Stillen bei einem Brustabszess

Querschnitt der Brust mit Abszess
Brustabszess: ein mit Eiter gefüllter schmerzhafter Knoten in der Brust

Ein Brustabszess ist eine seltene Folge einer bakteriellen Brustentzündung. Er bedarf unverzüglicher medizinischer Behandlung. Der folgende Artikel beschreibt die Symptome, die Behandlung und das Stillmanagement bei einem Brustabszess in der Stillzeit mit dem Ziel, das Stillen beizubehalten.

Ein Abszess ist eine mit Eiter gefüllte schmerzempfindliche Kapsel, die infolge einer bakteriellen Brustentzündung (Mastitis) auftreten kann. Verschiedenen Schätzungen zufolge entwickelt sich ein Brustabszess bei 2–10% aller Brustentzündungen.

Der Abszess zeigt sich oft als ein schmerzhafter Knoten, ggf. mit Rötung. Die Haut über dem Abszess kann geschwollen sein und sich zunehmend verfärben. Auch anhaltendes oder wiederkehrendes Fieber nach einer Brustentzündung kann ein Hinweis auf einen Abszess sein. Allerdings ist Fieber nicht immer vorhanden. Ein Abszess kann an verschiedenen Stellen vorkommen: an der Oberfläche direkt unter der Haut – oft in der Nähe der Brustwarze – oder tief im Inneren der Brust. Der Abszess kann auch im Brustgewebe verstreut sein. Am Anfang der Stillzeit überwiegen Abszesse, die auf einen Brustbereich lokalisiert sind. Wenn der Abszess im Rahmen eines schnellen Abstillens auftritt, dann kann er eher auf mehrere Brustsegmente verstreut sein.

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Diagnostik und  Behandlung eines Abszesses gehört in die Zuständigkeit von Ärzten. Frauenärzte  sind in der Regel die ersten Ansprechpartner, sie überweisen die Frauen gegebenenfalls in eine Frauenklinik. Zur Diagnostik eines Abszesses wird die Frau über die Vorgeschichte befragt, körperlich untersucht und die Brust wird meist per Ultraschall untersucht. Zur Bestätigung, dass es sich um einen Abszess und nicht um einen Knoten anderen Ursprungs handelt, wird aus dem Knoten mithilfe einer Kanüle Eiter entnommen. Das Anlegen einer Bakterienkultur erfolgt routinemäßig, um den beteiligten Mikroorganismus zu identifizieren und das geeignete Antibiotikum auszuwählen. Die Behandlung findet ambulant oder stationär statt, es sind in aller Regel mehrere Therapiesitzungen erforderlich. Der Abszess wird durch eine chirurgische Eröffnung mit einem Skalpell (Inzision) unter Vollnarkose und einer Drainage oder durch Punktion mit lokaler Betäubung entleert. In vielen Fällen wird die weniger invasive Punktion vorgenommen, welche täglich wiederholt wird, bis der Abszess ausgetrocknet ist. Zusätzlich bekommt die Frau in der Regel Antibiotika intravenös oder zum Einnehmen für 10-14 Tage. Bei großflächigen Abszessen wird oft die chirurgische Inzision gewählt.

Die Frau kann ihren Arzt ausdrücklich bitten, den Bereich des Brustwarzenhofs sowie die Milchgänge und Nerven beim Eingriff nach Möglichkeit zu verschonen, damit das weitere Stillen nicht gefährdet wird. Nicht alle Ärzte denken von sich aus an diese Aspekte. Auch wenn der Abszess unterhalb des Warzenhofs liegt, kann er durch einen seitlichen, radiären Zugang eröffnet werden, um das für das Stillen wichtige Gewebe zu schonen.

Aus dem Einschnitt kann bis zur Abheilung Milch sickern – das ist kein Grund zur Sorge. Möglicherweise trägt die auslaufende Milch sogar dazu bei, die Wunde zu reinigen und die Heilung zu fördern.

Folgendes Video zeigt minimal-invasive Inzision eines Brustabszesses bei einer stillenden Mutter: https://www.youtube.com/watch?v=JOOKKLgrE28

Ein Brustabszess ist kein Grund zum Abstillen

Ein Brustabszess ist schmerzhaft und sehr belastend für die Mutter, insbesondere, wenn sie sich einer langwierigen Behandlung unterziehen muss. Ein Abstillen ist jedoch weder erforderlich, noch hilfreich. Im Gegenteil: durch die regelmäßige Entleerung der Brust wird der Heilungsprozess unterstützt. Durch das plötzliche Abstillen (mit oder ohne Medikamente) verschlimmert sich die Situation aufgrund der Stauung von Milch in den Brustdrüsen. Auch das Kind nimmt durch das weitere Stillen keinen Schaden: Es können stillfreundliche Medikamente ausgewählt werden. Es gibt viele Antibiotika, die in der Stillzeit genommen werden dürfen. Eine erhöhte Aufmerksamkeit auf eine Infektion des Säuglings mit Staphylokokken oder Streptokokken durch den zuständigen Kinderarzt wird jedoch empfohlen. Ist das Kind infiziert, wird es ebenfalls mit Antibiotika behandelt.

Es dürfen auch stillfreundliche Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol) genommen werden (siehe den Artikel Arzneimittel und Stillen). Nach der erfolgreichen Behandlung des Abszesses kann bei Bedarf noch Monate und Jahre weitergestillt werden.

Leider werden betroffene Mütter von Verwandten und Bekannten, nicht selten jedoch auch durch ihre Ärzte zum Abstillen gedrängt. Die Frauen bekommen Abstilltabletten mitunter als Routineteil des Behandlungsplans. Diese Vorgehensweise basiert jedoch nicht auf wissenschaftlichen Belegen, sondern lediglich auf Traditionen und subjektiven Überzeugungen. Die heute gültigen medizinischen Leitlinien empfehlen ausdrücklich das Weiterstillen (u.a. ABM Clinical Protocol #36: Mastitis Spectrum (2022)). Manche Fachleute unterschätzen auch das psychische Trauma des Abstillens und die gesundheitlichen Vorteile des Weiterstillens für Kind und Mutter. Es ist auch nicht richtig, dass Frauen, die einmal einen Brustabszess entwickelt haben, eine Neigung dazu hätten und ohne Abstillen immer wieder betroffen wären. Milchstaus, Brustentzündungen und Abszesse kommen hauptsächlich in den ersten Stillmonaten vor, wenn die Frau sehr viel Milch bildet (siehe auch den Artikel „Zu viel Milch“) – oder wenn die Frau plötzlich abstillt. Im Laufe der Monate justiert sich die Milchbildung auf die Nachfrage des Kindes, die Brustdrüsen arbeiten effizienter – sodass weniger Milch auf Überschuss produziert wird und das Risiko für Milchstaus, Brustentzündungen und Abszesse deutlich abnimmt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit!

Das Baby kann an der betroffenen Brust auch während der Behandlung weiterstillen – selbst dann, wenn eine Drainage liegt –, es sei denn, der Abszess ist so nah an der Brustwarze, dass ihn das Baby beim Stillen mit seinem Mund berührt. Möglicherweise lehnt das Baby die Brust vorübergehend ab, weil die Milch durch die Infektion salziger schmeckt als sonst. Wenn das Baby an der betroffenen Brust nicht trinkt, dann soll diese mit der Hand oder einer Pumpe regelmäßig geleert werden. An der gesunden Brust kann die Frau auf alle Fälle weiterstillen und an der betroffenen Brust weiterstillen, sobald der Heilungsprozess dies ermöglicht.

Quellen:

  • Mitchell KB, Johnson HM, Rodríguez JM, Eglash A, Scherzinger C, Zakarija-Grkovic I, Cash KW, Berens P, Miller B; Academy of Breastfeeding Medicine. Academy of Breastfeeding Medicine Clinical Protocol #36: The Mastitis Spectrum, Revised 2022. Breastfeed Med. 2022 May;17(5):360-376. doi: 10.1089/bfm.2022.29207.kbm. Erratum in: Breastfeed Med. 2022 Nov;17(11):977-978.
  • Walker M: Beastfeeding Management for the Clinician. Using the evidence. Jones & Bartlett Publishing 2017, 4. S. 613-615.
  • Lawrence AR, Lawrence RM: Breastfeeding: A Guide for the Medical Profession. Elsevier, 8. Aufl., 2016, S. 573
  • Amir LH, Academy of Breastfeeding Medicine: ABM Clinical Protocol #4: Mastitis, Revised March 2014. Breastfeeding Medicine 2014;9(5), S. 241.
  • Irusen H, Rohwer AC, Steyn DW, Young T. Treatments for breast abscesses in breastfeeding women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 8. Art. No.: CD010490. DOI: 10.1002/14651858.CD010490.pub2.
  • S3-Leitlinie zur Therapie entzündlicher Brusterkrankungen in der Stillzeit 2013.
  • Abou-Dakn M, Bauer Z: Die stillende Frau in der gynäkologischen Praxis. ComMed Verlag, 2008. S. 68-70.

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