Vorteile des längeren Stillens – eine Argumentationshilfe

5. Juni 2018 | Von | Kategorie: Langzeitstillen, Leitartikel

Kleinkind trinkt an der Brust der lächelnden Mama

Das Interesse am Stillen bleibt auch jenseits des Säuglingsalters erhalten (© Prometeus).

Viele Mütter sind zunächst darauf eingestellt, ihr Baby 6 bis 9, maximal 12 Monate lang zu stillen. Haben sie bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich nach Bedarf gestillt, stellen sie oft mit Erstaunen fest, dass das Interesse ihres Kindes am Stillen ungebrochen bleibt und dass sie es auch selber noch schön finden: Das Stillen tut ihrem Kind offensichtlich gut, es lässt sich durch das Stillen gut trösten und in den Schlaf begleiten. Sie erleben, dass das Stillen auch nach dem Säuglingsalter eine einzigartig warme, innige Beziehung zu ihrem Kind herstellt. Folgt eine Mutter intuitiv den Bedürfnissen ihres Kindes und stillt es weiter, dann findet sie sich manchmal mit Unverständnis, Befremdung oder sogar Feindseligkeit konfrontiert – zum Teil durch ihre engsten Angehörigen.

In solchen Situation ist es hilfreich zu wissen, dass es noch viele andere Mütter gibt, die Klein- und Kindergartenkinder stillen. Gleichgesinnte Mütter können sich z.B. in Stillgruppen austauschen und gegenseitig stärken. Ein höfliches, aber überzeugtes Auftreten ist oft am hilfreichsten gegenüber Kritikern. Der folgende Beitrag soll Argumente liefern, um mit sachlichen Informationen für Verständnis zu sorgen.

Längeres Stillen sichert die Grundversorgung des Kindes

Muttermilch ist das vollwertigste Lebensmittel für Menschenkinder – auch nach dem 1. Geburtstag: Es versorgt das Kind mit Flüssigkeit, Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten und sämtlichen Aminosäuren, Mineralstoffen und Vitaminen, die ein Kind braucht (Lawrence & Lawrence, 2016). Mit ca. 70 kCal Energie pro 100 ml weist Muttermilch eine ähnliche oder höhere Kaloriendichte wie die meisten kommerziellen Beikostprodukte auf. Zwar brauchen Kinder ab dem zweiten Lebenshalbjahr zunehmend feste Nahrung, Muttermilch stellt aber noch lange Zeit die Grundversorgung sicher. Besonders wichtig wird Muttermilch, wenn das Kind nur kleine Mengen und ungleichmäßig isst oder festes Essen vorübergehend vollständig verweigert (WHO, 2003).

Ein häufiger Grund für die Verweigerung fester Kost sind Erkrankungen des Kindes: In solchen Zeiten vertragen Kinder nichts anderes als Muttermilch. Doch auch ohne für uns Erwachsene nachvollziehbaren Grund können kleine Kinder festes Essen vorübergehend ablehnen. Einer der zentralen Gründe der Weltgesundheitsorganisation, sich für das häufige Stillen nach Bedarf bis zum zweiten Geburtstag oder länger auszusprechen, sind diese Episoden der Nahrungsverweigerung in Erkrankungsphasen (WHO, 2003; siehe auch: Empfehlungen der WHO für die Ernährung gestillter Kinder).

Während für abgestillte Kinder eine Verweigerung schnell zur Austrocknung und Entkräftung und gegebenenfalls einer Krankenhauseinweisung führen kann, werden gestillte Kinder in solchen Phasen mit Kalorien, Flüssigkeit und Nährstoffen sicher versorgt. Die Milchbildung der Mutter wird vom Kind durch häufiges und ausgiebiges Saugen an der Brust schnell gesteigert, solange es noch teilweise gestillt wird (siehe auch Kurzfristige Steigerung der Milchmenge).

Längeres Stillen stärkt die Mutter-Kind-Bindung

Das längere Stillen sorgt nicht nur für eine gute körperliche Versorgung des Kindes, sondern durch die Stillhormone Prolaktin und Oxytocin auch für Fürsorge und Zuneigung durch die Mutter und eine engere Mutter-Kind-Bindung. Prolaktin wird auch Mütterlichkeitshormon genannt, weil es bei Säugetieren und vielen anderen Wirbeltieren das Brutpflegeverhalten auslöst. Oxytocin wird durch das Stillen sowohl bei der Mutter als auch beim Kind gebildet. Es ist für das soziale Bindungsverhalten – sprich Liebe und Vertrauen – zuständig. Oxytocin verringert auch die Auswirkung von Stress, es beruhigt, fördert den Schlaf und führt in brenzligen Situationen zur Deeskalation. Stillen steigert auf diese Weise auch die Widerstandsfähigkeit der Mutter gegenüber den Strapazen der Elternschaft und mindert somit das Risiko, dass sie ihr Kind misshandelt (Kremer & Kremer, 2017; Strathearn et al., 2009; Mezzacappa & Katlin, 2002; Feldman & Bakermans-Kranenburg, 2017, Uvnäs-Moberg & Eriksson, 1996; Tharner et al., 2012).

All diese Vorteile des Stillens bleiben bis zum Ende der Stillzeit erhalten, unabhängig davon, wie lang diese andauert.

Längeres Stillen fördert die Gesundheit des Kindes

Viele Menschen gehen davon aus, dass die gesundheitlichen Vorteile des Stillens nur für die ersten 6 Monate gelten. In der Tat ist die Bedeutung des Stillens für kleine Babys am größten (Yoon et al., 1996). Doch, die Vorteile des Stillens für die Gesundheit von Kindern sind bis zum Ende des zweiten Lebensjahres belegt. Nicht mehr gestillte Kinder zwischen 6 Monaten und zwei Jahren haben in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen eine doppelt so hohe Sterblichkeit wie teilgestillte Kinder (Sankar et al., 2015). Hierzu tragen auf der einen Seite die stärker ausgeprägte Mangelernährung (siehe ersten Abschnitt über die Grundversorgung), auf der anderen Seite die erhöhte Infektanfälligkeit bei. Muttermilch enthält eine Reihe von antimikrobiellen, entzündungshemmenden, immunmodulatorischen Bestandteilen, welche vor Infektionen schützen (Lawrence & Lawrence, 2016). Dabei reagiert der mütterliche Organismus u.a. auf kindliche Pathogene, welche während des Stillens in den Körper der Mutter gelangen. In der Muttermilch werden maßgeschneiderte Abwehrfaktoren gebildet – auch wenn die Mutter keine Symptome zeigt – und beim Stillen auf das Kind übertragen (Hassiotou et al. 2013).

In reichen Ländern mit moderner medizinischer Versorgung ist ein erhöhtes Sterberisiko durch Nicht-Stillen nach dem ersten Geburtstag zwar nicht bekannt, aber der schützende Effekt des Stillens vor Infektionserkrankungen gilt überall. So erkranken länger gestillte Kleinkinder seltener an Infektionen, erholen sich schneller und benötigen seltener medizinische Hilfe (Mølbak et al., 1994; Li et al. 2014).

Längeres Stillen wirkt sich außerdem günstig auf die Kieferentwicklung aus. Vor allem ein offener Biss kann entstehen, wenn Kinder ihr Saugbedürfnis anstelle der Brust an Ersatzobjekten wie Schnuller oder Daumen befriedigen. Der protektive Effekt des Stillens vor Zahnfehlstellungen nimmt mit längerer Stilldauer zu (Peres et al., 2015).

Längeres Stillen schützt die Gesundheit der Mutter

Stillen schützt die Mutter Dosis-abhängig vor Brustkrebs, Eierstockkrebs, Diabetes mellitus Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Je länger die Mutter in ihrem Leben stillt, umso ausgeprägter ist diese Schutzwirkung (Bartick et al., 2016; Chowdhury et al., 2015, siehe auch Stillen senkt Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit auch bei Müttern).

Stillen ist auch bei Kleinkindern ein intensives Bedürfnis

Das starke Bedürfnis von kleinen Kindern, gestillt zu werden, stößt häufig auf Unverständnis. Doch es hat tiefe Wurzeln: Es sicherte in der Vorgeschichte unser Überleben.

Alle Menschenaffenarten – also unsere nächsten tierischen Verwandten – säugen ihre Jungen mehrere Jahre, Orang-Utans sogar 8 bis 9 Jahre, mit jährlich wiederkehrenden Episoden ausschließlichen Stillens, wenn Früchte nicht verfügbar sind (Smith et al., 2017). Aufgrund von saisonalen Schwankungen oder ungünstigen Wetterereignissen litten auch unsere Vorfahren als Jäger und Sammler immer wieder unter Perioden von Nahrungsknappheit, Dürre, fehlendem sauberen Trinkwasser. In solchen Perioden konnte Muttermilch den Flüssigkeits-, Energie und Nährstoffbedarf von kleinen Kindern decken. Das ausgeprägte Stillbedürfnis von kleinen Kindern kann durch diesen historischen Überlebensvorteil erklärt werden: Sie sind auf das längere Stillen „programmiert“. Anhand anthropologischer Vergleichsstudien mit Menschenaffen liegt das biologische Abstillalter für uns Menschen bei ~2,3 bis 7 Jahren (Dettwyler, 1995; siehe auch Wie lange werden Menschenkinder aus natürlicher Sicht gestillt?). In unterentwickelten Ländern sichert Stillen auch heute noch millionenfach das Überleben von kleinen Kindern (Briend et al., 1998).

Das häufige Stillen durch das Kind zögert außerdem die Fruchtbarkeit der Mutter hinaus: Darf ein Kind rund um die Uhr nach Bedarf an die Brust, dann kann die Menstruation der Mutter zwei Jahre und länger ausbleiben. Ein längerer Abstand zur nächsten Schwangerschaft sichert die Ressourcen der Mutter für das aktuelle Kleinkind, unterstützt die Regeneration des mütterlichen Organismus, senkt die Risiken bei einer erneuten Schwangerschaft und Geburt, und erhöht auch die Überlebenschance der Mutter und des jüngeren Geschwisterkindes (UNICEF, 1990). Heute stehen uns auch viele andere Methoden der Empfängnisverhütung zur Verfügung und die Säuglings- und Müttersterblichkeit sind sehr niedrig. Daher ist diese Schutzwirkung des Stillens weniger relevant als in früheren Zeiten oder in ärmeren Regionen der Welt. Ein häufiger Stillwunsch seitens des Kleinkindes rund um die Uhr kann aber auch als Signal gewertet werden: „Ich bin noch nicht reif genug, um meine Mutter mit einem jüngeren Geschwisterkind zu teilen.“

Längeres Stillen vereinfacht den Alltag mit dem Kind

Stillen ist ein sehr effizientes Hilfsmittel, ein kleines Kind im Alltag zu beruhigen oder in den Schlaf zu begleiten (La Leche League, 2016). Stillen lindert seelische und auch körperliche Schmerzen effektiv und ohne Nebenwirkungen. Es ist äußerst wirksam z.B. gegen Zahnungsschmerzen, bei Verletzungen und auch bei medizinischen Interventionen wie Impfungen und Blutentnahmen (Harrison et al, 2016). Auch bei Wutausbrüchen, welche im Trotzalter häufig vorkommen, kann das Stillen dem Kind helfen, sich wieder zu beruhigen. Viele Mütter vermissen nach dem Abstillen dieses Hilfsmittel, welches ihnen nie wieder zur Verfügung stehen wird.

Fazit

Auch wenn längeres Stillen in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, hat es nennenswerte Vorteile. Solange Mutter und Kind das Stillen genießen, gibt es keinen Grund, damit aufzuhören.

Quellen:

  • Briend A, Wojtyniak B, Rowland MG. Breast feeding, nutritional state, and child survival in rural Bangladesh. Br Med J (Clin Res Ed). 1988 Mar 26;296(6626):879-82.
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  • Feldman R, Bakermans-Kranenburg MJ: Oxytocin: a parenting hormone. Curr Opin Psychol. 2017 Jun;15:13-18.
  • Harrison D, Reszel J, Bueno M, Sampson M, Shah VS, Taddio A, Larocque C, Turner L: Breastfeeding for procedural pain in infants beyond the neonatal period. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 10. Art. No.: CD011248.
  • Hassiotou F, Hepworth AR, Metzger P et al.: Maternal and infant infections stimulate a rapid leukocyte response in breastmilk. Clin Transl Immunology. 2013 Apr 12;2(4):e3.
  • Kremer KP, Kremer TR: Associations between breastfeeding and maltreatment in childhood. Breastfeed Med 2017 Nov 10. doi: 10.1089/bfm.2017.0105
  • La Leche League Schweiz: Das Handbuch für die stillende Mutter. 2016, S, 330ff.
  • Lawrence RA, Lawrence RM: Breastfeeding. A Guide for the Medical Profession. Elsevier, 2016, 8. Aufl. S. 91 ff.
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