Der Abstillprozess

Kleinkind wird gestillt

Stillen bietet auch nach dem 1. Geburtstag Abwehrstoffe, Nähe, Geborgenheit und Trost

Wie funktioniert das Abstillen? Wann soll man mit der Beikost starten? Wie kann die Beikost am besten eingeführt werden? – Diese Fragen beschäftigen die meisten Mütter von Säuglingen und lassen sie manchmal verzweifeln. Denn zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen und den Bedürfnissen des Babys liegen manchmal Welten. Im folgenden Beitrag finden die Leserinnen eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Abstillen durch das Kind

Die meisten Babys haben zwischen dem 5. und 7. Monat das Bedürfnis, feste Speisen auszuprobieren. Dies zeigt sich in regem Interesse am Essen der Familie. Weitere Zeichen für den Beginn der Beikosteinführung ist die Fähigkeit des Babys, mit etwas Unterstützung sitzen zu können, die Bereitschaft zum Kauen und eine gute Hand-Mund-Koordination. Das Kind kann selbst Dinge zum Mund führen und stößt das Essen nich mehr mit der Zunge aus dem Mund heraus.

Grafik Beikostreife

Das Alter, wann ein Baby reif für die erste Beikost ist, ist individuell unterschiedlich und liegt zwischen dem vollendeten 4. und 9. Monat (modifiziert nach Adriano Cattaneo)

Wie der italienische Epidemiologe und WHO-Berater Adriano Cattaneo aus zahlreichen Studien über Kindesentwicklung (Reife der Motorik, des Stoffwechsels, usw.) ermittelt hat, erreichen die Säuglinge die Beikostreife durchschnittlich um den 6. Lebensmonat herum. Dieses Alter entspricht den Empfehlungen der WHO, Beikost im Alter von 6 Monaten einzuführen. Es gibt einzelne Kinder, die bereits im Alter von 4 vollendeten Monaten oder wenige Tage vorher mit ihrer ersten Beikost starten können, andere Babys sind erst im Alter von 9 Monaten oder etwas später soweit. Das Alter, wann Babys für die Beikost reif sind, ist also individuell sehr unterschiedlich, genauso wie jedes Kind in einem anderen Alter seinen ersten Zahn bekommt, laufen und sprechen lernt. Die Eltern orientieren sich idealerweise am Kind und bieten ihm Beikost regelmäßig an, sobald die Anzeichen der Beikostreife beim Baby vorliegen. Das Kind kann dann entscheiden, ob es die angebotene Beikost probiert oder noch nicht. Von den Vorgaben, dass die erste Beikost bereits ab dem 4. Monat eingeführt werden soll, distanzieren sich die Stillorganisationen.

Der Appetit des Kindes auf feste Speisen wird im Laufe der Monate und Jahre immer größer. Muttermilch wird im ersten Lebensjahr durch Beikost ergänzt und später allmählich ersetzt. Wenn das Tempo des Abstillens vom Kind bestimmt wird, vergehen zwischen der ersten Beikostmahlzeit und dem kompletten Entwöhnen von der Brust mehrere Jahre. In traditionellen Kulturen werden Kinder 2-5 Jahre gestillt. In solchen Kulturen ist Daumenlutschen unbekannt. Denn die Kinder können ihr Saugbedürfnis jederzeit an der Mutterbrust stillen. Auch das Alter, wann ein Kind das Interesse am Stillen endgültig verliert, ist individuell sehr unterschiedlich. Laut Forschungsarbeiten der Anthropologin Kathrin Dettwyler liegt das natürliche Abstillalter für uns Menschen zwischen 2,5 und 7 Jahren (siehe auch: Forschungsdaten: Was ist Langzeitstillen und wie häufig kommt es vor? und Wie lange werden Menschenkinder aus natürlicher Sicht gestillt?).

Stillen in allen Lebenslagen - Einjährige kennen keine Hindernisse

Stillen in allen Lebenslagen – Einjährige kennen keine Hindernisse

Ein älteres Baby oder Kleinkind kann aktiv zur Mutter krabbeln oder laufen und nach der Brust verlangen. Es tätschelt die Brust, entkleidet die Mama oder sagt irgendwann: „Brust“ oder eine eigene Wortbildung mit diesem Sinninhalt …. Ältere Babys und Kleinkinder wollen nicht unbedingt seltener nuckeln als vollgestillte Babys. Oft trinken sie sogar häufiger, sobald sie sich an der Brust selbst bedienen können. Laut Dettwyler nimmt die Stillhäufigkeit bei nach Bedarf gestillten Kindern etwa ab dem dritten Lebensjahr allmählich ab. Die La Leche Liga empfiehlt, im Laufe des Abstillprozesses dem Kind die Brust nicht mehr aktiv anzubieten, sie aber auch nicht zu verweigern. So verläuft das Abstillen entsprechend den kindlichen Bedürfnissen.

Während des natürlichen Abstillprozesses saugen die Kinder an der Brust immer kürzer bzw. weniger intensiv und trinken so weniger pro Mahlzeit. Dadurch bilden sich die Milchdrüsen zurück und das Speichervolumen der Brust verringert sich. Das natürliche Abstillen geht sehr langsam vonstatten, so dass die Mutter die Veränderungen der Brust kaum wahrnimmt. Der Bedarf nach der Brust wird im Laufe des Abstillprozesses immer weniger durch Hunger und Durst und immer mehr durch seelische Aspekte geleitet, also wenn das Kleinkind Nähe, Geborgenheit oder Trost sucht (s. auch: Was steckt hinter Langzeitstillen? Die Beweggründe der Mütter). Es kann in der Stillhäufigkeit bei einem Kleinkind große Schwankungen geben. So kann das Kind vorübergehend von der Brust abgelenkt sein, sodass es tagsüber seltener trinkt und zu anderen Zeiten sehr häufig nach der Brust verlangt, z.B. wenn es sich entspannen will, müde oder krank ist oder Trennungsängste hat. Viele Kleinkinder behalten das Stillen nachts, vor dem Schlafengehen und beim Aufwachen am längsten bei.

Übrigens: In unserem Kulturkreis kommt es häufig vor, dass sich bereits ältere (nicht mehr vollgestillte) Babys oder Kleinkinder vor dem 2. Geburtstag komplett abstillen. Oft liegt das daran, dass sie ihr Saugbedürfnis an der Brust nicht ausreichend befriedigen können, weil sie nicht nach Bedarf gestillt werden. So ist Stillen nach Bedarf mit getrennten Schlafzimmern oder Betten kaum zu vereinbaren. Aber auch tagsüber wollen viele Mütter nicht so oft stillen. Statt der Brust bieten sie einen Schnuller und/oder eine Saugflasche an, oder ihre Kinder suchen selber nach einem Brustersatz, wie z.B. dem Daumen. Wenn sich die Kinder an den Ersatz gewöhnt haben, z.B. weil er häufiger zur Verfügung steht als die Brust, bevorzugen sie ihn. Bei seltenem Stillen geht außerdem auch die Milchmenge zurück, sodass für die Babys kein Anreiz mehr besteht, an der Brust zu trinken. Allerdings haben Kinder einen bemerkenswerten Toleranzbereich. So ist eine Berufstätigkeit durchaus mit langem Stillen vereinbar, wenn in der Zeit, wo Mutter und Kind zusammen sind, die Brust unbegrenzt zur Verfügung steht, auch nachts.

Mutter tröstet weinendes Baby

Wenn das Baby die Brust plötzlich verweigert, handelt es sich um einen Stillstreik z.B. wegen einer Mittelohrentzündung

Wichtig: Immer wieder kommt es vor, dass ein Stillstreik für einen Abstillwunsch gehalten wird. Bei einem Stillstreik ist die Ablehnung der Brust jedoch nur vorübergehend, und das Kind fühlt sich – im Gegensatz zum natürlichen Abstillen – unglücklich dabei. Wenn der Stillstreik überstanden wird, kann die Stillbeziehung noch lange beibehalten werden. Bei einem Stillstreik soll daher immer wieder versucht werden, dem Kind die Brust anzubieten. Im Halbschlaf nehmen die Babys die Brust häufig eher an, als im wachen Zustand.

Aktives Abstillen durch die Mutter

In unserer westlichen Kultur ist es verbreitet, dass der Abstillprozess von der Mutter initiiert und geleitet wird. Im Bewusstsein der meisten Menschen steckt immer noch die Überzeugung, dass ein Baby nach 6-9 Monaten abgestillt werden muss. Länger stillende Frauen werden kopfschüttelnd gefragt: „Was? Du stillst noch?!“ Die Vorstellungen vieler Mütter vom „Normalen“ und der soziale Druck führen meist dazu, dass Kinder entgegen ihres natürlichen Bedürfnisses nach der Brust schon vor dem 1. Geburtstag abgestillt werden.

⇒ Stillen über den 1. Geburtstag hinaus fördert nicht nur die Gesundheit, die psychische und kognitive Entwicklung des Kindes, sondern auch die Nähe und Zuneigung zwischen Mutter und Kind.

Mutter liest ihrem Kleinkind aus einem Buch vor

Spannende gemeinsame Aktivitäten helfen dem Kleinkind sich von der Brust zu entwöhnen.

Man sollte beim gelenkten Abstillen außerdem bedenken, dass das Bedürfnis des Kindes nach der Brust nicht nur physisch, sondern auch psychisch bedingt ist (s. auch: Abstillen – wie kann ich mein Kind achtsam begleiten?). Das Loslassen von der Brust ist für die meisten Kleinkinder nicht einfach. Ihr Bedürfnis nach Körperkontakt und Zuwendung sollte daher beim geleiteten Abstillen auf eine andere Weise befriedigt werden. Die Kinder können das Abstillen besser verkraften, wenn es langsam und geduldig durchgeführt wird, möglichst über mehrere Monate. Zu bestimmten Tageszeiten kann das Stillen evtl. durch Kuscheln, Singen, Vorlesen, Spielen usw. ersetzt werden, während andere Mahlzeiten noch beibehalten werden, z.B. morgens und abends.

Abruptes Abstillen

Plötzliches Abstillen ist nur in Ausnahmefällen erforderlich, z.B. wenn die Mutter schwer erkrankt oder vom Kind aus anderen Gründen getrennt werden muss. Bei den meisten Erkrankungen der Mutter ist jedoch kein Abstillen erforderlich oder es kann zum Abstillen noch eine gewisse Zeit eingeplant werden. Eine Erkrankung des Kindes ist in aller Regel kein Grund zum Abstillen, ganz im Gegenteil: Das kranke Kind braucht die Milch und die Nähe der Mutter ganz besonders. Wenn das Kind von sich aus abrupt mit dem Stillen aufhört, liegt ein Stillstreik vor, welcher in der Regel nur wenige Stunden bis Tage dauert.

Wenn die Brust plötzlich nicht mehr geleert wird, wird sie unangenehm voll, da die Milchbildung nicht sofort zum Erliegen kommt. Wenn von heute auf morgen intensives Stillen eingestellt wird, kann ein sog. Milchfieber entstehen, welches durch Fieber, Schüttelfrost und Grippe-ähnliche Symptome charakterisiert ist. Das Milchfieber geht in der Regel innerhalb von 3–4 Tagen vorbei und sollte nicht mit ernsthaften Erkrankungen verwechselt werden. Durch plötzliches Abstillen steigt auch das Risiko von Milchstau, Brustentzündung und Brustabszess. Ein langsames Abstillen ist für die Brust sehr viel schonender.

Idealerweise wird auch bei einem plötzlichen Abstillgrund die Milchbildung langsam heruntergefahren. Darf das Baby weiter gestillt werden, dann sollte zunächst nur etwa jede 3. Stillmahlzeit durch künstliche Säuglingsnahrung ersetzt werden, zwei-drei Tage später werden weitere Mahlzeiten weggelassen. Wenn das Baby plötzlich nicht mehr angelegt werden darf, dann soll die Brust mithilfe einer Pumpe oder manuell entleert werden – zunächst etwa in der Häufigkeit, wie das Kind gestillt wurde, bzw. allmählich immer seltener. Es sollte nur so viel Milch entleert werden, dass das unangenehme Spannungsgefühl nachlässt und die Mutter sich wieder wohl fühlt. Denn durch eine starke Entleerung der Brust wird die Milchbildung wieder angeregt.

Die Brust kann zusätzlich durch Kühlkompressen oder Quarkwickel beruhigt werden. Salbei- und Pfefferminztee wird zum schnellen Abstillen traditionell ebenfalls empfohlen.

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Das Hochbinden der Brust und das Einschränken der Flüssigkeitszufuhr, was früher zur Unterdrückung der Milchproduktion empfohlen wurde, wird heute mangels Wirksamkeit nicht mehr empfohlen. Wenn die Brust nicht entleert wird, wird die zurückgebliebene Milch wieder in die Blutbahn aufgenommen und vom Körper verstoffwechselt. Die Milchdrüsen bilden sich langsam zurück, bleiben aber für mindestens einen Monat teilweise funktionsfähig. Die Brust kann sogar noch einige Monate oder Jahre nach dem Abstillen Milch enthalten.

Eine medikamentöse Unterstützung des Abstillens ist sehr verbreitet, wird heute wegen den Nebenwirkungen allerdings nicht mehr empfohlen. Das nicht-medikamentöse Abstillen durch die schrittweise abnehmende Entleerung der Brust ist mindestens so effektiv und hat keine Nebenwirkungen. Die Wirksamkeit der Abstillmedikamente, welche das Stillhormon Prolaktin hemmen, ist außerdem nur für die erste Zeit nach der Geburt belegt. Später werden für die Milchbildung keine hohen Prolaktinspiegel mehr benötigt und eine medikamentöse Prolaktin-Hemmung ist wahrscheinlich wenig sinnvoll.

Für das Kind kann abruptes Abstillen ein emotionales Trauma bedeuten. Langsames, allmähliches Abstillen ist auch für das Kind sehr viel schonender als plötzliches. Auch Mütter können depressiv verstimmt sein, wenn sie ungewollt abstillen müssen.

Sanfte Einführung von Beikost

Empfehlungen zur Ernährung gestillter Säuglinge und Kleinkinder werden unter dem Link „Empfehlungen der WHO“ beschrieben. Hier soll nur auf die Einführungsweise von Beikost näher eingegangen werden, da die in Deutschland propagierte Praxis den Empfehlungen der WHO nicht entspricht.

Zur Einführung von Beikost wird in Deutschland in vielen Ratgebern folgende Empfehlung ausgesprochen:

„Ersetzen Sie pro Monat eine Milchmahlzeit gegen eine Breimahlzeit.“

Diese Regel mag bei manchen Flaschenkindern sinnvoll und praktisch sein, bei Stillkindern ist sie jedoch nicht empfehlenswert, da sie dem Prinzip von Stillen nach Bedarf widerspricht. Daraus ergeben sich folgende Probleme:

  • Zwar ist die Brust erstaunlich flexibel, aber eine lange künstliche Pause zwischen zwei Stillmahlzeiten kann zu einem unangenehmen Spannungsgefühl führen und erhöht das Risiko eines Milchstaus. Außerdem kann zu seltenes Stillen dazu führen, dass das Kind auch dann nicht satt wird, wenn gerade die Stillmahlzeit „an der Reihe“ ist.
  • Statt auf die Bedürfnisse vom Kind zu achten, wird eine starre Regel diktiert. Dem Kind wird die Brust vorenthalten, wenn es angelegt werden möchte. Es kann sich dadurch abgelehnt fühlen und in seiner Wut auch die Beikost verweigern. Ein nach Bedarf gestillter Säugling trinkt an der Brust häufig und unabhängig von der Uhrzeit. Er ist nie völlig ausgehungert und möchte auch nach der Einführung von Beikost in der Regel genauso häufig an die Brust wie vorher. Er wird jedoch insgesamt weniger Muttermilch trinken als früher, weil er kürzer bzw. weniger intensiv trinkt.
  • Die Regel „Pro Monat eine Stillmahlzeit weglassen“ führt dazu, dass auch mit Erfolg stillende Mütter unnötig schnell abstillen. Doch Beikost soll nach heutigen Erkenntnissen die Muttermilch im ersten Lebensjahr nicht ersetzen, sondern ergänzen!
  • Breimahlzeiten haben in der Regel nur eine niedrigere Kaloriendichte als Muttermilch und Babys können nur kleinere Mengen davon verzehren. Auch für die optimale Gewichtsentwicklung ist ein Weiterstillen nach Bedarf am sinnvollsten.
Baby macht sich an eine Birne heran

Babys möchten festes Essen in Eigenregie erobern.

Diese Regel kann daher getrost den Flaschenkindern überlassen werden. Die Empfehlungen der WHO sind für gestillte Säuglinge eine bessere Orientierungshilfe:

„Fangen Sie 2-3 Mal am Tag mit kleinen Portionen von Beikost an und steigern Sie die Menge je nach Appetit des Kindes! Stillen Sie weiter nach Bedarf! Steigern Sie die Häufigkeit der Mahlzeiten im Laufe der Monate!“

Diese Empfehlungen sind aus folgenden Gründen optimal:

  • Die Beikost-Gabe wird gleichmäßig verteilt und kontinuierlich gesteigert, was mit dem natürlichen Abstillmechanismus und der Physiologie der mütterlichen Brust im Einklang steht.
  • Der Abstillprozess wird durch die Bedürfnisse des Kindes und nicht durch starre Regeln bestimmt. Übrigens: Auch wenn Sie flexibel weiterstillen, können Sie feste Zeitpunkte für die Beikost einhalten, z.B. wenn die Familie zusammen isst.
  • Muttermilch bleibt im ersten Lebensjahr die Hauptnahrungsquelle und stellt darüber hinaus noch weiterhin lange eine wichtige Quelle von Nährstoffen, Energie und Schutz vor Infektionen dar.

Wenn ein Baby oder Kleinkind nach Bedarf angelegt wird, kann es seinen Durst an der Brust löschen, indem es öfter für kürzere Zeit trinkt und somit die kalorienarme Vordermilch erhält. Man kann dem Kind ruhig (ungesüßte) Getränke anbieten, aber es ist kein Problem, wenn es gar nichts oder kaum trinkt. Das ist normal und kein Grund zur Besorgnis.

Beikost nach Bedarf

Das in Deutschland am meisten propagierte Beikost-Konzept mit drei wissenschaftlich zusammengestellten Breimahlzeiten wurde 1996 vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (www.fke-do.de) entwickelt. Dieses Konzept wird nach 20 Jahren in vielen offiziellen Eltern-Ratgebern − welche in Kinderarztpraxen kostenlos ausliegen und kostenlos an Eltern verschickt werden − immer noch propagiert. Dabei wird die Sinnhaftigkeit dieses rigiden Konzeptes, das eine zu frühe Einführung von Beikost nahelegt und an den Bedürfnissen der Säuglinge vorbeigeht, in Stillkreisen mehr als angezweifelt (vergleiche z.B. die Stellungnahme des Ausbildungszentrums für Laktation und Stillen oder den Beikostartikel der Stillbeauftragten des Deutschen Hebammenverbandes). Um sich an den Ernährungsplan halten zu können, müssen die Familien die Breimahlzeiten mit viel Aufwand selber kochen oder eben die fertigen Breie der Industrie einkaufen. Die Recherchen der Journalistin Dörthe Ziemer zeigen auf, dass sowohl das Forschungsinstitut für Kinderernährung als auch weitere beteiligte Institutionen und Gremienmitglieder von der Säuglingsnahrungsindustrie mit finanziert werden. Würde man 6 Monate anstelle von 4 Monaten als optimalen Zeitpunkt der Beikosteinführung empfehlen – wie von der WHO für alle Länder vorgesehen – und Breie für überflüssig erklären, würden die Umsätze der Säuglingsnahrungsindustrie deutlich zurückgehen: nach einer Berechnung von Utta Reich-Schottky um über 40 Millionen € im Jahr. Dieser Umsatz bedeutet auch für den Staat wichtige Steuereinnahmen und zahlreiche Arbeitsplätze. Dies erklärt, warum die WHO-Empfehlung zur Beikosteinführung im Alter von 6 Monaten in Deutschland nicht übernommen wurde. Die offizielle Empfehlung zur frühen Beikosteinführung und zu Babybreien ist also durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst und steht nicht unbedingt im besten Interesse der Kinder.

Dabei verbreitet sich immer mehr die Erkenntnis, dass ein nach Bedarf gestilltes Baby kompetent genug ist, auch die Beikost nach Bedarf zu verzehren, und dass es von Anfang an − in babygerechten Happen − am Familienessen teilhaben kann:

  • Man kann dem Baby ab dem vollendeten 6. Monat faustgroße Stückchen Nahrung aus der Familienküche (z.B. ein Stück Obst oder gekochtes Gemüse) anbieten. Wenn das Baby soweit ist, wird es das Essen in die Hand nehmen und probieren.
  • Babys wollen die Kost selbstständig erkunden und nicht gefüttert werden. Genauso wie sie sich an der Brust selbst bedienen, möchten und sollen sie selber essen: Mit der eigenen Hand, im eigenen Tempo und nach der eigenen Auswahl aus einem kleinen, gesunden Angebot.
  • Die Beikost braucht nicht püriert zu werden. Pürieren soll die Fähigkeit des Babys sogar stören, feste Nahrung zu verarbeiten. Stattdessen wollen Babys die Kost in ihrer originalen Konsistenz und jedes Lebensmittel separat kennen lernen.
Kind verfolgt mit großem Interesse die Essenszubereitung

Essen ist spannend!

Man braucht also keine hochwissenschaftlich zusammengestellten Breie zu kochen oder zu kaufen, damit das Kind gut ernährt ist. Wenn das Baby eine Auswahl gesunder Nahrungsmittel (in ihrer ursprünglichen Form, ohne Zucker, Salz und Gewürze) angeboten bekommt, wird es eine ausgewogene Auswahl treffen. Dabei ist es kein Problem, wenn das Baby nur kleine Mengen isst. Viele Babys wollen das Essen zunächst nur kennen lernen, satt werden wollen sie weiterhin an der Brust. Unter gesunden, voll ausgetragenen Babys, die nach Bedarf gestillt werden, ist ein Nährstoffmangel selten.

 

 

Quellenangaben für diesen Beitrag

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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Ergänzungen: August 2017.