Stillförderung in Deutschland: noch verbesserungswürdig!

16. April 2019 | Von | Kategorie: Neues aus der Stillwelt

Ob eine Mutter ihr Kind stillt und wie lange sie es tut, ist nicht nur ihre persönliche Entscheidung, sondern hängt maßgeblich von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Stillförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wobei der Staat und weitere zentrale Akteure wie Krankenhäuser, Krankenkassen, Arbeitgeber, Berufsverbände usw. in der Verantwortung stehen, die nötigen strukturellen Rahmenbedingungen zu schaffen.

In den letzten Jahren sind mehrere Projekte initiiert worden, welche den Stand der Stillförderung in Deutschland evaluieren, und die als Grundlage für politische Aktionen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene dienen sollen. Eines dieser Projekte ist die „World Breastfeeding Trends Initiative“, abgekürzt WBTi, welche bereits in 97 Ländern der Welt einschließlich 18 europäischer Länder durchgeführt worden ist. Wie das WBTi-Projekt aufzeigt, rangiert Deutschland in Bezug auf die Stillförderung in Europa auf dem vorletzten Platz vor Österreich und weltweit auf Rang 94 von insgesamt 97 Ländern. Ein Großteil der Arbeit für den Schutz, die Förderung und Unterstützung des Stillens wird in Deutschland als ehrenamtliche und unbezahlte Arbeit geleistet, ohne ausreichende politische Unterstützung und Finanzierung.

Einige wichtige Ergebnisse von WBTi Deutschland:

  • Es fehlt bislang eine verbindliche und umfassende nationale Strategie zum Schutz und Förderung des Stillens.
  • Zwar gibt es seit 1994 eine Nationale Stillkommission, diese hat jedoch kaum Befugnisse und Ressourcen, dafür aber Interessenkonflikte: Es gibt in der Nationalen Stillkommission Mitglieder, die auch für die Säuglingsnahrungsindustrie tätig sind.
  • Es ist in deutschem Gesundheitssystem Glückssache, ob man kompetente Stillunterstützung erhält. In der Aus- und Fortbildung von Ärzten und Pflegenden kommen relevante und komplexe Stillthemen kaum vor; in der Ausbildung von Hebammen wird Stillen zwar behandelt, aber in unzureichendem Umfang. Eine regelmäßige Fortbildung von Hebammen im Bereich Stillen ist nicht gesichert. Die Versorgung mit Hebammen und Stillberaterinnen ist lückenhaft.
  • In der großen Mehrheit der Entbindungs- und Kinderkliniken ist die Stillförderung lückenhaft – lediglich 14,5% der Häuser sind nach den Kriterien der WHO/UNICEF-Initiative Babyfreundlich zertifiziert.
  • Der Gesetzgeber lässt wesentliche Elemente des WHO-Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten unberücksichtigt. Werbung für Säuglingsnahrung ist sowohl vor Ort als auch im Internet ubiquitär. Im Gesundheitssystem sind Interessenkonflikte durch eine enge Zusammenarbeit mit der Säuglingsnahrungsindustrie auf mehreren Ebenen weit verbreitet.
  • In Punkto Mutterschutz gehört Deutschland zu den Vorreitern, dennoch gibt es auch hier noch Optimierungsbedarf, wie eine bessere Unterstützung des Stillens am Arbeitsplatz und in Kindertagesstätten. So sind Kitas und Erzieherinnen auf die Betreuung gestillter Kinder und das Füttern von Muttermilch in aller Regel nicht eingerichtet und sind in dem Bereich nicht geschult. Die gesetzlich vorgesehenen Stillzeiten werden nur auf Verlangen gewährt, nicht automatisch. Einige Mütter trauen sich nicht, diese in Anspruch zu nehmen, aus Sorge vor negativen Konsequenzen.
  • Viele Informationen und Materialien, die im Gesundheitswesen zum Thema Stillen und Säuglingsernährung verwendet werden, werden von der Säuglingsnahrungsindustrie herausgegeben oder beeinflusst, Fortbildungen für medizinisches Personal werden vielfach von der Säuglingsnahrungsindustrie gesponsert oder sogar durchgeführt.
  • Es besteht eine Diskrepanz zwischen den offiziellen Stillempfehlungen in Deutschland (4 bis 6 Monate ausschließliches Stillen, keine Angaben zur Bedeutung des weiteren Stillens) sowie den WHO-Empfehlungen (6 Monate ausschließliches Stillen und Weiterstillen bis das Kind zwei Jahre alt ist oder darüber hinaus).

Aus den festgestellten Versorgungslücken wurden im WBTi-Bericht Empfehlungen für politische Aktionen abgeleitet. Ein Follow-up findet anschließend regelmäßig, alle 3 bis 5 Jahre statt.

Ein deutschsprachiger Infoflyer findet sich auf der Seite der Aktionsgruppe Babynahrung. Dort kann die Broschüre mit der vollständigen Version auch bestellt werden.

Am WBTi-Projekt mitgearbeitet haben:

AUCH INTERESSANT:

Schreibe einen Kommentar