Zu wenig Milch beim Stillen

Baby schreit

Ein schreiendes Baby lässt die Mutter schnell an sich zweifeln ( © Vojtech Vlk)

Häufig beklagen sich stillende Mütter über zu wenig Milch. Dieses Problem ist der häufigste Grund zum Zufüttern und zum vorzeitigen Abstillen. Dabei können die meisten Mütter ausreichend Milch für ihre Säuglinge bilden, auch für Mehrlinge. Der folgende Artikel fasst die Ursachen für zu wenig Milch zusammen, erläutert häufige Herausforderungen und verweist auf weiterführende Quellen.

Die Diagnostik und die Behandlung einer unzureichenden Milchbildung gehören zu den komplexesten Aufgaben in der Stillberatung. Dabei liegen nur bei etwa 5% der Frauen medizinische Probleme vor, welche die Milchbildung tatsächlich beeinträchtigen (siehe unten). Gelegentlich liegt es am Neugeborenen, dass es (noch) nicht in der Lage ist, effektiv zu stillen, z.B. weil es zu früh geboren wurde, vorübergehende Anpassungsstörungen hat, zu schläfrig ist oder unter anatomischen Besonderheiten leidet, wie ein verkürztes Zungenbändchen.

Manchmal allerdings liegt es an ungünstigen Rahmenbedingungen bei der Geburt / im Wochenbett, dass die Milchbildung nicht in Gang kommt und das Baby zugefüttert werden muss. Wie in diesen Fällen die Milchmenge gesteigert werden kann, steht im Artikel „Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann„. In anderen Fällen liegt der Eindruck, nicht genug Milch bilden zu können, an überholten Vorstellungen über Milchbildung und Stillverhalten sowie am mangelnden Vertrauen der Mutter in die eigene Stillfähigkeit. In vielen Fällen gedeiht das Baby also prächtig, die Mutter interpretiert bestimmte Signale fälschlicherweise als Zeichen für zu wenig Milch. Dieses Phänomen nennt man in der internationalen Fachliteratur „Perceived Insufficient Milk“, kurz PIM. Schließlich führen falsche Vorstellungen der Mutter mitunter tatsächlich dazu, dass sie das Baby zu selten und ggf. zu kurz anlegt, oder dass sie das Baby inkorrekt an der Brust positioniert. Diese Umstände können tatsächlich zu einer Unterversorgung mit Milch führen, obwohl die Mutter eigentlich genug Milch bilden kann. Vielfach liegen sogar mehrere Probleme gleichzeitig vor, z.B. ungünstige Startbedingungen während der Geburt / im Wochenbett, fehlende Unterstützung beim korrekten Stillmanagement und eine große Verunsicherung der Mutter.

Der folgende Diagramm fasst die Ursachen für zu wenig Milch zusammen.

Diagramm mit den Ursachen für zu wenig Milch.

Ursachen für zu wenig Milch: Ein Überblick (© Dr. Z. Bauer, still-lexikon.de)

Für eine optimale Unterstützung braucht eine Mutter mit Verdacht auf zu wenig Milch neben einer Hebamme auch eine Stillgruppe, in der sie ihre zahlreichen Unsicherheiten klären kann und seelische Stärkung erhält, und idealerweise auch eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC, welche die Ursachen des Problems diagnostiziert und die Mutter in mehrstündigen persönlichen Beratungen anleitet (s. auch unser Stillberaterinnen-Verzeichnis).

Habe ich wirklich zu wenig Milch?

Die erste große Herausforderung bei Verdacht auf zu wenig Milch liegt darin, festzustellen, ob das Baby tatsächlich weniger Milch trinkt als es braucht. Es gibt kein einzelnes Kriterium, an dem man dies eindeutig festlegen kann, sondern zahlreiche Hinweise, die zusammen ein Bild abgeben.

Am liebsten würden viele Mütter auf einer Skala ablesen können, wie viel Muttermilch ihr Baby trinkt, so wie dies bei der Fütterung mit einer Saugflasche möglich ist. Beim Stillen ist dies jedoch nicht so einfach. Die getrunkene Milchmenge lässt sich im Wesentlichen durch regelmäßiges Wiegen des Babys vor und nach jedem Stillen über einen ganzen Tag feststellen. Die Gewichtsdifferenzen werden addiert und so ergibt sich die getrunkene Milchmenge an einem Tag. Diese Vorgehensweise ist sehr aufwendig und wird daher nur selten angewendet. Man kann auch alle Windeln über 24 Stunden in einem verschlossenen Behälter sammeln und mit leeren Windeln vergleichen. So kann man die Menge der Ausscheidungen abschätzen – das ist etwas weniger als die getrunkene Milchmenge. Doch die Menge der getrunkenen Milch ist relativ wenig aussagekräftig. Es kommt darauf an, wie viel Milch das Baby tatsächlich braucht und da gibt es enorme Unterschiede. Manche gesunde Babys trinken lediglich 400–500 ml am Tag – auch wenn mehr Muttermilch zur Verfügung steht –, andere gesunde Babys über 1300 ml am Tag: Die Spannweite ist groß.

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Ob das Baby genug Milch erhält, lässt sich anhand der erfolgreichen Positionierung des Babys an der Brust, des beobachteten Stillverhaltens (siehe auch die Anzeichen für das effektive Saugen), und des richtigen Stillmanagements bereits gut erkennen. Auch ein aktives, aufmerksames Verhalten, eine rosige Hautfarbe und eine gute Hautspannung weisen auf eine gute Versorgung mit Muttermilch hin. Darüber hinaus liefern die Gewichtsentwicklung und die Ausscheidungen des Babys die wichtigsten Hinweise.

In der ersten Lebenswoche verlieren durch die Ausscheidung von Körperflüssigkeit und Mekonium alle gesunden Neugeborenen an Gewicht, meist 5 bis 7% ihres Geburtsgewichts. Verliert das Baby mehr als 7%, dann muss das Stillmanagement überprüft und ggf. korrigiert werden. Sehr große Babys oder bei viel intravenöser Flüssigkeitsaufnahme während der Geburt dürfen die Babys aber auch mehr an Gewicht verlieren. Das ist normal und kein Anzeichen für zu wenig Milch. Etwa ab 10% Gewichtsverlust wird zur Zufütterung geraten, weil das Baby offenbar nicht ausreichend mit Muttermilch versorgt wird.

Innerhalb von 10 bis 14 Tagen erreicht ein erfolgreich gestilltes Baby wieder sein Geburtsgewicht. Hat das Baby sein Geburtsgewicht nach zwei Wochen nicht erreicht, dann liegen Probleme vor und es sollten der Kinderarzt und Stillfachkräfte kontaktiert werden.

Baby beim Windelwechseln

Die Ausscheidungen des Babys liefern wichtige Hinweise darüber, ob es mit Muttermilch ausreichend versorgt wird. (© Jozef Polc)

Neben dem Gewicht geben die Ausscheidungen des Babys Auskunft darüber, ob es ausreichend mit Milch versorgt wird. In der ersten Lebenswoche wird die Ausscheidung von Stuhl festgehalten. Die Farbe, die Konsistenz und die Menge des Stuhls zeigen an, ob das Baby genug Milch bekommt bzw. ob die Milchbildung der Mutter gut in Gang kommt (mehr darüber im Artikel Der Stuhlgang eines neugeborenen, gestillten Babys).

Nach dem ersten Monat verliert der Stuhl für die Bestimmung der Milchmenge an Bedeutung, da er mitunter nur alle paar Tage oder sogar Wochen ausgeschieden wird, wobei eine hellgelbe bis senfbraune Farbe und eine flüssige, weiche Konsistenz ein gutes Zeichen sind. Trockene, harte Stühle sind immer ein Anzeichen für zu wenig Milch.

Ob das Baby ausreichend mit Muttermilch versorgt wird, kann man nach der ersten Lebenswoche in erster Linie anhand der nassen Windeln feststellen. 6–8 nasse Stoffwindeln (5–6 schwere Wegwerfwindeln) werden als ausreichend erachtet. Der Urin ist blassgelb bis farb- und geruchslos.

Auch das Testwiegen des Babys in regelmäßigen Abständen wird fortgeführt, um die Gewichtsentwicklung zu beobachten. Bei unproblematischen Stillverläufen reicht das Wiegen durch die Nachsorgehebamme und den Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen aus. Bei Verdacht auf zu wenig Milch können Babywaagen in spezialisierten Apotheken und Sanitätshäusern ausgeliehen werden. In den ersten Tagen und Wochen, bis das Neugeborene sein Geburtsgewicht erreicht hat, wird tägliches Wiegen empfohlen, in den anschließenden Wochen ein- bis zweimal die Woche. Nach anderthalb Monaten reicht es, wenn das Baby alle 4–6 Wochen gewogen wird. Zum Wiegen soll das Baby nackt ein und eine leere Windel anhaben.

WHO-Gewichtskurve für Mädchen

Die WHO-Gewichtskurven ermöglichen die beste Orientierung

Wie viel das Baby zunehmen sollte, kann nicht ganz eindeutig festgelegt werden, da sich jedes Baby individuell entwickelt. Die absolute Untergrenze liegt in den ersten Monaten jedoch bei etwa 20 g/Tag (140-170 g pro Woche). Nimmt ein Baby weniger zu, dann liegt definitiv ein Problem vor und der Kinderarzt wie Stillfachkräfte sollten kontaktiert werden. Durchschnittlich nehmen Babys in den ersten zwei Monaten wöchentlich 170 bis 330 g zu, im 3. und 4. Monat 110 bis 330 g und im 5. bis 6. Monat 70 bis 140 g pro Woche zu.

Statt absoluten Zahlen lässt sich die Gewichtsentwicklung am besten anhand von Gewichtskurven messen. Die Somatogramme in den gelben Vorsorgeuntersuchungsheften ermöglichen allerdings nur eine grobe Orientierung und wurden anhand von Kindern bestimmt, die nicht bzw. nicht immer ausschließlich gestillt wurden. Besser geeignet sind die WHO-Kurven von 2006, die anhand von 4–6 Monate lang voll gestillter Säuglinge erfasst wurden (siehe die WHO-Gewichtskurve für Mädchen (0–6 Monate) und für Jungen (0–6 Monate)). Bei den Gewichtskurven kommt es nicht darauf an, auf welcher Perzentile sich das Kind befindet. Etwa ab der 3. Perzentile kann alles normal sein, da jeder Mensch sein individuelles Gewicht hat: Es gibt von Natur aus schlankere und kräftigere Menschen. Viel wichtiger ist es, dass sich das Kind entlang seiner Perzentile entwickelt. Auch unterhalb der 3. Perzentile kann sich ein Kind noch gesund entwickeln, wenn ansonsten keine Hinweise auf Erkrankungen oder Störungen vorliegen.

Gewisse Schwankungen um die Perzentile herum sind ganz normal (vor allem bei kurzfristigen Erkrankungen), aber tendenziell sollte der Gewichtsverlauf parallel zur individuellen Perzentilenkurve verlaufen. Vor allem eine Stagnation des Gewichts (also eine waagerechte Linie in der Gewichtskurve), sowie ein Verlauf nach unten sind dringende Alarmzeichen, die eine sofortige Intervention erfordern. Auch bei einer verlangsamten Steigung der Gewichtskurve sollte das Stillmanagement überprüft werden.

Babys, die mit künstlicher Säuglingsmilch ernährt werden, nehmen in den ersten Monaten langsamer zu als voll gestillte Babys, anschließend jedoch mehr. Auch dies muss berücksichtigt werden, wenn das Baby zugefüttert wird.

Unbegründeter Verdacht auf zu wenig Milch (Perceived insufficient milk)

In unserer „hochzivilisierten“ Gesellschaft sind falsche Ansichten über Stillen tief verwurzelt. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass viele Mütter nicht genug Milch produzieren können. Selbstzweifel entstehen selbst bei gesunden Müttern schon während der Schwangerschaft und führen dazu, dass sie das kindliche Verhalten und andere Beobachtungen als ein Anzeichen für zu wenig Milch interpretieren, obwohl das Kind prächtig gedeiht. Leider sind es auch manchmal die „Fachleute“, die die Mutter dazu drängen, zuzufüttern: „Sie wollen Ihr Kind doch nicht verhungern lassen, oder?“

Es werden u.a. folgende Vorkommnisse als Anzeichen für zu wenig Milch fehlinterpretiert:

  • Wenig Milch in den ersten Tagen: Manche Mütter erwarten, dass sie gleich in den ersten Tagen nach der Geburt bereits größere Milchmengen bilden und sind durch die wenigen Tropfen Kolostrum verunsichert. Dabei trinken Babys in den ersten Tagen nach der Geburt noch sehr kleine Mengen, auch die Mutter bildet noch entsprechend wenig Milch (siehe auch Milchbildung in den ersten Tagen nach der Geburt). Die Milchmenge steigert sich ab dem 2. Tag und erreicht am 4. Tag im Durchschnitt 500 ml, wobei die individuellen Unterschiede sehr groß sind. Im Alter von 4 Wochen trinken Babys durchschnittlich 750 ml Muttermilch am Tag, wobei auch 450 ml oder 1300 ml Milch am Tag völlig normal sind.
  • Zum Zeitpunkt des initialen Milcheinschusses ist die Brust groß und fest und wird später allmählich kleiner und weicher. Manche Mütter interpretieren dieses Phänomen irrtümlich als eine Reduktion der Milchmenge. Stattdessen gehen nur die Lymphstauungen im Zwischendrüsengewebe zurück. Wenn die anfängliche Anschwellung der Brust vorbeigeht, kann der Unterschied in der Festigkeit der Brust vor und nach den Stillmahlzeiten wahrgenommen werden. Vor der Mahlzeit ist die Brust praller, danach wieder weicher. Diese Beobachtung kann die Mutter darin bestätigen, genug Milch zu haben. Den Unterschied spürt man am besten, wenn das Kind nach einer längeren Pause viel trinkt. Wenn ein Kind sehr häufig an der Brust trinkt, mag der Unterschied in der Brustfestigkeit nicht mehr spürbar sein. Trotzdem ist das Baby mit Muttermilch gut versorgt.
  • Die Brust läuft nicht mehr aus: Vor allem in den ersten fünf bis sechs Wochen nach der Geburt läuft die Brust bei vielen Frauen stark aus (Spritzer beim Milchspendereflex, nasse Stilleinlagen usw.). Das Auslaufen der Brust lässt bei den meisten Müttern im Laufe der Zeit nach und hört ggf. sogar vollständig auf. Dies ist jedoch kein Zeichen für ein Nachlassen der Milchbildung. Die Brust arbeitet effektiver und kann die Milchbildung passgenauer an die Bedürfnisse des Babys kalibrieren.
  • Die Mutter ist verunsichert, weil das Kind häufiger / seltener trinkt oder mehr / weniger Zeit an der Brust verbringt als sie es für normal hält. Es gibt jedoch keine Norm. Jede Brust und jedes Kind ist anders. Ein ausschließlich und nach Bedarf gestilltes Baby kann 6- bis 20-mal am Tag trinken. Auch die produzierte Milchmenge variiert beträchtlich zwischen Mutter-Kind Paaren, die allerdings hauptsächlich vom Appetit des Kindes abhängt und weniger von der Brust. Wenn Babys einen Wachstumsschub durchmachen, stillen sie öfter als sonst. Babys stillen mit der Zeit außerdem schneller und effektiver und brauchen in der Neugeborenenzeit vielleicht 15 bis 30 Minuten, um die Brust zu leeren, später vielleicht nur noch 5 Minuten.
  • Auch das so genannte Cluster-Stillen, bei dem das Baby über mehrere Stunden sehr häufig an der Brust trinkt (typischerweise abends), verunsichert die Mütter. Das Cluster-Stillen ist jedoch ein normales Verhalten und kein Grund zur Sorge.
  • Beim Pumpen oder bei der manuellen Milchgewinnung kommt nur sehr wenig Milch. Auch dies muss kein Anzeichen für eine geringe Milchmenge sein. Die Gewinnung per Hand oder mit der Pumpe entleert die Brust bei weitem nicht so effektiv wie das Baby. Nicht bei jeder Frau wird der Milchspendereflex beim Pumpen oder Handgewinnen ausgelöst.
  • Die Mutter spürt den Milchspendereflex nicht. Auch dies ist absolut kein Grund zur Annahme, dass der Milchspendereflex nicht da ist. Oft spüren Mütter den Milchspendereflex nur in den ersten Tagen oder Wochen, manche Mütter sogar nie.
  • Das Kind will plötzlich häufiger und/oder länger trinken als die Mutter es gewohnt war. Oder: Bis jetzt war das Baby nach einer Brust bereits satt, jetzt braucht es auch die zweite Brust. Auch dies ist kein Anzeichen dafür, dass die Milchproduktion nachgelassen hätte. Solche Schwankungen wurden bislang mit Wachstumsschüben erklärt, allerdings sind in der Zwischenzeit Zweifel aufgekommen, ob Wachstumsschübe wirklich existieren. Wir haben keine allgemeingültigen Erklärungen, warum der Appetit eines Babys schwankt. Auf alle Fälle wissen wir, dass Appetit und Stillhäufigkeit unregelmäßig sind und kurzfristig auffällige Änderungen durchmachen können, auch wenn längerfristig die Milchbildung zwischen dem 1. und 6. Monat gleichbleibend ist. Wenn die Mutter ihr Baby nach Bedarf stillt, kann sie sicher sein, dass sich ihre Milchbildung dem kindlichen Bedarf anpasst.
Mutter mit schreiendem Baby

Nachmittags und abends sind viele Babys unruhig. (© Vojtech Vlk)

  • Unruhiges Baby: Unruhe und Schreien können vielfältige Gründe haben und sind kein zuverlässiges Zeichen für Hunger (siehe Die ersten Anzeichen von Hunger).
  • Viele Babys schreien am Nachmittag und am Abend besonders viel und wollen häufig gestillt werden. Es existieren verschiedene Theorien für die Erklärung dieses Verhaltens. Manche vermuten zu viel Stress dahinter, andere sehen ein angeborenes Verhaltensmuster darin, welches noch aus der Zeit der Jäger und Sammler stammt. Wie auch immer, die Brust ist höchstwahrscheinlich unschuldig an dieser Unzufriedenheit. Bei unstillbarem, exzessivem Schreien spricht man von Regulationsstörungen, welche von Fachleuten untersucht und behandelt werden sollten (s. auch unseren Beitrag Regulationsstörungen: Wenn sich das Baby nicht beruhigen lässt).
  • Auch wenn ein Kind zierlicher ist als andere, muss das nicht an der Unfähigkeit der Mutter liegen, genügend Milch zu produzieren. Manche Kinder haben eben weniger Appetit als andere und es gibt genetisch festgelegte Wachstumsunterschiede. Hauptsache, das Kind ist gesund und entwickelt sich altersgemäß. Im Zweifelsfall sollten aber der Kinderarzt oder eine Laktationsberaterin kontaktiert werden.

Ungünstiges Stillmanagement als Ursache für zu wenig Milch

Auch wenn die Mutter physiologisch in der Lage ist, ausreichend Milch zu bilden, kann ein falsches Stillmanagement dazu führen, dass das Baby zu wenig Milch bekommt. Die häufige und effektive Entleerung der Brust in der ersten Woche nach der Geburt ist die Voraussetzung dafür, dass die Bildung reifer Muttermilch in Gang kommt. Durch Stillen nach Bedarf wird bei jeder gesunden Mutter so viel Milch nachgebildet, wie das Baby braucht. Die Produktion reifer Muttermilch hängt nämlich vom Appetit des Kindes ab.

⇒ Ein Kind, das nach Bedarf gestillt wird, reguliert die Milchproduktion durch die Nachfrage.

Die Milchproduktion hängt einerseits von der Häufigkeit der Stillmahlzeiten ab, andererseits davon, wie viel das Kind pro Stillmahlzeit trinkt. Dies wiederum hängt davon ab, wie lange und wie effektiv das Kind saugt. Denn das Baby trinkt die Brust praktisch nie leer. Es trinkt nur so viel wie es braucht. Wenn es mehr trinkt, wird auch mehr Milch nachproduziert.

Folgende Faktoren können u.a. dazu führen, dass das Baby zu wenig Milch bekommt, obwohl die Mutter genug Milch bilden kann:

  • Eine häufige Ursache für zu wenig Milch ist, dass die Mutter das Kind zu selten anlegt, weil sie glaubt einen 3-4 Stunden-Rhythmus einhalten zu müssen. Damit das Baby gut mit Muttermilch versorgt wird, ist es wichtig, ihm die Brust bei den ersten Hungerzeichen anzubieten, auch wenn die letzte Stillmahlzeit nur eine Stunde oder zehn Minuten her ist. Neugeborene möchten im Durchschnitt alle 2-3 Stunden gestillt werden. Manche Babys schlafen relativ lang am Stück und wollen dann umso häufiger gestillt werden. (Zu diesem Thema siehe auch: Das richtige Stillmanagement und Warum das Stillen häufig nicht klappt.)
  • In Deutschland und in weiteren „modernen“ Zivilisationen ist es üblich, das Baby von der Mutter getrennt im eigenen Bett schlafen zu lassen. Dies erschwert das nächtliche Stillen ganz erheblich. Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Stillen ist, den Stillbedarf der Kinder auch nachts zu befriedigen, auch wenn das Kind alle zwei Stunden oder öfter an die Brust will. Das kann man allerdings nur realisieren, wenn das Baby neben der Mutter schläft und im Halbschlaf gestillt werden kann (Siehe auch: Stillen in der Nacht).
  • Eine weitere Ursache für zu wenig Milch ist, wenn das Kind vorzeitig von der Brust genommen wird. Häufig hört man den falschen Ratschlag, dass wunde Brustwarzen durch kurzes Stillen vermieden werden können. Zum Stillen nach Bedarf gehört aber auch, dass das Baby die Brust von alleine loslässt, wenn es soweit ist. Fünf bis sieben Tage alte Babys brauchen 7-30 Minuten für eine Stillmahlzeit, aber auch 45 Minuten sind durchaus normal. Auf keinen Fall soll das Baby von der Brust genommen werden, wenn noch Schluckgeräusche zu hören sind! Manche Neugeborene schlafen an der Brust ein, bevor sie zu Ende getrunken haben, insbesondere wenn sie zu warm angezogen sind. Dann müssen sie geweckt und weniger warm angezogen werden. Wenn das Baby nicht eingeschlafen ist und die Brust loslässt, kann die andere Brust angeboten werden. Wenn ein sattes Baby im Schlaf noch etwas nuckelt, ohne dabei zu saugen, kann es mit einem Finger im Mundwinkel vorsichtig von der Brust gelöst werden. Sonst könnte es mit seinen halbherzigen Saugbewegungen die Brustwarze verletzen.
  • Weiterhin kann exzessiver Schnullergebrauch dazu führen, dass das Kind sein Saugbedürfnis am Schnuller befriedigt und zu wenig Zeit an der Brust verbringt. Wenn der Schnuller in den ersten vier bis sechs Wochen nach der Geburt eingeführt wird, kann er zusätzlich noch eine Saugverwirrung verursachen. Gestillte und viel am Körper getragene Babys brauchen keinen Schnuller.
  • Viele Mütter geben ihren Säuglingen Tee oder Wasser. Dadurch bekommen die Babys weniger Muttermilch. Studien haben gezeigt, dass diese Gewohnheit zu Wachstumsverzögerungen führt. Ausschließliches Stillen bedeutet, dass die Babys keine anderen Speisen und Getränke außer Muttermilch bekommen, selbst bei heißen Temperaturen. Getränke sollten frühestens mit der Beikost eingeführt werden. Im Ernährungsplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung werden Getränke (Wasser, evtl. Tee) erst mit dem Übergang auf die Familiennahrung am Ende des ersten Lebensjahres empfohlen.

Zufütterung des Babys bei zu wenig Milch

Manchmal weisen die Ausscheidungen oder die Gewichtsentwicklung des Babys tatsächlich auf zu wenig Milch hin. In solchen Fällen muss das Baby selbstverständlich zusätzlich gefüttert werden. Eine solche Zufütterung sollte mit den betreuenden Fachpersonen, also mit der Hebamme und dem Kinderarzt besprochen werden. Da diese über Stillen jedoch meist nur Grundkenntnisse haben, empfiehlt es sich bei Problemen mit der Milchbildung und/oder der Gewichtszunahme zusätzlich eine Still- und Laktationsberaterin einzubeziehen.

Denn eine Zufütterung kann zur (zusätzlichen) Reduktion der Milchproduktion führen. Es entsteht ein Teufelskreis, und es besteht die Gefahr, dass das Kind mit der Zeit vollständig abgestillt wird. Erfahrene Stillfachkräfte können feststellen, ob eine unzureichende Milchproduktion tatsächlich besteht oder ob lediglich Missverständnisse vorliegen. Sie können die Ursache herausfinden und über die Aufrechterhaltung bzw. Steigerung der Milchbildung beraten. Falls eine Zufütterung tatsächlich erfolgen muss, empfiehlt es sich, alternative Zufütterungstechniken zu wählen, um das Baby nicht an die Flasche zu gewöhnen. Wenn ein Baby die Flasche zu bevorzugen lernt, wird es eine große Herausforderung, es wieder an die Brust zu gewöhnen (siehe auch: Ein Baby von der Flasche an die Brust gewöhnen).

Maßnahmen, um die Milchbildung wieder zu steigern

Baby stillt im Tragetuch

Mit der Milchbar direkt vor der Nase lässt sich auch die Milchbildung in Gang bringen. (© Vitalinka)

Durch suboptimales Stillmanagement im Krankenhaus oder zu Hause kann vorkommen, dass ein Baby tatsächlich nicht genug Muttermilch erhält, obwohl die Mutter physiologisch gesehen durchaus in der Lage ist, genügend Milch zu bilden. Um die Milchbildung anzukurbeln, stehen der Mutter verschiedene Maßnahmen zur Verfügung.

  • „Nursing Vacation“: Die Mutter stellt andere Verpflichtungen zurück und verbringt mehrere Tage mit ihrem Baby in intensivem Hautkontakt und stillt es bei jeder Gelegenheit. Die Mutter entspannt sich, lässt sich von Familienangehörigen umsorgen und jede Arbeit abnehmen. Durch die Stressreduktion kann die Milchbildung besser in Gang kommen (Stress hemmt den Milchspendereflex). Viel Hautkontakt (nackte Babyhaut auf nackter Mamahaut) lässt die Milchbildungshormone Prolaktin und Oxytocin ansteigen. Am wichtigsten ist es, dass das Baby die Brust häufig und gründlich entleeren kann. Das Baby sollte möglichst viel in Brustnähe sein. So können Mutter und Baby miteinander viel Zeit im Bett verbringen, z.B. indem das Baby auf der nackten Brust der Mutter liegt. Die Mutter kann das Baby tagsüber auch in Tragetüchern herumtragen, wobei sie unter dem Tragetuch möglichst keine Kleidung und auch keinen BH trägt. Das Baby hat dann die Milchbar direkt vor der Nase und kann sich nach Belieben bedienen. (siehe auch: Mit Tragetüchern die Milchbildung fördern).
  • Wechselstillen: Die Geschwindigkeit, mit der in den Brüsten Milch gebildet wird, hängt in erster Linie davon ab, wie stark die Milch entleert wird. Innerhalb eines Tages ändert sich die Milchbildungsrate um das Fünffache, je nachdem wie stark das Baby die Brust zuvor entleert hat. Die Mutter bekommt nichts davon mit, mit welcher Geschwindigkeit in ihren Brüsten Milch gebildet wird. Ältere Babys und Kleinkinder, die plötzlich mehr Milch benötigen, wechseln zwischen den Brüsten hin und her: Nachdem sie an einer Brust fertig sind, wechseln sie zur anderen Brust. Wenn sie auch dort fertig sind, wechseln sie zur ersten Brust zurück, bis dahin ist dort wieder etwas Milch verfügbar. Sie entleeren beide Brüste pro Stillmahlzeit 3-4-mal, dabei trinken sie bei jedem Zyklus immer kürzer. Durch diese starke Entleerung der Brust schaltet die Milchfabrik auf Hochtouren. Wird dem hungrigen Baby die Brust mehrfach am Tag auf diese Weise angeboten, lässt sich die Milchbildung bereits kurzfristig deutlich steigern. Wird die Brust über mehrere Tage und Wochen auf diese Weise immer stark entleert, bildet sich weiteres aktives Milchdrüsengewebe aus und die Mutter kann noch mehr Milch bilden.
  • Zusätzliches Entleeren der Brust: Wenn ein Baby von sich aus die Brust nicht so stark entleeren kann, z.B. weil es schläfrig oder saugschwach ist, dann lässt sich die Milchmenge durch zusätzliche Entleerung der Brust steigern. Dazu kann die Brust manuell oder mit einer hochwertigen elektrischen Milchpumpe nach dem Stillen entleeren. Entspannung, Brustmassagen vor der Entleerung sowie Wärmeanwendungen lassen die Milch besser fließen. Wenn die Entleerung mehrfach hintereinander wiederholt wird – mit Pausen, um die Brust zu massieren und zu wärmen -, dann lässt sich die Brust effektiver leeren und die Milchbildung besser in Gang bringen.
  • Stillhütchen: Manche StillberaterInnen beobachten, dass die Trinkmenge bei Frauen, die mit Stillhütchen stillen, nach einer gewissen Zeit des relativ erfolgreichen Stillens zurückgeht. Daher wird empfohlen, dass Stillhütchen so schnell wie möglich entwöhnt werden. Falls die Stillhütchen längere Zeit unverzichtbar sind, ist es sinnvoll, wenn die Frauen sich von Stillexpertinnen eng begleiten lassen und zur Aufrechterhaltung der Milchbildung ihre Brüste nach dem Stillen zusätzlich per Pumpe oder manuell entleeren.

Weitere Maßnahmen, um die Milchbildung zu steigern, finden sich im Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann. Im Artikel Abpumpen, Aufbewahren und Füttern von Muttermilch gibt es auch Hinweise, wie die Milchmenge per Pumpe und Handentleeren gesteigert werden kann.

Medizinische Probleme mit der Milchbildung

In seltenen Fällen gibt es medizinische Probleme, die dazu führen, dass das Kind zu wenig Milch bekommt. Direkt nach der Geburt kommt z.B. das Verbleiben von Plazentaresten in der Gebärmutter in Betracht. Blutarmut infolge von starkem Blutverlust oder ausgeprägtem Eisenmangel kann ebenfalls zu Problemen mit der Milchbildung führen. Unter den relevanten Hormonstörungen sind wahrscheinlich die Unterfunktion der Schilddrüse, die auch erstmalig nach der Geburt auftreten kann, und eine unentdeckte Insulin-Resistenz am häufigsten. So ist das sog. polyzystische Ovarsyndrom, das ebenfalls mit einer Insulinresistenz einhergehen kann, eine relativ häufige Erkrankung, bei der neben der Schwierigkeit schwanger zu werden und zu bleiben, auch die Milchbildung gehemmt sein kann. Die Wochenbettdepression kann ein Symptom einer Schilddrüsenunterfunktion sein. Frauen mit einer Zuckerkrankheit (Diabetes I oder II) müssen sehr auf eine gute Einstellung achten, um normal Milch bilden zu können.

Weiterhin reduzieren verschiedene Medikamente die Milchproduktion. Wenn die Frau Medikamente nimmt, sollte sie diese durch Ihren Arzt, Apotheker oder eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC auf Stillverträglichkeit prüfen lassen. Für die meisten Erkrankungen gibt es stillverträgliche Mittel (siehe auch Arzneimittel und Stillen). Auf östrogenhaltige Verhütungsmittel sollte während der Stillzeit möglichst verzichtet werden (siehe Sexualität, Verhütung und Kinderwunsch in der Stillzeit). Auch Genussmittel (insb. starker Alkohol- oder Tabakkonsum, siehe Genussmittel in der Stillzeit) sowie eine intensive Reduktionsdiät oder massive Fehlernährung der Mutter (siehe Ernährung der stillenden Mutter) können für „zu wenig Milch“ verantwortlich sein. Stress und Angstzustände können den Milchspendereflex hemmen. Es gibt auch seltene Fälle, bei denen die Brust tatsächlich nicht in der Lage ist, genug Milch zu produzieren, weil nicht genug Milchdrüsengewebe vorhanden ist. Dieser Verdacht besteht, wenn bei einer Frau die Brust während der Schwangerschaft nicht größer wird. Manchmal zeigen die Brüste von Frauen mit diesem Problem sehr starke Größenunterschiede. Tubuläre und konische Brustformen können ein Hinweis auf unzureichendes Brustdrüsengewebe darstellen. Manchmal ist bei Hohlwarzen die Anzahl der Milchgänge stark reduziert. Bei solchen Problemen sollte man rechtzeitig – idealerweise noch während der Schwangerschaft – Kontakt zu Still- und Laktationberaterinnen IBCLC herstellen. Mit ihrer Unterstützung besteht durchaus die Wahrscheinlichkeit, voll oder teilweise stillen zu können.

Stillen mit Brusternährungsset

Bei medizinischen Problemen empfiehlt sich oft die Zufütterung mithilfe des Brusternährungssets (© Medela)

Weiterhin wird bei Operationen oder bei Verletzungen Milchdrüsengewebe in unterschiedlichem Maß entfernt oder verletzt. Selbst wenn noch genügend Milchdrüsengewebe vorhanden ist, verhindert das Durchtrennen von Milchkanälen und größeren Nerven das Entleeren der Brust. Insbesondere eine Schnittführung um die Brustwarze herum geht mit einem Verlust der Stillfähigkeit einher. Wenn eine Brust oder der Großteil des Brustdrüsengewebes intakt bleiben, kann durch häufigeres Anlegen wahrscheinlich voll gestillt werden. Ansonsten ist eventuell noch Teilstillen möglich (z.B. mit einem Brusternährungsset). Ob und wie das Stillen klappen wird, muss ausprobiert werden. Die Begleitung durch eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC ist empfehlenswert. Bei vielen Operationen ist es heute möglich, durch ausgewählte Techniken das Durchtrennen von Milchgängen und größeren Nerven zu vermeiden. Brustvergrößerungen können eher so durchgeführt werden, dass die Stillfähigkeit erhalten bleibt, aber auch bei Brustverkleinerungen besteht unter Umständen noch die Chance, stillen zu können.

Es kann auch am Kind liegen, wenn es nicht genug Milch bekommt. Ein Kind kann schläfrig sein oder Saugschwierigkeiten haben, z.B. aufgrund einer Frühgeburt, einem verkürzten Zungenbändchen, Neugeborenen-Gelbsucht, Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, Down-Syndrom, Pierre-Robin-Sequenz, neurologischen Beeinträchtigungen usw. Viele Erkrankungen können dazu führen, dass das Kind nicht gedeiht. Bei all diesen Problemen sind neben den Nachsorgehebammen und den zuständigen Ärzten Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC die richtigen Ansprechpartner.

Quellen:

  • Newman J, Pitman T: Dr. Jack Newman´s Gudie to Breastfeeding, 2014.
  • Walker M: Breastfeeding Management for the Clinician. Using the Evidence. Jones and Bartlett Pubishers 2006 und 2014.
  • Mohrbacher N, Stock J: Handbuch für die Stillberatung. La Leche Liga Deutschland 2002, S. 43 und 156.
  • Guóth-Gumberger G: Gewichtsverlauf und Stillen. Dokumentieren, Beurteilen, Begleiten. Mabuse Verlag, 2011. S. 40-45: Wie häufig wiegen?
  • Stillen und Muttermilchernährung, Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen; Gesundheitsförderung konkret Band 3, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Köln 2001.
  • Lawrence RA und Lawrence RM: Breastfeeding. A guide for the medical profession. 5. Auflage, 1999, Mosby und 6. Auflage, 2005, Elsevier Mosby
  • Riordan J und Auerbach KG: Breastfeeding and Human Lactation, 2. Auflage, 1999; Jones and Bartlett Publishers

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