Stillen als wirksame Schmerzlinderung bei Impfungen und Blutentnahmen

2. März 2017 | Von | Kategorie: Leitartikel
Baby wird geimpft

Stillen bei Impfungen ist eine effektive Maßnahme zur Schmerzlinderung

Darf man kleine Babys während des Fersenstichs oder Impfungen stillen? Ja! Studien bestätigen, dass Stillen die Schmerzen effektiv lindern kann.

Schon kleine Babys müssen schmerzhafte medizinische Prozeduren durchstehen. Gleich wenige Tage nach der Geburt wird Blut aus der Ferse entnommen, um mögliche Stoffwechselerkrankungen frühzeitig zu erkennen. Wenige Monate später steht eine Reihe von Impfungen an. Während bei größeren medizinischen Eingriffen routinemäßig Schmerzmittel verabreicht werden, bleiben die kleinen Piekser ohne medikamentöse Betäubung. Eltern, Hebammen und Mediziner suchen daher nach Möglichkeiten, die Schmerzen bei diesen kleinen Eingriffen mithilfe nicht-medikamentöser Maßnahmen zu lindern. Hierzu werden vielfach Körperkontakt zu den Eltern, Tragen, Pucken, sowie die Verabreichung von Schnuller oder Zuckerlösungen eingesetzt.

Doch mittlerweile hat sich die wissenschaftliche Beweislage erhärtet, dass Stillen die effektivste nicht-medikamentöse Maßnahme ist, Schmerzen bei Impfungen und einer Blutentnahme zu lindern, und gleichzeitig ist es frei von Nebenwirkungen. Die Wirksamkeit des Stillens bei schmerzhaften Prozeduren ist nun auf dem höchsten wissenschaftlichen Niveau – durch systematische Übersichtsarbeiten der renommierten Cochrane Collaboration – nachgewiesen.

Stillen beinhaltet mehrere, synergistisch wirkende Komponenten, die auch an sich schmerzlindernd wirken:

  • den vertrauten Anblick und Geruch der Mutter
  • direkten Haut-zu-Haut-Kontakt zu ihr
  • das Saugen
  • eine Ablenkung
  • den süßen Geschmack der Muttermilch
  • eine im Vergleich zur künstlichen Ersatznahrung hohe Konzentration an Tryptophan in der Muttermilch.

Tryptophan ist eine Vorstufe von Melatonin, welches wiederum die Konzentration an Beta-Endorphinen steigert und möglicherweise für die analgetische Wirkung von Muttermilch verantwortlich ist. Muttermilch allein – künstlich verabreicht – reicht zur Schmerzlinderung allerdings nicht aus.

Kleine Babys können zwar nicht sagen, dass sie Schmerzen haben und wie stark diese sind, aber Wissenschaftler können die Schmerzen trotzdem einschätzen und ihnen auf einer Skala einen Punktwert zuordnen. In der Medizin und der Forschung werden zur Feststellung von Schmerzen bei Säuglingen Körperparameter sowie Verhaltensmerkmale anhand validierter Schmerzskalen bestimmt: Beobachter notieren die Ausprägungen für Weinen, Gesichtsausdruck, Atmung, Körperspannung, Wachheitsgrad, Herzfrequenz sowie Zeitpunkt und Dauer des Schreiens.

Stillen reduzierte während Blutentnahmen und Impfungen übereinstimmend in allen Studien die Dauer des Weinens und die Punktwerte auf der Schmerzskala. Stillen war dabei effektiver als eine Zuckerlösung, lokale Schmerzgels, Kühlungssprays oder die Liebkosung bzw. eine Massage durch die Mutter.

Diese schmerzlindernde Wirkung des Stillens ist sowohl für die Neugeborenenperiode als auch für das gesamte erste Lebensjahr wissenschaftlich nachgewiesen. Es ist davon auszugehen, dass Stillen auch jenseits des ersten Lebensjahrs weiterhin zur Linderung von Schmerzen effektiv ist.

=> Die Autoren der Studien empfehlen, dass Stillen bei Blutentnahmen und Impfungen in Krankenhäusern und Arztpraxen routinemäßig zur Schmerzlinderung praktiziert wird.

Das Stillen kann natürlich auch zu Hause zur Schmerzlinderung und zum Trost eingesetzt werden. Es ist wirksam, wenn das Kind zahnt, wenn es sich verletzt oder erschreckt, Angst hat oder müde ist. Stillen ist eben ein wahres Wundermittel.

Übrigens, häufig hört man die Warnung, dass man während schmerzhafter Prozeduren nicht stillen sollte, da das Baby sonst das Stillen mit Schmerzen assoziiert und die Brust anschließend verweigert. Für diese Behauptung gibt es allerdings keine Belege. In den Studien konnten keine nachteiligen Effekte des Stillens während Impfungen und Blutentnahmen beobachtet werden. Diese Warnung ist laut Dr. Jack Newmann, einem kanadischen Kinderarzt und Laktationsberater, ähnlich absurd wie der Vorschlag, ein Kind nicht zu trösten, wenn es Schmerzen hat, damit es das Trösten nicht mit Schmerzen assoziiert.

Quellen:

  • Harrison D, Reszel J, Bueno M, Sampson M, Shah VS, Taddio A, Larocque C, Turner L: Breastfeeding for procedural pain in infants beyond the neonatal period. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 10. Art. No.: CD011248.
  • Shah PS, Herbozo C, Aliwalas LL, Shah V: Breastfeeding or breastmilk for procedural pain in neonates. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 12. Art. No.: CD004950.
  • Newmann J, Pitman T: Dr. Jack Newman’s Guide to Breastfeeding. Harpercollins Canada, 2009

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