Baby unruhig beim Stillen

Baby schreit an der Brust

Es ist besorgniserregend, wenn das Baby an der Brust unruhig ist. (© Kanstantsin Prymachuk)

Für eine Mutter ist es besorgniserregend, wenn ihr Baby an der Brust oder nach dem Stillen unruhig ist. Der folgende Artikel listet zahlreiche mögliche Ursachen für Unruhe an der Brust auf und zeigt verschiedene Lösungsvorschläge.

Manchmal wird ein normales Stillverhalten seitens des Säuglings als „Unruhe“ interpretiert. Neugeborene docken manchmal mehrfach mit weniger offenem Mund an, bevor sie den Mund richtig groß aufmachen und zum richtigen Stillen andocken. Manchmal trinken Babys häufig und für jeweils kurze Zeit und docken an, ab, wieder an, ab, dösen zwischendurch usw. Wieder andere Babys trinken zunächst zügig und effektiv und nach einer Weile geht es mit der „Unruhe“ los, indem sie nicht mehr richtig trinken, sondern oft ab- und andocken. All das kann ein normales Stillverhalten darstellen, wenn das Baby dabei ausreichend Ausscheidungen hat und gut zunimmt. Es ist hilfreich, das Baby in einem Bonding-Tuch, Tragetuch oder einer Babytrage auf der nackten Haut so zu tragen, dass es immer Zugang zur Brust hat. Dann kann sich das Baby an der Brust bedienen, wenn es möchte, und die Mutter kann sich frei bewegen. Hierzu muss das Baby evtl. weiter unten als zum Tragen üblich eingebunden werden oder die Gurte des Schulterriemens werden vorübergehend gelockert, damit der Mund des Babys auf der Höhe der Brustwarzen liegt, ggf. kann die Brust mit einer Rolle etwas hochgehoben werden.

Baby im Tragetuch in Haut-zu-Haut-Kontakt

Wenn das Baby viel Zeit in Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter verbringt, wird es sich öfter zum Stillen melden, ruhiger und besser trinken. (© Rafael Ben-Ari)

Viel Haut-zu-Haut-Kontakt am ganzen Tag, ungehinderter Zugang zur Brust und Stillen nach Bedarf, egal wie häufig das Baby an der Brust trinken und nuckeln möchte, wirken sich auf alle Aspekte des Stillens günstig aus.

Die Unruhe kann daraus resultieren, dass das Baby noch nicht bereit ist, an der Brust zu trinken, z.B. weil es noch nicht hungrig ist (s. Die ersten Hungerzeichen) oder weil es noch nicht wach genug ist (s. Ein schläfriges Baby zum Stillen wecken). Solange das Baby noch keine Hungerzeichen zeigt, wird es am besten mit der Mutter in direktem Hautkontakt gehalten ohne es anzulegen. Ist das Baby an der Brust interessiert, kann es direkt andocken.

Häufig entsteht Unruhe an der Brust, weil das Baby in einer ungünstigen, instabilen Position angelegt wird. In aufrechten Stillpositionen (z.B. Wiegehaltung) fehlt häufig der stabile Halt, Mutter und Baby sind oft zu weit voneinander entfernt und die angeborenen Such- und Andockreflexe des Babys stören das Andocken, anstatt hilfreich zu sein. Häufig kommt es bei Andockversuchen in ungünstigen Stillpositionen zu einem oberflächlichen Erfassen der Brust. Auf diese Weise fühlt sich das Baby instabil, es kann die Brust nicht effektiv entleeren, für die Mutter ist das Stillen schmerzhaft, das Baby wird zunehmend frustriert.

Eine stabile Stillposition, in der das Baby effektiv trinken kann, hilft oft bei unruhigen Trinkern: Der gesamte Brustkorb und Bauch des Babys liegt an den Körper der Mutter gedrückt, das Kinn und die Unterlippe sind in der Brust vergraben. (© Kseniia Glazkova)

In zurückgelehnten Stillpositionen, in denen das Baby direkt bäuchlings auf dem Körper der Mutter liegt, kann das Baby anhand seiner angeborenen Reflexe selbstständig andocken und effektiv trinken. In dieser Position sind Mutter und Baby beide bequem und stabil abgestützt und das Stillen klappt häufig am besten (Rücken, Arm, Schulter und Füße der Mutter müssen gut abgestützt sein, sodass die Mutter richtig loslassen und sich komplett entspannen kann – das Stillkissen stützt den Körper der Mutter von hinten und seitlich, die Füße haben einen stabilen Halt, s. den Abschnitt Laid-back-Nursing und den Artikel Das korrekte Anlegen des Babys). Das Baby wird so auf die Brust gelegt, dass es mit Kinn und Unterlippe in der Brust versinkt, leicht unterhalb der Brustwarze, damit es gut andocken kann. Dieser Kontakt hilft viele Babys zu beruhigen. Auch hier gilt: Es klappt nicht alles auf Anhieb, Mutter und Kind dürfen viel ausprobieren und herumexperimentieren, wie sie bequem und stabil liegen und stillen können, manchmal kommt es auf wenige Millimeter an. Manchen Babys hilft ein festes Halten am Rücken zwischen den Schulterblättern (nicht gegen den Kopf oder den Nacken) und am Po, damit sie sich stabil und sicher fühlen.

Ganz enger Körperkontakt ist ideal: Baby und Mutter liegen eng Bauch an Bauch, das Baby wird gut gestützt. (© Oksana Kuzmina)

Viele Mütter finden Stillen im seitlichen Liegen am einfachsten und stabilsten. Auch hier gilt, dass das Baby eng Bauch an Bauch mit der Mutter liegt. Je nachdem helfen Kissen oder Decken im Rücken der Mutter und des Babys bei der Stabilisierung dieser Stillposition.

Was beim Anlegen noch stören kann:

  • Babys Körper liegt auf einem Stillkissen – hier ist der Abstand zwischen Mutter und Baby grundsätzlich zu groß.
  • Das Kinn und die Unterlippe des Babys sind zu weit von der Brust, nicht tief hineingedrückt – das Baby soll näher an den Körper der Mutter gedrückt werden.
  • BH und Bekleidung der Mutter oder des Babys: Vorübergehend ist es hilfreich, die Bekleidung zum Stillen abzulegen.
  • Druck gegen den Hinterkopf oder gegen den Nacken des Babys, Berühren des Babys im Gesicht. Es hilft, das Baby am oberen Rücken zwischen den Schulterblättern festzuhalten.
  • Das Baby muss den Kopf nach vorne beugen, um an die Brustwarze zu kommen. Für das Trinken und das Schlucken ist es hilfreich, wenn das Baby den Kopf leicht in den Nacken legen kann. Da hilft es manchmal, das Baby an seinen Beinen leicht herunterzuziehen.
  • Das Baby liegt nicht Bauch an Bauch mit der Mutter, sondern seitlich verdreht, oder die Ärmchen sind zwischen Mutter und Baby
  • Das Gewicht der Brust, also wenn die Gravitation die Brust aus dem Mund des Babys zieht. Die Brust soll so liegen, dass die Brustwarze stabil unter der Nase des Babys ist, auch wenn die Brust nicht mit der Hand gehalten wird. Dazu kann sich die Mutter entsprechend positionieren und ihre Brust ggf. mit Kissen oder kleinen Handtüchern abstützen.
  • Der Oberarm der Mutter ist zu nah an der Brustwarze: Das Baby hat für sein Gesicht nicht genügend „Landefläche“ um die Brustwarze herum. Auch hier hilft eine andere Körperhaltung, bei der die Brustwarze etwas weiter weg vom Oberarm liegt.
  • Ein älteres Baby wird noch in derselben Position gehalten wie ein Neugeborenes, obwohl es seitdem viel gewachsen ist und die frühere Stillposition nicht mehr passt. Eventuell muss das Baby Richtung Füße gezogen werden, damit vor dem Andocken die Brustwarze unter der Nase liegt.

Gegenseitiges Hochschaukeln der Emotionen: Ist ein Baby an der Brust regelmäßig unruhig und unzufrieden, steckt es meist auch seine Mutter an. Die Mutter verfällt ggf. in Panik, Zweifel, Selbstvorwürfe, fühlt sich ggf. unfähig und abgelehnt. Das Kind spürt wiederum die Panik der Mutter und wird immer verzweifelter. So entsteht ein Teufelskreis, die Situation schaukelt sich hoch. Manchmal hilft es bereits, wenn die Mutter den Teufelskreis erkennt und sich bewusst macht, dass ihre Emotionen auf ihr Baby übertragen werden. Sie kann versuchen Ruhe zu bewahren und auch auf ihr Baby beruhigend einwirken, z.B. indem sie ruhig mit ihm spricht. Manchen Frauen hilft es sich auf ihr Atmen zu konzentrieren, ganz bewusst die Schultern fallen zu lassen und sich zu entspannen. Es kann auch hilfreich sein, bei Gelegenheit die negativen Gedanken auszusprechen, ggf. aufzuschreiben und zu hinterfragen, und sich bewusst zu machen, was doch prima funktioniert, was die Mutter doch alles erfolgreich leistet. Austausch mit anderen Müttern z.B. im Rahmen einer Stillgruppe wirkt oft entlastend: Die Mütter erfahren, dass sie mit all den Problemen nicht allein sind. Es gibt viele andere Frauen, denen es genau so geht.

Wenn das Anlegen in den ersten Tagen nach der Geburt auch in der zurückgelehnten Stillposition und einigen Experimenten nicht funktioniert, können weitere Ursachen z.B. mithilfe einer erfahrenen Still- und Laktationsberaterin IBCLC  (s. z.B. unser IBCLC-Verzeichnis), Kinderarzt, Osteopath usw. eruiert werden. Es kommen ein verkürztes Zungenbändchen (s. den Artikel Zu kurzes Zungenband), Muskelverspannungen, Blockaden der Wirbelsäule, Geburtstraumata, vorübergehende neurologische Probleme nach der Geburt (z.B. bei zu früh geborenen Babys) und weitere mögliche Ursachen in Betracht. Bei Muskelsverspannungen und Blockaden können Babys in bestimmten Positionen angelegt werden, nicht jedoch in anderen. Zum Beispiel trinken sie gerne an einer Brust, an der anderen nur dann, wenn die Stillposition beibehalten wird.

Bestimmte Arzneimittel oder Rauchen in der Schwangerschaft oder Medikamente unter der Geburt können ebenfalls dazu führen, dass ein Neugeborenes viel schreit und an der Brust unruhig ist.

Fangen Babys zunächst ruhig zu trinken an und werden dann unruhig, müssen sie eventuell eine Pause für ein Bäuerchen machen. Nach dem Bäuerchen trinken sie dann ruhig weiter. Wenn das Stillen unterbrochen wurde, bevor die erste Brust gründlich entleert wurde, kann das Baby nach dem Bäuerchen an der ersten Brust weitertrinken. Anschließend kann die Seite bei Bedarf gewechselt werden.

Manchmal signalisiert die Unruhe, dass das Baby „muss“, d.h. Stuhl oder Urin ausscheiden möchte. Denn Stillen setzt die Verdauung in Gang. Dann hilft manchmal das „Abhalten“ des Babys ohne Windeln und mit angehockten Beinen z.B. über einem Töpfchen, der Toilette oder dem Waschbecken. Das Baby erleichtert sich und kann anschließend konzentriert an der Brust trinken (Stichwort „windelfrei“).

Die Unruhe wird manchmal durch Luft im Magen verursacht: Wenn Babys schreien, verschlucken sie Luft. Hier kann ein Bäuerchen helfen, um den Magen von der Luft zu befreien und den Druck zu lösen.

Manchmal ist das Baby zu sehr ausgehungert, um ruhig und konzentriert an der Brust saugen zu können. Möglicherweise muss es dann häufiger angelegt werden: Ein Baby trinkt in den ersten sechs Monaten und darüber hinaus durchschnittlich 8- bis 12-mal in 24 Stunden an der Brust (einzelne Babys trinken nur 6-mal oder 14-mal in 24 Stunden und es ist alles in Ordnung). Um ein ausgehungertes Baby zu beruhigen, kann die Mutter ein wenig Muttermilch per Hand gewinnen und das Baby z.B. mit einem Löffel füttern. Das nimmt den quälenden Hunger und das Baby kann anschließend effektiv an die Brust gelegt werden.

Zu viele Reize (z.B. zu viel Besuch), Stress in der Familie können ebenfalls dazu führen, dass das Baby keine Ruhe findet, an der Brust zu trinken. Wird das Baby weniger Reizen ausgesetzt, weint es eventuell weniger und kann ruhiger an der Brust trinken.

Das Baby ist übererregt: Dies kann mit einem zu großen Hunger oder Stress zusammenhängen, aber auch andere Ursachen haben. Manche Babys neigen zu einem erhöhten Erregungslevel. In solchen Fällen kann es vorkommen, dass das Baby die Brustwarze eigentlich schon im Mund hat, aber weiterhin mit wilden Kopfbewegungen danach sucht und nicht andockt. In solchen Situationen helfen viel Haut-zu-Haut-Kontakt, zurückgelehntes Stillen und das erneute Anlegen des Babys an der anderen Brust, sodass die Unterlippe und die Zunge näher am Rand des Brustwarzenhofs und weiter entfernt von der Brustwarze liegen. So kann das Baby seine Suche nach der Brustwarze fortsetzen und andocken.

Mutter stillt ihr Baby im Sitzen nachts

Stillen in ruhiger Atmosphäre in einem abgedunkelten Raum hilft manchen Babys zur Ruhe zu kommen. (© Tomsickova, Fotolia)

Tritt die Unruhe an der Brust erst nach Monaten erfolgreichen Stillens auf, dann liegt dies möglicherweise daran, dass das Baby anfängt, sich für sein Umfeld zu interessieren. Es wird schnell abgelenkt und hat keine Geduld mehr in Ruhe zu trinken. Auch hier kann eine Reizreduktion helfen, z.B. indem das Baby in einer ruhigen, ungestörten Ecke gestillt wird. Manchen Müttern hilft ein Tuch über dem Kopf des Kindes, damit es keinen visuellen Reizen ausgesetzt ist. Andere Mütter dunkeln den Raum ab. Oft holen die Kinder die Stillmahlzeiten, die sie tagsüber verpasst haben, nachts nach, indem sie dann besonders häufig und ausgiebig trinken (oft zum Leidwesen der Mütter).

Der Milchspendereflex der Mutter kann durch sehr starken Stress, Zeitdruck oder panische Angst (z.B. vor Schmerzen beim Stillen oder davor, dass sie keine Milch hat) vorübergehend blockiert werden. Die panische Angst der Mutter überträgt sich auf das Kind: Das Baby schreit, die Mutter weint, und nichts will mehr klappen. Manchmal entsteht auf diese Weise ein Teufelskreis, die Situation schaukelt sich hoch. Unterstützung durch eine dritte Person, Durchatmen, Entspannung, ggf. Schmerzlinderung können die Milch wieder zum Fließen bringen (siehe auch: Hilfe, meine Milch ist plötzlich weg!).

Saugverwirrung: Werden Babys neben dem Stillen auch mit der Flasche gefüttert, können sie sich an das Trinkmuster an der Flasche gewöhnen, welches sich vom effektiven Trinken an der Brust grundlegend unterscheidet (siehe Entstehung von Saugverwirrung). Aus der Flasche läuft die Milch mit einer ganz anderen Fließdynamik als an der Brust, oft schneller bzw. schwallartig, auch an den angeblichen „Muttermilchsaugern“. Versuchen Babys mit der Technik, die an der Flasche funktioniert, auch an der Brust zu trinken, bleiben sie frustriert zurück. Erhalten Babys zusätzlich regelmäßig den Schnuller, wird das Desinteresse an der Brust weiter gesteigert, denn das Saugbedürfnis des Babys ist bereits weitgehend befriedigt. Für eine gute Milchbildung und funktionierendes Stillen ist es wichtig, dass das Baby sein Saugbedürfnis – inklusive des Nuckelns, d.h. des so genannten „non-nutritiven“ Saugens – komplett oder weitestgehend an der Brust befriedigt. Eine Saugverwirrung lässt sich behandeln, indem das Baby sehr viel Zeit mit der Mutter in direktem Haut-zu-Haut-Kontakt verbringt und nur die Brust zum Saugen erhält. Alle anderen Saugmöglichkeiten (Saugflasche, Schnuller) werden weggelassen. Bei einer erforderlichen Zufütterung können alternative Fütterungsmethoden eingesetzt werden. Die Umstellung sollte nicht abrupt, sondern langsam erfolgen, indem das Baby zuerst lernt, mithilfe der alternativen Fütterungstechniken satt zu werden. Anschließend kann die Flasche Schritt für Schritt weggelassen werden.

Manchmal hängt die Unruhe an der Brust oder nach dem Stillen mit einem Reflux zusammen. Bei einem Reflux hilft es, wenn das Baby in aufrechten Positionen gestillt wird (Hoppe-Reiter-Sitz) und anschließend z.B. in einem Tragetuch viel getragen wird. Das Baby sollte gleich bei den ersten Hungerzeichen angelegt werden, damit es ruhig trinken kann. Viel Haut-zu-Haut-Kontakt hilft ebenfalls das Baby ausgeruht und entspannt zu halten. Auf diese Weise trinkt es effizienter und der Reflux wird reduziert. Viele kleine (alle 2 Stunden und häufiger) statt seltenen und großen Mahlzeiten verhindern eine Überfüllung des Magens und reduzieren die Fließgeschwindigkeit der Muttermilch. Häufige und kurze Mahlzeiten strengen Babys auch weniger an als längere und verhindern durch die Pufferwirkung von Muttermilch, dass Magensäure hochkommt und Speiseröhre wie Kehlkopf angreift. In den meisten Fällen wächst sich der Reflux nach den ersten Monaten (bis Jahren) aus.

Unruhiges Stillverhalten kann auch daraus resultieren, dass das Baby Schwierigkeiten hat, Atmung, Saugen und Schlucken miteinander zu koordinieren. Dies trifft oft auf Neugeborene und insbesondere auf unreife Babys zu. Auch anatomische Variationen von oralen Strukturen (Kiefer, Zunge, Gaumen, Rachen, Kehlkopf oder Atemwege) können dazu führen, dass das Baby mit dem Schlucken mehr Mühe hat. Manchmal tritt dieses Problem auch um den 3. Monat auf, wenn der Hals wächst und sich die Proportionen dieser Strukturen verändern (mehr hierzu im Artikel „Das korrekte Anlegen“, Abschnitt „Hartnäckige Anlegeprobleme„).

Grafik Milchspendereflex

Beim ersten Milchspendereflex (MSR) schießt große Menge Milch in kurzer Zeit. Mit den nachfolgenden Milchspendereflexen nimmt der Milchfluss ab. [Grafik nach Garnder et al. 2017]

Unruhe an der Brust kann auch mit „zu viel Milch“ und einem zu starken Milchspendereflex zusammenhängen, welche oft zusammen auftreten. Dieses Problem kommt vor, nachdem die Milchbildung bereits aufgebaut ist, also allerfrühestens nach dem Milcheinschuss oder erst nach Wochen. Hier tritt die Unruhe ab dem Anfang der Stillmahlzeit auf, nach dem Auslösen des ersten Milchspendereflexes. Das Baby verschluckt sich, hustet, würgt oder dockt sich ab, um wieder Luft zu bekommen. Die nachfolgenden Milchspendereflexe, vor allem, wenn die Brust bereits leerer ist, sind nicht so heftig, das Baby kann besser trinken. In solchen Fällen hilft, wenn die Mutter sich zum Stillen auf den Rücken legt – die Milch schießt gegen die Gravitation nicht so heftig –, oder wenn der erste Milchspendereflex manuell ausgelöst wird und die spritzende Milch z.B. in einem Tuch aufgefangen wird (s. den Artikel Zu viel Milch). Bei häufigeren Mahlzeiten (alle 2 Stunden oder häufiger), wenn die Brust nicht so voll ist, spritzt die Milch nicht so heftig wie am Anfang seltenerer, größerer Mahlzeiten. Durch die Erhöhung der Stillhäufigkeit kann die Unruhe an der Brust daher manchmal behoben werden. Bei einer ausgeprägten Überproduktion kann der Milchfluss auch nach mehreren Milchspendereflexen zu stark bleiben. Wird das Baby an einer entleerten Brust angelegt, kann es jedoch gut trinken, der Milchspendereflex ist dann nicht so heftig (s. auch die Artikel Zu viel Milch und Hintergrundwissen zum Milchspendereflex und Fettgehalt der Muttermilch). Bei einem zu starken Milchspendereflex kann die Mutter außerdem mit ihrer flachen Hand seitlich gegen ihre Brust drücken (Brustwarze und Warzenhof fürs Baby freilassen, Hand aber möglichst am Rand des Brustwarzenhofs platzieren) und auf diese Weise einzelne, an der Oberfläche verlaufende Milchgänge während des Stillens abdrücken und auch so die Fließgeschwindigkeit der Milch drosseln („breast press“). Wenn sonst nichts hilft, kann das Baby bei zu starkem Milchfluss von der Brust genommen und wieder angelegt werden, sobald die Milch nicht mehr spritzt. Die Mutter kann derweil dem Baby vorsingen und es so beruhigen. Nach den ersten Erfahrungen wird das Baby diese Vorgehensweise kennen und geduldiger warten, bis es wieder trinken kann.

Manchmal bietet die Mutter im Laufe der Stillzeit die Brust nicht mehr so häufig an wie in den ersten Wochen: Sie führt Mindestabstände ein (Stillen nur alle 2 / 3 / 4 Stunden), sie stillt nicht mehr in der Öffentlichkeit, kehrt zur Arbeit zurück, stillt nachts ab usw. Dies kann in manchen Fällen dazu führen, dass die Milchbildung und der Milchfluss zurückgehen und dass das Baby an der Brust frustriert ist. Trinkt ein Baby am Anfang der Stillmahlzeit noch zufrieden und wird nach einer Weile zappelig (zieht die Beinchen hoch, hantelt mit den Ärmchen, boxt in die Brust, zieht an der Brustwarze), dann hat der Milchfluss möglicherweise zu sehr abgenommen, obwohl das Baby noch Hunger hat. Hier können Brustkompression, das Anlegen des Babys an der zweiten Brust und Wechselstillen (d.h. Zurückkehren an die erste Brust, nachdem auch die zweite geleert wurde und mehrfaches Wechseln hin und her) sowie häufigeres Stillen helfen. Auf diese Weise wird der Milchspendereflex immer wieder neu ausgelöst und die Milchbildung kann in kurzer Zeit wieder deutlich gesteigert werden (siehe auch: Praktische Maßnahmen zur Steigerung der Milchbildung). Hat die Mutter die Befürchtung, dass ihr Baby an der Brust nicht ausreichend zunimmt, dann sollte das Gewicht in regelmäßigen Abständen kontrolliert und durch die Hebamme, Stillberaterin und den Kinderarzt ausgewertet werden (mehr Infos im Artikel Zu wenig Milch).

Baby mit weißen Belegen im Mund

Unruhe an der Brust kann auch medizinische Ursachen haben, wie z.B. Mundsoor. (© J. Heilman, Wikimedia)

Manchmal ist das Baby erkältet – die Nase ist verstopft und das Baby bekommt beim Stillen keine Luft. Oder es hat Schmerzen beim Stillen z.B. durch Druck auf die Ohren oder eine Mittelohrentzündung.  Auch Mundsoor (Infektion mit Hefepilzen) kann beim Baby während des Stillens Schmerzen verursachen und eine vorübergehende Ablehnung der Brust, Weinen an der Brust oder unruhiges Stillen zur Folge haben. Meist ist bei einer Soor-Infektion die Mutter mitbetroffen (siehe auch: Soor-Infektion in der Stillzeit).

Auch eine Allergie auf einen Inhaltsstoff aus der Nahrung der Mutter kann unruhiges Verhalten an der Brust auslösen. Der Kinderarzt Carlos González beschreibt, dass manche Babys mehr oder weniger zufrieden mit dem Trinken an der Brust anfangen und dann unruhig werden und weinen, „sobald die Milch im Magen ankommt“. Laut Gonzalez lässt sich dieses Verhalten manchmal (aber nicht immer!) durch eine Unverträglichkeit z.B. gegen Kuhmilcheiweß oder andere Nahrungsbestandteile aus der Muttermilch erklären. Bei einem Verdacht auf eine Kuhmilcheiweißallergie wird eine Eliminationsdiät empfohlen, bei der die Mutter Kuhmilch, alle Milchprodukte (Käse, Joghurt usw.) und alle Nahrungsmittel mit Milchbestandteilen (Kekse, Schokolade usw.) konsequent für 7–10 Tage weglässt. Auch Eier, Fisch, Nüsse usw. können Allergien auslösen, auch wenn viel seltener als Kuhmilch (mehr zu Eliminationsdiäten im Artikel Ernährung der stillenden Mutter).

Neben Inhaltsstoffen der Muttermilch kann das Baby auch auf Brustwarzensalben (Lanolin usw.) allergisch reagieren. Bei diesen Unverträglichkeiten hat das Baby ein brennendes, juckendes Gefühl auf der Zunge / im Mund (siehe Übersicht von Mitteln gegen wunde Brustwarzen). Lanolin schmeckt außerdem unangenehm. Prophylaktisch ist es selten sinnvoll, Lanolin und andere Cremes aufzutragen. Bei grundsätzlich gesunden und auch bei leicht gereizten Brustwarzen reicht das Antrocknen von Muttermilch (und ggf. Verteilen mit frisch gewaschenen Händen) als Pflege aus.

Verwendet die Mutter Stillhütchen, dann sollte sie überprüfen, ob diese intakt und glatt sind. Bei schlechter Verarbeitung – oder wenn die Mutter die Spitze der Stillhütchen zum Abgewöhnen abschneidet – können scharfe Kanten entstehen und das Baby am Gaumen verletzen.

Ein und dasselbe Baby kann mitunter schläfrig, dann unruhig an Brust sein und sogar die Brust komplett verweigern. Ein unruhiges Baby an der Brust kann daher auf dieselben Maßnahmen reagieren, die für schläfrige oder brustverweigernde Babys vorgesehen sind.

Übersicht der möglichen Ursachen für Unruhe beim Stillen:

  • ungünstige, instabile, ineffektive Stillposition, oberflächliches Anlegen
  • Gegenseitiges Hochschaukeln der Emotionen bei Mutter und Baby
  • Ablenkung durch Reize oder Reizüberflutung
  • Luft im Magen / Baby muss Bäuerchen machen
  • Das Stillen hat die Verdauung in Gang gesetzt, worauf manche Babys empfindlich reagieren
  • Das Baby muss sich erleichtern (Kommunikation von Ausscheidungen)
  • verstopfte Nase, ggf. Mittelohrentzündung
  • Stress oder Angst der Mutter behindert den Milchspendereflex (Ausbleiben des Milchspendereflex)
  • Prägung auf künstliche Sauger (Saugverwirrung)
  • ein zu kurzes Zungenband beeinträchtigt das Stillen, das Baby bekommt nicht genug Milch und das Stillen ist zu anstrengend
  • Geburtstrauma (z.B. ein gebrochenes Schlüsselbein oder Verletzungen am Schulter oder Arm)
  • Muskelverspannungen oder Wirbelsäulenblockaden infolge der Geburt
  • anatomische oder (vorübergehende) neurologische Probleme, die das effektive Saugen an der Brust beeinträchtigen. Manchen Neugeborenen, vor allem zu früh geborenen Babys, fällt es noch schwer, Saugen, Schlucken und Atmen miteinander richtig zu koordinieren.
  • Medikamente während der Schwangerschaft oder der Geburt
  • Tabak- oder Drogenkonsum der Mutter
  • Zu ausgehungertes Baby
  • Übererregung
  • Zu viel Milch
  • Zu heftiger Milchspendereflex
  • Zu langsamer Milchfluss, obwohl das Baby noch Hunger hat, z.B. aufgrund eines Rückgangs der Milchbildung durch ineffektives / zu seltenes Stillen
  • Reflux
  • Mundsoor
  • Schmerzen beim Baby oder der Mutter
  • Allergie z.B. gegen Kuhmilcheiweß aus der Nahrung der Mutter oder Brustwarzenpflege
  • Verletzungen am Gaumen durch Stillhütchen

Erfahrene Stillberaterinnen beobachten die Stillmahlzeiten und erfragen relevante Angaben, um die Ursachen und Lösungen für die Unruhe an der Brust herauszufinden (s. z.B. unser Stillberatungsverzeichnis).

Quellen:

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  • Walker M: Fussy infant. In: Breastfeeding management for the clinician. Using the evidence. Jones & Bartlett Learning, S. 301 ff. 2014, 3. Aufl.
  • Wambach K, Riordan J: Breastfeeding and Human Lactation, Jones & Bartlett Learning, 2016. S. 104.
  • Gaca AC, Mierau S: Mein Schreibaby verstehen und begleiten. GU, 2018.
  • Gardner H, Kent JC, Prime DK, Lai CT, Hartmann PE, Geddes DT: Milk ejection patterns remain consistent during the first and second lactations. Am J Hum Biol 2017;e22960.
  • Gonzalez C: Mein Kind will nicht essen. 2018, 7. Aufl. S. 44–48.
  • Guóth-Gumberger M: Gewichtsverlauf und Stillen. Dokumentieren, Beurteilen, Begleiten. Mabuse-Verlag, 2018.
  • Schmidt N: Artgerecht. Das andere Baby-Buch. Kösel Verlag. 2015, S. 202. (Babyzeichen zur Ankündigung von Geschäften)
  • Cadwell K, Turner-Maffei: Pocket guide for the lactation management. Jones & Bartlett Learning, 3. Aufl. 2017. S. 109 ff: My baby is not comfortable at the breast.
  • La Leche League Schweiz: Das Handbuch für die stillende Mutter, 2016.
  • Newmann J, Pitman T: Dr. Jack Newman´s Guide to Breastfeeding, 2014.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2020. Letzte Ergänzung: Mai 2020.