Milchbildung in den ersten Tagen nach der Geburt

Viele Wöchnerinnen sind in den ersten Tagen nach der Geburt verunsichert, ob sie für ihr Baby genug Milch bilden können. Die Gewichtsabnahme des Säuglings verstärkt ihre Sorge: „Mein Kind verhungert, oh Gott, können wir nicht zufüttern?“ Das Verständnis der natürlichen Prozesse ist wichtig, um das Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit zu festigen.

Mutterbrust mit gelben Tropfen Kolostrum

Kolostrum ist gelblich und dickflüssig (© Jengod, Wikimedia)

Eine Abnahme des Körpergewichts vom Baby um 5-7% in den ersten drei Tagen nach der Geburt ist völlig normal. Diese Gewichtsabnahme entsteht durch die Ausscheidung von überschüssiger Flüssigkeit und Stuhl. Erst wenn das Baby mehr als 7% seines Geburtsgewichts verliert, muss geschaut werden, ob die Mutter zusätzliche Unterstützung beim Stillen benötigt. Eine vorübergehende Zufütterung wird ab einem Verlust von mindestens 10% des Geburtsgewichts in Erwägung gezogen. Erfolgreich gestillte Babys erreichen ihr Geburtsgewicht im Alter von 10 bis 14 Tagen.

Grafik über die Aufnahmefähigkeit des Neugeborenenmagens

Das Neugeborene kann in den ersten Tagen nur wenig Milch verdauen.

In den ersten Lebenstagen bekommt das Baby das sogenannte Kolostrum oder „Vormilch“. Das gelbe, dickflüssige oder goldfarbene Kolostrum wird bereits während der Schwangerschaft und den ersten Tagen nach der Geburt gebildet und enthält sehr wertvolle Nähr- und Immunstoffe. Es wird daher auch „flüssiges Gold“ genannt. Seine Menge ist relativ gering, messbar in Teelöffeln – genau richtig für die Neugeborenen. Denn der Neugeborenenmagen ist noch klein und wenig elastisch, er kann noch nicht so viel Milch auf einmal aufnehmen. Im Durchschnitt trinkt das Baby am 1. Tag nach der Geburt pro Mahlzeit lediglich 7 ml. In den folgenden Tagen erhöht sich die Kapazität des Magens und das Baby kann allmählich auch größere Milchmengen verdauen.

Grafik über die Milchbildung in den ersten Tagen.

Die Milchbildung direkt nach der Geburt ist gering und nimmt allmählich zu.

Wird das Kind regelmäßig, mindestens 8- bis 12-mal am Tag gestillt und somit das Kolostrum aus der Brust geleert, beginnt die Bildung von reifer Muttermilch zwischen dem 2. und 4. Tag. Die Farbe der Milch geht in den ersten Wochen von Gelb in Weiß über. Während das Baby in den ersten 24 Stunden weniger als 100 ml Milch erhält, nimmt die Milchmenge ab dem 2. Tag zu und erreicht durchschnittlich 500 ml am 4. Tag. Diese Zunahme der gebildeten Milchmenge gepaart mit Brustdrüsenschwellung wird als Milcheinschuss bezeichnet. Die Brüste schwellen an und spannen. Diese Spannungsgefühle gehen nach wenigen Tagen vorüber.

Die Menge der gebildeten Milch hängt von nun an vom Appetit des Kindes ab. Entleert das Baby viel Milch aus der Brust, wird genauso viel nachproduziert, trinkt es weniger, wird auch entsprechend weniger Milch gebildet. Sollte ein Baby vorübergehend weniger effektiv an der Brust trinken (z.B. aufgrund von ungünstigen Rahmenbedingungen während der Geburt oder einer Trennung von der Mutter), dann sollte die Brust ggf. zusätzlich per Hand oder manuell entleert werden. Mehr über die Milchbildung s. Die Milchmenge steigern, wie man mehr Milch bilden kann.

Was die Mütter in der ersten Zeit oft verunsichert, ist der Fakt, dass künstlich ernährte Babys bereits ab dem ersten Tag deutlich höhere Mengen an Milch trinken als gestillte Babys. Ein künstlich ernährtes Baby konsumiert an seinem ersten Lebenstag durchschnittlich 114 kcal, während ein gestilltes Baby nur 12 kcal, d.h. etwa ein Zehntel, verzehrt. Dabei ist Stillen der Gold-Standard und nicht die künstliche Ernährung. Künstlich ernährte Babys trinken auch anschließend mehr Milch als gestillte Babys: im Alter von einem Monat etwa um 57% mehr. Künstlich ernährte Babys haben einen höheren Energieumsatz als gestillte Babys, wahrscheinlich, weil künstliche Säuglingsmilch nicht optimal auf die Bedürfnisse von Babys abgestimmt ist.

Quellen:

  • Walker M: Breastfeeding Management for the Clinician. Using the Evidence. Jones and Bartlett Pubishers 2006, S. 70-71, 75, 78-79 und 152-153.
  • Haager-Brückert H: Was sind die größten Hürden für Geburtskliniken in Deutschland auf dem Weg zum Zertifikat „Babyfreundliches Krankenhaus?“. Masterarbeit; Hochschule Fulda, 2009, S. 56.
  • Mohrbacher N, Stock J: Handbuch für die Stillberatung. La Leche Liga Deutschland 2002, S. 43 und 156.

 


Weitere Publikationen zum Thema:


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.