Laugt Stillen die Mutter aus?

18. November 2018 | Von | Kategorie: Leitartikel

Erschöpfte Mutter mit Kleinkind an der Brust

Junge Mütter sind oft erschöpft, aber dies hat andere Ursachen als das Stillen. (© gajus)

Viele Mütter von Babys und kleinen Kindern fühlen sich extrem erschöpft. Könnte es sein, dass Stillen daran schuld ist? Würde abstillen helfen, damit die Mutter wieder zu Kräften kommt? Obwohl Müttern aus ihrem Umfeld oft nahegelegt wird, abzustillen, damit sie sich wieder fitter fühlen, hilft diese Maßnahme so gut wie nie. Das Abstillen selbst stellt meist eine große zusätzliche Belastung für Mutter und Kind dar. Außerdem entgeht der Mutter dann auch die Möglichkeit, ihr Baby oder Kleinkind schnell und effektiv zu beruhigen, in den Schlaf zu begleiten und ihre gegenseitige Bindung durch Stillen zu stärken.

Entzieht Stillen der Mutter Nährstoffe?

Eine der vermeintlichen Annahmen, warum Stillen die Mutter auslaugen sollte, geht davon aus, dass Stillen der Mutter Nährstoffe entzieht. Diese Vorstellung ist verständlich, da eine vollstillende Mutter durchschnittlich 700–800 ml Muttermilch am Tag für ihr Baby produziert. Gestillte Kleinkinder decken durchschnittlich immer noch ein Drittel ihres Energiebedarfs durch Stillen und können weiterhin mehrere Hundert Milliliter Muttermilch am Tag trinken.

gesunde Lebensmittel

Eine vollwertige Ernährung versorgt sowohl die stillende Mutter als auch das gestillte Kind mit den benötigten Nährstoffen. (© nehopelon, Fotolia)

Doch, Stillen stellt keine besondere Belastung für den Körper der Mutter dar. Stillen ist kein Ausnahme,- sondern der evolutionär entstandene Normalzustand einer Frau im reproduktiven Alter, der über Jahre und bei mehreren Kindern auch über Jahrzehnte andauern kann, ohne dass die Gesundheit der Mutter oder ihre Versorgung mit Nährstoffen darunter leiden würde. Ernährt sich die Mutter ausgewogen und vollwertig, kann sie – genauso wie in der Schwangerschaft – sowohl sich selber als auch ihr Baby mit allen Nährstoffen versorgen, die sie beide brauchen. Nahrungsergänzungsmittel sind – meistens mit Ausnahme von Jod-Supplementen – auch in der Stillzeit nicht erforderlich. Eine stillende Mutter isst etwas mehr als eine nicht stillende und deckt auf diese Weise den erhöhten Bedarf an Kalorien und Nährstoffen. Die zusätzliche Einnahme von Jod-Tabletten wird empfohlen, weil Deutschland seit der letzten Eiszeit ein Jodmangelgebiet ist. Besteht die Möglichkeit, dass die Frau wieder schwanger wird, wird auch die Einnahme von Folsäure empfohlen, auch in der Stillzeit. Hat die Mutter die Befürchtung, dass sie unter einem Mangel an weiteren Nährstoffen leidet, kann sie dies durch ihre Ärztin / ihren Arzt überprüfen lassen. Relativ häufig unter jungen Frauen tritt Eisenmangel auf: nicht wegen des Stillens, sondern aufgrund der Monatsblutung. Alle möglicherweise festgestellten Mangelzustände können durch Supplemente und ggf. eine Ernährungsumstellung effektiv behandelt werden, ein Abstillen ist auch in einem solchen Fall nicht erforderlich.

Nicht nur, dass Stillen und insbesondere längeres Stillen, den Körper der Mutter nicht auslaugt, es schützt ihn sogar vor einer Reihe von chronischen Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Brustkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Diese positiven Effekte des Stillens auf den Körper der Mutter sind Dosis-abhängig (d.h. je länger die Frau in ihrem Leben gestillt hat, umso stärker) und auch noch Jahrzehnte später feststellbar.

Führt Stillen zum Haarausfall?

Manche frischgebackene Mütter stellen einen vermehrten Haarausfall in der Zeit nach der Geburt fest und ziehen schnell die Schlussfolgerung, dass Stillen daran schuld sein muss. Sie erklären den Haarausfall durch den vermeintlichen Nährstoffmangel, der durch das Stillen entstehen soll. Doch, für diese Theorie gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Offenbar beobachten bei weitem nicht alle Frauen Haarausfall in der Stillzeit und nicht-stillende Mütter sind von einem etwas verstärkten Haarausfall genauso häufig betroffen wie stillende. Möglicherweise sind der vermehrte Haarwuchs in der Schwangerschaft und ein vorübergehender verstärkter Haarausfall nach der Geburt auf die hormonelle Umstellung zurückzuführen. Die Studienlage hierzu ist nicht eindeutig. Abstillen ist aber nicht sinnvoll, um dem vorübergehend verstärkten Haarausfall nach einer Geburt entgegenzuwirken.

Führt nächtliches Stillen zum Schlafentzug?

Der zweite Grund, warum Stillen die Mutter angeblich auslaugt, sollen die nächtlichen Schlafunterbrechungen sein. Die nächtliche Betreuung von Babys und kleinen Kindern kann in der Tat anstrengend sein. Im Vergleich zur nächtlichen Flaschenfütterung ist nächtliches Stillen allerdings eine regelrechte Erholung. Zudem fördert Stillen das (Wieder)Einschlafen sowohl bei der Mutter als auch beim Kind – im Gegensatz zur Flaschenfütterung. In Familien, die sich auf das nächtliche Stillen z.B. durch ein Familienbett eingerichtet haben, kann sich die Mutter auch bei häufigen nächtlichen Mahlzeiten gut erholen. Meistens findet dieses im Halbschlaf statt, ohne dass Mutter und Kind dafür richtig aufwachen müssten.

Mutter stillt ihr Baby im Sitzen nachts

Nächtliches Stillen kann kräftezehrend sein, wenn die Mutter dafür richtig wach werden muss, z.B. wenn sie im Sitzen stillt. Stillen im Liegen, im Bett der Mutter und im Halbschlaf sorgt für mehr Erholung. (© Tomsickova, Fotolia)

Hat eine Frau kleine Kinder, muss sie jedoch ausreichend Zeit fürs Schlafen einplanen, eventuell früher ins Bett gehen und, falls möglich, sich auch nachmittags mit dem Kind hinlegen. Es ist wichtig, auf das eigene Schlafbedürfnis zu achten und es zu erfüllen. Wir schlafen heute durch elektrisches Licht und Medien so wenig wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte statt mit dem Sonnenuntergang schlafen zu gehen wie unsere Vorfahren. Anstelle langer nächtlicher Schlafenszeit mit regelmäßigen Unterbrechungen wie bei unseren Vorfahren pflegen wir heute einen kurzen „Turboschlaf“, der nicht gestört werden darf, damit wir uns erholen können. Mit kleinen Kindern funktioniert diese moderne Schlafpraxis nicht und wir müssen uns auf längere Schlafenszeiten mit kurzen Unterbrechungen einstellen.

Werden diese Aspekte beachtet, kann nächtliches Stillen problemlos über Jahre und bei mehreren Kindern auch über Jahrzehnte und auch während einer Berufstätigkeit praktiziert werden, ohne dass die Mutter erschöpfter wäre als eine nicht stillende Mutter.

Fehlende Anerkennung, unrealistische Erwartungen

Es ist nicht das Stillen, was bei Müttern von Babys und kleinen Kindern zur großen Erschöpfung führt. Babys und kleine Kinder haben starke Bedürfnisse, die sofort befriedigt werden wollen. Ihre einfühlsame Betreuung rund um die Uhr ist eine höchst anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe, die meist nicht die Anerkennung erhält, die ihr gebührt. Würde man z.B. wegen einer Erkrankung oder einer berufsbedingten längeren Abwesenheit der Mutter eine Pflegeperson beschäftigen müssen, welche die Arbeit im Haushalt und in der Kinderbetreuung anstelle der Mutter rund um die Uhr (auch nachts) übernimmt, müsste man sie mit mehreren Tausend Euro im Monat entlohnen. Mütter leisten diese anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe ohne finanziellen Ausgleich und meist ohne sonstige Anerkennung.

Buchcover von Was mütter tun

Buchempfehlung: Was Mütter tun – besonders, wenn es wie nichts aussieht (Naomie Stadlen, La Leche Liga Deutschland e.V (Hrsg.)).

Häufig sind es die unrealistischen Erwartungen des Umfelds und der Mutter selbst an ihre Leistungsfähigkeit, die die Mutter auslaugt. Wenn Mütter nach Ablauf der Elternzeit wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, kommt die doppelte Belastung hinzu. Im Beruf wird von ihnen die volle Leistungsfähigkeit erwartet, während sie sich zu Hause um Haushalt und ihre kleinen Kinder kümmern, statt sich – wie Berufstätige ohne kleine Kinder – zu entspannen und zu erholen. Viele Mütter haben einen hohen Anspruch an einen gut geführten Haushalt, ihre eigene Leistungsfähigkeit im Beruf, an die Zweisamkeit mit ihrem Partner oder ihre Freizeitgestaltung. Diese Ansprüche können neben kleinen Kindern nicht immer zufriedenstellend befriedigt werden oder ein Burn-Out kann resultieren. Es kann schon hilfreich sein, die Ansprüche vorübergehend zu senken und sich bewusst zu machen, dass die Lebensphase, in der unsere Kinder so abhängig von uns sind und uns so intensiv brauchen, im Vergleich zur gesamten Lebensspanne einer Frau recht kurz ist und wieder vorübergeht. Im Laufe der Jahre entstehen mehr Unabhängigkeit, Freiheit, aber auch mehr Distanz zum Kind. Der „perfekte“ Haushalt, Freizeit unter Erwachsenen, Karriere usw. werden wieder möglich. Die Lebensspanne mit kleinen Kindern ist eine besondere und einmalige Zeit der intensiven Nähe und Fürsorge, die viel Kraft und Energie erfordert. Das Fortsetzen des Stillens hilft in dieser Lebensphase, die starken Bedürfnisse des Kindes nach Sicherheit, Geborgenheit und Trost schnell und effektiv zu befriedigen. Stillen stärkt die Zuneigung zwischen Mutter und Kind, fördert die Geduld der Mutter gegenüber ihrem Kind und hilft ihnen beiden, sich zu entspannen und schneller in den Schlaf zu finden.

Stillen laugt nicht aus und ist keine Be-, sondern eine Entlastung und Hilfe im Alltag mit einem kleinen Kind.

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