Stillen als Prävention gegen Übergewicht

12. April 2015 | Von | Kategorie: Aus der Still-Forschung

Kleinkind wiegt sichIn einer aktuellen Übersichtsarbeit im Journal Current Obesity Reports werden der aktuelle Stand der Wissenschaft in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Stillen und Übergewicht in der Kindheit zusammengefasst und mögliche Wirkmechanismen diskutiert. Wie im Artikel berichtet wird, sind zu diesem Thema in den letzten 20 Jahren weltweit über 80 wissenschaftliche Studien durchgeführt worden. Metaanalysen dieser Originalstudien implizieren, dass das Risiko von gestillten Säuglingen, in der Kindheit Übergewicht zu entwickeln, im Vergleich zu nicht gestillten Kindern um 12-24% vermindert ist. Die Daten weisen darauf hin, dass die Stilldauer für den protektiven Effekt des Stillens möglicherweise ebenfalls von Bedeutung ist: mit jedem zusätzlichen Still-Monat soll das Risiko für Übergewicht schätzungsweise um 4% abnehmen. Übrigens: Für Kinder von übergewichtigen Müttern scheint die Bedeutung des Stillens als Prävention noch wichtiger zu sein als für Kinder von normalgewichtigen Müttern.

Unter den Wissenschaftlern werden folgende Gründe für die protektive Wirkung des Stillens gegen Übergewicht diskutiert:

  • Muttermilch beeinflusst die Zusammensetzung der Darmflora durch Oligosaccharide, die die Besiedlung mit „guten“ Bifidobakterien fördern. Außerdem werden gestillte Kinder seltener krank und benötigen somit seltener Antibiotika, die wiederum die Darmflora ungünstig verändern. Die Zusammensetzung der Darmflora spielt in der Entstehung von Übergewicht eine wichtige Rolle.
  • Ein weiterer Mechanismus, wie Stillen vor Übergewicht schützen kann, ist, dass sich der Geschmack der Muttermilch im Gegensatz zur Säuglingsnahrung je nach dem verändert, was die Mutter gegessen hat. Gestillte Kinder sind tendenziell aufgeschlossener gegenüber neuen und insbesondere gesunden Nahrungsmitteln. Vormals gestillte Vorschulkinder ernähren sich abwechslungsreicher und nehmen mehr Gemüse zu sich als Formula-ernährte.
  • Stillende Mütter können nicht kontrollieren, wie viel ihr Baby trinkt: Sie müssen sich auf die Hunger- und Sättigungssignale ihres Kindes verlassen. Die Selbstregulation des Appetits ist bei vormals gestillten Kindern dadurch besser ausgeprägt.

Eine absolute Sicherheit für die protektive Wirkung des Stillens vor Übergewicht kann die Wissenschaft leider nicht erbringen, da die Datenlage aus den Beobachtungsstudien einige Widersprüche enthält. Experimente, die für sichere wissenschaftliche Schlussfolgerungen erforderlich wären, sind mit Säuglingen aus ethischen Gründen nicht durchführbar.

Neben Stillen gibt es eine Reihe von Faktoren, die die Entwicklung von Übergewicht beeinflussen, wie Veranlagung oder Ess- und Bewegungsgewohnheiten in der Familie. Auch ehemals lange gestillte Kinder können in ihrem späteren Leben Übergewicht entwickeln.

Quelle:

Woo JG, Martin LJ: Does breastfeeding protect against childhood obesity? Moving beyond observational evidence. Curr Obes Rep 2015. DOI 10.1007/s13679-015-0148-9. Published: 08 April 2015.

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