Nachts abstillen: Eine sanfte Vorgehensweise

10. April 2016 | Von | Kategorie: Sibylles Beiträge
Mutter begleitet ihr Baby in den Schlaf

Wenn eine Mutter ihr Baby nachts abstillt, dann kann sie es durch Nähe und Körperkontakt in den Schlaf begleiten. (© Alena Ozerova)

Nachts abstillen – danach sehnen sich viele Mütter, die die Belastung des häufigen nächtlichen Aufstehens nicht mehr ertragen können. Autorin Sibylle Lüpold, Schlaf- und Stillberaterin, setzt sich in ihrem Beitrag mit dem günstigen Zeitpunkt für das nächtliche Abstillen auseinander und beschreibt für verzweifelte Eltern eine Vorgehensweise, wie dies ohne Traumata für das Kind möglich ist.

Zweifel und Erschöpfung – nächtliches Stillen am Rande der Belastbarkeit

Stillkinder schlafen an der Brust oft wunderbar ein. In den ersten Wochen ist Stillen neben Tragen eine beliebte Möglichkeit, ein Baby in den Schlaf zu begleiten. Nicht nur die Kinder, sondern auch viele Mütter entspannen sich beim Stillen und schlafen danach gut ein. Die meisten westlichen Mütter sind aber spätestens nach einem halben Jahr verunsichert, wenn ihr Kind nur an der Brust einschlafen kann und fragen sich, ob dies auch längerfristig eine gute Methode ist. Sie befürchten, damit eine falsche Gewohnheit anzu“erziehen“. Auch das häufige nächtliche Stillen führt zu Verunsicherung und Zweifeln, denn viele Eltern gehen – wie in unserer Gesellschaft üblich – davon aus, dass ein Kind mit ungefähr sechs Monaten durchschlafen solle und nachts keine Nahrung mehr benötige.
Mütter berichten in meinen Beratungen oft von ihrer zunehmenden Erschöpfung in Bezug auf das Stillen in der Nacht. Bei genauerem Hinhören stellt sich vielfach heraus, dass sie von ihrer Umgebung (Familie, Freunde, Fachpersonen) vermittelt bekommen, sie würden ihr Kind damit zu sehr an sich binden und verwöhnen. Diese Vorwürfe und die mangelnde Wertschätzung ihrer Leistung rauben viel Energie. Dabei handeln Mütter intuitiv richtig, indem sie sich rund um die Uhr feinfühlig um die Bedürfnisse ihres Kindes kümmern. Sie schaffen damit eine ideale Basis zum Aufbau seines Urvertrauens und seiner gesunden Entwicklung.

Müde Eltern mit Baby

Nächtliche Schlafunterbrechungen sind für viele Eltern eine Herausforderung (© Antonio Garcia Recena)

Wenn Mütter (und Väter) über die Ursachen des häufigen Aufwachens informiert sind und erkennen, dass das nächtliche Stillen aus natürlicher Sicht Sinn macht, können sie oftmals besser mit den Schlafunterbrüchen umgehen. Weitere nützliche Informationen zum Thema finden Sie im Artikel „Vorteile des nächtlichen Stillens“.
Es geht nicht darum, dass alle Mütter ihr Kind jahrelang nachts stillen müssen, sondern, dass sie es tun dürfen, wenn es für beide stimmt (Largo, 2007). Einschlafstillen und nächtliches Stillen schaden dem Kind in keiner Hinsicht – im Gegenteil!
Wenn eine Mutter aber trotz diesem Wissen und bestem Willen so erschöpft ist, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen kann und keine Freude mehr am Muttersein empfindet, dann kann es notwendig sein, über ein nächtliches Abstillen nachzudenken. Allein die Möglichkeit einer Alternative kann entlastend sein.

Wie lange muss ein Kind nachts gestillt werden?

Zu dieser Frage gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. Während manche davon ausgehen, dass ein Säugling bereits mit einem halben Jahr in der Lage sein soll, die ganze Nacht ohne Stillen auszukommen (Kast-Zahn & Morgenroth, 2013), vertreten andere die Ansicht, dass das nächtliche Stillen bis zum ersten Geburtstag sinnvoll ist (Gordon). Das kindliche Gehirn verdreifacht sein Volumen im ersten Lebensjahr (McKenna, 2008). Die Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Nährstoffen und das Saugen begünstigen das enorme Wachstum und die kindliche Entwicklung.
Viele Stillkinder möchten gerade abends und nachts häufiger gestillt werden. Ihre Eltern befürchten dann, ihr Kind werde mit der Muttermilch nicht mehr genügend satt. Sie denken, sie müssten das Stillen durch eine Flasche mit künstlicher Säuglingsmilch oder Brei ersetzen, in der Hoffnung, dies würde das Durchschlafen beschleunigen. Diese Maßnahmen sind in der Regel erfolglos (Largo, 2007:206), denn Hunger ist nur einer der Gründe für das kindliche Bedürfnis, auch nachts an der Brust zu saugen. Zudem ist Muttermilch sehr sättigend.

Lesen Sie auch:
Die Vorteile des nächtlichen Stillens – auch nach dem 1. Geburtstag
Mutter stillt ihr älteres Baby im Bett

Das nächtliche Stillen lässt sich durch verschiedene Maßnahmen angenehm gestalten. Ein Abstillen nachts ist dann nicht mehr erforderlich.

Meiner Erfahrung nach führt ein nächtliches Abstillen vor dem ersten Geburtstag nur sehr selten zum erhofften Durchschlafen. Meistens wachen die Säuglinge bei den Übergängen der Schlafphasen nach wie vor auf und müssen dann auf andere, nicht unbedingt angenehmere Weise wieder in den Schlaf begleitet werden. Manche Mütter, die in der Folge jedes Mal aufstehen und ihr Kind zum Beispiel herumtragen müssen, berichten, mit Stillen sei es einfacher und schneller gegangen.
Ich begrüße es sehr, wenn Kinder möglichst lange (auch nachts) gestillt werden. Wie bereits erwähnt, bietet das nächtliche Stillen dem Kind zahlreiche Vorteile für seine körperliche und emotionale Entwicklung. Nicht jede Mutter verfügt jedoch über dieselben Ressourcen. Bevor die Erschöpfung zu groß wird, ist es besser, nach kindgerechten Alternativen zu suchen. Das Einschlafen an der Brust ist nicht die einzige Möglichkeit, ein Kind liebevoll in den Schlaf zu begleiten. Es sollte nachts nicht alleine gelassen werden, wenn es sich dazu noch nicht bereit fühlt und mit Schreien auf die nächtlichen Trennungen reagiert. Es ist in jedem Fall vorzuziehen, ein Kind nachts abzustillen, aber nach wie vor zuverlässig für es da zu sein, als es einem Schlaftraining auszusetzen und alleine schreien zu lassen.
Die Erfahrung zeigt, dass Kleinkinder nach dem ersten Geburtstag durch eine Veränderung des Einschlafrituals (d.h. indem sie lernen, nicht mehr an der Brust, sondern auf andere Weise ein- und weiterzuschlafen) eher durchschlafen (Ball & Klingamann 2007). Je älter ein Kind beim Zeitpunkt dieser Veränderung ist, desto erfolgreicher verläuft dieser Prozess. Das nimmt den Eltern den Druck, möglichst früh etwas zu verändern, da es sonst zu spät sei – im Gegenteil dürfen sie sich so viel Zeit damit lassen, wie sie möchten.

Lässt sich das nächtliche Stillen reduzieren?

Kinder, die an der Brust einschlafen, möchten oft auch nachts wieder in den Schlaf gestillt werden, wenn sie aufwachen. Leider ist es nicht (oder nur sehr schwer) möglich, das nächtliche Aufwachen und Stillen aktiv zu reduzieren. Dieses reduziert sich mit voranschreitender Schlafentwicklung von selbst und lässt sich von außen nur bedingt steuern – von Schlaftrainings ist abzuraten (siehe: http://www.kindernächte.ch/Ferber-Methode/). Wie schnell sich dieser biologische und emotionale Reifeprozess vollzieht, ist von Kind zu Kind verschieden.

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Die meisten Mütter berichten, dass sie damit leben könnten, ihr Kind nachts ein- oder zweimal zu stillen, nicht jedoch 7- oder 8-mal. Eltern können von ihrem Kind aber nicht erwarten, einmal mit und einmal ohne Brust einzuschlafen (auch wenn einige wenige Kinder dazu in der Lage sind). Wenn eine Mutter vom nächtlichen Stillen sehr erschöpft ist, kann sie ihrem Kind (idealerweise erst nach dem ersten Geburtstag – wenn nötig, aber auch früher) beibringen, auf andere Weise einzuschlafen. Findet es abends ohne Brust in den Schlaf, gewöhnt es sich daran, auch nachts ohne Brust weiterzuschlafen. Dadurch wacht das Kind jedoch genauso oft auf. Es muss seine Eltern aber nicht mehr wecken, so dass diese am Morgen den Eindruck haben, es habe durchgeschlafen. Nächtliches Stillen ist deswegen keine falsche Gewohnheit, sondern ein kindliches Bedürfnis! Früher oder später lernt jedes Kind ohne Brust einzuschlafen. Viele Mütter, die die Entwicklung ihrem Kind überlassen (und nicht aktiv eingreifen), erleben folgenden Verlauf:

⇒ Das nächtliche Stillen wird zwischen 6 und 12 Monaten intensiver und ist im zweiten Lebensjahr immer noch sehr häufig. Nach dem 2. Geburtstag nimmt die Frequenz langsam ab, bis es nach dem 3. Geburtstag (je nach Kind auch später) ganz wegfällt.

Alternatives Einschlafritual unterstützt das nächtliche Abstillen

Möchten Eltern das Einschlafstillen durch ein anderes Einschlafritual ersetzen, sollte eine Methode gewählt werden, die über längere Zeit und ohne großen Aufwand durchgeführt werden kann. Herumtragen oder Spazierenfahren im Kinderwagen sind zwar gute, aber eher anstrengende Methoden. Vom Stillen zur nächtlichen Flasche mit künstlicher Säuglingsmilch zu wechseln, ist aufgrund der zunehmenden Kariesgefahr zudem nicht ratsam. Eine empfehlenswerte und für Eltern angenehme Möglichkeit ist es, wenn das Kind lernt, im Körperkontakt zu ihnen einzuschlafen. Indem es entspannt einschläft, weil Mama oder Papa neben ihm liegen, kann es auch nachts, wenn es wach wird, ruhig weiterschlafen, solange sich eine Bindungsperson spürbar neben ihm befindet.
Wurde das Kind bisher in den Schlaf gestillt und ist noch nicht von sich aus bereit, darauf zu verzichten, wird es höchstwahrscheinlich mit Weinen und Protest reagieren, wollen seine Eltern dies ändern. Das Kind erlebt einen großen Verlust, da es nicht länger durch die beruhigende Wirkung des Saugens einschlafen darf. Es ist wichtig zu wissen:

⇒ Ein Entwicklungsschritt, der nicht vom Kind initiiert wird, verläuft nicht reibungslos.

Mutter tröstet weinendes Baby (© Piotr Marcinski)

Das nächtliche Abstillen klappt nicht immer ohne Tränen. Die Kinder brauchen dabei Trost und Begleitung.

Das Aushalten der teilweise heftigen kindlichen Reaktionen ist auch für die Eltern nicht einfach. Wird es dabei nicht alleine gelassen, sondern liebevoll gehalten und getröstet, kann ein Kind diese Hürde überwinden. Eine Flasche mit Wasser oder ein Schnuller können als Ersatz angeboten werden. Je überzeugter die Eltern sind und je ruhiger sie sich verhalten, desto einfacher wird sich auch das Kind auf die neue Situation einstellen können. Der Übergang vom Einschlafstillen und nächtlichem Stillen zum Einschlafen ohne Brust muss nicht von heute auf morgen erfolgen. Die Stillmahlzeiten können langsam reduziert werden – aber auch so wird es meistens nicht ohne Tränen gehen und verlängert den schwierigen Prozess.
Das Umgewöhnen gestaltet sich manchmal sehr schwierig, so dass einige Eltern sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, dem Kind von Anfang an beizubringen, ohne Brust einzuschlafen. Sie sollten sich jedoch bewusst sein, dass ihr Kind von jeder Stillmahlzeit profitiert und es sich keineswegs um „vergeudete Mühe“ gehandelt hat.
Wenn sich die Eltern die nächtliche Betreuung teilen möchten (und dies bisher wegen des Stillens nur von der Mutter übernommen werden konnte), kann der Vater nun teilweise oder auch ganz das Zu-Bett-Bringen übernehmen. Die meisten (auch abgestillten) Kinder ziehen abends und nachts eindeutig ihre Mutter vor. Ist der Vater als Bindungsperson vertraut, ist es jedoch keine Zumutung, wenn er sich daran beteiligt. Welche Variante auch immer die Eltern wählen; sie sollte nicht jeden Abend anders aussehen, damit das Kind nicht zusätzlich verunsichert wird.

Nachts Abstillen – eine mögliche Vorgehensweise

Der folgende Abschnitt beschreibt den Übergang vom Einschlafen an der Brust und dem nächtlichen Stillen zum Einschlafen im Körperkontakt. Dies ist ein bewährtes Vorgehen, das dem Kind weiterhin Geborgenheit gewährt und es vor Traumata schützt:

  • Die wichtigste Voraussetzung, bevor Eltern ihrem Kind das Einschlafen an der Brust bzw. das nächtliche Stillen abgewöhnen, ist, dass beide wirklich davon überzeugt sind. Sind sie unsicher oder zweifeln, ob sie ihr Kind damit nicht doch überfordern, spürt es dies und protestiert erfahrungsgemäß viel mehr, als wenn die Eltern 100% davon überzeugt sind, etwas verändern zu müssen.
  • Die Eltern sollten vorher gemeinsam ihr Vorgehen konkret planen. Kommt es nämlich mitten in der Umgewöhnung zu Streit und Konflikten zwischen ihnen, wird es schwierig.
  • Wenn die Mutter zum Schluss kommt, dass sie nachts abstillen möchte, sollte sie auch mit ihrem Kind darüber reden, egal, wie klein es ist. Sie kann ihm erklären, dass sie vom nächtlichen Stillen sehr erschöpft ist und dass es nun lernen wird, ohne Brust einzuschlafen. Wichtig ist es, ihm zu versichern, dass es dabei nie alleine gelassen wird.
  • Nun wählen die Eltern einen geeigneten Zeitpunkt: Ideal ist das Wochenende oder freie Tage ohne wichtige Termine, so dass am nächsten Tag niemand früh aufstehen muss. Das Kind sollte gesund und nicht am Zahnen sein, sowie nicht zeitgleich andere belastende Veränderungen durchmachen müssen (Umzug, Kita-Eingewöhnung etc.), sonst wird es überfordert sein.
  • Das Stillen sollte nicht mehr im Bett und außerhalb des Schlafzimmers stattfinden. (© Jozef Polc)

    Das Stillen tagsüber sollte außerhalb des Schlafzimmers und nicht mehr im Bett stattfinden. (© Jozef Polc)

    Die Mutter kann ihr Kind wie gewohnt tagsüber und auch abends stillen. Dies sollte aber nicht mehr im Bett oder Schlafzimmer stattfinden. Das Kind kann so lernen: Nachts, im Dunkeln und im Schlafzimmer werde ich nicht mehr gestillt. In diesem Punkt unterscheidet sich meine „Methode“ vom durchaus empfehlenswerten „sanften Schlafprogramm“ nach Dr. Jay Gordon. Er schlägt darin eine Stillpause zwischen 23 und 6 Uhr morgens vor. Ich finde eine räumliche Orientierung für ein Kind in diesem Alter wesentlich hilfreicher als eine zeitliche. Ein kleines Kind versteht nicht, warum es um 22:59 noch gestillt wird, jedoch um 23:00 nicht mehr an die Brust darf.

  • Wenn die Eltern merken, dass ihr Kind müde ist und schlafen möchte, legt sich einer von ihnen (oder beide) mit ihm ins Elternbett (oder dort, wo es in den nächsten paar Wochen schlafen wird) und hält es im Arm. Es wird ihm liebevoll, aber ruhig und überzeugt erklärt, dass es jetzt lernen wird, ohne Brust einzuschlafen und dass alles in Ordnung ist. Wenn es weint, können seine Eltern es streicheln und trösten.
  • Sie dürfen ihm alles anbieten, was für das Kind beruhigend und angenehm ist (vorher ein Bad nehmen, danach massieren, vorsingen …).
  • Normalerweise weinen oder schreien die Kinder, wenn sie nicht wie gewohnt an die Brust dürfen. Diese Reaktion ist für die allermeisten Eltern sehr schwer zu ertragen und verständlicherweise taucht der Impuls auf, das Vorgehen abzubrechen. Wenn Eltern es nicht aushalten, ihr Kind so sehr schreien zu hören, dann ist es völlig in Ordnung, zum gewohnten Einschlafen an der Brust zurückzukehren. Diese Eltern haben nicht in ihrer Erziehung versagt! Sie haben vielmehr intuitiv und feinfühlig wahrgenommen, dass ihr Kind noch nicht bereit ist für den geplanten Übergang. In dem Fall kann das Ganze nach ein paar Wochen erneut versucht werden. Eltern sollten es aber nicht jede Nacht anders handhaben, sonst wird das Kind sehr verwirrt sein.
  • Es kann für die Eltern hilfreich sein, sich vor Augen zu führen, dass es ein sehr gesundes und intelligentes Verhalten ihres Kindes ist, über den Verlust des gewohnten Einschlafstillens zu protestieren. Für die zukünftige Entwicklung des Kindes ist es von Vorteil, wenn es früh lernt, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern. Die Eltern dürfen ihr Kind sogar dazu ermutigen, all seine Wut und Enttäuschung auszudrücken. Wenn sich das Kind in seinen Gefühlen akzeptiert und verstanden fühlt, kann es viel besser mit dem Verlust umgehen.
  • Diejenige Bezugsperson, die das Kind durch diesen schwierigen Moment begleitet, braucht viel Kraft. Es hilft, sich auf die eigene Atmung zu konzentrieren und sich in sich selbst zu verankern. Je ruhiger die Mutter oder der Vater in diesem aufgewühlten Moment sein kann, desto besser kann sich auch das Kind beruhigen. Wenn das Kind hingegen wahrnimmt, dass seine Eltern unsicher und verzweifelt sind, verstärkt dies seine eigene Verunsicherung und es wird vermutlich noch heftiger weinen.
  • Sollte das Kind gar nicht zu beruhigen sein, können die Eltern aufstehen, es herumtragen oder ihm eine Flasche mit abgepumpter Muttermilch / künstlicher Säuglingsmilch anbieten. Falls es so einschläft, legen sie es in ihrem Bett ab. Es macht aber keinen Sinn, das nächtliche Stillen dauerhaft durch Tragen oder eine Milchflasche zu ersetzen, da dies in der Regel noch anstrengender ist.
  • Wird das Kind nachts wach, gehen die Eltern genauso vor wie beim Einschlafen. Sie können ihm eine Flasche mit Wasser anbieten, falls es Durst hat.
  • Solange Eltern ihr Kind liebevoll durch diesen Prozess begleiten, kann es lernen, ohne Brust einzuschlafen. Es sollte dabei nie alleine gelassen werden.
  • In der Regel gibt es 2-5 „schlimme“ Abende/Nächte. Danach hat das Kind gelernt, auch ohne Brust, aber im Körperkontakt zu einer Bindungsperson ein- und weiterzuschlafen. Es bewährt sich, dass es auch weiterhin bei den Eltern schlafen darf, bis sich die Schlafsituation entspannt und sich das neue (Ein)Schlafverhalten verankert hat.
  • Wenn beide Eltern mit dem Kind das Bett teilen, lohnt sich ein großes Bett (wenn möglich 2 x 2 m). Als Alternative kann das Kind eine Zeitlang bei der Mutter (oder der Bezugsperson, die für die nächtliche Betreuung zuständig ist) im Elternbett schlafen, während der andere Elternteil in einem separaten Bett oder Zimmer schläft. Es macht Sinn, wenn wenigstens einer gut schlafen kann und den anderen dann tagsüber entlastet.
Vater schläft mit Baby

Schlafen in Körperkontakt – ggf. mit dem Vater – bietet Geborgenheit auch ohne Stillen (© Ilya Andriyanov)

Die Umgewöhnung vom Einschlafen an der Brust zum Einschlafen im Körperkontakt richtet sich nach dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes, zudem nach seiner Familien- und Betreuungssituation. Damit ein individuell passender Weg gewählt und die Eltern wenn nötig von einer Fachperson durch diesen Prozess begleitet werden können, kann eine persönliche Beratung hilfreich sein.
Wichtig: Das hinter dem Stillen stehende Bedürfnis des Kindes fällt durch das Abstillen nicht einfach weg – es muss nun durch andere Formen der Zuwendung ersetzt werden. Viele Kinder sind während dieser Phase und auch danach noch längere Zeit sehr anhänglich und wollen eventuell tagsüber vermehrt gestillt und getragen werden. Im Idealfall werden die Nächte zwar besser und die Eltern sind durch den vermehrten Schlaf wieder belastbarer – die Grundbelastung durch die intensive Betreuung eines Babys und Kleinkindes bleibt jedoch bestehen.

Das Vertrauen trotz Abstillen festigen

Ein Kind muss nicht lernen zu schlafen; es muss vielmehr lernen, darauf zu vertrauen, nachts nicht alleine gelassen zu werden. Dies ist mit oder ohne nächtliches Stillen ein sensibler Prozess, der Zeit und Geduld braucht. Die kindliche Schlafentwicklung dauert gut drei Jahre und ist das Fundament der zukünftigen Schlafqualität. Lernt ein Mensch schon früh, Schlafen mit Nähe und Entspannung zu verknüpfen, ist es wahrscheinlicher, dass er ein Leben lang gut schläft.
Nach dem ersten Geburtstag ist ein (Still)Kind nachts nicht mehr unbedingt auf (Still)Mahlzeiten, meistens aber immer noch auf die unmittelbare Nähe einer Bindungsperson angewiesen. Es ist berechtigt, dass eine Mutter, die abends und nachts nicht mehr stillen mag, eine Alternative wählt, um ihr Kind in den Schlaf zu begleiten. Die hier beschriebene Methode ist nicht zu vergleichen mit einem zu Recht umstrittenen Schlaftraining. Es macht einen enormen Unterschied, ob sich ein kleines Kind alleine in den Schlaf schreien muss, oder ob es dabei liebevoll im Arm gehalten wird. Während die erste Situation beim Kind große Angst und Verzweiflung auslöst, sowie zu schädigenden Stressreaktionen im Gehirn (Posth 2007) führen kann, ist die zweite Situation zumutbar.

Quellen:

Sibylle Lüpold Foto

Die Autorin, Sibylle Lüpold, ist Expertin und Buchautorin zum Thema Schlafen von Babys und Kleinkindern. Sie macht persönliche Beratungen in ihrer Praxis in Bern (www.frauen-oase.com), beantwortet aber auch gerne Telefon- und Skype-Anfragen aus dem Ausland und gibt Kurse für Fachpersonen. Kontakt und weitere Infos finden Sie unter www.1001kindernacht.ch.


 

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung, 2003-2017

7 Kommentare auf "Nachts abstillen: Eine sanfte Vorgehensweise"

  1. Nadine sagt:

    Was für ein toller Artikel! Mein Sohn ist jetzt 14 Monate alt und ich stille ihn noch. Die ersten 3 1/2 Monate hat er sehr viel geweint, meist wenn er müde war und nicht abschalten konnte. Tagsüber hat er sehr lange nur geschlafen wenn ich ihn im Tragetuch hatte und hat sich auch nicht ablegen lassen und selbst da hat er vorm Einschlafen immer geweint. Ich habe ihn monatelang ca. 5 Stunden täglich getragen. Deswegen war ich irgendwann froh, dass er wieder beim Stillen eingeschlafen ist weil er so nicht geweint hat und das für uns beide viel entspannter war. Wenn er müde wird dreht er heute noch immer mehr auf anstatt ruhiger zu werden und das stillen beruhigt ihn einfach so toll. Gerade tagsüber wenn alles so spannend ist, schläft er so total entspannt und unkompliziert ein. Die Nächte waren bis kurz nach seinem ersten Geburtstag oft seeehr anstrengend und ich habe in diesen Zeiten immer wieder gedacht dass ich das nicht mehr lange schaffe und wie toll es wäre wenn auch mein Mann ihn mal ins Bett bringen oder nachts beruhigen könnte. Aber zur Zeit genießen wir es wieder beide und er schläft abends schon oft nach dem Stillen ohne Brust ein und nachts auch manchmal so weiter (er schläft erst in seinem Bettchen und wenn er aufwacht nehme ich ihn mit zu uns ins Bett und gehe auch schlafen). Aus meinem Umfeld kommt jetzt immer öfter die Frage ob ich denn jetzt abgestillt hätte und das würde jetzt ja mal langsam Zeit. Selbst mein Mann sagt immer wieder verächtlich ich würde unseren Sohn stillen bis er 18 Jahre alt ist. Schade, dass es immer noch so viele Menschen gibt, die „längeres“ Stillen verurteilen.

  2. Jess sagt:

    Ich habe lange keinen so sanftmütigen und dem kleinen wie großen Menschen zugewandten Artikel gelesen. Dass die Intuition gerade im Kontakt mit dem eigenen Kind und in Erziehungsfragen oft die beste Beraterin ist, habe ich nun schon oft erfahren…noch besser ist es, das eigene Vorgehen dann noch extern bestätigt zu lesen. Danke!
    Das macht alle Kommentare i.S.: „Du wirst dann aber nicht so eine Mutter. Die ihr Kind noch mit 5 stillt?!“, wett.
    Stillen ist eine Beziehung zwischen 2 Menschen, die auch nur von diesen beiden bewertet oder verändert werden darf…alles andere ist störende und unangemessene Makulatur.

  3. Anna sagt:

    Guten Tag,
    Meine Tochter ist jetzt 8 Monate alt. Anfang August fängt die Eingewöhnung in der KiTa an und im September muss ich wieder arbeiten. Die erste Woche habe ich gleich Spätschicht und dann muss mein Mann die Kleine ins Bett bringen. Zurzeit möchte sie unbedingt mich dabei haben und vor allem die Brust zum Einschlafen. Sie nimmt keinen Nuckel oder Ähnliches und fängt in den Armen meines Mannes furchterlich an zu weinen. Tagsüber isst sie mittlerweile gut und will hauptsächlich zum entspannen und schlafen an die Brust. Milch aus der Flasche trinkt sie nur ein paar Züge aus Durst. Ich habe kein Plan, wie ich es anfangen soll, dass sie auch ohne mich einschläft und mir graut es schon vor den nächsten Wochen.

    • Sarah sagt:

      Hallo Anna,

      wie hat es bei Euch funktioniert? 🙂

      Herzliche Grüße

    • Maria sagt:

      Deine Kleine spürt wahrscheinlich deine Sorgen und wird dadurch auch unruhig? Gib ihr soviel Nähe wie möglich, gib ihren Bedürfnissen Raum.. Und gib gleichzeitig deinem Mann viel Gelegenheit, Zeit mit ihr zu verbringen.
      Vielleicht ist die Phase inzwischen schon geschafft und alles läuft entspannter?
      Nur Mut – ihr schafft das!!

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