Einschlafen an der Brust: Angewohnheit oder Grundbedürfnis?

16. September 2020 | Von | Kategorie: Leitartikel, Sibylles Beiträge, Stillen und Schlafen

Mutter und Baby stillen nachts im Bett

Einschlafen an der Brust: darauf sind Babys „programmiert“ (© Oksana Kuzmina)

Vielfach werden junge Mütter davor gewarnt, ihr Baby zum Einschlafen oder zur Beruhigung zu stillen – sie würden ihrem Baby eine schlechte Angewohnheit angewöhnen, die später nur ganz schwer abgewöhnt werden kann. Gleichzeitig erleben sie, wie effektiv ihre Babys durch Stillen beruhigt werden und wie entspannt und schnell sie dabei in den Schlaf finden. Aufgrund dieser Diskrepanz zwischen den Ratschlägen und der erlebten Realität geraten die Mütter in eine schwierige Zwickmühle.

Autorin Sibylle Lüpold, Schlaf- und Stillberaterin, und Dr. Z. Bauer, Stillberaterin und Publizistin in der Stillförderung, erklären im folgendem Beitrag, warum die Warnungen haltlos sind, und nennen Gründe, die klar für das Einschlafstillen sprechen. Anschließend zeigen sie Möglichkeiten auf, wie häufige Herausforderungen rund ums Einschlafstillen gemeistert werden können.

Einschlafstillen unterstützt die Milchbildung und verlängert die Stilldauer

In Deutschland und den meisten weiteren europäischen Ländern hinken Stillraten und Stilldauer immer noch den offiziellen Empfehlungen hinterher (Brettschneider et al., 2018; Zakarija-Grkovic et al., 2020). Obwohl die meisten Frauen in der Lage wären, für ihre Babys ohne zeitliche Einschränkung ausreichend Milch zu bilden, erleben viele, dass ihre Milchmenge nicht auszureichen scheint. Dabei sind die meisten Stillprobleme „menschengemacht“: Neben suboptimalen Rahmenbedingungen in den Geburtskliniken sind es in erster Linie zweifelhafte Überzeugungen und Praktiken, welche das Erreichen empfohlener Stillziele erschweren. Hierzu zählen die Warnungen davor, das Baby ins elterliche Bett zu nehmen und es zur Beruhigung, zum Ein- und Weiterschlafen zu stillen. Dabei gibt es heute klare Belege dafür, dass häufiges Stillen rund um die Uhr inklusive nächtlichen Stillens im gemeinsamen Bett die Etablierung des Stillens erleichtert, die Rate an ausschließlichem Stillen erhöht und die Stilldauer verlängert (Übersicht in Blair et al., 2020, s. Bedsharing fördert das Stillen). Die Unterstützung des Einschlafstillens ist daher ein unverzichtbares Element der Stillförderung.

Einschlafstillen entspricht der evolutionsbiologischen „Programmierung“ von Menschenkindern

An der Brust einschlafen: Die evolutionsbiologische Norm seit dem gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen. (© Arisara Tongdonnoi)

Anthropologische Untersuchungen von heute lebenden Jäger- und Sammler-Gesellschaften und von Menschenaffen weisen darauf hin, dass sehr häufiges und langes Stillen, Co-Sleeping, kontinuierlicher Körperkontakt und eine bedürfnisorientierte Versorgung von Säuglingen mit unmittelbarer Reaktion auf Schreien und Unruhe bereits beim gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Affen vor 30–40 Millionen Jahren vorhanden waren und seitdem bis in die jüngere Vergangenheit Teil der Menschheitsgeschichte waren (Kontier, 2017, S. 96). Im Zuge der neolithischen Revolution und insbesondere der Industrialisierung hat sich der Umgang mit Säuglingen von der evolutionären Erbe entfernt. Wenn Babys auf die Welt kommen, erwarten sie jedoch bis heute instinktiv, dass sie kontinuierlich getragen, häufig und nach Bedarf gestillt werden und auch an der Brust einschlafen dürfen. Darauf sind Menschenbabys evolutionsbiologisch „programmiert“. James McKenna, Leiter eines Forschungszentrums zum Schlafverhalten von Mutter und Kind, spricht vom „Breastsleeping“ als ältestes und erfolgreichstes Einschlaf- und Ernährungs-Arrangement der Menschheit (2018). Denn Schlafen und Stillen gehören im Säuglings- und Kleinkindalter unzertrennlich zusammen.

Stillen als „Schlafmittel“

Kleines Kind nuckelt an Mutters Brust.

Wärme, Schutz, Sättigung: der perfekte Ort zum Einschlafen (© Pavel Volkov)

Vorfahren des heutigen Menschen lebten in der Savanne und im Dschungel – ohne ihre Eltern hätten Babys und Kleinkinder nicht lange überlebt. Stillen gewährte ihnen in dieser gefährlichen Welt die höchste Sicherheit: Sie waren in direktem Körperkontakt mit ihrer Mutter, wurden gewärmt, beschützt und gesättigt. So ist es gut nachvollziehbar, dass Stillen Kindern hilft sich zu entspannen und einzuschlafen. Auch verschiedene Inhaltsstoffe der Muttermilch wirken zudem beruhigend und schlaffördernd. Dazu gehören verschiedene Aminosäuren, u.a. Tryptophan, das im kindlichen Organismus zu Melatonin umgebaut wird, einem Hormon, das schlaffördernd wirkt. Stillen scheint neben zahlreichen anderen Funktionen also auch eine Art «Schlafmittel» zu sein – insofern ist es aus biologischer Sicht äußerst sinnvoll, ein Kind in den Schlaf zu stillen.

Einschlafstillen unterstützt Wachstum und Entwicklung

Reduktion der Gewichtszunahme durch Verzicht auf Einschlafstillen, nächtliches Stillen und damit verbunden der Anzahl der täglichen Stillmahlzeiten von 14 auf 6 (modifiziert nach Guóth-Gumberger, 2018)

Wenn Mütter ihre Kinder wie empfohlen „nach Bedarf stillen“ (d.h. jedes Mal, wenn das Kind sein Bedürfnis danach ausdrückt, sei es aus Hunger, Durst, aufgrund von Schmerzen, Angst, Müdigkeit o.a.), kommen sie ohne Weiteres auf die empfohlenen 8 bis 12 Stillmahlzeiten innerhalb von 24 Stunden. Häufiges Stillen rund um die Uhr, auch nachts, lässt Babys besser gedeihen. Umgekehrt können sich große Abstände zwischen den Stillmahlzeiten und frühes Durchschlafen negativ auf die altersgemäße Gewichtszunahme des Kindes auswirken (Guóth-Gumberger, 2018). James McKenna betont außerdem, dass sich die Größe des kindlichen Gehirns im ersten Lebensjahr verdreifacht (McKenna, 2008). Zudem befinden sich Babys noch viel häufiger als Erwachsene im REM-Schlaf: Während dieser Schlafphase läuft die Gehirnaktivität auf Hochtouren (Ball, 2019). Häufige Mahlzeiten rund um die Uhr können das wachsende Gehirn lückenlos mit Energie und Nährstoffen versorgen. Dies könnte mit eine Erklärung dafür liefern, warum Stillen mit einer gesteigerten Intelligenz im späteren Lebensalter assoziiert ist (Horta el al., 2018).

Alle beobachteten Jäger- und Sammlergesellschaften stillen ihre Babys mindestens zweimal, einige, wie die !Kung, viermal die Stunde (Kontier, 2017, S. 61). Muttermilch wird sehr viel schneller als Kuhmilch oder künstlicher Muttermilchersatz verdaut: innerhalb von 90 Minuten (Ball, 2019). Regelmäßiger Nachschub durch häufiges Stillen rund um die Uhr kann mit dafür sorgen, dass sich das Baby optimal entwickelt. Auch die vermehrte nächtliche Zuwendung, der zusätzliche Körperkontakt und die damit verbundene Entspannung wirken sich zweifellos positiv auf die kindliche Entwicklung aus.

Einschlafstillen erleichtert den Alltag mit Babys und Kleinkindern

Mutter stillt Baby im Halbschlaf

Einschlafstillen ist auch für die Mutter Erholungszeit (© Evgeny Atamanenko)

Leider gehen nach wie vor auch viele Fachleute davon aus, dass Einschlafstillen eine schlechte Angewohnheit sei, ein „zu bequemer“ Weg, den die „unvernünftigen“ Eltern dann früher oder später bereuen würden. Viele Eltern versuchen aufgrund der zahlreichen Warnungen auf mühsame Weise, ihr Baby anders als an der Brust in den Schlaf zu begleiten. Dies dauert jedoch meist länger und ist vermehrt mit Schreien und Stress auf beiden Seiten verbunden. Genau dieser zweite Punkt verhindert dann eine entspannte Einschlafsituation und kann das Familienleben massiv erschweren. Dabei ist Stillen ein wunderbares Mittel, um den Familienalltag zu erleichtern:

  • Babys sind in der Regel noch nicht dazu in der Lage, allein im Bettchen ohne Körperkontakt und Bewegung friedlich einzuschlafen: Denn Alleingelassensein bedeutete bei unseren Vorfahren in der Wildnis akute Lebensgefahr. Die meisten Mütter berichten davon, dass ihr Kind an der Brust am besten einschläft, während das Einschlafen auf andere Weise viel länger dauert und mühsamer ist.
  • Mütter, die in der Lage sind, ihr Baby auf einfache und schnelle Weise in den Schlaf zu begleiten, fühlen sich in ihrer Rolle bestärkt – sofern nicht das Umfeld sie verunsichert.
  • Nicht nur Babys und Kleinkinder lassen sich durch Stillen am leichtesten in den Schlaf begleiten. Auch die Mutter kann sich beim Stillen – sofern dies stress- und schmerzfrei abläuft – entspannen. Viele Mütter stellen fest, dass sie beim Stillen gut einschlafen können. Wenn eine Mutter von Anfang an lernt, bequem liegend zu stillen, bieten diese ruhigen Zeiten mit dem Kind eine optimale Möglichkeit, sich zu erholen. So wird Einschlafstillen auch für die Mutter Erholungszeit.
  • Durch das unmittelbare nächtliche Stillen werden folglich auch die nächtlichen Schreiphasen reduziert, wenn nicht ganz verhindert.
  • Stillen ist gerade auch nachts eine optimale Möglichkeit, körperliches Unwohlsein rasch zu beseitigen und emotionale Bedürfnisse zu erfüllen. Stillen löscht den Durst, führt zur Entspannung, senkt den Blutdruck, optimiert die Atmung, verbessert das Wohlbefinden, hilft bei Erkrankungen, lindert Schmerzen und spendet Trost.

Einschlafen ohne Mama

Väter und andere Betreuungspersonen haben ihre eigenen Möglichkeiten, das Baby beim Einschlafen zu begleiten. (© Tatyana Tomsickova)

Viele Mütter versuchen ihrem Kind das Einschlafen an der Brust abzugewöhnen, damit es auch in ihrer Abwesenheit einschlafen kann, z.B. wenn sie wieder arbeiten gehen. Dabei ist das gar nicht erforderlich. Die Mutter kann ihr Kind nach wie vor wie gewohnt in den Schlaf stillen, wenn sie anwesend ist. Wenn sie nicht da ist, wird die Betreuungsperson (vorausgesetzt, sie ist auch Bindungsperson) einen Weg finden, das Kind ohne Brust einschlafen zu lassen. Tragen ist vermutlich diejenige Alternative, die am besten funktioniert und auch vom Vater oder anderen Bezugspersonen übernommen werden kann. Beim älteren Kind kann sich die Betreuungsperson mit dem Kind zusammen hinlegen und ihm Nähe und Körperkontakt bieten. Kinder können sehr gut damit umgehen, dass es bei Papa, Grosi oder in der Kita anders läuft. Es ist sehr bedauerlich – und unnötig –, wenn die Mutter deswegen das Einschlafstillen abgewöhnt. Während die Mutter abwesend ist, übernehmen also andere Personen die Schlafbegleitung des Kindes; sobald sie wieder da ist, kann sie Tag und Nacht nach Bedarf stillen.

Viele Familien finden es hilfreich, dem Kind zum Einschlafen ein Kuscheltier oder ein „Schnuffeltuch“ anzugewöhnen, das dem Kind in Abwesenheit der Mutter Geborgenheit vermitteln kann. Das ist völlig in Ordnung – doch es wäre naiv zu denken, mit einem solchen Objekt gäbe es dann keine Tränen. Es gibt Tränen, wenn Mama weg ist – und das soll auch so sein! Das Kind möchte in seinem Trennungsschmerz gesehen, und nicht abgelenkt werden. Es ist sinnvoll, dass Eltern alles unverändert lassen, was gut läuft, und sich dann dem Moment der „Krise“ stellen: Das heißt, die Gefühle des Kindes annehmen und es dabei – so ruhig wie möglich – begleiten. Papa kann sagen: „Ich verstehe so gut, dass Du traurig bist. Weine nur, ich bin da und begleite Dich!“ Es geht nicht darum, die Tränen zu umgehen, sondern darum, ihnen Raum zu geben. Am Stillen muss sich gar nichts verändern.

Häufiges nächtliches Aufwachen

Während nächtliches Stillen in den ersten 6 Monaten allgemein akzeptiert ist, wird in der westlichen Welt häufig erwartet, dass Babys etwa ab dem 6. Monat durchschlafen. Trifft dies nicht ein, werden Mütter mitunter mit dem Vorwurf konfrontiert, diesen Zustand durch das „unvernünftige“ Einschlafstillen herbeigeführt zu haben. Doch, dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Die Schlafentwicklung verläuft nicht linear, sondern wellenförmig, mit großen Schwankungen in der Aufwachhäufigkeit. Sehr viele Eltern (auch solche, deren Kind schon abgestillt ist), die sich darüber freuen, dass ihr wenige Monate altes Baby nachts schon mehrere Stunden am Stück durchschläft, stellen zwischen 6 und 12 Monaten verunsichert fest, dass es nun wieder häufiger wach wird. Das häufigere Aufwachen ab dem zweiten Halbjahr ist kein Hinweis auf eine „falsche“ Erziehung, sondern als durchaus positiver Entwicklungssprung zu werten. Brazelton spricht von sogenannten «Touchpoints», d.h. kritischen Meilensteinen in der kindlichen Entwicklung. Dazu gehört auch das vermehrte nächtliche Aufwachen. Wenn Eltern diese Veränderung verstehen, können sie besser damit umgehen.

Wann ein Kleinkind nachts wieder seltener wach wird, lässt sich nicht mit Sicherheit voraussagen. Einige Kinder erwachen bereits im 2. Lebensjahr nicht mehr so häufig. Mütter der afrikanischen Jäger- und Sammler-Gesellschaft !Kung gaben wiederum an, ihre Kinder auch im Alter von drei Jahren noch zwischen zweimal bis „die ganze Nacht“ zu stillen, ohne dabei geweckt zu werden (Kontier, 2017, S. 43). Häufiges nächtliches Stillen bis ins Kleinkindalter scheint die evolutionsbiologische Norm bei Homo sapiens zu sein – die damit verbundenen erlebten Erschöpfungszustände von Müttern lassen sich mit der westlichen Zivilisation in Verbindung bringen und mithilfe bestimmter Vorkehrungen zum Teil vermeiden (s. Vorteile des nächtlichen Stillens – auch nach dem 1. Geburtstag).

Viele Eltern erhoffen sich durch das Abgewöhnen des Einschlafstillens, dass ihre Kinder endlich durchschlafen und in der Einschlafsituation autonom werden. In der Tat berichten manche Mütter, die beschlossen haben, ihr Kind nach dem ersten Geburtstag nicht länger in den Schlaf zu stillen, davon, dass es sie von da an nachts nicht mehr (so oft) geweckt habe. Das Entwöhnen vom Einschlafstillen ist aber keine Garantie für ruhige Nächte: Viele Kinder wachen im Verlauf ihrer Entwicklung aus unterschiedlichen Gründen – wie z.B. Zahnen, Entwicklungsschritte, aufwühlende Ereignisse – nachts trotzdem wieder auf und brauchen ihre Eltern. Wenn zur Entspannung und zum Weiterschlafen nicht mehr gestillt wird, werden andere Beruhigungsstrategien benötigt, die nicht unbedingt einfacher sind als Stillen.

Keine Angst vor Gewohnheiten

Alle Babys bevorzugen eine bestimmte Weise, in den Schlaf zu finden. Bei gestillten Babys ist das die Brust, bei anderen das Tragen, die Flasche, der Schnuller oder etwas ganz anderes. Wird ein Kind längere Zeit immer in den Schlaf gestillt, wird es logischerweise unzufrieden sein, wenn seine Eltern das gewohnte Einschlafritual verändern möchten. Diesen Eltern nun vorzuwerfen, sie hätten ihrem Kind eine „lästige Gewohnheit“ anerzogen, ist nicht gerechtfertigt. Ein Kind, das sich daran gewöhnt hat, mit einer Flasche oder im Tragen einzuschlafen, wird sich genauso schwertun, wenn seine Eltern dies verändern wollen. Keine dieser Gewohnheiten ist schlecht. Gewohnheiten sind dazu da, unseren Alltag zu erleichtern. Solange sie als stimmig erlebt werden und uns nicht schaden, macht es sehr viel Sinn, Gewohnheiten beizubehalten. Wenn dem nicht mehr so ist, können wir sie verändern. Dabei ist der einzige – und legitime – Grund, das Einschlafstillen zu beenden, wenn die Mutter diese Praxis nicht mehr fortsetzen mag.

Das Einschlafstillen abgewöhnen

Stillen zur Beruhigung, zum Einschlafen und Weiterschlafen spielt eine zentrale Rolle in der Stillbeziehung und für die Aufrechterhaltung der Milchbildung. Wird ein Kind zur Beruhigung und zum Einschlafen nicht mehr gestillt, verliert es in aller Regel das Interesse an der Brust, spätestens, wenn es größere Mengen Beikost essen kann. Entscheidet sich eine Mutter, ihrem Kind das Einschlafstillen abzugewöhnen, wird die Stillzeit allmählich ihrem Ende zuneigen.

Schlafendes Kind daumenlutschend

Einschlafstillen ist in den ersten Lebensjahren ein unverhandelbares Grundbedürfnis und lässt sich nur mithilfe von Ersatzobjekten und Ersatzhandlungen abgewöhnen. (© bubutu)

Während der natürliche Abstillprozess etwa um den 6. Lebensmonat herum mit der Einführung von Beikost beginnt, ist es in der Regel das Einschlafstillen, worauf Kinder als allerletztes verzichten mögen. Etwa ab dem zweiten Geburtstag fällt es Kindern mit zunehmendem Alter leichter, sich ohne Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen auch von dieser letzten Bastion allmählich zu lösen, während jüngere Kinder z.B. eine Flasche, einen Schnuller, ein „Schnuffeltuch“ oder den Daumen brauchen, damit sie auf das Einschlafstillen verzichten können (siehe auch Der Abstillprozess).

Längeres Stillen hat wesentliche Vorteile für Kind und Mutter: sowohl für ihre Gesundheit als auch für den Familienalltag (s. auch Vorteile des längeren Stillens – eine Argumentationshilfe). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 6 Monate ausschließliches Stillen und neben adäquater Beikost mindestens bis zum 2. Geburtstag nach Bedarf weiterzustillen (siehe Empfehlungen der WHO). Im Einklang damit stillen Jäger- und Sammlergesellschaften ihre Kinder meistens zwischen 2,3 und 4 Jahren während der Folgeschwangerschaft ab, die letztgeborenen Kinder im Alter von 5 Jahren oder später. Laut Schätzungen der Antropologin Katherine Dettwyler beträgt die natürliche Stilldauer des Menschen auch aus biologischer Sicht ungefähr 2,3–7 Jahre. Eine mehrjährige Stillzeit ist also etwas, was auch heutige Menschenkinder instinktiv erwarten. Wenn ihnen die Zeit zugestanden wird, die sie für ihre Entwicklung brauchen, lernen alle Kinder früher oder später alleine ein- und durchzuschlafen, auch diejenigen, die die ersten Jahre die Brust dafür brauchten (McKenna, 2008).

Mit zunehmendem Alter akzeptieren Kinder attraktive Alternativen. (© Alina Demidenko)

Dennoch ist es völlig legitim, das Einschlafstillen aktiv abzugewöhnen, wenn es für die Mutter nicht mehr stimmig ist. Dabei ist es wichtig zu wissen: Veränderungen, die nicht vom Kind initiiert werden, sind meist nicht ohne Protest möglich. Von einem kleinen Kind zu erwarten, dass es auf einmal alleine oder ohne Unterstützung einschlafen kann, wenn es bisher auf die Nähe der Mutter und das beruhigende Saugen an der Brust vertrauen durfte, ist zu viel verlangt. Das heißt aber nicht, dass seine Eltern keine Veränderungen umsetzen dürfen. Solange die Eltern ihr Kind liebevoll begleiten, können sie durchaus eine alte Gewohnheit durch eine neue ersetzen (siehe den Beitrag Nachts abstillen).

Mit zunehmender Sprachentwicklung kann das Einschlafen mit dem Kind gemeinsam geplant und verhandelt werden. So bieten die Eltern dem Kind abends anstelle der Brust attraktive Alternativen an: Zusammen ein Bilderbuch schauen, eine Geschichte erzählen oder gemeinsames Singen sind bewährte Methoden. Darf das Kind weiterhin in Gegenwart einer nahen Bezugsperson einschlafen, wird es den Verzicht auf die Brust besser akzeptieren können.

Fazit

Einschlafstillen ist keineswegs eine schlechte Angewohnheit, die später bereut wird. Vielmehr ist es eine höchst sinnvolle und wunderbare Möglichkeit, ein Kind immer und immer wieder in den Schlaf zu begleiten: eine geniale Einrichtung der Natur. Das Kind lernt und verinnerlicht dabei etwas, was auch später im Leben von zentraler Bedeutung ist: entspannt in den Schlaf zu finden.


Quellen:

  • Ball H: Schlafentwicklung in der Säuglingszeit. Vortrag auf dem Laktations- und Stillkongress, Berlin, 2019.
  • Blair PS, Ball HL, McKenna JJ, et al. Bedsharing and Breastfeeding: The Academy of Breastfeeding Medicine Protocol #6, Revision 2019. Breastfeed Med. 2020;15(1):5-16.
  • Brazelton TB. In: Brisch KH, Hellbrügge Th, (Hrsg) Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene. Klett-Cotta; 2008.
  • Dettwyler K: A time to wean. The hominid blueprint for the natural age of weaning in modern populations, in Breastfeeding – Biocultural Perspectives, Stuart-Macadam Patricia und Dettwyler Katherine, Aldine de Gruyter, New York, 1995.
  • Guóth-Gumberger M: Gewichtsverlauf und Stillen. Dokumentieren, Beurteilen, Begleiten. Mabuse-Verlag, 2018, 2. Auflage.
  • Horta BL, de Sousa BA, de Mola CL. Breastfeeding and neurodevelopmental outcomes. Curr Opin Clin Nutr Metab Care. 2018 May;21(3):174-178.
  • Kontier M: Hunter-gatherer infancy and childhood: The !Kung and others. In: Hunter-Gatherer Childhoods: Evolutionary, Developmental, and Cultural Perspectives (Evolutionary Foundations of Human Behavior Series) (English Edition) 1. Auflage, Kindle Ausgabe, Hewlett BS, Lamb ME (ed.), Routledge; 1. Auflage, 2017, 43 (5%. Kindle-Position 518; nächtliches Stillen bei den !Kung); S. 61, (8%, Kindle-Position 761 ;kontinuierliche und Intervall-Säuger) S. 96 (Kindle Position 1217 (13%); Einschlafstillen als Stammesgeschichte)
  • McKenna JJ, Joyce EP: The Return of Breastsleeping, humankinds oldest and most successful sleep and feeding arrangement. GOLD Conference, October 29,2018
  • McKenna JJ: Jedes Kind lernt irgendwann zu schlafen, WirbelWind 2/2008.
  • Brettschneider AK, von der Lippe E, Lange C: Stillverhalten in Deutschland – Neues aus KiGGS Welle 2. Bundesgesundheitsbl 2018;61:920–925.
  • Zakarija-Grković, I., Cattaneo, A., Bettinelli, M.E. et al. Are our babies off to a healthy start? The state of implementation of the Global strategy for infant and young child feeding in Europe. Int Breastfeed J 2020;15,51.

Schreibe einen Kommentar