Arzneimittel und Stillen

Mutter nimmt Medikament ein

Auch während des Stillens müssen manchmal Medikamente eingenommen werden.

Ärzte lassen stillende Mütter mit der Frage des Weiterstillens oft allein, wenn sie ihnen Medikamente verschreiben. Häufig empfehlen sie sogar, besser abzustillen. Dabei erfordert eine medikamentöse Therapie nur sehr selten eine Stillpause oder sogar Abstillen.

Informationen auf dem Beipackzettel oder in der Roten Liste, auf die sich die behandelnden Ärzte berufen, sind zu allgemein gehalten und bieten wenig praktische Entscheidungshilfe. Denn: Zwar gehen bei den meisten Medikamenten Spuren in die Muttermilch über, Symptome beim gestillten Kind sind selten und kaum dramatisch. Bei Antibiotika z.B. wird bei lediglich 10 % der Säuglinge ein dünnerer Stuhlgang beobachtet, die anderen Babys zeigen keine Symptome. Es lässt sich für fast jede Behandlungsindikation eine Therapie finden, die weiterstillen erlaubt. Toxische Effekte sind grundsätzlich eher beim jungen Säugling zu bedenken. Außerdem gibt es unter den Säuglingen individuelle (genetisch festgelegte) Unterschiede, die dafür sorgen, dass manche Säuglinge Symptome zeigen und andere nicht.

Ein Standardnachschlagwerk für Fachleute ist das Buch „Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit“ (Elsevier Verlag, 2011). Seit 2008 werden vom Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie (Berlin) auch im Internet Informationen für Fachkreise zur Verfügung gestellt (www.embryotox.de). Im internationalen Umfeld bietet außerdem die Datenbank „Drugs and Lactation“ der Nationalen Medizinbibliothek der USA zuverlässige Informationen für Fachleute. Allerdings sind in den USA zum Teil andere Medikamente zugelassen als in der EU. In komplizierten Fällen können sich Fachleute (Ärzte, Apotheker, Hebammen, Still- und Laktationsberaterinnen) auch direkt an die Embryonaltoxikologie in Berlin wenden. Direkt werden stillende Mütter aus Kapazitätsgründen leider nicht mehr von Embryotox beraten.

In der Praxis hat sich gezeigt, dass viele Ärzte noch nie von der Beratungsstelle Embryotox gehört haben, vor allem Fachärzte, die sonst wenig mit stillenden Müttern zu tun haben. Sie verlassen sich auf die Beipackzettel oder die Rote Liste und raten den Müttern zum Abstillen, damit die Therapie durchgeführt werden kann, oder zum Aufschub der Therapie, bis die Mutter abgestillt hat. Beides kann für die Mutter oder das Kind beträchtliche negative Folgen haben. Es kann erforderlich sein, dass betroffene Mütter die behandelnden Ärzte über dieses Beratungsangebot informieren und sehr deutlich darauf bestehen, dass der Arzt die Stillverträglichkeit des Medikaments unter www.embryotox.de nachschaut oder, in komplexen Fällen, Embryotox direkt kontaktiert. Die Ergebnisse der Beratung können sich die Mütter anschließend einfordern.

Bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sollten normalerweise die Apotheken die Ansprechpartner sein. Allerdings haben nicht alle Apotheken die erforderlichen Nachschlagewerke und bei weitem nicht alle Mitarbeiter können die Eltern in Bezug auf eine Arzneitherapie in der Stillzeit kompetent beraten. Auf diese Fragestellung haben sich die so genannten Babyfreundlichen Apotheken spezialisiert. Die MitarbeiterInnen in Babyfreundlichen Apotheken sind auf Beratungen zu Arzneimitteln in Schwangerschaft, Stillzeit und Säuglingszeit speziell geschult. Entsprechende Literatur muss vorhanden sein. Eltern, die eine Babyfreundliche Apotheke in der Nähe haben, können sich dort persönlich oder telefonisch beraten lassen. Auch die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen informiert über Medikamente in der Stillzeit.

Generelle Empfehlungen zur Medikamenteneinnahme während der Stillzeit

  • Medikamente

    Es lässt sich fast immer eine Therapie finden, die weiterstillen erlaubt.

    Wenn immer möglich, sollte eine nichtmedikamentöse Behandlung in Betracht gezogen werden.

  • Die Mutter kann sich selbst darum kümmern, ein stillverträgliches Medikament zu bekommen. Sie kann ihren Arzt darüber informieren, dass sie stillt und weiterhin stillen möchte und wie alt und schwer ihr Baby ist. Sie kann ihn bitten, ein stillverträgliches Medikament auszusuchen. Hierbei kann sie auf die Internet-Seite (http://www.embryotox.de) oder auf das Fachbuch verweisen. Sie kann natürlich auch ihre Hebamme oder eine Still- oder Laktationsberaterin bitten, mit ihrem Arzt über die Stillverträglichkeit des betreffenden Medikaments zu sprechen.
  • Bewährte Medikamente sind neueren vorzuziehen. Dies liegt daran, dass es über neu zugelassene Medikamente im Gegensatz zu alten wenig Erfahrung gibt. Seltene Nebenwirkungen und Gefahren für das gestillte Kind stellen sich häufig erst nach jahre- bzw. jahrzehntelanger Anwendung durch eine große Anzahl von Patienten heraus.
  • Ein einziges Medikament ist günstiger als die Kombination verschiedener Präparate, da sich das Risiko für unerwünschte Wirkungen durch die Kombination mehrerer Präparate potenziert.
  • Das Medikament soll möglichst nicht in Alkohol gelöst sein.
  • Bei einer Langzeittherapie macht es in gewissen Fällen Sinn, die Medikamente vor einer längeren Stillpause (z.B. beim Schlafengehen oder wenn das Kind betreut wird) einzunehmen, da die Konzentration des Wirkstoffs im Blut (und somit auch in der Muttermilch) nach einer gewissen Zeit abnimmt. Dies ist jedoch nicht immer der Fall: Retardierte Präparate z.B. geben den Wirkstoff über einen längeren Zeitraum hinweg gleichmäßig ab. Sie können Ihren Arzt fragen, wann die höchste Konzentration zu erwarten ist und wie lange die Halbwertszeit dauert. Bei einer Langzeittherapie ist eine Beratung durch Embryotox und eine Still- und Laktationsberaterin besonders wichtig.
  • Durch Entleeren und Wegschütten kann man die Muttermilch von den Medikamenten nicht „reinigen“. Die Konzentration des Medikaments in der Muttermilch hängt von der Konzentration im Blut der Mutter ab.
  • Bei manchen Medikamenten ist vorübergehend eine Stillpause erforderlich. Die Mutter sollte in dieser Zeit ihre Milch entleeren (per Pumpe oder manuell) und die Milch wegschütten; dem Baby früher gewonnene Milch oder – falls es anders nicht geht – künstliche Säuglingsnahrung geben (bei Neugeborenen mit alternativen Fütterungsmethoden, um eine Saugverwirrung zu vermeiden, siehe auch den Artikel „Abpumpen, Aufbewahren und Füttern von Muttermilch„, im unteren Drittel). Damit bei einer Stillpause die Milchbildung aufrechterhalten wird, sollte Milch genauso häufig entleert werden, wie das Baby getrunken hat und zwar mit einer Doppel-Milchpumpe.

Medikamente bei alltäglichen Erkrankungen

  • Phytopharmaka

    Die Stillverträglichkeit von pflanzlichen Arzneimitteln wird leider kaum untersucht.

    In der Regel sind homöopathische Mittel in hohen Verdünnungen unbedenklich, da die Konzentration der Wirkstoffe äußerst gering ist. Pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) sind nicht automatisch harmloser als chemisch-synthetisch hergestellte Medikamente und es liegen kaum systematische Untersuchungen zu deren Verträglichkeit in der Stillzeit vor. Manche Phytopharmaka verändern den Geschmack der Muttermilch, was zur Ablehnung der Brust führen kann. Bei unklarer Herkunft des Präparats kann eine Kontamination mit Schwermetallen, Pestiziden und unerwünschten pflanzlichen Bestandteilen vorkommen. Präparate aus der Apotheke von renommierten Herstellern sind daher „No-Name“-Präparaten aus dem Internet vorzuziehen.

  • Bei schmerzhaften Milchstaus und Brustentzündungen, wunden oder entzündeten Brustwarzen, gelegentlichen Kopfschmerzen oder Zahnschmerzen eignen sich für stillende Mütter Paracetamol oder Ibuprofen am besten. Azetylsalizylsäure (z.B. in Aspirin) sollte allenfalls in Einzeldosen genommen werden. Bei Paracetamol sollte man noch beachten, dass die in der Packungsbeilage vorgeschriebene Dosierung auf keinen Fall überschritten werden darf. Bei Schmerzen, die durch eine Entzündung verursacht/begleitet werden, ist Ibuprofen als Entzündungshemmer besser geeignet. Leider weigern sich immer noch viele Ärzte und Apotheker, stillenden Müttern Ibuprofen oder Paracetamol herauszugeben. In einem solchen Fall können die Eltern darauf hinweisen, dass diese beiden Wirkstoffe auch bei den Säuglingen erste Wahl sind, falls sie Schmerzen oder Fieber haben. Eltern können auch auf die Seite von Emryotox hinweisen: http://www.embryotox.de/ibuprofen.html (siehe unter Stillzeit/Empfehlung), in der bestätigt wird, dass diese beiden Wirkstoffe in der Stillzeit die Schmerzmittel der Wahl sind. Nebenwirkungen bei gestillten Babys sind bei Paracetamol und Ibuprofen nicht beobachtet worden. Bei Ibuprofen lässt sich der Wirkstoff in der Muttermilch nicht einmal nachweisen, wenn die Mutter die übliche therapeutische Dosierung einnimmt. In vielen Fällen ermöglicht die Einnahme dieser Schmerzmittel erst das Weiterstillen.
  • Erkältungsmittel sollten gemieden werden. Diese sind häufig Kombinationspräparate, deren Wirksamkeit nicht belegt ist. Hausmittel (viel Trinken, Inhalationen, Spülungen mit Salzlösung, Umschläge usw.) sind bei Erkältungskrankheiten genauso hilfreich. Falls notwendig, können abschwellende Nasentropfen verwendet werden.
  • Gängige Augentropfen und Nasentropfen sind auch in der Stillzeit akzeptabel, insbesondere bei vorübergehender Anwendung. Mittel mit Chloramphenicol und Streptomycin (bestimmte, in der Stillzeit nicht empfohlene Antibiotika) sollten beim Stillen von Früh- und Neugeborenen gemieden werden.
  • Betäubungsmittel (sowohl bei lokaler Betäubung als auch bei Vollnarkose) erlauben das Stillen, sobald die Mutter das Baby selbst anlegen kann. Der Säugling darf z.B. durch Angehörige nicht angelegt werden, solange die Mutter noch nicht bei klarem Bewusstsein ist.
  • Wenn bei einer ärztlichen Untersuchung die Mutter geröntgt wird, kann sie bedenkenlos weiterstillen. Wenn ein Kontrastmittel verwendet wird (z.B. bei einer Schilddrüsenuntersuchung), muss eine Stillpause eingelegt werden.
  • Wenn Verstopfung durch ballaststoffreiche Kost alleine nicht ausreichend therapiert werden kann, eignen sich Füll- und Quellstoffe mit viel Flüssigkeit (Leinsamen, Weizenkleie, Flohsamen ohne Sennesfruchtextrakte) oder z.B. Laktulose.
  • Impfungen sind in der Stillzeit grundsätzlich erlaubt. Dies betrifft Tot- und Lebendimpfungen mit Ausnahme der heute nicht mehr routinemäßig verwendeten Polio-Lebendimpfung.
  • Kleinflächige und vorübergehende äußere Behandlungen von Hauterkrankungen dürfen in der Regel durchgeführt werden. Bei großflächiger und anhaltender Anwendung ist eine fachliche Beratung notwendig.
  • Frau kämmt aus ihren Haaren Kopfläuse aus.

    Entfernung von Kopfläusen mittels Lauskämmen kann bei korrekter und regelmäßiger Anwendung Insektizide überflüssig machen.

    Bei Kopflausbefall sind chemische Lausshampoos (Insektizide) das Standardmittel. Leider werden diese Schwangeren und stillenden Müttern, Babys und Kleinkindern wegen potenzieller gesundheitlicher Gefährdung nicht empfohlen. Die Wirksamkeit alternativer Mittel, wie z.B. Essigwasser, Kokosöl, ätherische Öle, ist allerdings nicht belegt. In dieser Situation bewährt sich die manuelle Entfernung der Läuse mittels spezieller Lauskämme, die bei richtiger Durchführung ausgesprochen wirksam ist. (siehe auch: http://www.pediculosis-gesellschaft.de). Unter den chemischen Mitteln ist Pyrethrumextrakt am verträglichsten (günstiger als synthetische Pyrethroide). Lindan sollte wegen des nerventoxischen Potenzials gemieden werden.

Quellen:

  • Expertenforum Medikamente in der Stillzeit. 10. Still- und Laktationskongress, Berlin, 2015.
  • Schaefer C: Arzneimittel und Stillen – verträgt sich das? Stillen und Muttermilchernährung. Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen; Gesundheitsförderung konkret Band 3, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Köln 2001.
  • Schaefer C, Spielmann H, Vetter K: Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit. Urban und Fischer. 7. Aufl.(2006)
  • Guóth-Gumberger M, Hormann E: Stillen – Rat und praktische Hilfe für alle Phasen der Stillzeit. Gräfe und Unzer, 2000
  • Stiftung Warentest: Handbuch Medikamente, 2000

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© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2016.