Regulationsstörungen: Wenn sich das Baby nicht beruhigen lässt

Schreibaby

Regulationsstörungen äußern sich in exzessivem Schreien, Schlaf- oder Fütterproblemen (© Kadmy)

„Schlaf, Kindlein, schlaf“– so oder ähnlich beginnen viele Wiegenlieder auf der ganzen Welt. Es ist eine grundlegende Erfahrung junger Eltern, dass sich ihr Baby nicht immer ohne Probleme beruhigen lässt. An Tipps aus der näheren oder weiteren Umgebung mangelt es nicht. Von Schreienlassen über Schnuller, Füttern und Wiegen reichen die Hinweise. Einige Eltern haben nach durchwachten Tagen und Nächten, vielen schwierigen (Still-)Mahlzeiten und Beruhigungsversuchen den Verdacht, ihr Baby könne ein so genanntes Schreibaby sein. Was in der Alltagssprache mit dem Begriff „Schreibaby“ benannt wird, beschreiben Fachleute als Regulationsstörung. Die Störung äußert sich häufig in übermäßigem Weinen, Schlafproblemen oder Schwierigkeiten beim Stillen bzw. Füttern. Oft gibt es eine Kombination verschiedener Probleme.

Regulationsstörungen kommen vergleichsweise häufig vor. Etwa jeder vierte bis fünfte Säugling ist zumindest zeitweise davon betroffen (Papousek, 2004). Trotz der Schwierigkeiten, allgemeingültige Aussagen zu treffen, sollen die Symptome der häufigsten Regulationsstörungen kurz beschrieben werden:

Exzessives Schreien

Weinen und Schreien sind eine wichtige Ausdrucksform von Säuglingen. Weinen führt zu Trost und Versorgung durch die Bezugspersonen, ist also unverzichtbar. Mit exzessivem Schreien wird ein unstillbares, manchmal plötzliches Weinen bezeichnet, für das die Eltern keinen Grund erkennen. Andere Bezeichnungen sind „Kolikenschreien“ oder „Drei-Monats-Koliken“, wobei nur bei etwa 10% der betroffenen Kinder tatsächlich eine Störung im Magen-Darm-Trakt vorliegt (Miller & Barr, 1991). Ein geblähter Bauch, rote Hautfarbe, Überstrecken von Kopf und Rumpf und das Anziehen der Beine sind während des Weinens häufig. In der Zeit zwischen den Weinphasen sind die Kinder unruhig und quengelig, manchmal schreckhaft. Wenn dem Säugling Ablenkung angeboten wird, z.B. Schaukeln, Singen, Autofahren, wird er kurz ruhiger. Bald darauf kommt es jedoch wieder zu Weinen und Unruhe, manchmal stärker als vor dem Beruhigungsversuch. Man geht davon aus, dass die betroffenen Kinder sehr reizoffen sind, schlecht abschalten können und deshalb empfindlich auf Sinneseindrücke reagieren. Neue Eindrücke unterbrechen dann kurz das Weinen, verstärken aber auch die Überreizung. Dafür spricht auch, dass viele Säuglinge besonders gegen Abend unstillbar zu weinen beginnen. Viele Babys werden gegen Abend unruhiger. Kinder mit einer Regulationsstörung kommen jedoch lange nicht zur Ruhe. Eltern beschreiben häufig eine Art „Kampf ums Einschlafen“: Das offensichtlich erschöpfte Kind nickt kurz ein, schreckt wieder auf, beginnt zu weinen bis es wieder kurz einnickt, usw. …

Es hat viele Versuche gegeben, anstrengendes, aber noch normales Weinen von Regulationsstörungen zu unterscheiden. Traditionell wird oft die sogenannte Dreierregel (Wessel et al. 1954) angewandt: Von einer Störung wird dann gesprochen, wenn ein Säugling häufiger als drei Mal in der Woche länger als drei Stunden schreit und das länger als drei Wochen anhält. Solche und ähnliche Kategorisierungen werden inzwischen vielfach kritisch gesehen. In der Beratungspraxis stehen inzwischen die individuelle Belastung der Familienmitglieder und ihre Ressourcen im Mittelpunkt. Keine Mutter und kein Vater sollten zunächst Schreistunden zählen, bevor sie sich an Fachleute wenden.

Schlafstörung

Säuglinge wachen nachts häufig kurz auf und finden dann mit mehr oder weniger elterlicher Unterstützug wieder in den Schlaf. Nach aktuellen Untersuchungen können bis zu 10 oder 15 kurze Aufwachphasen bei Säuglingen beobachtet werden. Auch das Begleiten des Einschlafens durch eine Bezugsperson ist im ersten Lebensjahr nicht als Störung zu sehen. Einschlafdauern bis 30 Minuten werden allgemein als normal gewertet. Wacht ein Kind in der Nacht häufiger als dreimal auf und bleibt dann länger als 20 Minuten wach, findet also nicht gut wieder in den Schlaf, wird das als Hinweis für das Vorliegen von Schlafstörungen gesehen. Kurzes Aufwachen und Trinken mit unproblematischem Zurückfinden in den Schlaf ist damit nicht gemeint.

Fütterstörung

Stillen nach Bedarf, also immer dann, wenn der Säugling Wunsch und Bereitschaft dazu zeigt, ist die natürliche Ernährungsform von Säuglingen. Manchmal gibt es Schwierigkeiten, sich aufeinander einzustimmen. Die Gründe von Stillproblemen sind vielseitig. Es hat Versuche gegeben, anhand zeitlicher Abstände oder der Dauer von Stillmahlzeiten Fütterstörungen zu diagnostizieren. Zeitliche Abstände zwischen den einzelnen Stillmahlzeiten schwanken jedoch von Kind zu Kind sehr stark, sodass inzwischen andere Kriterien erfragt werden. Fachleute vermuten eine Fütterstörung, wenn Kinder sehr häufig oder nur kurz trinken wollen, nach der Mahlzeit nicht (lange) zufrieden sind und nicht altersgerecht zunehmen. Später können noch Beschränkung auf wenige Nahrungsmittel, Essunlust, Erbrechen, Angst vor dem Essen etc. dazu kommen. Wie mit allen quantitativen Kriterien, kann die individuelle Situation der Familie damit nur annähernd erfasst werden. Wenn Eltern den Eindruck haben, dass die Essenssituation über einen Monat hinweg übermäßig viel Stress und/oder Streit auslöst, kann eine genaue Diagnostik sinnvoll sein.

Was können wir tun?

Babys Schreien mit mit innerer Ruhe begleiten

Durch ihre innere Ruhe vermittelt die Mutter dem Baby Sicherheit (© ababaka)

Regulationsstörungen können weder als alleiniges Problem des Säuglings noch als reine Folge elterlichen Verhaltens gesehen werden. Es geht immer um ein Miteinander und eine gelungene Abstimmung zwischen Eltern und Kind. Frühes Reagieren auf die Signale des Säuglings kann den Einstieg in das Weinen seltener machen. Ein strukturierter Tagesablauf und die Vermeidung von Überreizung sind ebenfalls hilfreich. Bitte beachten: In der „spannenden“ Situation ist der Säugling oft ruhig und interessiert. Sobald die interessante Situation vorbei ist, kommt es zu Unruhe, weil er nicht „abschalten“ kann. Eltern kennen den Effekt z.B. nach Besuchen. Während die Verwandtschaft da ist, wirkt alles gut, gegen Abend beginnt dann das Weinen. Eltern dürfen also Grenzen setzen, Besuchszeiten und Körperkontakt durch die Gäste begrenzen und ihren persönlichen Tagesrhythmus durchhalten. Hilfreich ist auch, das Weinen mehr als Kommunikationsmittel denn als Katastrophe zu sehen. Belastete Eltern können viel Sicherheit erlangen, wenn sie lernen, ihr Kind mit innerer Ruhe durch Weinphasen zu begleiten, statt das Weinen möglichst schnell beenden zu wollen. Der Ansatz der emotionellen ersten Hilfe etwa basiert auf der Vermittlung elterlicher Kompetenzen in diesem Bereich.

Gelassenheit und der Blick auf die individuelle Situation der Familie entlastet auch bei Schlafproblemen. Einschlafbegleitung und gemeinsames Schlafen von Eltern und Kind sind im ersten Lebensjahr und manchmal darüber hinaus für viele Familien gute Strategien für mehr Ruhe und Entspannung. Erzieherische Anstrengungen in Richtung Selbstständigkeit können schnell zum Stressfaktor werden, das Bett zum Ort von Streit und Angst machen und nicht zuletzt die Stillbeziehung gefährden (Hinweise für die Gestaltung einer sicheren Schlafumgebung finden sich u.a. im Beitrag Stillen in der Nacht; Anm. d. Red.).

Wenn Sie als Mutter oder Vater das Gefühl haben, Ihr Kind habe mehr Probleme als andere, ruhig zu werden, haben Sie die Möglichkeit, sich beraten zu lassen. Kinderärzte, Hebammen und die örtlichen Gesundheitsämter können Auskunft geben, wo es in der Nähe spezialisierte Beratungsstellen (Schreiambulanzen) oder Psychotherapeuten gibt, die sich auf die Behandlung von Säuglingen spezialisiert haben. Auch der Besuch einer Stillgruppe und die Beratung durch eine ausgebildete Stillberaterin IBCLC kann Entlastung und Unterstützung bieten (Im Verzeichnis des Still-Lexikons finden sich Laktationsberaterinnen, die eine Schreibabyberatung anbieten: Geben Sie links, unter der Stichwortsuche, „Schreibabyberatung“ und rechts Ihren Wohnort an; Anm. d. Red.).

Regulation und Stillen

Die Sorge um das Gedeihen des Säuglings ist einer der häufigsten Gründe für vorzeitiges Zufüttern und Abstillen. Bei Kindern, die auch an der Brust weinen oder bald nach der Stillmahlzeit wieder unruhig sind, haben Eltern oft den Verdacht, die Muttermilch habe nicht ausgereicht, das Kind werde nicht mehr satt o. Ä. Es hilft sich klar zu machen, dass das Saugen an der Brust nicht nur für die Ernährung gut ist. Das Kind erhält auch Nähe und Zuwendung. Es erlebt ganz verschiedene Sinneseindrücke, wenn es die Mutter spürt, hört und tasten kann. Stillen nach Bedarf und nicht nach der Uhr befriedigt die Bedürfnisse auch von unruhigen Säuglingen am besten.

Dr. Claudia Ruff

Dr. Claudia Ruff

 

Die Autorin, Dr. Claudia Ruff (www.claudia-ruff.de), ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Still- und Laktationsberaterin IBCLC in Bottrop. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Therapie von Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter.

 

Fachliteratur:

Selbsthilfebücher: