das Baby in regelmäßigen Zeitabständen behutsam zu wecken und den Suchreflex durch Berühren der Lippen mit der Brustwarze auszulösen. Sobald der Suchreflex da ist, kann das Baby gestillt werden.

Kaiserschnitt

Eine Kaiserschnittentbindung hat mit einer natürlichen Geburt nicht viel gemeinsam und eine Reihe verschiedener körperlicher Prozesse geraten bei Kind und Mutter durcheinander. So ist der Milchspendereflex der Mutter in der Anfangszeit gestört. Auch das Kind hat häufig Anpassungsschwierigkeiten, ist schläfrig und kann nicht effektiv saugen. Das Kind wird oft mehrere Stunden später zum ersten Mal angelegt als bei einer natürlichen Geburt. Außerdem braucht die Mutter in den ersten Tagen immer Assistenz, wenn sie ihr Kind anlegen will, was öfter dazu führt, dass das Kind zu selten gestillt wird. Als Folge verzögert sich der Milcheinschuss.

Kaiserschnitt hat bei Komplikationen seine Berechtigung und lässt sich deshalb nicht immer vermeiden. Durch möglichst frühes und häufiges Anlegen und etwas Geduld kann man die Anfangsschwierigkeiten meistern. Eine Zufütterung soll nur bei medizinischen Indikationen erfolgen. Mehr zum Thema s. im Artikel Stillen nach Kaiserschnitt.

Trennung von Mutter und Kind im Wochenbett

Von der Mutter weggenommen schreien Babys viel und haben keinen Zugang zur Brust

Von der Mutter weggenommen schreien Babys viel und haben keinen Zugang zur Brust

Während Stillen nach Bedarf und erstes Anlegen nach der Geburt mittlerweile in fast allen deutschen Krankenhäusern die Norm sind, ist 24-Stunden-Rooming-in noch keine Selbstverständlichkeit. Das Zusammensein von Mutter und Kind rund um die Uhr ist dabei eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Stillbeziehung, denn es ermöglicht das Stillen nach Bedarf. Das Kind soll bei den ersten Zeichen von Hunger angelegt werden. Frühe Hungerzeichen sind z.B. Unruhe, Saugbewegungen oder Hin- und Herdrehen des Kopfes auf der Suche nach der Brust. Schreien ist ein bereits spätes Zeichen von Hunger (mehr zu den Hungerzeichen s. im Artikel Das korrekte Anlegen).

Insbesondere nachts werden die Babys in vielen Krankenhäusern eingesammelt und auf das Säuglingszimmer gebracht, damit die Mütter sich nach der Geburt erholen können. Selbst wenn die Möglichkeit besteht, die Kinder auch nachts zu behalten, wird dies einer Erhebung zufolge von nur 10% der Mütter wahrgenommen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Mütter die Kinder nicht zu sich ins Bett nehmen können, wenn die Betten zu schmal, zu hoch und ungesichert sind. So könnte das Baby gefährdet sein, wenn die Mutter einschläft. Keine Mutter kann sich erholen, wenn sie nachts das Kind zum Stillen aus dem Bettchen nehmen und es nach dem Stillen wieder zurücklegen muss. Wenn Mutter und Kind sicher zusammenschlafen können, kann die Mutter ihr Kind im Halbschlaf stillen und während des Stillens wieder mit ihm einschlafen. Unter solchen Umständen erholt sich die Mutter sogar besser, als wenn das Kind von ihr getrennt im Säuglingszimmer liegt (s. auch Stillen in der Nacht).

Eine Trennung von Mutter und Kind verursacht verschiedene Stillprobleme: Durch die lange Nachtpause wird die Milchproduktion der Mutter nicht ausreichend angeregt. Zu wenig Milch kann die Folge sein. In solchen Fällen wird leider oft zugefüttert. Bei anderen Müttern können spannende Brüste infolge der initialen Brustdrüsenschwellung, Milchstau und wunde Brustwarzen resultieren. Aber auch sonst hat eine Trennung nachteilige Auswirkungen. Sie kann eine Depression bei der Mutter fördern und ihr Selbstvertrauen in der Säuglingspflege schwächen. Den Säugling setzt eine Trennung extremem Stress aus. In früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte bedeutete eine Trennung von der Mutter akute Lebensgefahr. Babys schreien in diesen Fällen instinktiv um ihr Leben.

In manchen Krankenhäusern werden die Neugeborenen nicht mehr in Kleider gesteckt. Sie verbringen den ganzen Tag bei ihren Müttern an der Brust und in engem Hautkontakt. Auf solchen Wochenstationen hört man kaum ein Baby schreien (s. auch Mit Tragetüchern die Milchbildung fördern).

Suboptimales Anlegen

Das richtige Anlegen eines Babys zum Stillen ist alles andere als trivial. Wir müssen es gezeigt bekommen und einüben. Leider erhalten frischgebackene Mütter nicht immer die notwendige Unterstützung, die sie bräuchten. Oder sie trauen sich nicht, die gestressten Hebammen und Schwestern zu „stören“. Dabei ist es ganz wichtig, dass bei den ersten Anlegeversuchen jemand assistiert, die die Mutter anleiten kann. Wenn das Baby nicht richtig angelegt wird, kann es nicht effektiv trinken. Zudem wird die Brustwarze durch die falsche Beanspruchung wund, was das weitere Stillen sehr schmerzhaft macht (siehe Wunde Brustwarzen). Auch beim Milcheinschuss können Probleme mit dem Anlegen entstehen, weil das Baby die Brustwarze bei einer zu prallen Brust nicht richtig erfassen kann (siehe Initiale Brustdrüsenschwellung). Mehr zum optimalen Anlegen siehe im Artikel Das korrekte Anlegen).

Forcieren

Lässt man dem Baby Zeit, selber die Brust zu finden, wird es auf die richtige Art und Weise an der Brust „andocken“. Manchmal sind die Erwachsenen jedoch ungeduldig und drehen den Kopf des Babys in Richtung Brust oder schieben die Brustwarze in den unwilligen Mund. Dies kann einen Reflex hervorrufen, bei dem das Baby die Zunge aufwärts gegen den Gaumen schiebt und so das Saugen unmöglich macht. Die sogenannte Brustscheu kann auf diese Weise beginnen. Daher soll man niemals mit Druck versuchen, ein Baby anzulegen. Ein schläfriges Baby soll sanft geweckt und zum Stillen animiert werden. Ansonsten sollen die Hungerzeichen des Babys beachtet werden.

Zufüttern

Neugeborenes wird mit Flasche gefüttert

Zufüttern ohne medizinischen Grund untergräbt den Stillerfolg

Zufüttern bei vermeintlich ungenügender Milchproduktion untergräbt ganz erheblich den Stillerfolg: Wegen mangelnden Bedarfs wird die Milchproduktion nicht ausreichend angeregt. Es wird noch mehr zugefüttert, und es entsteht ein Teufelskreis, der zum Abstillen führt. Manchmal dauert es länger, bis die Milch einschießt. Dies kann bei sehr langen, anstrengenden Geburten der Fall sein, oder wenn Komplikationen während der Geburt auftreten. Auch Medikamente unter der Geburt, Kaiserschnitt und Trennung von Mutter und Kind verzögern den Milcheinschuss.

  • Eine Zufütterung soll nur auf medizinische Indikation hin möglichst nur vorübergehend geschehen, z.B. wenn beim Neugeborenen ein Gewichtsverlust von mehr als 10% des Geburtsgewichtes entsteht. Statt der Saugflasche sollte dann möglichst mittels alternativer Fütterungstechniken zugefüttert werden, um dem Risiko der Saugverwirrung vorzubeugen. Das medizinische Fachpersonal ist idealerweise in diesen alternativen Fütterungsmethoden geschult.
  • Um die Milchbildung anzuregen, sollte das Baby oft an der Brust trinken, im Schnitt 10-12-mal täglich. Am ersten Tag nach der Geburt trinken Babys weniger als 100 ml, nach 4 Tagen und bei pünktlichem Milcheinschuss bereits durchschnittlich 600 ml am Tag. Wie oft Babys später trinken, ist nicht nur individuell sehr unterschiedlich. Auch bei dem einen und selben Stillpaar kann die Häufigkeit der Stillmahlzeiten von Tag zu Tag variieren. In einer australischen Studie mit 71 erfolgreich vollstillenden Müttern wurde durchschnittlich 11-mal am Tag gestillt. Die Stillhäufigkeit variierte zwischen 6- und 18-mal am Tag.

Schnullerbenutzung

SchnullerDer Effekt der Schnullerbenutzung auf den Stillerfolg war lange umstritten. Mittlerweile ist die nachteilige Wirkung von früher Schnullerbenutzung auf die Stilldauer belegt. Es wird empfohlen, dass zumindest in den ersten 4 Wochen, besser gänzlich, auf Schnuller verzichtet wird.

Die negative Wirkung des Schnullers auf das Stillen wird auf folgende Weise erklärt: Das Baby befriedigt mit dem Schnuller einen Teil seines Saugbedürfnisses. Weniger saugen an der Brust und dadurch zu wenig Milch können die Folge sein. Außerdem kann das Saugen am Schnuller insbesondere in den ersten Tagen und Wochen das Erlernen des richtigen Saugens an der Brust stören. Dies kann wunde Brustwarzen und Saugverwirrung verursachen. Insgesamt stellen Schnuller kein so eindeutiges Problem wie Saugflaschen dar. Bei manchen Mutter-Kind-Paaren verursachen sie keine Probleme. Bei anderen kann exzessive Schnullerbenutzung jedoch zu Stillproblemen und evtl. Gedeihstörungen führen.

Häufiges Wiegen

In den Geburtskliniken war es lange gang und gäbe, die Trinkmenge durch Wiegen vor und nach jeder Stillmahlzeit zu ermitteln, um bei Bedarf zuzufüttern. Diese Praxis spiegelt das Misstrauen gegenüber der mütterlichen Stillfähigkeit wieder und dadurch wird natürlich auch die Mutter verunsichert. Es wird schnell zur Flasche gegriffen. Außerdem setzt das häufige Wiegen Mutter und Kind unnötigem Stress aus, der sich wiederum nachteilig aufs Stillen auswirkt.

Einmal am Tag Wiegen reicht in der Regel aus, um das Gedeihen des Säuglings in den ersten Tagen beurteilen zu können. Nach der Klinikentlassung kann man das Wiegen normalerweise auf die Vorsorgeuntersuchungen beschränken. In seltenen Fällen, wenn das Baby nicht erwartungsgemäß zunimmt, hilft gelegentliches Wiegen (z.B. einmal die Woche), um den Gewichtsverlauf zu verfolgen.

Stillen nach der Uhr

UhrZum Glück kommt Stillen nach der Uhr aus der Mode. Es sind verschiedene Gegenargumente bekannt. Erstens hat sich herausgestellt, dass es große individuelle Unterschiede in der Speicherkapazität der Brust gibt. Auch rechte und linke Brust produzieren bei jeder Frau unterschiedlich viel Milch. Die Häufigkeit des Stillens richtet sich nach der Speicherkapazität der Brust. Je kleiner die Speicherkapazität, umso häufiger muss gestillt werden, damit das Baby gut versorgt ist.

Das Baby reguliert die Milchproduktion u.a. durch die Stillhäufigkeit. Deshalb ist Stillen nach Bedarf essentiell für die Anpassung der Milchproduktion an die Bedürfnisse des Säuglings.

Die Idee, dass Babys in regelmäßigen Zeitabständen gestillt werden müssen, stammt ursprünglich aus dem Mittelalter. Damalige Gelehrten meinten, dass zu häufiges Stillen zu Verdauungsproblemen führe, da sich angeblich große Milchmengen im Magen stauen. Der Gedanke, dass sich frische Milch mit unverdauter Milch im Magen mischt und dadurch Koliken verursacht, stammt von Ettmuller aus dem Jahre 1703 und entbehrt jeglicher Grundlage. Heute schätzt man, dass Muttermilch innerhalb von anderthalb Stunden verdaut wird. Seit der Industrialisierung wurde die Notwendigkeit, den Alltag nach der Uhr zu richten, auf die Säuglingspflege mit ausgedehnt. Außerdem verfestigte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts der Gedanke, dass Kinder verzogen werden, wenn man auf ihr Schreien durch Hochnehmen oder Stillen reagiert. Da sich mittlerweile das Gegenteil herausgestellt hat, spricht nichts mehr gegen Stillen nach Bedarf. Das Baby kann immer an die Brust angelegt werden, unabhängig davon, ob es zuletzt vor 10 Minuten, 1 Stunde oder längerer Zeit gestillt wurde.

Auch wenn der Stillstart durch fehlende Unterstützung und falsche Informationen erschwert war, kann durch die Umstellung des Stillmanagements häufig erfolgreich gestillt werden. Sehr hilfreich dabei ist, wenn man sich z.B. in einer Stillgruppe oder bei einer Still- und Laktationsberaterin IBCLC kompetente Unterstützung holt (siehe auch unser Stillberatungsverzeichnis) . Selbst wenn die Mutter nicht mehr stillt oder nie gestillt hat, ist eine Relaktation theoretisch möglich.

Quellen:

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  • Persönliche Erfahrungen

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Änderungen: August 2017.