Stillen in der Schwangerschaft und Tandem-Stillen

Stillen in der Schwangerschaft: schwangere Frau stillt ihr Kind

Stillen in der Schwangerschaft (© parinyabinsuk)

Eine erneute Schwangerschaft kann eine neue, unbekannte Herausforderung für eine stillende Mutter darstellen: Wie verändert die Schwangerschaft das Stillen und wie wirkt sich das Stillen auf die Schwangerschaft aus? Was gibt es zu bedenken? Der folgende Beitrag beschreibt, was in der Schwangerschaft das stillende Mutter-Kind-Paar erwartet und wie es nach der Geburt weitergehen kann.

Inhaltsübersicht:

Wie sich das Stillen durch eine erneute Schwangerschaft verändert

Manchmal ist das veränderte Stillverhalten des Kleinkindes mit das erste Anzeichen einer erneuten Schwangerschaft: Plötzlich will das Kleinkind viel häufiger an die Brust als in der Zeit zuvor und es kann auf einmal quengelig an der Brust sein. Die Mutter wundert sich, dass sich die Brustwarzen beim Stillen auf einmal wund anfühlen, obwohl die Haut intakt ist. Oft finden die Mütter vor allem das Ansaugen unangenehm oder das längere Nuckeln. Die Frauen fragen sich vielleicht, warum sich das Stillen seit Neuestem so unangenehm anfühlt. Hierzu gesellt sich häufig ein bislang ungekanntes Gefühl einer gewissen inneren Ablehnung gegenüber dem Stillen. Bei anderen Mutter-Kind-Paaren macht sich die Schwangerschaft in den ersten Monaten gar nicht bemerkbar und erst anschließend werden die Brustwarzen etwas empfindlicher. Manche Kleinkinder, die vor der Schwangerschaft noch einen beträchtlichen Anteil ihres Nahrungsbedarfs an der Brust befriedigten, fangen nun an, deutlich mehr zu essen.

Die gebildete Milchmenge verringert sich während einer erneuten Schwangerschaft: mal etwas mehr, mal etwas weniger, gleich zu Beginn der Schwangerschaft oder erst nach wenigen Monaten. Die reife (weiße, flüssige) Muttermilch wandelt sich allmählich in das gelbe, dickflüssige Kolostrum um, zum Ende der Schwangerschaft ist oft wieder etwas mehr Milch (Kolostrum) da. In der Schwangerschaft nimmt der Zuckergehalt der Milch ab, der Salzgehalt nimmt zu. Manche Kinder beschweren sich darüber, dass sich die Muttermilch in der Schwangerschaft in ihrem Geschmack und ihrer Textur verändert.

Viele Frauen erzählen, dass sich ihr Gefühl gegenüber dem Stillen verändert hat: Während sie ihr Kind vor der Schwangerschaft gerne gestillt haben, müssen sie sich nun überwinden. Viele Mütter schränken das Stillen daher ein und stillen seltener und kürzer, etwa zwei Drittel der Mütter stillen im Laufe der Schwangerschaft – meist im ersten oder zweiten Trimester  – vollständig ab. Doch, die individuellen Unterschiede sind groß, einige Mütter können sich mit Weiterstillen in der Schwangerschaft arrangieren. Es lässt sich nicht vorhersagen, bei welchem Mutter-Kind-Paar es zum Abstillen kommen wird und bei welchem nicht.

Manche Kleinkinder verlieren während der Schwangerschaft allmählich das Interesse am Stillen, das Stillen schleicht sich aus und das Interesse kehrt nicht mehr wieder.

Andere Kinder pausieren in der Schwangerschaft mit dem Stillen über mehrere Monate und fangen zum Ende der Schwangerschaft wieder an, wenn die Milchmenge wieder zunimmt, oder direkt bzw. wenige Tage nach der Geburt. Manche Kinder, die nach mehrmonatiger Stillpause in den ersten Tagen nach der Geburt zum ersten Mal wieder von der Milch kosten, merken den veränderten Geschmack der Muttermilch (Kolostrum) und finden ihn nicht mehr lecker. Manchmal stillen ältere Geschwisterkinder erst wieder, wenn die Brust wieder die gewohnte reife Milch produziert. Wieder andere Kinder haben nach der Pause in der Schwangerschaft das Stillen verlernt. Sie können an der Brust nicht mehr trinken, wenn die Mutter ihnen die Brust nach der Geburt wieder anbietet, sie wissen nicht mehr, wie das geht.

Andere Kinder stillen während der ganzen Schwangerschaft mit gewissen Einschränkungen durch. Sie akzeptieren auch, wenn weniger oder kaum Milch fließt, dann nuckeln sie mehr oder weniger trocken. Die meisten Kinder, die durchgestillt haben, und einige, die während der Schwangerschaft eine Zeitlang nicht mehr an der Brust getrunken haben, stillen nach der Geburt des Geschwisterkindes begeistert weiter.

Gerne würden viele Frauen den Verlauf des Stillens in der Schwangerschaft gut vorausplanen, doch die Gefühle und Empfindungen von Mutter und Kind sind nicht vorhersagbar. Es ist hilfreich nur für den Moment herauszufinden, wie sich die ändernden Bedürfnisse von Mutter und Kind am besten befriedigen lassen und nur Tag für Tag zu planen.

Kompromisse finden

Manche Babys und Kleinkinder haben noch viel an der Brust getrunken, als ihre Mama wieder schwanger wurde. Ihr Bedürfnis gestillt zu werden, ist sehr ausgeprägt. Das Stillen war für sie der sichere Hafen, ganz wichtig zum Einschlafen und Weiterschlafen, als Trost und zum Herunterkommen, und lieferte einen erheblichen Teil des Kalorien-, Nährstoff- und Flüssigkeitsbedarfs. Wenn die Mutter schwanger wird, geht die Milchmenge zurück, die Brustwarzen werden überempfindlich, die Mutter kann genervt auf das Anlegen und das „Dauernuckeln“ reagieren. Das kann die kleinen Kinder sehr verunsichern, traurig, quengelig und wütend machen.

Damit das Kind gut versorgt ist und gleichzeitig weniger Interesse am Stillen hat, kann häufiges Anbieten von kleinen Portionen Essen und Trinken hilfreich sein. Ein Glas Wasser oder ggf. Kuhmilch / Premilch kann anstelle des Stillens angeboten werden. Die Mutter kann ihrem Kind erklären, dass es nur zu bestimmten Gelegenheiten oder an bestimmten Orten gestillt wird. Kleinkinder können lernen zu warten. Nachvollziehbare Regeln bieten dem Kind einen gewissen Halt. Manche Mutter-Kind-Paare einigen sich darauf, z.B. nur noch abends zum Einschlafen kurz zu stillen. Das klappt nicht immer und manchmal erst mit der Zeit. Andere Mutter-Kind-Paare behalten noch weitere Stillmahlzeiten bei. Die Mutter kann ihrem Kleinkind erklären, dass das Stillen für sie unangenehm und schmerzhaft ist. Vor dem Stillen kann sie ihrem Kind sagen, dass es nur kurz trinken darf und während des Stillens immer wieder daran erinnern und das Kind bitten aufzuhören: „Ich möchte nicht mehr, es ist unangenehm, bitte hör jetzt auf“. Meist wird das Kind bald von alleine loslassen. Ein behutsames Ablösen des Kindes von der Brust mit dem kleinen Finger ist auch legitim, wenn nichts anderes hilft. Negative Emotionen des Kindes können geduldig und verständnisvoll gespiegelt werden, z.B. „Du bist traurig / wütend, weil Du nicht (mehr) an die Brust darfst.“ Das Kind darf traurig und wütend sein. Eine einfühlsame, verständnisvolle Reaktion seitens der Eltern hilft dem Kind, sich trotz Einschränkung des Stillens geliebt und geborgen zu fühlen. Viel Haut- und Körperkontakt, Kuscheln, Auf-den-Schoss-nehmen, Streicheln, „Lausen“ usw. können das Stillen bei vielen Gelegenheiten ersetzen. Durch Vorlesen, Spielen, Singen usw. lässt sich das Kind oft von der Brust ablenken. Manche Mutter-Kind-Paare arrangieren sich damit, dass das Kind statt Stillen die Brust halten darf. Angehörige können das Kind mitnehmen oder sich mit ihm beschäftigen und in den Schlaf begleiten und die Mutter auch auf diese Weise entlasten (s. auch Abstillen durch die Mutter und Abstillen – wie kann ich mein Kind achtsam begleiten?). Wenn die Mutter im Zimmer nicht anwesend ist und z.B. der Papa das Kind ins Bett bringt, akzeptieren manche Kinder den Verzicht auf das Einschlafstillen besser. Der Papa kann sich mit dem Kind zusammen hinlegen, es streicheln, ihm etwas erzählen, singen, Kinderreime aufsagen, Fingerspiele machen, es „lausen“ usw. bis sie beide schlafen (oder nur das Kind).

Wenn das Stillen für das Kind gerade sehr wichtig ist, kann sich die Mutter vom unangenehmen Gefühl ablenken, indem sie z.B. Atemtechniken aus dem Geburtsvorbereitungskurs anwendet, liest, Musik oder ein Podcast hört, fern sieht, usw. Die Mutter kann (wieder) auf ein gutes Anlegen achten und verschiedene Stillpositionen ausprobieren. Manche Mütter finden es hilfreich, wenn sie vor dem Stillen den Milchspendereflex manuell auslösen.

Viele Mutter-Kind-Paare verhandeln regelmäßig miteinander, um einen für beide Seiten vertretbaren Weg zu finden.

Ernährung der Mutter

Eine gesunde Ernährung der schwangeren und stillenden Mutter sorgt dafür, dass sowohl sie auch ihre Kinder mit allen Nährstoffen gut versorgt sind. In armen, unterentwickelten Ländern, in denen Frauen öfter mangelernährt sind, zehrt Stillen in der Schwangerschaft weiter am Ernährungsstatus. Blutarmut – ein zu niedriger Hämoglobin-Spiegel – kam in der Schwangerschaft öfter vor, wenn die Mutter gleichzeitig stillte (Übersicht in López-Fernandez et al., 2017). Eine gesunde, abwechslungs- und nährstoffreiche Ernährung ist in dieser Zeit daher besonders wichtig, auch damit sich das ungeborene Kind optimal entwickelt. Eventuell können Nahrungsergänzungsmittel für Folsäure, Jod, Eisen und ggf. weitere Nährstoffe in Absprache mit den betreuenden Fachpersonen zusätzlich eingenommen werden.

Wehen, Fehlgeburts- und Frühgeburtsrisiken

Sind Wehen, die in der Schwangerschaft durch das Stillen ausgelöst werden, gefährlich? Könnten sie eine Fehlgeburt oder eine Frühgeburt auslösen? Es gibt mindestens 7 Studien, die sich diesen Fragen widmen und sie geben laut einer zusammenfassenden systematischen Übersichtsarbeit Entwarnung: Die Studien zeigen keine Unterschiede in der Häufigkeit von Fehl- und Frühgeburten, ganz egal, wie lange das Stillen in die Schwangerschaft hinein fortgesetzt wurde, wie häufig pro Tag gestillt wurde und wie dicht die neue Schwangerschaft an die vorangegangene Geburt folgte (Zusammenfassung in López-Fernandez et al., 2017).

Viele Frauen spüren Übungswehen, wenn sie in der Schwangerschaft stillen: Manche Frauen während der ganzen Schwangerschaft, andere nur oder besonders intensiv in der späten Schwangerschaft und wieder andere nehmen Übungswehen kaum wahr.

Während des Stillens bzw. durch Bruststimulation wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, welches unter der Geburt die Wehen auslöst. Zur Förderung der Wehen während der Geburt lässt sich die Brustwarzenstimulation einsetzen, z.B. im Rahmen einer Kolostrumgewinnung. Stillen und Brustwarzenstimulation scheinen jedoch nicht auszureichen, um vorher die Geburt auszulösen, wahrscheinlich weil Oxytocin-Rezeptoren in der Gebärmutter bis zur späten Schwangerschaft nicht in ausreichender Anzahl vorhanden sind (Übersicht in López-Fernandez et al., 2017). Bei manchen Risikoschwangerschaften, insbesondere Frühgeburtsbestrebungen, werden Frauenärzte und Hebammen sicherheitshalber zum Abstillen raten, um jegliches Risiko einer Fehl- oder Frühgeburt zu minimieren.

Manche Frauen nehmen in Absprache mit ihren Frauenärztinnen Magnesium- und Kalzium-Tabletten ein, u.a. um die Übungswehen zu reduzieren.

Austausch mit anderen Müttern

Es ist schön, wenn man sich in einer besonderen Lebenssituation mit anderen austauschen kann. In Stillgruppen helfen sich Mütter gegenseitig mit ihren individuellen Erfahrungen und gegenseitigen Tipps. In vielen Stillgruppen sind Mütter dabei, die schon Erfahrung mit Stillen in der Schwangerschaft und Tandemstillen haben.

Erneute Schwangerschaft während der Vollstillzeit

Es ist selten, kommt aber vor: Manche Frauen werden wenige Monate nach der Geburt trotz Vollstillen wieder schwanger. Das ist keine einfache Situation, weil die Versorgung des Babys durch den Rückgang der Milchbildung in der Schwangerschaft gefährdet ist. In vielen Fällen wird Zufütterung notwendig sein. Das Baby profitiert vom Weiterstillen, selbst wenn die Menge zur Ernährung nicht mehr ausreicht. Zufütterung an der Brust kann erwogen werden, wenn die Mutter das Saugen an der Brust gut toleriert. Sollte das Saugen für die Mutter zu unangenehm sein, lassen sich die meisten Stillkinder mit etwas Geduld und Ausdauer an die Flasche gewöhnen. Auch Becherfütterung ist eine Alternative.

Nicht bei allen Frauen geht die Milchmenge gleichermaßen und in gleichem Tempo zurück. Wenn Vollstillen beibehalten wird, ist es besonders wichtig, die Ausscheidungen und den Gewichtsverlauf des Babys engmaschig zu beobachten, um sicherzustellen, dass es gut versorgt wird. Mit zunehmendem Alter kann Milch teilweise durch Beikost ersetzt werden, das Teilstillen kann beibehalten werden. Stillberaterinnen helfen gerne weiter.

Schwangerschaftsabbruch in der Stillzeit

Manche Frauen erwägen einen Schwangerschaftsabbruch. Auch bei einem eventuellen Schwangerschaftsabbruch kann weitergestillt werden, die Ärzte empfehlen manchmal eine kurze Stillpause von mehreren Stunden nach der Einnahme der Medikamente zum Abbruch. Nach einem operativen Schwangerschaftsabbruch kann in Absprache mit den Ärzten in der Regel weitergestillt werden, sobald die Narkosemittel ihre Wirkung verloren haben.

Die Chancen stehen gut, dass das Vollstillen wieder erreicht werden kann, auch wenn die Milchbildung durch die Schwangerschaft bereits etwas zurückgegangen ist. Durch häufiges und intensives Stillen kann das Baby für eine gute Milchbildung sorgen, sobald die Schwangerschaft nicht mehr besteht. Sollte eine Zufütterung (vorübergehend) erforderlich sein, unterstützt eine Zufütterung an der Brust oder aus einem Becher das Weiterstillen. Ob das Vollstillen unmittelbar nach dem Schwangerschaftsabbruch möglich ist oder ob die Milchbildung über längere Zeit wieder aufgebaut werden muss (s. Relaktation), hängt von mehreren Faktoren ab und lässt sich nicht pauschal sagen. Das Verhalten des Babys, die Ausscheidungen und der Gewichtsverlauf geben Auskunft darüber, ob das Baby gut versorgt ist. Stillberaterinnen helfen gerne weiter.

Tandemstillen

Tandem-Stillen: Mutter stillt zwei Kinder

Tandem-Stillen: Wenn Geschwister unterschiedlichen Alters parallel gestillt werden.

Wenn Geschwisterkinder unterschiedlichen Alters parallel gestillt werden, spricht man von Tandemstillen. In manchen Familien werden sogar 3 Geschwisterkinder parallel gestillt. Wie oft die älteren Kinder noch gestillt werden, ist in jeder Familie unterschiedlich und ändert sich im Laufe der Zeit kurz- und langfristig. Manchmal werden die älteren Kinder mehrmals am Tag gestillt, manchmal nur noch zum Einschlafen oder nur noch alle paar Tage oder Wochen. Manchmal lassen die Mütter ihre älteren Kinder erst trinken, wenn das Jüngste satt und zufrieden ist, manchmal werden beide Kinder einzeln und abwechselnd gestillt, manchmal gleichzeitig, wobei sich das Tandemstillmuster von Stillmahlzeit zu Stillmahlzeit, von Tag zu Tag und auch im Laufe der Zeit immer wieder verändern kann. Manche Frauen fühlen Unbehagen, wenn beide Kinder gleichzeitig an ihrer Brust sind und stillen sie lieber einzeln. Andere Mütter stillen gerne beide gleichzeitig, um Zeit zu sparen oder um sich mit ihren beiden Kindern zusammen zu entspannen und so eine Auszeit zu finden. In manchen Familien entsteht im Laufe der Zeit eine feste Zuordnung, welchem Kind welche Brust „gehört“, wobei der regelmäßige Seitenwechsel gerade bei jungen Babys wichtig sein soll, um die Koordination von Auge und Hand zu fördern.

Meistens findet der „Milcheinschuss“ nach der Geburt früher statt, die Milchmenge nimmt schneller zu als nach der Geburt des ersten Kindes. Manche Mütter erzählen, dass sie ihren älteren Stillkindern dankbar dafür sind, dass sie bei eventuellen Stauungen im Zuge des Milcheinschusses oder bei Milchstaus die Brust auf ihre Bitte hin effektiv leeren können.

Mütter sind oft dankbar dafür, dass sie durch das Weiterstillen auch ihren älteren Kindern Nähe, Geborgenheit und Trost spenden können. Das Stillen erleichtert aus der Sicht einiger Mütter dem älteren Kind den Übergang in die neue Lebenssituation mit dem neugeborenen Geschwisterkind: Der sichere Hafen wird trotz der aufwühlenden Veränderungen durch das Stillen gewährleistet. Manche Eltern erzählen von einer ganz besonderen, innigen Beziehung zwischen den Geschwisterkindern, die durch das Tandemstillen entsteht. Manche tandemstillende Geschwisterpaare halten Händchen oder streicheln sich während des gemeinsamen Stillens.

Die American Academy of Pediatrics weist in ihrem Elternratgeber “A New Mother´s Guide to Breastfeeding” (2017) darauf hin, dass das neugeborene Baby dringend auf das Kolostrum angewiesen ist, viel mehr als das ältere Kind. Sie empfiehlt, dass das neugeborene Baby zuerst, mit Priorität gestillt wird. Für das ältere Kind hat das Stillen in erster Linie eine emotionale Bedeutung, während es seinen Ernährungsbedarf durch feste Kost und Trinken decken kann, für das Neugeborene ist das Stillen essenziell, um mit Nahrung und Flüssigkeit gut versorgt zu werden und den für Neugeborene wichtigen Immunschutz zu erhalten. Das Kleinkind kann in den ersten Tagen nach der Geburt z.B. durch Familienangehörige betreut werden, sodass das Neugeborene das meiste Kolostrum bekommt. Im Laufe der Zeit ist es nicht mehr erforderlich eine solche Priorisierung vorzunehmen: Beide Kinder können an der Brust in der Regel so viel trinken wie sie möchten. Die Milchmenge der Mutter passt sich an den gemeinsamen Milchbedarf beider (aller) Stillkinder an. Manche Mütter mit einem starken Milchspendereflex lassen zuerst das ältere Stillkind trinken, um dem jüngeren das Trinken an einer weniger vollen Brust zu ermöglichen.

Tandem-Stillen: Mutter stillt ein liegendes Baby und einen stehenden Jungen

Tandemstillen (© joaquincorbalan)

Manche Mütter erzählen, dass ihre älteren (in der Schwangerschaft etwas dünner gewordenen) Stillkinder nach der Geburt des Geschwisterchens wieder besser zunehmen und runder werden. Auch der Stuhl des älteren Stillkindes kann sich verändern: Kolostrum hat eine abführende Wirkung. Trinkt ein Kleinkind wieder viel Muttermilch, kann sein Stuhl wieder Ähnlichkeiten zum Muttermilchstuhl aufnehmen.

Nach der Geburt stillen manche Mütter beide Kinder gerne weiter, andere empfinden eine bislang nie gekannte intensive Ablehnung gegenüber dem Stillen des älteren Geschwisterkindes. Plötzlich wirkt das Kleinkind so groß, das Stillen fühlt sich auf einmal nicht mehr stimmig an. Wieder andere Mütter berichten darüber, dass sie sich mit dem Tandemstillen anfangs gut arrangieren konnten, aber mit der Zeit sich Erschöpfung, Überdruss und mitunter ablehnende, aggressive Gefühle gegenüber dem Stillen des älteren Kindes entwickelten. Immer wieder berichten tandemstillende Mütter, dass sie das Stillen des älteren Kindes zunehmend unangenehm und schmerzhaft empfinden, während das Stillen des jüngeren Kindes angenehm und schmerzfrei bleibt. Die Ursache für dieses Phänomen ist unklar. Möglicherweise führt eine gewisse emotionelle Ablehnung gegenüber dem Stillen des älteren Kindes zur Veränderung des Milchspendereflexes. So wird der Milchfluss beim älteren Kind mit der Zeit nicht mehr so effektiv ausgelöst und das Stillen wird unangenehm. Diese Situation tritt jedoch nicht in jeder Familie auf. Manche Mütter setzen das Tandemstillen ohne Schmerzen oder emotionelle Ablehnung Jahre lang gerne fort, bis sich ihre Kinder von allein das Interesse am Stillen verlieren. All diese Vorgehensweisen und Gefühle – positive wie negative – sind völlig normal und legitim.

Welches Kind sich wann abstillt bzw. abgestillt wird, kann in jeder Familie unterschiedlich verlaufen. In der Regel stillen sich die älteren Kinder zuerst ab / werden zuerst abgestillt, es kommt aber auch vor, dass das ältere Kind länger gestillt werden möchte als das jüngere Geschwisterkind. Manche Geschwisterpaare stillen sich trotz unterschiedlichen Alters gleichzeitig ab.

Zeit für sich finden

Jede Mutter braucht regelmäßig Zeit für sich selbst, um sich zu regenerieren, z.B. um ungestört ein Bad zu nehmen oder spazieren zu gehen, oder etwas anderes zu machen, was ihr gut tut. Das ist auch bei tandemstillenden Müttern der Fall, die besonders viel Körperkontakt zu ihren Kindern haben. Regelmäßige Entlastung durch Partner, weitere Angehörige oder Fremdbetreuung hilft, die Herausforderungen des Tandemstillens zu meistern. Eine Mutter, die sich in ihrer Haut wohl fühlt, kann sich auch einfühlsamer um ihre Kinder kümmern.

Quellen

  • American Academy of Pediatrics: A New Mother´s Guide to Breastfeeding, 2017.
  • Berichte zahlreicher Mütter
  • López-Fernández G, Barrios M, Goberna-Tricas J, Gómez-Benito J. Breastfeeding during pregnancy: A systematic review. Women Birth. 2017 Dec;30(6):e292-e300.
  • Mohrbacher N, Stock J: Handbuch für die Stillberatung. La Leche Liga Deutschland e.V. 2002
  • O´Rourke MP, Spatz DL: Women´s experiences with tandem breastfeeding. Wolters Kluwer Health, Inc. 2019

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2022. Stand: März 2022.

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