Stillen bei einem Brustabszess

Seitliche Zeichnung der Brust mit einer Eiterkapsel

Brustabszess: ein mit Eiter gefüllter schmerzhafter Knoten in der Brust

Ein Brustabszess ist eine seltene Folge eines Milchstaus oder einer Brustentzündung. Er bedarf unverzüglicher medizinischer Behandlung. Der folgende Artikel beschreibt die Symptome, die Behandlung und das Stillmanagement bei einem Brustabszess in der Stillzeit.

Ein Abszess ist eine mit Eiter gefüllte schmerzempfindliche Kapsel, die infolge eines Milchstaus oder einer Brustentzündung (Mastitis) auftreten kann. Verschiedenen Schätzungen zufolge entwickelt sich ein Brustabszess bei 2–10% aller Brustentzündungen. Wird die Mastitis zügig mit Antibiotika behandelt und die Brust weiterhin regelmäßig entleert, dann sinkt das Risiko der Entstehung eines Brustabszesses – gelegentlich entsteht er aber trotz dieser Maßnahmen.

Der Abszess zeigt sich als ein schmerzhafter Knoten mit Rötung. Die Haut über dem Abszess ist geschwollen und kann sich zunehmend verfärben. Auch ein anhaltendes Fieber bei einer Brustentzündung, welches 48–72 Stunden nach Beginn der Antibiotika-Therapie nicht abklingt, kann ein Hinweis auf einen Abszess sein. Allerdings ist Fieber nicht immer vorhanden. Ein Abszess kann an verschiedenen Stellen vorkommen: an der Oberfläche direkt unter der Haut – oft in der Nähe der Brustwarze – oder tief im Inneren der Brust. Der Abszess kann auch im Brustgewebe verstreut sein. Am Anfang der Stillzeit überwiegen Abszesse, die auf einen Brustbereich lokalisiert sind. Wenn der Abszess im Rahmen eines schnellen Abstillens auftritt, dann kann er eher auf mehrere Brustsegmente verstreut sein.

Meist wird ein Abszess durch eine Infektion mit dem Bakterium Streptococcus aureus verursacht, aber auch andere Bakterienarten können involviert sein, wie Pseudomonas aeruginosa. Im Falle von Strepptococcus aureus kann es sich um einen MRSA-Stamm handeln, der gegenüber gängiger Antibiotika resistent ist. Der pathogene Organismus muss im Zuge der Diagnostik identifiziert und bei der Behandlung berücksichtigt werden.

Diagnostik und  Behandlung eines Abszesses gehört in die Zuständigkeit von Ärzten. Frauenärzte  sind in der Regel die ersten Ansprechpartner, sie überweisen die Frauen gegebenenfalls in eine Frauenklinik. Zur Diagnose eines Abszesses wird die Brust per Ultraschall untersucht. Zur Bestätigung, dass es sich um einen Abszess und nicht um einen Knoten anderen Ursprungs handelt, wird aus dem Knoten mithilfe einer Kanüle Eiter entnommen. Das Anlegen einer Bakterienkultur erfolgt routinemäßig, um den beteiligten Mikroorganismus zu identifizieren und das geeignete Antibiotikum auszuwählen. Die Behandlung findet ambulant oder stationär statt, es sind in aller Regel mehrere Therapiesitzungen erforderlich. Der Abszess wird durch eine chirurgische Eröffnung mit einem Skalpell (Inzision) unter Vollnarkose und einer Drainage oder durch Punktion mit lokaler Betäubung entleert. In vielen Fällen wird die weniger invasive Punktion vorgenommen, welche täglich wiederholt wird, bis der Abszess ausgetrocknet ist. Zusätzlich bekommt die Frau eventuell Antibiotika zum Einnehmen. Bei großflächigen Abszessen wird oft die chirurgische Inzision vorgenommen.

Die Frau sollte den Arzt ausdrücklich bitten, den Bereich des Brustwarzenhofs sowie die Milchgänge und Nerven beim Eingriff zu verschonen, damit das weitere Stillen nicht gefährdet wird. Nicht alle Ärzte denken von sich aus an diese Aspekte. Auch wenn der Abszess unterhalb des Warzenhofs liegt, kann er durch einen seitlichen, radiären Zugang eröffnet werden, um das für das Stillen wichtige Gewebe zu schonen.

Aus dem Einschnitt kann bis zur Abheilung Milch sickern – das ist kein Grund zur Sorge. Möglicherweise trägt die auslaufende Milch sogar dazu bei, die Wunde zu reinigen und die Heilung zu fördern.

Ein Brustabszess ist kein Grund zum Abstillen

Ein Brustabszess ist schmerzhaft und sehr belastend für die Mutter, insbesondere, wenn sie sich einer langwierigen Behandlung unterziehen muss. Ein Abstillen ist jedoch weder erforderlich, noch hilfreich. Im Gegenteil: durch die regelmäßige Entleerung der Brust wird der Heilungsprozess unterstützt. Durch das plötzliche Abstillen (mit oder ohne Medikamente) verschlimmert sich die Situation aufgrund der Stauung von Milch in den Brustdrüsen. Auch das Kind nimmt durch das weitere Stillen keinen Schaden: Es können stillfreundliche Medikamente ausgewählt werden. Es gibt viele Antibiotika, die in der Stillzeit genommen werden dürfen. Unter den Antiseptika sollen jodfreie Alternativen gewählt werden, weil hohe Jodgehalte in der Muttermilch die Schilddrüsenfunktion des Kindes stören können. Es dürfen auch stillfreundliche Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol) genommen werden (siehe den Artikel Arzneimittel und Stillen). Nach der erfolgreichen Behandlung des Abszesses kann bei Bedarf noch Monate und Jahre weitergestillt werden.

Leider werden betroffene Mütter von Verwandten und Bekannten, nicht selten jedoch auch durch ihre Frauenärzte oder die behandelnden (Chef/Ober-)Ärzte zum Abstillen gedrängt. Die Frauen bekommen Abstilltabletten häufig als Routineteil des Behandlungsplans. Diese Vorgehensweise basiert jedoch nicht auf wissenschaftlichen Belegen, sondern lediglich auf Traditionen und subjektiven Überzeugungen mancher Ärzten. Andererseits unterschätzen manche Ärzte das psychische Trauma des Abstillens und die gesundheitlichen Vorteile des Weiterstillens für Kind und Mutter. Es ist auch nicht richtig, dass Frauen, die einmal einen Brustabszess entwickelt haben, eine Neigung dazu hätten und ohne Abstillen immer wieder betroffen wären. Milchstaus, Brustentzündungen und Abszesse kommen hauptsächlich in den ersten Stillmonaten vor, wenn die Frau sehr viel Milch bildet (siehe auch den Artikel „Zu viel Milch“) – oder wenn die Frau plötzlich abstillt. Im Laufe der Monate justiert sich die Milchbildung auf die Nachfrage des Kindes, die Brustdrüsen arbeiten effizienter – sodass weniger Milch auf Überschuss produziert wird – und das Risiko für Milchstaus, Brustentzündungen und Abszesse nimmt deutlich ab.

Das Baby kann an der betroffenen Brust auch während der Behandlung weiterstillen – selbst dann, wenn eine Drainage liegt –, es sei denn, der Abszess ist so nah an der Brustwarze, dass ihn das Baby beim Stillen mit seinem Mund berührt. Möglicherweise lehnt das Baby die Brust ab, weil die Milch durch die Infektion salziger schmeckt als sonst. Wenn das Baby an der betroffenen Brust nicht trinkt, dann soll diese regelmäßig abgepumpt werden. An der gesunden Brust kann die Frau auf alle Fälle weiterstillen und an der betroffenen Brust weiterstillen, sobald der Heilungsprozess dies ermöglicht.

Hat die Mutter bereits abgestillt und ist sie oder das Kind traurig darüber, dann kann die Milchbildung wieder in Gang gebracht werden, auch nach einem medikamentösen Abstillen. Dazu kann die Mutter ihrem Kind die Brust wieder anbieten und/oder bei Bedarf zusätzlich pumpen oder per Hand entleeren. Viele kleine und häufige Entleerungen über den Tag verteilt helfen, die Milchbildung wieder in Gang zu bringen. Es macht nichts, wenn in den ersten Tagen keine und anschließend nur wenig Milch gewonnen werden kann. Die Milchbildung kann wieder aufgebaut werden. Sind nur einzelne Tage bis Wochen seit dem letzten Stillen verstrichen, dann stehen die Chancen sehr gut, dass es mit der Relaktation klappt. Eine emotionelle und fachliche Begleitung durch Stillberaterinnen ist dabei sehr hilfreich (siehe unser Stillberaterinnen-Verzeichnis).

Quellen:

  • Walker M: Beastfeeding Management for the Clinician. Using the evidence. Jones & Bartlett Publishing 2017, 4. S. 613-615.
  • Amir LH, Academy of Breastfeeding Medicine: ABM Clinical Protocol #4: Mastitis, Revised March 2014. Breastfeeding Medicine 2014;9(5), S. 241.
  • Irusen H, Rohwer AC, Steyn DW, Young T. Treatments for breast abscesses in breastfeeding women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 8. Art. No.: CD010490. DOI: 10.1002/14651858.CD010490.pub2.
  • Abou-Dakn M, Bauer Z: Die stillende Frau in der gynäkologischen Praxis. ComMed Verlag, 2008. S. 68-70.

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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Verfasst: April 2017.