Zu viel Milch beim Stillen

Baby beim Bäuerchen

Wenn die Mutter zu viel Milch bildet, muss das Baby oft aufstoßen (© Jan Miks)

Zu viel Milch (in der Medizin Hyperlaktation or Hypergalaktie genannt) kommt in der ersten Zeit nach der Geburt bei vielen Müttern vor. Am Anfang der Stillzeit wird die Milchbildung nämlich noch nicht nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, sondern hormonell reguliert. Erst im Laufe der Wochen stellt sich die Milchbildung auf die Bedürfnisse des Kindes ein. Ein Milchüberschuss ist außerdem häufig mit einem überschießenden Milchspendereflex verbunden.

Folgende Symptome können ein Hinweis für eine übermäßige Milchbildung sein:

  • Bei der Mutter:
    • Spannende Brüste, die sich nie richtig entleeren
    • häufige Milchstaus und Brustentzündungen
    • starker und schmerzhafter Milchspendereflex
    • Milch läuft dauernd auch zwischen den Mahlzeiten aus der Brust
    • Nachts kann die Mutter aufgrund ihrer überfüllten Brüste regelmäßig nicht schlafen, während das Baby kein Interesse am Stillen zeigt.
    • Wenn das Baby den starken Milchfluss mit einem Zungenstoß stoppen will, können Schmerzen und auch wunde Brustwarzen resultieren.
  • Beim Säugling:
    • Husten, Verschlucken, an der Brust, da das Baby die großen Milchmengen gar nicht schucken kann
    • Milch fließt beim Stillen aus den Mundwinkeln
    • Unruhe, Zurücklehnen von der Brust beim Stillen, manchmal Brustverweigerung
    • schnalzende, klickende Geräusche beim Stillen, die dadurch zustande kommen, dass das Baby aufgrund des überwältigenden Milchflusses den Saugschluss löst
    • Spucken / Erbrechen
    • Starke Gasbildung
    • Häufiger, reichlicher, evtl. grünlicher, schaumiger Stuhl, der sich explosiv entleert
    • gelegentlich sogar eine Verweigerung der Brust

Bei zu viel Milch spuckt das Baby viel und nimmt manchmal prächtig zu (> 30g / Tag in den ersten drei Monaten). Die Mütter beschreiben, dass ihre Babys oft Bäuerchen machen, sogar während der Stillmahlzeiten. Die Babys haben oft Mühe, an der Brust zu bleiben oder müssen von der Brust genommen werden, damit sie wieder Luft bekommen. Auch eine Brustverweigerung und im ungünstigen Fall eine Gedeihstörung können resultieren, d.h. das Baby nimmt nicht mehr ausreichend zu, weil es nicht genug Muttermilch oder nur die kalorien- und fettarme Vordermilch erhält. Die Hintermilch wird nämlich erst gebildet, wenn das Baby die Brust weitgehend entleert, was das Baby bei einer übermäßigen Milchbildung nicht schaffen kann. Eventuell ist das Baby unruhig und schreit viel. Dadurch, dass das Baby viel Luft schluckt, muss es viel aufstoßen und entleert explosive Stühle.

Abpumpen, das bei Milchstaus und Brustentzündungen oft eingesetzt wird, um die Brust zu leeren, kann die Milchbildung ebenfalls übermäßig anregen, sodass das es zu einer Überproduktion von Muttermilch kommt. Das Pumpen sollte dann langsam ausgeschlichen werden.

Vorgehensweise bei einer übermäßigen Milchbildung:

  • Damit das Baby auch an die kalorienreiche Hintermilch herankommt, sollte das Baby pro Mahlzeit nur eine Brust bekommen. Wenn das Baby innerhalb einer Stunde an die Brust zurückkehren will, kann immer noch dieselbe Brust angeboten werden. Wenn die andere Brust zu sehr spannt, kann die Mutter ein wenig Milch entleeren, damit die Brust sich wieder besser anfühlt.
  • Block-Stillen: Einige Autoren empfehlen, dass innerhalb von 3 Stunden immer nur dieselbe Brust angeboten wird und nicht zur zweiten Brust gewechselt wird. Ist die ruhende Brust sehr voll, reguliert sich die Milchbildung herunter.
  • Abpumpen und Handentleeren sollen eingestellt bzw. langsam auf das erforderliche Minimum reduziert werden, um die Milchbildung nicht unnnötig anzukurbeln. Denn starkes und häufiges Entleeren der Brust über die Bedürfnisse des Babys hinaus kurbelt die Milchbildung unnötig an.
  • Damit sich das Baby an der Milch nicht verschluckt, kann die Mutter in einer zurückgelehnten Position stillen (siehe auch den Beitrag “Laid-back-Nursing” bei den Stillpositionen). Gegen die Schwerkraft fließt die Milch langsamer.
  • Die Mutter kann vor den Mahlzeiten zum Auslösen des ersten Milchspendereflexes ein wenig Milch entleeren. Dann schießt die Milch weniger kräftig, wenn das Baby anfängt zu saugen.
  • Auch Stillhütchen werden bei starkem Milchspendereflex öfter empfohlen. Diese können das Spritzen der Milch verhindern. Allerdings haben Stillhütchen unerwünschte Nebenwirkungen und sollen nur eingesetzt werden, wenn ein Abstillen sonst unvermeidlich ist.
  • Wenn das Kind die Brust aufgrund der überschießenden Milch ablehnt und die ersten Maßnahmen noch nicht ausreichend helfen, dann kann die Brust vor dem Stillen per Hand oder Pumpe entleert werden. Dann kann das Baby wieder an die Brust angelegt werden. Wenn die Brust nicht mehr so voll ist, dann läuft die Milch langsamer und das Baby kann wieder gut trinken. Die abgepumpte Milch kann dem Baby z.B. aus einem Becher gefüttert werden.
  • Nimmt die Mutter Medikamente, dann sollten diese überprüft werden. Manche Antidepressiva, Antihistaminika, Antihypertensiva und andere Medikamente können den Milchfluss steigern.
  • Gelegentlich wird die Milchmenge auch mithilfe von Heilpflanzen (Pfefferminz- oder Salbei-Tee sowie durch Salbeiextrakte) reduziert.
  • Meist ist die übermäßige Milchbildung veranlagt und reduziert sich im Laufe der Wochen und Monate von allein, weil die in den Milchdrüsen zurückgebliebene Milch die weitere Milchproduktion hemmt. Wenn die Überproduktion  trotz der beschriebenen allgemeinen Maßnahmen nicht abklingt, empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung. Möglicherweise liegt eine Hyperprolaktinämie vor, verursacht z.B. durch eine Schilddrüsenüberfunktion. Auch andere hormonelle Erkrankungen können zur einer Überproduktion von Milch führen.
  • In schweren Fällen – bei starken Schmerzen, wiederholten Milchstaus und Brustentzündungen – lässt sich die Milchbildung medikamentös durch einzelne Dosen von Pseudoephedrin bereits effektiv reduzieren (eine Einzeldosis von 60 mg reduzierte in einer Studie die Milchmenge um durchschnittlich 24%; wiederholte Dosen bringen die Milchbildung zum Erliegen). Auch östrogenhaltige Verhütungsmittel reduzieren die Milchbildung effektiv. Bei medikamentösen Eingriffen in die Milchbildung ist eine professionelle Begleitung am besten durch eine erfahrene Still- und Laktationsberaterin unerlässlich, die Ausscheidungen wie die Gewichtsentwicklung des Babys sollten eng beobachtet werden (siehe auch Zu wenig Milch).

Im Laufe der ersten Monate normalisiert sich die Milchbildung in aller Regel von allein. Die Probleme mit den häufigen Milchstaus, Brustentzündungen und den unruhigen, spuckenden Babys nehmen ab, die Stillzeit kann anschließend noch lange genossen werden. Wenn die Mutter nicht mehr unter zu viel Milch leidet, ist es nicht mehr erforderlich, dass sie pro Mahlzeit nur eine Brust anbietet. Viel mehr soll Stillen anhand der kindlichen Signale stattfinden und wenn das Kind Interesse an der zweiten Brust zeigt, darf es auch daran trinken. Laut dem kanadischen Stillberater Dr. Jack Newmann kann die Milchmenge zu sehr zurückgehen und zu einer unzureichenden Milchbildung führen, wenn das Block-Stillen zu lange und rigide verfolgt wird.

Quellen:

  • Kämmerer B, Korsch E: Klinische Bedeutung von Hypergalaktie und überaktivem Milchspende-Reflex. Gynäkologische Praxis 2017;42,81–87.
  • Trimeloni L, Spencer J: Diagnosis and Management of Breast Milk Oversupply. J Am Board Fam Med 2016;29:139–142.
  • Berens P, Eglash A, Malloy M, Steube A, Academy of Breastfeedinf Medicine: ABM Clinical Protocol #26: Persistent Pain with Breastfeeding. Breastfeeding Medicine 2016;11(2).
  • Newman J, Pitman T: Dr. Jack Newman´s Guide to Breastfeeding. Pinter & Martin Ltd, 2014.
  • Walker M: Breastfeeding Management for the Clinician. Using the evidence. Jones & Bartlett Learning, 2013, 3. Aufl.
  • Aljazaf K, Hale TW et al. Pseudoephedrine: effects on milk production in women and estimation of infant exposure via breastmilk. Br J Clin Pharmacol 2003;56:18-24.

 


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Ergänzungen: Juli 2017.