Zu kurzes Zungenbändchen

Schreiendes Baby mit verkürztem Zungenbändchen

Ein verkürztes Zungenbändchen kann das Stillen erschweren (© andesign101)

Manchmal liegen Still- und Saugschwierigkeiten nicht am ungünstigen Anlegen, sondern an einem angeborenen verkürzten Zungenbändchen (sog. Ankyloglossia) beim Baby, das die Beweglichkeit der Zunge einschränkt. Betroffene Babys könne ihre Zunge kaum über die Lippen hinaus schieben. Durch diese eingeschränkte Beweglichkeit kann das Baby nur ineffektiv saugen – dadurch erhält es weniger Milch, gedeiht schlechter und die Dauer der Milchmahlzeiten verlängert sich. Die Brustwarzen der Mutter können beim Stillen schmerzen oder sogar wund werden.

Das zu kurze Zungenbändchen kommt bei etwa 2-10% aller Neugeborenen vor und ist erblich. Jungen sind dreimal so oft betroffen wie Mädchen. Dabei sind nicht alle Kinder mit Ankyloglossia gleichermaßen betroffen. Manche können ohne Probleme an der Brust saugen. Es wird geschätzt, dass etwa jedes achte Neugeborene mit Stillproblemen ein verkürztes Zungenbändchen hat.

Symptome, die auf ein verkürztes Zungenbändchen hinweisen können:

  • Schwierigkeiten beim Anlegen und längeren Saugen an der Brust, das Baby lässt die Brust oft los
  • Frustriertes, unruhiges Baby an der Brust, oder das Baby schläft an der Brust ein
  • Lange und/oder sehr häufige Stillmahlzeiten, das Baby nimmt trotzdem zu viel ab bzw. nicht ausreichend zu
  • Stillen für die Mutter dauerhaft schmerzhaft, die Brustwarzen werden beim Stillen gequetscht, evtl. Entwicklung von wunden Brustwarzen
  • Zu wenig Milch, da das Baby die Brust nicht ausreichend entleeren kann und somit die Milchbildung nicht genug anregt. Die unzureichende Milchbildung kann bald nach der Geburt oder erst einige Wochen später bemerkbar werden.
  • Die Zunge des Babys wird nie außerhalb des Mundes gesichtet. Evtl. reicht die Zunge bis zu den Lippen, aber nicht über die Lippen hinaus, was zum effektiven Stillen jedoch erforderlich wäre.
  • Evtl. Saugbläschen an der Lippe: das Baby versucht die Brustwarze mit den Lippen festzuhalten
  • schnalzende Geräusche beim Stillen (Baby verliert den Saugschluss)
  • hoher und schmaler Gaumen (entsteht noch im Mutterleib wegen dem verkürzten Zungenbändchen)
  • besondere Zungenformen

Verschiedene Formen des zu kurzen Zungenbändchens

Das zu kurze Zungenband kommt in zwei Formen vor:

Grafik über das zu kurze Zungenband

Anteriores und posteriores zu kurzes Zungenbändchen

  1. Das vordere, „anteriore“ zu kurze Zungenband beginnt an der Zungenspitze, welche eine Herzform hat (s. Foto oben und Grafik). Man sieht einen weißlichen, dünnen Bindegewebsstrang (Membran), der bis zur Zungenspitze reicht.
  2. Das hintere, „posteriore“ zu kurze Zungenband beginnt weiter hinten an der Unterseite der Zunge und reicht bis zum Zungengrund. Die Zungenspitze bleibt rund. Das posteriore zu kurze Zungenband ist nicht immer sichtbar. Man erkennt dieses oft nur an der schlechten Beweglichkeit der Zunge, an besonderen Zungenformen, und dicken, straffen, tastbaren Sehnen am Zungengrund. Möglicherweise kommt das Kind beim nur leicht geöffneten Mund mit der Zunge über die Zahnleiste, sodass eine normale Zungenbeweglichkeit angenommen wird. Wenn das Baby zum Stillen den Mund weit öffnet, dann zieht das Zungenbändchen die Zunge in den Mund zurück. Eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit kann sich auch über das Sog. Cupping der Zunge bemerkbar machen: Beim Weinen wölben sich die Spitze und die Seiten nach oben, aber der mittlere Teil der Zunge bildet eine Grube. Die Zunge kann mitunter eine Rutschbahnform aufnehmen.

Die Behandlung des zu kurzen Zungenbändchens

Babys mit zu kurzem Zungenbändchen profitieren von besonderen Anlegetechniken. Sie schaffen es manchmal mithilfe des „Laid-back-Nursing“ die Brust zu erfassen, während andere Stillpositionen nicht so gut funktionieren. Auch das so genannte asymmetrische Anlegen ist bei ihnen besonders hilfreich. Dabei nimmt das Baby mehr vom unteren Teil des Brustwarzenhofs in den Mund (zum Kinn hin) als vom oberen Teil (zur Nase hin). Die Nase gräbt sich nicht in die Brust, sondern bleibt frei (Mehr zum asymmetrischen Anlegen: http://www.lactation-911.com/how-to-asymmetrical-latch/). Doch, diese Positionierungen reichen je nach Ausprägung nicht immer aus, damit das Baby effektiv trinken kann. Dann muss das Zungenbändchen durchtrennt werden.

Das vordere verkürzte Zungenbändchen kann leicht durch einen einfachen und kaum schmerzhaften Schnitt durch darin ausgebildete Ärzte behoben werden (sog. Frenotomie). Wenn das verkürzte Zungenbändchen am Zungengrund und/oder unter der Schleimhäute liegt, ist die Operation manchmal etwas komplexer. Während das anteriore Zungenbändchen vergleichsweise oft erkannt und behoben wird, wird das posteriore Zungenbändchen oft gar nicht oder zu spät erkannt, sodass sich vielfältige Stillprobleme daraus ergeben. Die Mütter müssen oft zufüttern und ihre Milch über Monate abpumpen, damit das Baby ausreichend zunimmt.

Manche Fachleute behaupten, dass sich das verkürzte Zungenbändchen mit der Zeit auswächst. Systematische Untersuchung zeigen jedoch, dass dies selten der Fall ist. Unbehandelt erschwert eine Ankyloglossia nicht nur das Stillen, sondern kann im späteren Leben auch zu einer Störung der Aussprache und zu Zahnproblemen führen. Die Frenotomie gilt als eine einfache, sichere und effektive Therapie. In den ersten drei Lebensmonaten kann sie unkompliziert durchgeführt werden. Bei älteren Babys oder Kindern besteht schon die Herausforderung, dass sie während des Eingriffs nicht ruhig bleiben und eine Anästhesie brauchen. Im Folgenden können Sie in zwei Kurzfilmen von Dr. Jack Newmann, einem international anerkannten Laktationsberater, sehen, wie ein vorderes Zungenbändchen durchtrennt wird und das Baby gleich anschließend an der Brust trinken kann:

  1. Durchtrennen des Zungenbändchens
  2. Stillen gleich nach dem Durchtrennen des verkürzten Zungenbändchens

In Deutschland werden für die Frenotomie mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und es wird ein spezielles Instrument dafür verwendet.

Laut Dr. med. Skadi Springer, Kinderärztin, Neonatologin und Still- und Laktationsberaterin IBCLC, sollte das verkürzte Zungenbändchen idealerweise noch am Tag der Diagnose, am 2.-5. Lebenstag, im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung U2 durchtrennt werden. Wird die Frenotomie früh erkannt und behandelt, dann werden langwierige und komplexe Probleme von vorne herein vermieden. Wird das Zungenbändchen erst später durchtrennt, dann muss das Baby das Stillen mitunter erst neu erlernen.

Der Eingriff gehört laut Springer in den Zuständigkeitsbereich eines Arztes. Die Abrechnung bei der Krankenkasse kann unter dem Posten „kleiner chirurgischer Eingriff“ erfolgen. Das Baby kann sofort nach dem Eingriff an die Brust genommen und gestillt werden. Das Stillen wirkt beruhigend und schmerzlindernd auf das Baby. Die Mütter berichten, dass das Stillen plötzlich nicht mehr Weh tut, das Baby saugt auf einmal effektiv an der Brust. Babys, die stark an Gewicht verloren haben, holen wieder auf.

Leider ist das Erkennen und Behandeln von Stillhindernissen und insbesondere die Frenotomie kein regulärer Teil der kinderärztlichen Ausbildung. Daher haben viele Kinderärzte noch nie von diesem Eingriff gehört und haben Bedenken, ihn durchzuführen. Auch Hebammen erkennen das Problem nicht immer, vor allem, wenn das verkürzte Zungenbändchen nicht sichtbar ist. Häufig wissen medizinische Fachleute keinen besseren Rat, als dem Baby die Flasche zu geben.

Was Eltern tun können, damit die Stillprobleme behoben werden:

  • Eine erfahrene Still- und Laktationsberaterin IBCLC kontaktieren (siehe unser IBCLC-Verzeichnis). Sie kann das Andocken beobachten, bei der Positionierung helfen, die Gewichtsentwicklung des Babys untersuchen, bei der Zufütterung und der Aufrechterhaltung der Milchbildung beraten, und an weitere Experten verweisen. Auch nach dem Eingriff hilft sie beim Erlernen des Stillens, bei der Beobachtung der Gewichtsentwicklung oder der Positionierung.
  • Wenn die Brust durch das Baby nicht effektiv entleert werden kann, dann muss die Milchbildung auf andere Weise in Gang gebracht und aufrechterhalten werden. Die Brust soll z.B. nach dem Stillen noch abgepumpt werden. Eine elektrische Doppel-Milchpumpe aus der Apotheke ist in solchen Fällen oft hilfreich (siehe Kodex-konforme Milchpumpen mieten). Die abgepumpte Milch wird ans Baby verfüttert.
  • Dem Baby möglichst abgepumpte Muttermilch mit alternativen Fütterungstechniken geben (siehe im Beitrag Stillfreundliche Fütterungsmethoden), damit es nicht zu einer Ablehnung der Brust kommt. Leider kann ein zu kurzes Zungenbändchen in manchen Fällen auch das Saugen an der Flasche erschweren. Falls die Milchbildung aufgrund der Saugprobleme noch nicht ausreicht, sollte zur Ernährung des Babys kurzfristig und ergänzend künstliche Säuglingsmilch zugefüttert werden. Die Zufütterung von Mutter- oder Säuglingsmilch findet idealerweise in der Nähe der nackten Brust oder direkt an der Brust (mit einer Nahrungssonde oder dem Brusternährungsset) statt, damit die Fokussierung auf die Brust erhalten bleibt. Das Kind erhält die Milch dann direkt an der Brust, als würde es stillen. Obwohl es nicht in der Lage ist, die Brust effektiv auszumelken, kommt aus dem Schlauch genug Milch, damit das Baby satt wird und gut zunimmt.
  • Dem Kinderarzt ggf. Fachliteratur zur Verfügung stellen (z.B. das Protokoll Nr. 11 der Academy of Breastfeeding Medicine (Ankyloglossia) und eine aktuelle wissenschaftliche Studie von Ghaheri et al. 2016, die eine Verbesserung der Stillfähigkeit und eine Reduktion der Schmerzen beim Stillen nach einer Frenotomie zeigt). Falls der behandelnde Kinderarzt den Eingriff nicht selbst durchführen möchte, können sich die Eltern an weitere Fachärzte wenden, z.B. an einen HNO-Arzt, Zahnarzt, Kieferchirurg, Kinderchirurg, Frauenarzt, usw.

Quellen:

  • Guóth-Gumberger M, Karall D: Das zu kurze Zungenband. Laktation & Stillen 2016/02.
  • Springer S: Das Zungenbändchen: harmlose Anomalie oder Still-Hindernis? 10. Still- und Laktationskongress, Berlin, 2015.
  • Wilson-Clay B, Hoover K: The Breastfeeding Atlas. LactNews Press, 2013, 5. Aufl.
  • Academy of Breastfeeding Medicine (ABM): Protocol # 11: Guidelines of the evaluation and management of neonatal ankyloglossia and its complication in the breastfeeding dyad, 2004.
  • Austausch mit betroffenen Müttern

    WEITERFÜHRENDE LITERATUR:


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Änderungen: Oktober 2016.