La Leche Liga Deutschland e.V. stellt sich vor

In der Reihe „Who is who in der Stillförderung“ werden im Still-Lexikon die wichtigsten Berufsgruppen und Organisationen in der Stillförderung nach und nach vorgestellt, um den Müttern eine Orientierung zu bieten. In diesem Beitrag geht es um die ehrenamtlich tätige Stillorganisation La Leche Liga Deutschland e.V. (LLL).

Julia Afgan

Julia Afgan, 1. Vorsitzende von La Leche Liga Deutschland

Unsere Fragen beantwortet Julia Afgan, 1. Vorsitzende von La Leche Liga Deutschland e.V., Diplom-Psychologin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Frau Afgan ist seit 17 Jahren La-Leche-Liga-Beraterin in Saarbrücken und seit 5 Jahren im Vorstand tätig.

Was bietet La Leche Liga den jungen Familien?

Wir bieten zu allen Fragen rund um das Stillen fachliche und emotionale Unterstützung. Die Mütter können sich per Telefon oder per E-Mail bei uns melden und einmal im Monat bieten wir an verschiedenen Orten offene Stillgruppen an. Des Weiteren veröffentlichen wir Publikationen rund ums Stillen und Elternsein: Sie finden diese sowohl als kostenfreien Download in Form von Informationsblättern als auch als Bücher und Broschüren in unserem Shop.

E-Mail-Icon

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Für eine E-Mail-Beratung am besten das zentrale Online-Formular nutzen (© La Leche Liga Deutschland e.V.)

Für die E-Mail-Beratung können die Mütter am besten das zentrale Online-Formular nutzen. Schreibt eine Mutter an eine Beraterin direkt eine E-Mail, dann kann es theoretisch sein, dass die Beraterin gerade im Urlaub ist oder deren eigenen Kinder krank sind, sodass es etwas länger dauern kann, bis eine Antwort kommt. Damit wir Mailanfragen zeitnah beantworten können, steht hinter der zentralen E-Mail-Adresse ein Beraterinnen-Pool. Jede Anfrage wird über zwei Koordinatorinnen automatisch an die Beraterin versendet, die gerade Zeit hat. So wird garantiert, dass die E-Mails spätestens innerhalb von sieben Tagen beantwortet werden.

Telefon-IconDie meisten Anfragen können auch sehr gut per Telefon besprochen werden. Die Mütter können bei allen Telefonnummern, die veröffentlicht sind, anrufen: entweder bei einer Beraterin in Wohnortnähe oder bei jeder anderen, das spielt keine Rolle. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass dies Privatnummern sind, weil wir alle ehrenamtlich von zu Hause aus arbeiten. Es kann sein, dass Familienangehörige – auch Kinder – abnehmen oder dass ein Anrufbeantworter angeschaltet ist. Es ist uns sehr wichtig, uns in Ruhe ausreichend Zeit für die Beratungsgespräche zu nehmen. Wenn die Beraterin direkt am Telefon ist, kann es sein, dass sie sich für das Gespräch gerade gut Zeit nehmen kann. Sollte es ungünstig sein, wird sie sich die Telefonnummer der Mutter notieren und zurückrufen, sobald sie Ruhe hat.

Persönliche Treffen bei der Beraterin oder Hausbesuche finden nur in Einzelfällen statt, da wir ehrenamtlich tätig sind. Wenn die Beraterin die Kapazitäten hat und in der Nähe wohnt, wird sie bei bestimmten Problemen – z.B. wenn es wichtig wäre, die Stillposition oder das Saugverhalten des Kindes genauer anzuschauen – ein persönliches Treffen anbieten. Zeit für Gespräche bietet sich natürlich auch während der Stilltreffen vor Ort.

Haben Sie eine besondere Bitte an die Mütter in Bezug auf die Beratung?

Mutter mit schreiendem Baby

Bitte bei Fragen und Unsicherheiten gleich melden und nicht abwarten (© Vojtech Vlk)

Unsere Bitte ist, dass sich die Frauen ganz früh, schon bei den allerersten Fragen oder Unsicherheiten melden. Häufig melden sich die Frauen erst mehrere Wochen, nachdem eine Frage aufgetreten ist, weil sie meinen, das Problem wäre noch nicht groß genug, um anrufen zu dürfen. Während des Wartens kann sich das Problem jedoch manifestieren und die Frauen haben Tage oder Wochen mit unnötigen Belastungen wie z.B. schmerzenden Brustwarzen verbracht. Unsere Bitte ist daher, sich bei jeder kleinen Frage zu melden, auch wenn die Frau das Gefühl hat, es wäre vielleicht keine „richtige“ Frage oder es lohne sich nicht, dafür anzurufen.

⇒ Wenn die Frauen gleich anrufen, können größere Schwierigkeiten besser vermieden und Probleme leichter gelöst werden.

Sind die Stillgruppen für alle Mütter offen?

Ja, unsere Stillgruppen sind ganz offen für alle. Jede Mutter und jede schwangere Frau ist herzlich willkommen. Manche Stillgruppen bitten um eine vorherige Anmeldung, damit sie ungefähr einschätzen können, wie viele Mütter kommen, andere Stillgruppen brauchen keine Anmeldung. Die entsprechenden Hinweise finden Sie auf unserer Homepage. Wenn eine Fachperson – z.B. eine Hebamme oder Pflegepersonal – hospitieren möchte, bitten wir generell um eine Anmeldung.

Wie läuft ein Stillgruppentreffen von La Leche Liga ab?

Stillgruppe La Leche Liga

In den Stillgruppen können die Mütter sich austauschen und sich gegenseitig unterstützen. (© La Leche Liga Deutschland e.V.)

Ablauf und Gestaltung sind international geregelt und in allen La-Leche-Liga-Stillgruppen weltweit einheitlich. Zunächst kann jede Mutter ganz in Ruhe mit ihrem Kind ankommen, sich einen Platz suchen und sich gemütlich mit ihrem Baby hinsetzen. Anschießend machen wir eine Vorstellungsrunde, in der jede Mutter kurz erzählen kann, wie es ihr gerade geht, wie alt ihr Kind ist, ob sie bestimmte Fragen mitgebracht hat. Wir tauschen uns über verschiedene Themen aus, die allen Müttern wichtig sind, z.B. anstrengende Nächte, Ernährung oder Unruhe des Babys.

Nach der Vorstellungsrunde moderiert die Stillberaterin ein im Vorfeld festgelegtes Schwerpunktthema, wie z.B. Ammenmärchen rund ums Stillen, Muttersein, Beikost oder Abstillen. Die Frauen berichten in Bezug auf das ausgewählte Schwerpunktthema von ihren Erfahrungen, tauschen sich aus, die Beraterin steuert fachliche Informationen bei und beantwortet Fragen. Wir haben einen offenen, lockeren Austausch. Wer möchte, kann sich beteiligen und von eigenen Erfahrungen erzählen. Wer lieber zuhört, kann einfach zuhören. Jede Frau nimmt sich die Informationen mit, die gut zu ihr und ihrer eigenen Familie passen.

Die Babys können wie in jeder anderen Mutter-Baby-Gruppe auf dem Arm der Mutter sein, schlafen oder durch die Mitte krabbeln und spielen. In vielen Stillgruppen gibt es etwas zu essen und zu trinken, wir haben Bücher, die die Frauen sich ansehen und ausleihen können.

Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil davon, eine Stillgruppe zu besuchen?

Für uns steht der Selbsthilfeaspekt im Mittelpunkt: Es ist für die Mütter ganz wertvoll zu erleben, dass es anderen Müttern genauso geht wie ihnen selbst. Es ist sehr entlastend zu wissen, dass auch andere sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen, dass sie mal erschöpft sind und mit dem Baby nicht alles auf Anhieb hinbekommen. Die Gruppe unterstützt sich mit ihren Ideen gegenseitig.

Die Stillgruppe ist ein Ort zum Auftanken. Die La-Leche-Liga-Beraterinnen schenken neben Fachwissen vor allem Zeit und Verständnis. Frauen können sich hier ermutigen lassen, ihre eigenen Wege zu finden. Wir erleben in den Stillgruppen sehr häufig, dass die Frauen von der Vielzahl an Ratschlägen, wie sie am besten mit dem Baby umgehen sollten, verwirrt sind. Rund um das Stillen kursieren noch immer zahleiche Ammenmärchen. Wir bestärken Frauen in ihrem Wissen, dass sie ein kleines Individuum im Arm halten, und dass sie selbst als Mutter entscheiden können und dürfen, wie sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes reagieren. Mutter und Kind sind kompetent! Wir ermutigen die Frauen darin, ihren eigenen Weg finden und gehen zu dürfen. Die vielen unterschiedlichen Mutter-Kind-Paare in einer Stillgruppe zeigen ganz lebendig, dass es ebenso viele Wege wie Stillbeziehungen gibt.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um in die Stillgruppe zu kommen?

Mutter stillt Neugeborenes

Im Wochenbett brauchen die Mütter viel Ruhe – aber ein Anruf geht trotzdem  (© La Leche Liga Deutschland e.V.)

Sehr hilfreich ist es natürlich, wenn eine Frau bereits in der Schwangerschaft kommt. Viele Frauen fokussieren sich während der Schwangerschaft stark auf die Geburt, was sicherlich ein ganz wichtiges Ereignis ist – mit Angst, Vorfreude und Unsicherheit verbunden –, und gehen davon aus, dass sie alles, was nach der Geburt kommt, schon hinbekommen werden. Aber dass direkt nach der Geburt die Stillzeit beginnt, ist vielen Frauen gar nicht bewusst. Das Baby ist da und möchte schon innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt an die Brust. Dann bleibt keine Zeit mehr, sich vorzubereiten. Wir erleben häufig, dass Müttern gerade in diesen ersten Tagen nach der Geburt Informationen fehlen, die zu einem guten Stillstart verhelfen. Von daher ist es hilfreich, wenn die Frauen schon während der Schwangerschaft kommen und sich Informationen zum Stillstart mitnehmen. So erfahren sie, worauf sie in den ersten Tagen achten können, wie sie vermeiden können, dass die Brust wund wird, welches Stillverhalten normal ist, was an Babyalltag auf sie zukommen wird. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Frauen, die schon schwanger kommen, sehr profitieren.

Während des Wochenbettes sollte jede Frau für sich schauen, ob sie schon fit genug ist, mit dem Baby eine Fahrt zur Stillgruppe auf sich zu nehmen. Für manche Frauen ist es angenehmer, im Wochenbett zu Hause zu bleiben und sich zu erholen. Sie kommen erst, wenn das Baby ein bisschen größer ist. Es gibt aber auch Frauen, denen schon nach kurzer Zeit die Decke auf den Kopf fällt. Für sie ist es wunderbar, einen Anlaufpunkt zu haben.

Stillendes Kleinkind

Frauen mit gestillten Kleinkindern können in der Stillgruppe Bestätigung einholen. (© La Leche Liga Deutschland e.V.)

Ein Stillgruppenbesuch ist die gesamte Stillzeit über möglich. Viele Frauen kommen zum Beispiel auch während der Zeit der Beikosteinführung, oder wenn absehbar ist, dass ihr Kind länger stillen wird: Wenn eine Mutter merkt, dass die meisten Frauen um sie herum bereits abstillen, es aber ihr und ihrem Baby mit dem Stillen weiterhin gut geht, kann ein Stillgruppenbesuch stärken. Es ist wichtig, die Bestätigung zu erhalten, dass es gut ist, ein älteres Baby oder ein Kleinkind zu stillen. Kritische Kommentare der Umwelt können Mütter sehr verunsichern. Einige La-Leche-Liga-Beraterinnen bieten daher auch extra Gruppen für Frauen von gestillten Kleinkindern an, damit diese sich in einem geschützten Rahmen austauschen können.

Wann und aus welchem Anlass wurde La Leche Liga eigentlich gegründet?

La Leche Liga wurde 1965 in den USA durch sieben Mütter gegründet. Ein Teil dieser Frauen hatte ihre Kinder erfolgreich stillen können, andere nur mit großen Schwierigkeiten. Sie tauschten sich aus und unterstützten sich gegenseitig. Dabei stellten sie fest, wie schwierig es war, an gute Stillinformationen heranzukommen und auch emotionale Unterstützung zu finden – gerade in einer Zeit, in der Muttermilchersatznahrung immer weiter entwickelt wurde und sich über die Werbung stark verbreitete. Sie stellten fest, dass viele ihrer Bekannten und Freundinnen einen Stillwunsch hatten, aber aufgrund mangelnder Unterstützung frustriert abstillen mussten. Die sieben Frauen entschlossen sich daher eine Selbsthilfeorganisation zu gründen, um ihre Erfahrungen weiterzugeben und anderen Müttern zu helfen.

Wo liegen die besonderen Stärken und wo die Grenzen der La-Leche-Liga-Stillberatung?

Unsere Stärke ist die Mutter-zu-Mutter-Beratung. Wir kennen das Stillen aus eigener Erfahrung und können uns daher gut einfühlen. Wir nehmen uns Zeit, um nicht nur fachlich zu beraten, sondern auch emotional zu stärken. Durch unsere Ehrenamtlichkeit können wir Zeit und Ruhe schenken und sind frei von Routineabläufen oder Abrechnungswesen. Wir hören zu und schauen gemeinsam mit jeder Frau, was ihr wichtig ist, was sie benötigt, damit es ihr und ihrem Kind gut geht. Wir geben keine generellen Ratschläge, sondern versuchen gemeinsam mit der Mutter herauszufinden, was ihr weiterhelfen kann.

Wir bieten eine Fachberatung auf Basis der Selbsthilfe an. Unsere Grenze ist an dem Punkt, an dem der Verantwortungsbereich des medizinischen Fachpersonals beginnt. Sobald eine Erkrankung im Spiel ist oder eine Medikation benötigt wird, verweisen wir an medizinische Fachpersonen weiter. Wir beraten natürlich auch eine Frau, die eine Erkrankung hat und ihr Kind stillen möchte, in Bezug auf Stillfragen, verweisen aber in allen medizinischen Fragen an die Fachperson weiter. Für die Beurteilung der Entwicklung und des Gesundheitszustandes des Kindes ist grundsätzlich der Kinderarzt/die Kinderärztin zuständig. Unsere Beratung stellt somit ein ergänzendes Angebot zusätzlich zur Hebammennachsorge und dem Arztbesuch dar.

Wie unterscheiden sich die Stillgruppen der La Leche Liga von anderen Stillgruppen?

La Leche Liga Deutschland e.V. ist Teil der weltweiten Organisation La Leche League International. Unsere Arbeit ist international geregelt und daher überall gleich. Egal, ob eine Frau in Deutschland, Australien, Japan oder Afrika eine La-Leche-Liga-Stillgruppe besucht, sie wird immer auf der gleichen Basis beraten. Was uns von anderen Stillgruppen abgrenzt, ist unsere Philosophie, die die Basis unserer Tätigkeit darstellt. Diese Philosophie, die die Gründerfrauen erarbeitet haben, drücken eine bestimmte Haltung und Wertschätzung gegenüber Eltern und Kind aus. Bindungs- und beziehungsorientiertes Arbeiten ist grundlegend für unsere Tätigkeit.

Woher hat eine La-Leche-Liga-Beraterin ihre Kompetenz und was beinhaltet ihre Ausbildung?

Grundvoraussetzung für die Ausbildung zur La-Leche-Liga-Stillberaterin ist, dass eine Frau selbst ausreichend lange gestillt hat. Außerdem muss sie La Leche Liga bereits gut kennen: Sie muss mit Stillgruppenbesuchen eigene Erfahrung gesammelt haben, sich mit der Philosophie identifizieren und in das Netzwerk von La Leche Liga eingebunden sein. Sie muss zudem über ausreichend Empathie verfügen und Kapazitäten für ein umfangreiches Ehrenamt haben.

Jede La-Leche-Liga-Stillberaterin durchläuft eine Ausbildung mit verschiedenen Schwerpunkten. Zum einen findet eine intensive schriftliche Reflexion der eigenen Schwangerschaften, Geburten, Stillzeiten und Erfahrungen als Mutter statt. Parallel läuft die fachliche Ausbildung, in der über Literatur, Informationsblätter sowie Austausch und Fortbildungstage Fachwissen rund um das Stillen erarbeitet wird. Der dritte Schwerpunkt liegt im Bereich Beratung, Kommunikation und Stillgruppenführung. Dieser wird durch die praktische Mitarbeit in einer Stillgruppe angeleitet und supervisiert. Die Ausbildung wird nach internationalen LLL-Standards von der Ausbildungsabteilung des Vereines durchgeführt. Sie umfasst etwa 250 Stunden, die über einen Zeitraum von einem bis zwei Jahre verteilt sind.

Wie werden die Arbeit und die Ausbildung der Stillberaterinnen finanziert?

Münzen

La Leche Liga finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge (© Adriana Harakalova)

Wir sind ein gemeinnütziger Verein und finanzieren uns über Spenden und Mitgliedschaften. Nicht nur die Beratungen, sondern auch die komplette Vereinsarbeit wird ehrenamtlich geleistet, z.B. Organisation, Mitgliedsbetreuung oder Ausbildung. Wir freuen uns daher sehr, wenn die Mütter sich für unsere Beratungen mit einer Spende bedanken. Eine Mitgliedschaft kostet 30 €/Jahr. Wir finanzieren uns zusätzlich über den Verkauf unserer Publikationen. Wenn eine Mutter eines unserer Bücher kauft, unterstützt sie damit die ehrenamtliche Arbeit unserer Beraterinnen. Auch in den Stillgruppen werden Spenden eingesammelt. Manche Stillgruppen bitten um 2-4 € als Unkostenbeitrag , um z.B. Auslagen wie Mietkosten zu zahlen. Andere Stillgruppen erheben keinen festen Betrag, sondern stellen ein Schweinchen auf und bitten um Fütterung. Wir freuen uns auch über ideelle Unterstützung, z.B. das Auslegen von Flyern oder eine Weiterempfehlung unserer Arbeit.

 


Das Interview wurde im September 2015 aufgenommen.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.