Stillen als möglicher Schutzfaktor vor Autismus-Spektrum-Störungen

6. Februar 2018 | Von | Kategorie: Leitartikel

Möglicherweise hat Stillen eine gewisse schützende Wirkung vor der Entwicklung von Autismus-Spektrum-Störungen. (© Bialasiewicz)

Schätzungsweise 20 bis 116 von 10.000 Personen haben eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Betroffene Menschen haben Schwierigkeiten  in der Kommunikation und der sozialen Interaktion und können wiederholende sowie eingeschränkte Verhaltensmuster aufweisen.

Als Ursache dieses Störungskreises wird eine Reihe verschiedener Faktoren diskutiert. Neben einer genetischen Veranlagung stehen bestimmte Umweltfaktoren während der Schwangerschaft unter Verdacht, zur Entwicklung von ASS beizutragen. Dazu zählen u.a. das metabolische Syndrom, virale oder bakterielle Infektionen (z.B. mit Zytomegalovirus oder Röteln), Mangelernährung oder bestimmte Medikamente, wie manche Antikonvulsiva. Bislang sind nur wenige Schutzfaktoren bekannt, die das Risiko von ASS vermindern. Dazu zählen ein junges mütterliches Alter bei der Geburt und die adäquate Versorgung mit Folsäure am Anfang der Schwangerschaft. In jüngster Zeit ist Stillen als ein möglicher Schutzfaktor in Diskussion geraten. In einer aktuellen Metaanalyse wurden sämtliche bislang erschienene Studien zum Zusammenhang zwischen Stillen und Autismus-Spektrum-Störungen  einbezogen (Tseng et al., 2017). Die gepoolten Studienergebnisse in der Metaanalyse zeigen, dass Kinder mit ASS deutlich seltener jemals gestillt worden sind als Kinder ohne diese Diagnose.

Die Autoren der Metaanalyse diskutieren verschiedene mögliche Wirkmechanismen. So wirkt sich möglicherweise der erhöhte Oxytocin-Spiegel beim Stillen und direkten Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Baby positiv auf die spätere soziale Interaktionsfähigkeit aus. Denn vor allem das direkte Stillen war mit einer selteneren ASS-Diagnose assoziiert und weniger die Muttermilchernährung mittels Saugflasche. Auch die im Kolostrum befindlichen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren könnten eine schützende Wirkung haben. Denn ein später Stillbeginn war wiederum mit einem erhöhten ASS-Risiko assoziiert. Auch die Immunfaktoren, die nur in der Muttermilch, nicht jedoch in der künstlichen Säuglingsmilch enthalten sind, werden als mögliche Erklärung diskutiert.

Schließlich ist es jedoch auch möglich, dass Babys, bei denen später ASS diagnostiziert wird, bereits als Neugeborene ein fehlgesteuertes Saugverhalten und eine gestörte Mutter-Kind-Interaktion haben und aus diesem Grund seltener gestillt werden als gesunde Neugeborene.

Quelle:

  • Tseng P-T et al.: Maternal breastfeeding and autism spectrum disorder in children: A systematic review and meta-analysis. Nutritional Neuroscience 2017, Oct 18:1-9. doi: 10.1080/1028415X.2017.1388598.

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