Die Diskussion über Cannabis-Konsum in der Stillzeit geht weiter

21. Juni 2018 | Von | Kategorie: Neues aus der Stillwelt

Cannabis-Blatt

Cannabis-Blatt (© Boltenkoff)

Im Zuge der Legalisierung von Cannabis-Produkten (Hanf, Mariuhana, Haschisch, Gras, Weed, Joint usw.) in führenden Industrieländern wie in Kanada und einigen US-Bundesstaaten lebt die Diskussion über Cannabis-Konsum in der Stillzeit auf. Cannabis-Produkte gelten weltweit und auch in Deutschland als die am häufigsten konsumierte illegale Droge (Word Drug Report, 2017, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2018). Zwar ist in Deutschland eine Legalisierung von Cannabis weiterhin nicht geplant (Deutscher Bundestag, 2018), konsumieren laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung 15% der jungen Erwachsenen Cannabis, Tendenz steigend. Somit sind auch Frauen im reproduktionsfähigen Alter und ihre Kinder von dieser Problematik betroffen.

Die Empfehlungen für Cannabis-Konsum in der Stillzeit sind einerseits eindeutig: Stillende Frauen sollten auf Cannabis verzichten. Die Frage stellt sich allerdings oft andersherum: Sollten Mütter, die während der Schwangerschaft Cannabis konsumierten oder nach der Geburt den Cannabis-Konsum gelegentlich oder regelmäßig wieder aufnehmen, trotzdem stillen, eine Stillpause einhalten, auf das Stillen verzichten und dann dem Kind stattdessen künstliche Säuglingsnahrung geben? Hier ist die Antwort weniger eindeutig. Arthur I. Eidelmann (Israel), Vorstandsmitglied der Academy of Breastfeeding Medicine (ABM) und Chefredakteur des ABM-Journals fasst die Quintessenz der aktuellen Empfehlungen folgenderweise zusammen: Stillende Mütter sollten auf Cannabis-Produkte verzichten. Wenn das nicht gehen sollte, dann sollen sie weiterstillen und so wenig Cannabis wie irgendwie möglich konsumieren. Der Pharmakologe Philip O. Anderson (USA) ergänzt noch, dass Cannabis-rauchende Eltern auf das Rauchen in dem Raum, wo sich das Kind aufhält, verzichten sollen und dass der Kontakt des Kindes zu Oberflächen, die mit Cannabis in Berührung gekommen sind, vermieden werden sollte. Dazu gehört die Bekleidung der Mutter und anderer rauchender Personen, die das Kind hochnehmen oder berühren. Eine Übertragung von Cannabis-Rückständen auf das gestillte Baby durch die Muttermilch ist jedoch unvermeidbar. Cannabis-Verbindungen sind in der Muttermilch auch Tage und Wochen nach dem letzten Konsum noch vorhanden und in den Ausscheidungen des gestillten Kindes nachweisbar. Anders als bei Tabak- und Alkoholkonsum lässt sich aufgrund der Langlebigkeit von Cannabis-Resten im Körper der Mutter keine Empfehlung zu einer Stillpause geben.

Leider fehlen aussagekräftige Studien über die Langzeitwirkung von Cannabis auf das gestillte Kind. Experimente an Tieren zeigen mögliche psychomotorische Spätkomplikationen, neurologisch bedingte Verhaltensänderungen und Entwicklungsstörungen. Ob die Ergebnisse dieser Tierexperimente auf die Menschen übertragbar sind, bleibt jedoch unklar.

Viele der Mütter, die Cannabis in der Stillzeit konsumieren, taten dies auch bereits in der Schwangerschaft, was vermutlich mehr Schaden anrichtet als Cannabis in der Stillzeit. Dadurch, dass Cannabis-konsumierende Frauen häufig auch Alkohol und Tabak zu sich nehmen, manchmal unter psychischen Erkrankungen wie Angststörung oder Depression leiden und oft benachteiligten sozialen Schichten angehören, ist es schwer zuzuordnen, auf welche Ursachen mögliche Effekte beim Kind zurückzuführen sind. Zudem sind Cannabis-Produkte oft mit Schimmel, Blei und anderen Giftstoffen kontaminiert, welche zum schädlichen Effekt auf das Kind ebenfalls beitragen können.

Mourh und Rowe (2018) zeigten in einer systematischen Übersichtsarbeit noch auf, dass Cannabis anhand erster Studien an Tieren und Menschen die Ausschüttung von Oxytocin (dem Hormon, welches den Milchspendereflex auslöst) und Prolaktin (das Milchbildungs- und „Mütterlichkeitshormon“) zu reduzieren scheint. Diese hormonellen Auswirkungen könnten zu einer verminderten Milchproduktion führen. Andererseits scheint Cannabis keinen Einfluss auf das Abstillalter zu haben.

Leider gibt es bislang keine verlässlichen Antworten auf die Fragen, ob z.B. über Lebensmittel aufgenommene Cannabis weniger schädlich ist als gerauchte und wie sich seltener Konsum im Vergleich zu regelmäßigem Konsum verhält.

Fazit: Die Auswirkungen von Cannabis-Konsum auf das gestillte Baby sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Idealerweise verzichtet jede junge Frau auf Suchtmittel: für Ihre eigene Gesundheit und für die Gesundheit ihrer (zukünftigen) Kinder. Konnte eine Frau während der Schwangerschaft auf Cannabis nicht verzichten, ist es fraglich, ob der Verzicht auf das Stillen in der ersten Zeit nach der Geburt das Kind vor negativen Auswirkungen von Cannabis noch effektiv schützen kann. Der Verzicht auf das Stillen ist auf der anderen Weise nachweislich schädlich für die Gesundheit des Kindes. Besonders wichtig dabei ist die erste Milch, das so genannte Kolostrum in den ersten Tagen nach der Geburt. Ob das längere Stillen über Monate unter Cannabis-Konsum oder das Nicht-Stillen mehr Schaden verursachen, ist heute nicht eindeutig abschätzbar.

Es ist auch nicht eindeutig, wie eine Mutter sich verhalten soll, die einmalig in der Stillzeit Cannabis konsumiert hat. Wahrscheinlich überwiegen die Vorteile des Weiterstillens nach Bedarf. Abpumpen und Wegschütten von Muttermilch oder der vorübergehende Verzicht auf das Stillen für Stunden oder Tage scheinen nicht sinnvoll zu sein, um das Kind zu schützen. Der konsequente Verzicht auf den weiteren Cannabis-Konsum ist wahrscheinlich das Beste, was die Mutter für ihr Kind tun kann.

Für eine individuelle Risikoabschätzung steht das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie zur Verfügung.

Quellen:

 

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