Zu wenig Milch beim Stillen

Baby schreit
Ein schreiendes Baby lässt eine Mutter schnell an sich zweifeln. Vor allem abends sind Babys oft unglücklich, „zu wenig Milch“ ist aber meist nicht der Grund dafür. ( © Vojtech Vlk)

Der Zweifel, nicht genug Milch zu haben, ist weit verbreitet und sitzt bei vielen Frauen tief. „Zu wenig Milch“ ist der häufigste Grund zum vorzeitigen Abstillen. Dabei könnten die meisten Mütter ausreichend Milch für ihre Säuglinge bilden, auch für Mehrlinge. Der folgende Artikel fasst mögliche Ursachen für tatsächlich zu wenig Milch zusammen, verweist auf erste Maßnahmen und zeigt, wann der Verdacht auf zu wenig Milch unbegründet ist.

Gesunde Frauen mit intakten Brüsten – ob groß oder klein – haben das Potenzial, ihre Babys vollzustillen. Schätzungsweise bei etwa 5% der Frauen liegen gesundheitliche Probleme vor, welche die Milchbildung vorübergehend oder auch längerfristig tatsächlich beeinträchtigen können (siehe unten). Es kommt aber auch bei gesunden Frauen vor, dass ihr Baby an der Brust tatsächlich weniger Milch bekommt, als es aktuell bräuchte, obwohl die Mutter das volle Milchbildungspotenzial hat.

Inhaltsübersicht:

Der Aufbau und die Kalibrierung der Milchbildung ist ein komplexer Prozess

Die Milchmenge nimmt im Laufe der ersten Tage und Wochen kontinuierlich zu. Etwa nach 3–6 Wochen wird die volle Milchbildung erreicht. Durchschnittlich trinken vollgestillte Babys nach dem Aufbau der Milchbildung 750–800 ml Muttermilch in 24 Stunden, wobei manche gesunde Babys weniger als 500 ml Milch am Tag benötigen, andere gesunde Babys mehr als 1300 ml. Jungen trinken durchschnittlich 80–100 ml mehr als Mädchen. Das heißt, die Spannbreite des individuellen Milchbedarfs ist sehr groß und nicht vorhersagbar. Darauf muss sich die Brust einstellen.

Der Aufbau der Milchbildung und deren Kalibrierung auf den individuellen und wachsenden Bedarf des Babys ist ein hochkomplexer Prozess (mehr zum Aufbau und zur Regulation der Milchbildung). Er verläuft nicht immer optimal, sodass es vorkommen kann, dass eine Diskrepanz zwischen der aktuellen Milchbildung der Mutter und dem aktuellen Bedarf des Babys entsteht. Manche Frauen geraten in eine vorübergehende Überproduktion (zu viel Milch), andere in eine vorübergehende oder auch längerfristige Unterproduktion (zu wenig Milch). Dabei scheinen auch gesunde Frauen eine individuelle Veranlagung dafür zu haben, ob sie mit einer üppigeren oder sparsameren Milchbildung in die Stillzeit starten, bis sich ihr Milchangebot im Laufe der ersten Wochen und ggf. Monate auf den individuellen Bedarf ihres Babys angepasst hat. Babys mit einem höheren individuellen Milchbedarf bzw. Babys von Müttern mit einer sparsameren initialen Milchbildung müssen sich mehr anstrengen, um die Milchbildung ihrer Mütter ausreichend anzukurbeln, indem sie häufiger trinken und die Brust gründlicher entleeren. Das Brustdrüsengewebe ist hochplastisch, die Milchbildung ist hochdynamisch: Die Milchbildung passt sich bei gesunden Müttern von gesunden Babys, nach einer komplikationslosen Geburt und guten Rahmenbedingungen im Wochenbett an den Bedarf des Babys an: Bleibt Milch übrig, dann verlangsamt sich kurzfristig die Milchbildung und bildet sich längerfristig Drüsengewebe zurück (Involution). Wird die Brust häufig und gründlich entleert, dann beschleunigt sich kurzfristig die Milchbildung und vermehrt sich längerfristig das Drüsengewebe.

Manchmal läuft das System aus dem Ruder und es kann dann vorübergehend oder auch längerfristig Zufütterung erforderlich sein, damit das Baby ausreichend mit Milch versorgt wird (s. auch Bekommt mein Baby genug Muttermilch? und Teilstillen – Wenn Muttermilch nicht ausreicht).

Übersicht der Ursachen für zu wenig Milch

Schwere Geburten, Kaiserschnitt, zu spätes erstes Anlegen, Diabetes usw. können zu einer verzögerten Laktogenese II und einem verlangsamten Start der Milchbildung führen. Durch häufige und intensive Entleerung der Brust kann die Milchbildung jedoch mit etwas Verzögerung aufgebaut werden.

In vielen Fällen liegt es an Komplikationen bei der Geburt und ungünstigen Rahmenbedingungen im Wochenbett, dass die Milchbildung der Mutter nicht ausreichend in Gang kommt und das Baby zugefüttert werden muss (siehe auch Warum das Stillen häufig nicht klappt). Oft kommt die Milchbildung (Laktogenese II) etwas verspätet in Gang (s. den Artikel zum verspäteten Milcheinschuss). Gesunde Mütter mit intakten Brüsten können die Milchbildung durch intensives Stillen und häufiges und gründliches Entleeren der Brust mit etwas Verzögerung aufbauen (s. „Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann„). Auch wenn medizinische Ursachen, wie (Schwangerschafts)diabetes, einen verzögerten Beginn der reichlichen Milchbildung mit verursacht haben, kann die Milchbildung in vielen Fällen mit etwas Verzögerung aufgebaut werden, sodass nur eine vorübergehende Zufütterung notwendig wird (s. Teilstillen – Wenn Muttermilch nicht ausreicht).

Gelegentlich liegt es am Neugeborenen, dass es (noch) nicht in der Lage ist, effektiv an der Brust zu trinken, z.B. weil es zu früh geboren wurde, Geburtsverletzungen oder vorübergehende Anpassungsstörungen hat, zu schläfrig ist, Gelbsucht hat, von anatomischen Besonderheiten wie einem verkürzten Zungenbändchen, einem zurückverlagerten oder sehr kurzen Unterkiefer, muskulärer Hypotonie oder Hypotonie, Gaumenspalten, Infektionskrankheiten, Herzerkrankungen und anderen Erkrankungen betroffen ist. Wenn das Baby die Brust nicht effektiv entleeren kann, „kalibriert sich“ die Brust auf eine zu geringe Milchbildung. Bei saugschwachen Babys ist daher eine zusätzliche Entleerung der Brust per Hand und Pumpe erforderlich (s. auch Stillschwierigkeiten im Frühwochenbett: Erste Hilfsmaßnahmen, Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann und Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch).

Diagramm mit den Ursachen für zu wenig Milch.
Ursachen für zu wenig Milch: Ein Überblick (© still-lexikon.de)

Manchmal führen falsche Vorstellungen der Mutter bezüglich Stillen mitunter tatsächlich dazu, dass sie das Baby zu selten und ggf. zu kurz anlegt (s. auch Das richtige Stillmanagement), oder dass sie das Baby inkorrekt an der Brust positioniert (s. auch Das Anlegen des Babys). Diese Umstände können tatsächlich zu einer Unterversorgung mit Milch führen, obwohl die Mutter eigentlich genug Milch bilden kann, weil die Brust zu wenig stimuliert wird und sich somit auf eine zu geringe Milchbildung kalibriert. Auch in diesem Fall lässt sich die Milchbildung wieder steigern, oft ohne die Notwendigkeit zuzufüttern.

In anderen Fällen liegt der Eindruck, nicht genug Milch bilden zu können, an falschen Vorstellungen über Milchbildung und Stillverhalten sowie am mangelnden Vertrauen der Mutter in die eigene Stillfähigkeit. In vielen Fällen gedeiht das Baby also prächtig, die Mutter interpretiert bestimmte Signale fälschlicherweise als Zeichen für zu wenig Milch (s. auch Bekommt mein Baby genug Muttermilch?). Dieses Phänomen nennt man in der internationalen Fachliteratur „Perceived Insufficient Milk“, kurz PIM.

Vielfach liegen mehrere Probleme gleichzeitig vor, z.B. ungünstige Startbedingungen während der Geburt / im Wochenbett, fehlende Unterstützung beim konkreten Stillmanagement und eine große Verunsicherung der Mutter.

Hebammen und Stillberaterinnen helfen das Stillmanagement zu optimieren, das Stillen auch bei eventueller Zufütterung zu schützen und diese nach Möglichkeit mit der Zeit auszuschleichen (s. auch das Verzeichnis für Unterstützungsangebote).

Unbegründeter Verdacht auf zu wenig Milch (Perceived insufficient milk, PIM)

Falsche Ansichten über Stillen sind in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass viele Mütter nicht genug Milch produzieren können. Selbstzweifel entstehen selbst bei gesunden Müttern schon während der Schwangerschaft und führen dazu, dass sie das kindliche Verhalten und andere Beobachtungen als ein Anzeichen für zu wenig Milch interpretieren, obwohl das Kind prächtig gedeiht. Leider sind es auch manchmal die „Fachleute“, die die Mutter dazu drängen, zuzufüttern: „Sie wollen Ihr Kind doch nicht verhungern lassen, oder?“ Ein Baby, das erwartungsgemäße Ausscheidungen hat, sein Geburtsgewicht innerhalb von 7 bis 10 Tagen erreicht und anschließend perzentilenparallel zunimmt, ist jedoch bestens ernährt, Sorgen sind unberechtigt (s. Bekommt mein Baby genug Muttermilch?).

Es werden u.a. folgende Vorkommnisse als Anzeichen für zu wenig Milch fehlinterpretiert:

  • Wenig Milch in den ersten Tagen: Manche Mütter erwarten, dass sie gleich in den ersten Tagen nach der Geburt bereits größere Milchmengen bilden und sind durch die wenigen Tropfen Kolostrum verunsichert. Dabei trinken Babys in den ersten Tagen nach der Geburt noch sehr kleine Mengen, auch die Mutter bildet noch entsprechend wenig Milch (siehe auch Milchbildung in den ersten Tagen nach der Geburt). Die Milchmenge steigert sich ab dem 2. Tag und erreicht am 4. Tag im Durchschnitt 500 ml, wobei die individuellen Unterschiede sehr groß sind.
  • Milchpendereflex Grafik
    Der erste Milchspendereflex ist am stärksten. Anschließende Milchspendereflexe sind zunehmend schwächer.

    Das Baby trinkt an der Brust anders als aus der Flasche, und zwar nur relativ kurz mit regelmäßigem Saugen und Schlucken, anschließend muss es öfter saugen, bis es einmal schluckt, und schließlich nuckelt es nur, während es bei der Fütterung mit der Flasche wesentlich länger zügig trinkt. Auch diese Beobachtung wird von manchen Müttern fälschlicherweise als ein Anzeichen für zu wenig Milch fehlinterpretiert. Doch, dieses Trinkverhalten ist beim Stillen ganz typisch. Denn aus der Brust fließt die Milch ganz anders als aus einer Flasche. Am Anfang einer Stillmahlzeit, nachdem der Milchspendereflex ausgelöst worden ist, fließt die Milch mit hoher Geschwindigkeit. Bei den nachfolgenden Milchspendereflexen fließt die Milch langsamer, das Baby muss öfter saugen, bis es einmal schluckt (siehe den Artikel zum Milchspendereflex). Wenn das Kind eine Weile nur noch nuckelt ohne zu schlucken, kann ihm die zweite Brust angeboten werden und dann ggf. wieder die erste und wieder die zweite, bis es zufrieden ist. Viele Babys haben Phasen, in denen sie in vielen kurzen Episoden trinken.

  • Auch das so genannte Cluster-Stillen („abendliches Stillmarathon“ oder „abendliches Dauerstillen“), bei dem das Baby über mehrere Stunden sehr häufig an der Brust trinkt (typischerweise nachmittags, abends und in der ersten Nachthälfte), verunsichert viele Mütter. Das Cluster-Stillen ist jedoch ein normales Verhalten und kein Grund zur Sorge. Es kommt insbesondere in den ersten 3 bis 6 Wochen vor, wenn die Milchmenge auf den Bedarf des Babys kalibriert wird, aber auch später kann es Phasen geben, wo das Baby pausenlos an der Brust hängt. Manche Frauen beobachten bei sich, dass die Stillabstände bei ihnen vormittags größer sind. Abends bekommen Babys manchmal nur kleinere Milchportionen, für die sie sich beim Stillmarathon richtig anstrengen müssen. Dafür tanken sie viel fettreiche Hintermilch, die gut sättigt, und sorgen für eine gute Milchbildung. Sie geben sozusagen die Bestellung für die Milchproduktion auf, indem sie die Brust sehr häufig und gründlich entleeren (s. auch den Artikel über die Steigerung der Milchbildung). Sind Mütter besorgt, ob ihr Baby genug Milch bekommt, können sie dies nachprüfen (s. Bekommt mein Baby genug Muttermilch?). Übrigens, das abendliche Cluster-Stillen war das Vorbild für die Entwicklung des so genannten „Power-Pumping – Superantrieb für die Milchproduktion„, einer stillberaterischen Maßnahme für Mütter, deren Baby nicht direkt oder nicht effektiv an der Brust trinken kann.
  • Zum Zeitpunkt des Milcheinschusses ist die Brust groß und fest und wird später allmählich kleiner und weicher. Manche Mütter interpretieren dieses Phänomen irrtümlich als eine Reduktion der Milchmenge. Stattdessen gehen nur die Lymphstauungen im Zwischendrüsengewebe zurück. Wenn die anfängliche Anschwellung der Brust vorbeigeht, kann der Unterschied in der Festigkeit der Brust vor und nach den Stillmahlzeiten wahrgenommen werden. Vor der Mahlzeit ist die Brust praller, danach wieder weicher. Diese Beobachtung kann die Mutter darin bestätigen, genug Milch zu haben. Den Unterschied spürt man am besten, wenn das Kind nach einer längeren Pause viel trinkt. Wenn ein Kind sehr häufig an der Brust trinkt, mag der Unterschied in der Brustfestigkeit nicht mehr spürbar sein. Trotzdem ist das Baby mit Muttermilch gut versorgt.
  • Die Brust läuft nicht mehr aus: Vor allem in den ersten fünf bis sechs Wochen nach der Geburt läuft die Brust bei vielen Frauen stark aus (Spritzer beim Milchspendereflex, nasse Stilleinlagen usw.). Das Auslaufen der Brust lässt bei den meisten Müttern im Laufe der Zeit nach und hört ggf. sogar vollständig auf. Dies ist jedoch kein Zeichen für ein Nachlassen der Milchbildung. Die Brust arbeitet effektiver und kann die Milchbildung passgenauer an die Bedürfnisse des Babys kalibrieren.
  • Die Mutter ist verunsichert, weil das Kind häufiger / seltener trinkt oder mehr / weniger Zeit an der Brust verbringt als sie es für normal hält. Es gibt jedoch keine Norm. Jede Brust und jedes Kind ist anders. Ein ausschließlich und nach Bedarf gestilltes Baby kann 6- bis 20-mal am Tag trinken. Auch die produzierte Milchmenge variiert beträchtlich zwischen Mutter-Kind Paaren, die allerdings hauptsächlich vom Appetit des Kindes abhängt und weniger von der Brust. Manchmal stillen Babys öfter als sonst, ohne dass wir den Grund dafür immer kennen würden. Babys stillen mit der Zeit außerdem schneller und effektiver und brauchen in der Neugeborenenzeit vielleicht 15 bis 30 Minuten, um die Brust zu leeren, später vielleicht nur noch 5 Minuten.
  • Beim Pumpen oder bei der manuellen Milchgewinnung kommt nur sehr wenig Milch. Auch dies muss kein Anzeichen für eine geringe Milchmenge sein. Die Gewinnung per Hand oder mit der Pumpe entleert die Brust bei weitem nicht so effektiv wie das Baby. Nicht bei jeder Frau wird der Milchspendereflex beim Pumpen oder Handgewinnen ausgelöst. Übrigens auch beim Pumpen und bei der manuellen Gewinnung gibt es einen Tagesrhythmus: Morgens fließt die Milch besser als abends.
  • Die Mutter spürt den Milchspendereflex nicht. Auch dies ist absolut kein Grund zur Annahme, dass der Milchspendereflex nicht da ist. Oft spüren Mütter den Milchspendereflex nur in den ersten Tagen oder Wochen, manche Mütter sogar nie.
  • Das Kind will plötzlich häufiger und/oder länger trinken als die Mutter es gewohnt war. Oder: Bis jetzt war das Baby nach einer Brust bereits satt, jetzt braucht es auch die zweite Brust. Auch dies ist kein Anzeichen dafür, dass die Milchproduktion nachgelassen hätte. Solche Schwankungen wurden bislang mit Wachstumsschüben erklärt, allerdings sind in der Zwischenzeit Zweifel aufgekommen, ob Wachstumsschübe wirklich existieren. Wir haben keine allgemeingültigen Erklärungen, warum der Appetit eines Babys schwankt. Auf alle Fälle wissen wir, dass Appetit und Stillhäufigkeit unregelmäßig sind und kurzfristig auffällige Änderungen durchmachen können, auch wenn längerfristig die Milchbildung zwischen dem 1. und 6. Monat gleichbleibend ist. Wenn die Mutter ihr Baby nach Bedarf stillt, kann sie sicher sein, dass sich ihre Milchbildung dem kindlichen Bedarf anpasst.
Mutter mit schreiendem Baby
Nachmittags und abends sind viele Babys unruhig. (© Vojtech Vlk)
  • Unruhiges Baby: Unruhe und Schreien können vielfältige Gründe haben und sind kein zuverlässiges Zeichen für Hunger (siehe Die ersten Anzeichen von Hunger). Ist ein Baby jedoch regelmäßig unruhig an der Brust oder schreit viel, dann sollte der Milchtransfer und die Gewichtszunahme durch eine Stillfachkraft überprüft werden (s. Bekommt mein Baby genug Muttermilch? und Baby unruhig beim Stillen).
  • Viele Babys schreien am Nachmittag und am Abend besonders viel und wollen häufig gestillt werden. Es existieren verschiedene Theorien für die Erklärung dieses Verhaltens. Manche vermuten zu viel Stress dahinter, andere sehen ein angeborenes Verhaltensmuster darin, welches noch aus der Zeit der Jäger und Sammler stammt. Wie auch immer, die Brust ist höchstwahrscheinlich unschuldig an dieser Unzufriedenheit. Bei unstillbarem, exzessivem Schreien spricht man von Regulationsstörungen, welche von Fachleuten untersucht und behandelt werden sollten (s. auch Regulationsstörungen: Wenn sich das Baby nicht beruhigen lässt).
  • Typische Hungerzeichen, wie „Hand zum Mund führen“ und „an der Hand lutschen“ zeigen Hunger auch nicht zuverlässig an. Sie weisen lediglich darauf hin, dass das Baby an die Brust genommen werden möchte. Babys können sich bei jeder Art von Stress an der Brust am besten beruhigen: Bei Reizüberflutung, Schmerzen, Müdigkeit und auch Hunger (siehe auch Wann anlegen?).
  • Auch wenn ein Kind zierlicher ist als andere, muss das nicht an der Unfähigkeit der Mutter liegen, genügend Milch zu produzieren. Manche Kinder haben eben weniger Appetit als andere und es gibt genetisch festgelegte Wachstumsunterschiede. Hauptsache, das Kind ist gesund und entwickelt sich altersgemäß entlang seiner individuellen Perzentile (s. Bekommt mein Baby genug Muttermilch?).

Ungünstiges Stillmanagement als Ursache für zu wenig Milch

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Wird die Brust unzureichend stimuliert, kalibriert sie sich auf eine zu geringe Milchbildung: entweder von Anfang an oder erst zu einem späteren Zeitpunkt. Durch intensives Stillen bzw. häufige und gründliche Entleerung der Brust kann die Milchmenge wieder gesteigert werden.

Auch wenn die Mutter physiologisch in der Lage ist, ausreichend Milch für ihr Baby zu bilden, kann ein suboptimales Stillmanagement dazu führen, dass das Baby zu wenig Milch bekommt, weil die Brust auf eine zu geringe Milchmenge kalibriert wird. Eine frühe (möglichst innerhalb der ersten 1–2 Stunden nach der Geburt), häufige und effektive Entleerung der Brust in den ersten Tagen nach der Geburt (mindestens 8- bis 12-mal in 24 Stunden ab der ersten Stunde nach der Geburt) ist die Voraussetzung dafür, dass die Bildung reifer Muttermilch gut in Gang kommt. Für die Aufrechterhaltung einer reichlichen Milchbildung bleibt das häufige und effektive Stillen weiterhin die wichtigste Voraussetzung.

Durch Stillen nach Bedarf wird anschließend bei jeder gesunden Mutter so viel Milch nachgebildet, wie das Baby braucht. Die Produktion reifer Muttermilch hängt nämlich vom Appetit des Kindes ab.

⇒ Ein gesundes Baby, das nach Bedarf gestillt wird, reguliert die Milchproduktion seiner Mutter durch seine Nachfrage.

Die Milchproduktion hängt einerseits von der Häufigkeit der Stillmahlzeiten ab, andererseits davon, wie viel das Kind pro Stillmahlzeit trinkt. Dies wiederum hängt davon ab, wie lange und wie effektiv das Kind saugt. Denn das Baby trinkt die Brust praktisch nie leer. Es trinkt nur so viel wie es braucht. Wenn es mehr trinkt, wird auch mehr Milch nachproduziert (siehe auch: Die Milchmenge steigern – Wie man mehr Milch bilden kann).

Folgende Faktoren können u.a. dazu führen, dass das Baby zu wenig Milch bekommt, obwohl die Mutter genug Milch bilden könnte:

  • Eine häufige Ursache für zu wenig Milch ist, dass die Mutter das Kind zu selten anlegt, weil sie glaubt einen 3- oder 4-Stunden-Rhythmus einhalten zu müssen. Die Mär von solchen Stillabständen ist sehr weit verbreitet und hält sich hartnäckig auch unter Fachleuten. Dabei kann jegliche Einschränkung des Stillens zu einer Reduktion der Milchbildung und einer unzureichenden Zunahme führen. Damit das Baby gut mit Muttermilch versorgt wird, ist es wichtig, ihm die Brust bei den ersten Stillzeichen anzubieten, auch wenn die letzte Stillmahlzeit nur eine Stunde oder zehn Minuten her ist. In den ersten 6 Monaten und darüber hinaus brauchen die meisten Babys mindestens 8 bis 12 Stillmahlzeiten in 24 Stunden. Viele erfolgreich stillende Frauen berichten, dass sie sogar alle 1,5 bis 2 Stunden oder noch häufiger stillen. Viele Babys veranstalten an den Nachmittagen / an den Abenden / in der ersten Nachthälfte ein Stillmarathon, wo sie über einige Stunden pausenlos an die Brust wollen. Dies zuzulassen ist wichtig, damit das Baby die Milchbildung der Mutter für seine Bedürfnisse anregen kann  (Zu diesem Thema siehe auch: Das richtige Stillmanagement und Warum das Stillen häufig nicht klappt.)
  • Verzicht auf nächtliches Stillen: Um ausreichend Schlaf zu bekommen, versuchen manche Mütter das nächtliche Stillen zu vermeiden: Sie bitten ihre Partner das Baby nachts mit industriellem Muttermilchersatz oder abgepumpter Muttermilch aus der Flasche zu füttern, sie lassen schläfrige, leisere Babys durchschlafen und beruhigen es vielleicht mit einem Schnuller. Doch, regelmäßiges nächtliches Stillen ist unabdingbar für den Aufbau und die Aufrechterhaltung einer guten Milchbildung. Dass nicht-stillende Mütter mehr Schlaf bekämen, ist ein Mythos. Stillende Frauen müssen nachts zwar öfter leicht wach werden, aber sie schlafen Dank Stillen zusammen mit ihren Babys schnell wieder ein und erhalten mindestens so viel Schlaf wie nicht-stillende Mütter. Das häufige nächtliche Stillen ist physiologisch: Babys und Mütter sind biologisch darauf programmiert. Ihre Schlaf-Wach-Rhythmen synchronisieren sich, wenn sie viel Körper- und Hautkontakt praktizieren und direkt nebeneinander schlafen (Siehe auch die Artikelreihe Stillen und Schlafen).
  • In Deutschland und in weiteren westlichen Zivilisationen ist es üblich, das Baby von der Mutter getrennt im eigenen Bett schlafen zu lassen. Dies erschwert das nächtliche Stillen ganz erheblich. Mutter und Kind müssen für das nächtliche Stillen komplett aus dem Schlaf gerissen werden. Selbst ein Beistellbett stellt für das Stillen eine gewisse Hürde dar. Bedsharing ist die beste Voraussetzung für uneingeschränktes nächtliches Stillen und eine lange Stillzeit (Siehe auch die Artikelreihe Stillen und Schlafen).
  • Eine weitere Ursache für zu wenig Milch ist, wenn das Kind vorzeitig von der Brust genommen wird. Häufig hört man den falschen Ratschlag, dass wunde Brustwarzen durch kurzes Stillen vermieden werden können. Zum Stillen nach Bedarf gehört aber auch, dass das Baby die Brust von alleine loslässt, wenn es soweit ist. Fünf bis sieben Tage alte Babys brauchen 7-30 Minuten für eine Stillmahlzeit, aber auch 45 Minuten sind durchaus normal. Auf keinen Fall soll das Baby von der Brust genommen werden, wenn noch Schluckgeräusche zu hören sind! Manche Neugeborene schlafen an der Brust ein, bevor sie zu Ende getrunken haben, insbesondere wenn sie zu warm angezogen sind. Dann müssen sie geweckt und weniger warm angezogen werden. Wenn das Baby nicht eingeschlafen ist und die Brust loslässt, kann die andere Brust angeboten werden. Wenn ein sattes Baby im Schlaf noch etwas nuckelt, ohne dabei zu saugen, kann es mit einem Finger im Mundwinkel vorsichtig von der Brust gelöst werden. Sonst könnte es mit seinen halbherzigen Saugbewegungen die Brustwarze verletzen.
  • Weiterhin kann ausgiebiger Schnullergebrauch dazu führen, dass das Kind sein Saugbedürfnis am Schnuller befriedigt und zu wenig Zeit an der Brust verbringt und die Milchbildung der Mutter dadurch nicht ausreichend stimuliert. Idealerweise sollte ein Baby sein komplettes Saugbedürfnis an der Brust stillen, mit wenigen Ausnahmen, z.B. während einer Autofahrt.
  • Viele Mütter geben ihren Säuglingen Tee oder Wasser. Dadurch bekommen die Babys weniger Muttermilch. Studien haben gezeigt, dass diese Gewohnheit zu Wachstumsverzögerungen führen kann. Ausschließliches Stillen bedeutet, dass ein Baby keine anderen Speisen und Getränke außer Muttermilch bekommt, selbst bei heißen Temperaturen. Getränke sollten frühestens mit der Beikost eingeführt werden. Häufig und nach Bedarf gestillte Babys brauchen auch nach der Beikosteinführung zunächst keine Getränke, weil sie ihren Flüssigkeitsbedarf an der Brust befriedigen.
  • Nur eine Brust anbieten: Die Milchbildung kann zurückgehen, wenn die Mutter pro Mahlzeit immer nur eine Brust anbietet. Dem Baby soll immer die Möglichkeit geboten werden, auch an der zweiten Brust zu trinken, wenn es an der ersten Brust fertig ist. Nicht immer und nicht alle Babys brauchen die zweite Brust, aber sie sollte nicht verwehrt werden, wenn das Kind noch trinken möchte. Sollte das Baby auch nach der zweiten Brust noch trinken wollen, dann kann es wieder an die erste Brust angelegt werden, in der Zwischenzeit hat sich etwas Milch nachgebildet. Wechselstillen ist sehr effektiv, um die Milchbildung anzuregen.
  • Leider hängen wunde Brustwarzen und zu wenig Milch oft zusammen: Läuft die Milch schlecht, dann ist das Risiko für wunde Brustwarzen erhöht. Hat die Frau Schmerzen beim Stillen, dann kommt die Milchbildung häufig nicht in Gang, da Schmerzen oft auf ein suboptimales Anlegen hinweisen, bei dem die Brust nur unzureichend entleert wird. Die Schmerzen führen auch dazu, dass der Milchspendereflex gehemmt wird und die Mutter das Anlegen hinauszögert und das Baby somit zu wenig Zeit an der Brust verbringt (mehr dazu im Artikel Wunde Brustwarzen).
  • Stillhütchen: Manche StillberaterInnen beobachten, dass die Trinkmenge bei Frauen, die mit Stillhütchen stillen, nach einer gewissen Zeit des relativ erfolgreichen Stillens zurückgehen kann. Bei Stillhütchenverwendung kann es manchmal sinnvoll sein, die Brust 1-2-mal am Tag zusätzlich zum Stillen per Pumpe oder manuell zu entleeren (Stillhütchen – Ein Hilfsmittel mit bedingtem Nutzen).
  • Vermeidung von Stillen in der Öffentlichkeit: In unserer westlichen Zivilisation gilt die Brust vielfach als Sexobjekt, welches man nach Auffassung eines Teils der Bevölkerung auch zum Stillen nicht in der Öffentlichkeit zeigen darf. Manche Mütter trauen sich daher nicht, ihre Kinder außerhalb ihrer eigenen vier Wände oder sogar in Anwesenheit ihrer Freunde oder Verwandten zu stillen. Sie grenzen die Stillmahlzeiten ein oder füttern unterwegs sogar mit der Flasche. Durch diese Eingrenzung des Stillens und die unzureichende Stimulierung der Brust kann die Milchbildung zurückgehen. Hier gilt es eine Lösung zu finden, wie das Baby auch in der Öffentlichkeit häufig gestillt werden kann. Man kann das Baby unter weiter Kleidung oder z.B. einem Stillschal verstecken oder sogar eigene Stillbekleidung nähen oder kaufen. Es gibt viele Rückzugsorte, wo Frauen stillen können. In letzter Zeit werden diese zunehmend durch eigene Symbole gekennzeichnet. Wenn alle jungen Mütter sich trauen würden, in der Öffentlichkeit zu stillen, würde dies mit der Zeit zur Selbtverständlichkeit werden.

Medizinische Gründe für eine eingeschränkte Milchmenge

In seltenen Fällen gibt es medizinische Probleme, die dazu führen, dass das Kind zu wenig Milch bekommt:

  • In den ersten Wochen nach der Geburt kommt das Verbleiben von Plazentaresten in der Gebärmutter in Betracht. In diesen Fällen hat die Frau meist verstärkten und verlängerten blutigen Wochenfluss und kann auch anhaltende Schmerzen im Bauch haben. Auch deutlich zu wenig Wochenfluss wurde schon beschrieben. Die Milch kann auffallend wässrig erscheinen. Plazentareste können durch eine Ultraschalluntersuchung in der Klinik oder beim Frauenarzt entdeckt werden. Eine ähnliche Wirkung kann möglicherweise der Verzehr von Plazenta-Präparaten haben (siehe auch Plazenta-Präparate können die Milchbildung hemmen). Gleichzeitig können einige Mütter trotz Plazentarest problemlos vollstillen. Werden verbliebene Reste der Plazenta bei einer gynäkologischen Untersuchung entdeckt, können diese z.B. durch eine Ausschabung entfernt werden.
  • Blutarmut infolge von starkem Blutverlust oder ausgeprägtem Eisenmangel kann ebenfalls zu Problemen mit der Milchbildung führen.
  • In äußerst seltenen Fällen können massive Blutungen nach der Geburt zu einer Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz (Sheehan-Syndrom) führen. Unter anderem Prolaktin kann dann nicht mehr in ausreichenden Mengen gebildet werden. Das Sheehan-Syndrom ist eine schwere Erkrankung, Probleme bei der Milchbildung sind nur ein Symptom neben anderen.
  • Unter den relevanten Hormonstörungen sind wahrscheinlich die Unterfunktion der Schilddrüse, die auch erstmalig nach der Geburt auftreten kann, und eine unentdeckte Insulin-Resistenz am häufigsten. So ist das sog. polyzystische Ovarsyndrom, das ebenfalls mit einer Insulinresistenz einhergehen kann, eine relativ häufige Erkrankung, bei der neben der Schwierigkeit schwanger zu werden und zu bleiben, auch die Milchbildung beeinträchtigt sein kann. Thekaluteinzysten der Eierstöcke, welche öfter bei Mehrlingsschwangerschaften und bestimmten Schwangerschaftskomplikationen vorkommen, aber auch bei unkomplizierten Schwangerschaften auftreten können, produzieren hohe Testosteron-Mengen, was sich auch am äußeren Erscheinungsbild der schwangeren Frau zeigen kann (Hirsutismus, Virilisierung und wenig Brustwachstum in der Schwangerschaft). Die Zysten bilden sich nach der Geburt zurück, die Testosteron-Werte sinken. Die volle Milchbildung kann in vielen Fällen erreicht werden, kann jedoch einen ganzen Monat in Anspruch nehmen. Bei einer Adipositas ist das Risiko einer zu geringen Milchbildung und einer verspäteten Laktogenese II erhöht, allerdings können viele Frauen mit Adipositas problemlos vollstillen. Frauen mit Zuckerkrankheit (Diabetes I, II oder weitere Formen) müssen auf eine gute Einstellung achten, um normal Milch bilden zu können. Sie haben – genauso wie Frauen mit Gestationsdiabetes – ein erhöhtes Risiko einer verspäteten Laktogenese II, bei der vorübergehende Zufütterung erforderlich werden kann. Auch Frauen mit einer Präeklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“, Gestose) in der Schwangerschaft haben ein erhöhtes Risiko für eine verspätete Laktogenese II.
  • Des Weiteren reduzieren verschiedene Medikamente die Milchproduktion. Wenn die Frau Medikamente nimmt, sollte sie diese durch ihren Arzt, Apotheker oder eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC auf Stillverträglichkeit prüfen lassen. Für die meisten Erkrankungen gibt es stillverträgliche Mittel (siehe auch Arzneimittel und Stillen). Auf östrogenhaltige Verhütungsmittel sollte während der Stillzeit möglichst verzichtet werden, vor allem während der Vollstillzeit (siehe Hormonelle Verhütungsmittel können die Milchbildung hemmen).
  • Auch Genussmittel (insb. starker Alkohol- oder Tabakkonsum, siehe Genussmittel in der Stillzeit) sowie eine intensive Reduktionsdiät oder massive Unter- wie Fehlernährung der Mutter (siehe Ernährung der stillenden Mutter) können für „zu wenig Milch“ verantwortlich sein.
  • Stress und Angstzustände können den Milchspendereflex hemmen.
  • Bei Frauen, die nur mit künstlicher Befruchtung schwanger werden konnten, wurden Probleme mit der Milchbildung auch öfter beobachtet, gleichzeitig scheinen viele problemlos eine gute Milchbildung aufbauen zu können.
  • Wenn die Milch nach einer Zeit des erfolgreichen Stillens weniger wird, dann sollte auch eine erneute Schwangerschaft in Betracht gezogen werden
  • Bei Verletzungen der Wirbelsäule können Nerven beschädigt sein, welche für den Milchspendereflex zuständig sind.
  • Tubuläre Brüste: sehr kleine, vorwölbende Brüste mit großen, gewölbtem Brustwarzenhof
    Tubuläre Brüste können mit unzureichendem Brustdrüsengewebe und reduziertem Milchbildungspotenzial assoziiert sein. (© Wikimedia Commons, Marco P.)

    Es gibt seltene Fälle, bei denen die Brust tatsächlich nicht in der Lage ist, genug Milch zu produzieren, weil deutlich zu wenig Milchdrüsengewebe vorhanden ist (Brust-Hypoplasie / Mamma-Hypoplasie / „mammary hypoplasia“) oder Brustdrüsengewebe vollständig fehlt (Mamma-Aplasie). Tubuläre und konische Brustformen können ein Hinweis auf unzureichendes Brustdrüsengewebe sein („tuberous breast deformity“). Manchmal ist bei Hohlwarzen die Anzahl der Milchgänge stark reduziert. Hypoplastische Brüste können z.B. beim polyzistischen Ovarsyndrom vorkommen. Beim Poland-Syndrom kann eine Brust fehlen. Brustkorbtraumata bei Frauen, die als Frühgeborene intubiert waren, Biopsien, Entfernung von gut- oder bösartigen Tumoren, Bestrahlung oder Verbrennungen bei präpubertären Mädchen im Brustbereich können ebenfalls Störungen bei der Brustentwicklung nach sich ziehen. Die Hypoplasie kann beide oder nur eine Brust betreffen. Oft findet bei betroffenen Frauen bereits in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter eine Brustrekonstruktion statt, die die Stillfähigkeit jedoch nicht herstellt. Viele Frauen machen sich aufgrund von sehr kleinen Brüsten oder besonderen Brustformen Sorgen, nicht stillen zu können, und wünschen sich von ihren FrauenärztInnen, Hebammen oder Stillberaterinnen eine Beurteilung, ob ihr Brustdrüsengewebe ausreicht. Mittels Ultraschall und Abtasten lässt sich der Umfang vom Drüsengewebe untersuchen. Allerdings gibt es keine validierte Methode, um vorhersagen zu können, wie viel Milch eine Frau wird bilden können. Sollte Vollstillen nicht möglich sein, ist Teilstillen eine Option. Durch Kontrolle von Ausscheidungen und Gewichtsverlauf lässt sich feststellen, ob und ggf. wie viel Milch zugefüttert werden muss (siehe Bekommt mein Baby genug Muttermilch?)

  • Stillen mit dem Brusternährungsset
    Bei medizinischen Problemen empfiehlt sich oft die Zufütterung mithilfe des Brusternährungssets

    Weiterhin wird bei Operationen oder bei Verletzungen Milchdrüsengewebe in unterschiedlichem Maß entfernt oder verletzt. Selbst wenn noch genügend Milchdrüsengewebe vorhanden ist, verhindert das Durchtrennen von Milchkanälen und größeren Nerven das Entleeren der Brust. Insbesondere eine Schnittführung um die Brustwarze herum geht mit einem Verlust der Stillfähigkeit einher. Wenn eine Brust oder der Großteil des Brustdrüsengewebes intakt bleiben, kann durch häufigeres Anlegen möglicherweise voll gestillt werden. Ansonsten ist oft noch Teilstillen möglich (z.B. mit einem Brusternährungsset). Oft ist nur eine Brust betroffen, und die andere ist intakt. Meist kann die intakte Brust die volle Milchbildung übernehmen. Je nach OP bzw. Verletzung kann die betroffene Brust noch eine gewisse Milchbildung zeigen. Ob und wie das Stillen klappen wird, muss ausprobiert werden. Bei vielen Operationen ist es heute möglich, durch ausgewählte Techniken das Durchtrennen von Milchgängen und größeren Nerven zu vermeiden. Brustvergrößerungen können eher so durchgeführt werden, dass die Stillfähigkeit erhalten bleibt, aber auch bei Brustverkleinerungen besteht unter Umständen noch die Chance, stillen zu können. Mehr dazu im Artikel Stillen nach Brustvergrößerung und Brustverkleinerung.

Bei all diesen Problemen sind neben den Nachsorgehebammen und den zuständigen Ärzten erfahrene Stillberaterinnen die richtigen Ansprechpartnerinnen (siehe das Verzeichnis für Unterstützungsangebote). Teilstillen ist immer möglich, bei jeder noch so geringen Milchbildung. Wenn das Baby an der Brust gefüttert wird, entsteht eine besondere Nähe zwischen Mutter und Kind. Auch von wenig Milch profitiert das Baby: Jeder Tropfen zählt (s. auch Teilstillen – Wenn Muttermilch nicht ausreicht).

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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2022. Letzte Änderungen: Juni 2022.

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