Warum sich das Stillen lohnt – Durchhalten trotz Stillprobleme

Baby beim Stillen

Stillen fördert die Gesundheit von Mutter und Kind und auch ihre Bindung zueinander (© Alexander Raths)

Dass Stillen gesund ist, wissen heute alle Eltern. Doch der Stillstart ist manchmal herausfordernd. Der folgende Artikel soll verzweifelten Müttern wieder Kraft geben, hartnäckig nach kompetenter Unterstützung zu suchen und ihre Stillprobleme zu meistern, auch wenn sie dafür einiges in Kauf nehmen müssen. Im Folgenden werden die Vorteile des Stillens im Vergleich zur künstlichen Säuglingsernährung vorgestellt: die gesundheitlichen, praktischen und psychischen Vorteile für Mutter und Kind, Kostenersparnisse für die Familie und das Gesundheitssystem. Fairerweise werden zum Schluss auch Nachteile des Stillens erwähnt.

Stillen verläuft am Anfang selten völlig unproblematisch, vor allem bei der ersten Stillzeit. Aber auch bei nachfolgenden Geburten kann die erste Zeit holprig sein. Viele Mütter müssen in den ersten Tagen und Wochen kleine oder große Herausforderungen meistern, welche nur mit kompetenter Unterstützung und manchmal auch nur mit viel Durchhaltevermögen zu schaffen ist. Für die Frauen ist es wichtig zu wissen, dass – abgesehen von seltenen medizinischen Ursachen – die biologischen Voraussetzungen zum Stillen bei fast allen Müttern und Neugeborenen vorhanden sind. Meist liegt es an ungünstigen äußeren Rahmenbedingungen bei der Geburt und im Wochenbett, mangelnder Unterstützung oder fehlender Expertise der medizinischen Fachkräfte, wenn das Stillen zunächst nicht klappt. Daher sollten die Frauen hartnäckig kompetente Stillberatung suchen, bis sie eine Expertin gefunden haben, die sie zum weiteren Stillen verhelfen kann (siehe z.B. das Verzeichnis des Still-Lexikons für kompetente Stillberatung).

Mutter telefoniert mit baby

Hartnäckig Stillberatung suchen, bis jemand helfen kann. (© Cathy Yeulet)

Denn es lohnt sich. Stillen hat im Vergleich zur künstlichen Säuglingsernährung zahlreiche kurz- und langfristige Vorteile für das Kind, die Mutter, die Familie, für Arbeitgeber und auch für die gesamte Gesellschaft.

Gesundheitliche Vorteile des Stillens für das Kind

  • Stillen reduziert das Risiko der Säuglingssterblichkeit. Dieser Effekt ist besonders stark in den ersten Lebensmonaten, kann aber bis zum zweiten Geburtstag nachgewiesen werden. Anhand weltweiter Studien, hauptsächlich aus der dritten Welt, haben nicht gestillte Babys in den ersten 5 Lebensmonaten ein 14-fach erhöhtes Risiko zu versterben als gestillte. Im zweiten Lebensjahr liegt noch ein zweifach erhöhtes Risiko vor (Sankar et al., 2015). Für Europa fehlen diesbezügliche Daten, aber auch in wohlhabenden Ländern ist die Säuglingssterblichkeit unter nicht gestillten Kindern erhöht.
  • In entwickelten Ländern zeigt sich die erhöhte Säuglingssterblichkeit beim plötzlichen Kindstod (SIDS) am deutlichsten (Bartick und Reinhold 2010). Säuglinge, die jemals gestillt wurden, haben ein um 45% reduziertes SIDS-Risiko als nie gestillte. Das Risiko reduziert sich bei einer mindestens 2 Monate langen Stillzeit um 62%, Vollstillen reduziert das Risiko um 73% (Hauck et al., 2011).
  • Stillen schützt vor Erkrankungen der Atemwege. Gestillte Babys haben ein um über 70% vermindertes Risiko wegen einer Atemwegserkrankung ins Krankenhaus aufgenommen zu werden als nicht gestillte (Bachrach et al., 2003).
  • Stillen schützt vor Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts wie Durchfall und Erbrechen (Ip et al. 2009 und Chien et al. 2001). Gestillte Säuglinge haben ein um 64% reduziertes Risiko im Magen-Darm-Trakt zu erkranken.
  • Stillen reduziert das Risiko von Karies im Kindesalter sowie von Zahnfehlstellungen. Längeres Stillen ist besonders effektiv, um vor Zahnfehlstellungen zu schützen, aber ungünstig in Bezug auf die Kariesentwicklung (Peres et al., 2015, Walesca et al. 2015).
  • Stillen hat einen gewissen schützenden Effekt vor dem Auftreten von Asthma im Jugendalter (Lodge et al. 2015).
  • Stillen reduziert die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben an Übergewicht und an Diabetes Typ 2 zu erkranken. (Horta et al. 2015)
  • Ausschließliches Stillen in den ersten sechs Monaten reduziert die Häufigkeit von akuten Mittelohrentzündungen in den ersten zwei Lebensjahren um 43% (Bowatte et al, 2015).
  • Stillen hat einen gewissen protektiven Effekt gegen Krebserkrankungen im Kindesalter. Kinder, die mindestens 6 Monate lang gestillt wurden, haben im Vergleich zu Kindern, die gar nicht oder nur ganz kurz gestillt wurden, ein um 19% geringeres Risiko, an Leukämie zu erkranken. Wenn man die Gruppen von Kindern vergleicht, die niemals versus jemals gestillt worden sind, zeigt sich eine Risikoreduktion von 11% (Amitay et al. 2015).
  • Es gibt auch einen gewissen Zusammenhang zwischen Stillen und Intelligenz. Erwachsene, die als Babys gestillt wurden, schnitten in verschiedenen Studien bei Intelligenztests im Durchschnitt etwas besser ab, erreichten höhere Bildungsabschlüsse und Einkommen. Bei längeren Stillzeiten ist dieser Effekt stärker (Victora et al. 2015).

Gesundheitliche Vorteile des Stillens für die Mutter

Stillen hat einen gewissen schützenden Effekt vor Brust- und Eierstockkrebs sowie vor Diabetes Typ 2 (Chowdhury et al., 2015).

Psychologische Vorteile

Stillen fördert die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind (Britton et al., 2006).

Praktische Vorteile des Stillens im Alltag

Muttermilch ist immer da. Man muss nichts extra einkaufen und zubereiten, anschließend reinigen, man muss nachts nicht extra aufstehen. Die Muttermilch ist sofort verfügbar: Das hungrige Baby muss nicht warten, bis sein Fläschchen zubereitet und auf die richtige Temperatur abgekühlt ist.

Kostenersparnis für die Familie

Flaschenfütterung kostet 80-120 € im Monat, je nach Appetit des Kindes und der Marke der Säuglingsnahrung.

Vorteile des Stillens für den Arbeitgeber

Gestillte Kinder werden seltener krank. Ihre Eltern müssen am Arbeitsplatz daher seltener fehlen.

Kostenersparnis für die Gesellschaft

Gestillte Kinder werden seltener krank und belasten dadurch weniger das Gesundheitssystem. Ball und Mitarbeiter haben 1999 berechnet, wie viele zusätzliche Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte durch Nichtstillen verursacht werden. Dazu legten sie nur drei Erkrankungsgruppen zugrunde: Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Erkrankungen. Sie stellten fest, dass Nicht-Stillen in den ersten drei Monaten unter 1000 Kindern zu 2033 zusätzlichen Arztbesuchen, 212 mehr Tagen im Krankenhaus und 609 zusätzlichen Verschreibungen im ersten Lebensjahr führten. Pro Kind entstanden unter den damaligen Verhältnissen durch Nicht-Stillen in den ersten drei Lebensmonaten zwischen 331 $ und 475 $ zusätzliche Gesundheitskosten.

In einer anderen Analyse aus den USA, der 10 Erkrankungen (ohne Diabetes 2) zugrundegelegt wurden, wurden Kostenersparnisse von 13 Milliarden Dollar pro Jahr errechnet, wenn 90% der Kinder sechs Monate lang voll gestillt werden könnten (Bartick und Reinhold, 2010). Der Großteil der Kosten entstand durch die erhöhte Säuglingssterblichkeit. Die Gesundheitskosten wurden bei den 4,1 Millionen zugrundegelegten Geburten auf 2,2 Milliarden $ / Jahr kalkuliert, was 536 $ / Kind entspricht.

Für Deutschland gibt es leider keine Daten. Die Größenordnung dürfte jedoch ähnlich sein.

Schutz der Umwelt

Stillen schützt auch die Umwelt. Im Vergleich zur Produktion von Säuglingsnahrung, Flaschen, Sauger, und deren Transport entstehen weniger Treibhausgas und Müll.

Hat Stillen auch Nachteile?

Ja, auch Stillen hat aus mancher Hinsicht Nachteile. Stillen kann die Freiheit der Mutter ein Stück weit einschränken. Sie muss das Baby überallhin mitnehmen, damit es jederzeit an der Quelle seiner Nahrung ist. Alleine einkaufen, zum Arzt oder ins Kino gehen ist dann nicht so einfach möglich wie bei Flaschenkindern. Auch eine Rückkehr an den Arbeitsplatz ist für stillende Mütter nicht so einfach wie für nicht stillende. Doch, die Vorteile des Stillens überwiegen deutlich und diese Hürden können gut gemeistert werden, z.B. indem die Mutter ihre Milch auf Vorrat gewinnt.

Für die Industrie hat Stillen ebenfalls Nachteile. Für jedes Kind, das keine industrielle Säuglingsmilch benötigt, muss die Säuglingsnahrungsindustrie auf >1000 € verzichten. Bei 700.000 Geburten im Jahr würde die Industrie in Deutschland über 700 Millionen € Umsatz einbüßen, wenn alle Kinder gestillt werden könnten. Dadurch würden Zehntausende Arbeitsplätze gefährdet und dem Staat würden mehrere Millionen € Umsatzsteuer entgehen. Das ist vielleicht ein Grund dafür, warum Stillförderung in Deutschland nur ein Lippenbekenntnis ist.

Quellen:

  • Amitay EL, Keinan-Boker L: Breastfeeding and childhood leukemia incidence: A meta-analyses and systematic review. JAMA Pediatr 2015;169(6):e151025.
  • Bachrach VR, Schwarz E, Bachrach LR. Breastfeeding and the risk of hospitalization for respiratory disease in infancy: a meta-analysis. Arch Pediatr Adolesc Med 2003;157(3):237–243.
  • Ball TM, Wright AL. Health care costs of formula-feeding in the first year of life. Pediatrics 1999;103(4):870–6.
  • Bartick M, Reinhold A: The burden of suboptimal breastfeeding in the United States: a pediatric cost analysis. 2010;125(5):e1048-56
  • Bowatte G, Tham R, Allen KJ, Tan DJ, Lau MXZ, Dai X, Lodge CJ Breastfeeding and childhood acute otitis media: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 2015;104:85–95.
  • Britton JR, Britton HL, Gronwaldt V. Breastfeeding, sensitivity, and attachment. Pediatrics 2006; 118: e1436–43.
  • Cesar G Victora, Bernardo Lessa Horta, Christian Loret de Mola, Luciana Quevedo, Ricardo Tavares Pinheiro, Denise P Gigante, Helen Gonçalves, Fernando C Barros Association between breastfeeding and intelligence, educational attainment, and income at 30 years of age: a prospective birth cohort study from Brazil. Lancet 2015;3:e199-e105.
  • Chien PF, Howie PW. Breast milk and the risk of opportunistic infection in infancy in industrialized and non-industrialized settings. Adv Nutr Res 2001;10:69–104.
  • Chowdhury R, Sinha B, Jeeva Sankar M, Taneja S, Bhandari N, Rollins N, Bahl R, Martines J:Breastfeeding and maternal health outcomes: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 2015;104:96–113.
  • Hauck FR, Thompson JM, Tanabe KO, et al.: Breastfeeding and reduced risk of sudden infant death syndrome: a meta-analysis. Pediatrics 2011;128(1):103–110.
  • Horta BL, Loret de Mola C, Victora CG: Long-term consequences of breastfeeding on cholesterol, obesity, systolic blood pressure and type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 2015;104:30–37.
  • Ip S, Chung M, Raman G, et al.: A summary of the agency for healthcare research and quality’s evidence report on breastfeeding in developed countries. Breastfeed Med 2009;4(1):S17–30.
  • Lodge CJ, Tan DJ, Lau M, Dai X, Tham R, Lowe AJ, Bowatte G, Allen KJ, Dharmage SC: Breastfeeding and asthma and allergies: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr Suppl 2015;104(467):38-53.
  • Peres KG, Cascaes AM, Nascimento GG, Victora CG: Effect of breastfeeding on malocclusions: a systematic review and metaanalysis. Acta Pædiatrica 2015; 104:54–61.
  • Sankar MJ, Sinha B, Chowdhury R, Bhandari N, Taneja S, Martines J, Bahl R: Optimal breastfeeding practices and infant and child mortality: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatrica 2015;104:3–13.
  • Scherbaum H: Gesundheitsökonomische Aspekte des Stillens. Berlin: Vortrag bei der Nationalen Stillkommission; 2009.
  • Walesca M. Avila, Isabela A. Pordeus, Saul M. Paiva, Carolina C. Martins Breast and Bottle Feeding as Risk Factors for Dental Caries: A Systematic Review and Meta-Analysis PLOS One Nov. 2015, DOI:10.1371/journal.pone.0142922.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.