Neues ABM-Protokoll: Bedsharing fördert das Stillen und kann auf sichere Weise praktiziert werden

3. Februar 2020 | Von | Kategorie: Leitartikel

Mutter stillt Baby im Bett mit hochgezogenen Beinen und angewinkelten Armen.

Die Schützende C-Position („Cuddle Curl“) (© Tatyana Tomsickova)

Die „Academy of Breastfeeding Medicine“ (ABM), eine internationale, in der Stillförderung engagierte Ärzte-Fachgesellschaft, hat Ende 2019 ein überarbeitetes klinisches Protokoll mit dem Titel „Bedsharing and Breastfeeding“ herausgegeben, verfasst von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf den Gebieten des Mutter-Kind-Schlafes und des plötzlichen Kindstodes (Sudden Infant Death Syndrom, kurz SIDS).

Die wichtigste Aussage des ABM-Protokolls ist einerseits, dass Bedsharing – also das gemeinsame Schlafen von Mutter und Baby in einem Bett – für die Unterstützung des Stillens von zentraler Bedeutung ist, und andererseits, dass Bedsharing auf sichere Weise praktiziert werden kann, ohne dass dabei das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht wäre, wenn keine gefährdenden Umstände vorliegen.

In den letzten Jahrzehnten sprachen medizinische Fachgesellschaften und öffentliche Gesundheitsorganisationen in Deutschland, USA, Kanada, und weiteren westlichen Ländern eine Warnung davor aus, Babys ins Elternbett zu nehmen, da Bedsharing anhand einer Reihe wissenschaftlicher Publikationen mit Erstickung oder dem plötzlichen Kindstod in Verbindung zu stehen schien. Stillende Mütter befanden sich aufgrund dieser Warnung häufig in einem schwierigen Dilemma: Viele wollten ihr Baby intuitiv zu sich ins Bett nehmen und sie dort im Halbschlaf stillen. Sie mussten sich entscheiden, ob sie zum nächtlichen Stillen jedes Mal mühsam aufstehen oder ihre Babys trotz der Warnungen mit ins Elternbett nehmen und dann von ständiger Sorge und schlechtem Gewissen geplagt werden. Wie im aktuellen ABM-Protokoll aufgezeigt, konnten die Warnungen vor Bedsharing die SIDS-Raten jedoch nicht mindern und erhöhten auf der anderen Seite tatsächlich risikobehaftete Praktiken – wie das Schlafen mit dem Baby auf einem Sofa oder Sessel.

Warum sich der vermutete Zusammenhang zwischen Bedsharing und SIDS nicht aufrechterhalten lässt

Rechnet man Rauchen, Trinken, Nicht-Stillen usw. aus den Statistiken heraus, verschwindet die Assoziation zwischen Bedsharing und SIDS.

Der scheinbare Zusammenhang zwischen Bedsharing und SIDS kann laut den Autoren des ABM-Protokolls auf eine kulturelle „Bias“ zurückgeführt werden, also einer Verzerrung der Studienplanung und -interpretation aufgrund kultureller Voreingenommenheit der westlichen Studienautoren. Denn in den Beobachtungsstudien, die Bedsharing mit SIDS in Zusammenhang brachten, waren es die sozial benachteiligten, ärmeren und weniger gebildeten Schichten mit erhöhtem Suchtmittelkonsum, die ihre Babys ins Elternbett nahmen, während die gebildeten, vergleichsweise reichen und medizinisch gut versorgten „Weißen“ ihre Babys entsprechend der westlichen Kultur in ein eigenes Bett legten. Dabei wurde Bedsharing – entsprechend der westlich geprägten Auffassung, dass das eigene Kinderbett der „normale“ Schlafort eines Babys ist – als eigenständiger Risikofaktor behandelt, ohne zu schauen, was dahinterstecken könnte. Wurden bei weiteren Untersuchungen alle bekannten Risikofaktoren, insbesondere Nicht-Stillen, Rauchen, Alkoholkonsum und Schlafen auf dem Bauch ausgeschlossen, war das SIDS-Risiko im Elternbett nicht mehr erhöht. Wie die Autoren des ABM-Protokolls betonen, gibt es auch Kulturen, wie die der US-Asiaten und in Schweden, in denen Bedsharing von der großen Mehrheit der Eltern praktiziert wird und in denen die SIDS-Rate gleichzeitig weltweit zu den niedrigsten zählt.

Wie im ABM-Protokoll hervorgehoben, war das Zusammenschlafen von stillenden Müttern und ihrer Babys schon immer die Norm in der menschlichen Evolution. Auch in den Industrieländern schliefen die meisten Babys bis zum frühen 20. Jahrhundert bei ihren Eltern. Anschließend entwickelte sich das getrennte Schlafen als Ideal der Mittelschicht, verstärkt durch den Trend der Flaschenernährung und der Verlegung der Geburt in Krankenhäuser. Schlaftraining erfreute sich immer mehr Popularität. Die Erforschung von Säuglingsschlaf fand bislang in einem Kontext statt, in dem die Flaschenernährung und der getrennte Schlaf als die kulturelle Norm galten.

„Breastsleeping“ schützt vor Gefahren und unterstützt das Stillen

Mutter liegt im Bett mit Baby und umhüllt seinen ganzen Körper mit ihrem eigenen Körper.

Die sicherste Schlafumgebung für gestillte Babys: Der Körper der Mutter

Stillende Mütter umranden ihre Babys im gemeinsamen Bett in einer C-förmigen Körperstellung und bilden auf diese Weise eine sichere „Schlafkuhle“ für ihre Babys aus, in der sie sie vor potenziellen Gefahren wie z.B. Nagetiere, Auskühlung, Überhitzung oder das versehentliche Zudecken der Atemwege schützen. Stillende Mütter im gemeinsamen Bett reagieren auf Signale ihrer Babys sehr viel schneller als nicht-stillende Mütter oder stillende Mütter in getrennten Betten.

Breastsleeping“ – also nächtliches Stillen im gemeinsamen Bett – schützt Säuglinge auf diese Weise vor SIDS und Erstickungstod. Auch der Kopf des Babys liegt beim „Breastsleeping“ auf der Höhe der mütterlichen Brust und nicht auf der Höhe von Kopfkissen. So ist die Gefahr, dass die Atemwege des Babys durch Kissen bedeckt werden, deutlich verringert. Das ist anders bei Babys, die mit der Flasche ernährt werden: Diese liegen oft weiter oben, zwischen Kopfkissen platziert. Zudem haben gestillte Babys nicht so lange tiefe Schlafphasen wie flaschenernährte Babys und wachen bei einem eventuellen Atemaussetzer schnell wieder auf, um das Atmen nachzuholen. Gestillte Babys, die mit ihren Müttern schlafen, schlafen darüber hinaus so gut wie nie auf dem Bauch. Denn Schlafen auf dem Bauch ist tatsächlich stark mit dem plötzlichen Kindstod assoziiert.

Obwohl auch getrennt schlafende Mütter und Babys vollstillen können, findet Stillen bei getrennten Betten deutlich seltener statt als im gemeinsamen Bett. Selbst in Beistellbetten wird weniger als halb so häufig gestillt wie im gemeinsamen Bett. Wie die ABM-Autoren aufzeigen, fördert die körperliche Nähe während des Nachtschlafs die Initiierung des Stillens, die Milchbildung, die Dauer sowie die Ausschließlichkeit des Stillens. Die verbesserte Gesundheit des Babys durch Stillen trägt wesentlich zu seinem Schutz vor SIDS bei.

Stillende Mütter, die mit ihrem Baby in einem Bett schlafen, werden zwar häufiger wach, um zu stillen, aber sie wachen für kürzere Zeit auf und fallen schneller wieder in den Schlaf, sodass sie insgesamt mehr Schlaf haben als Mütter, deren Babys separat schlafen. Auf diese Weise reduziert Bedsharing die körperlichen und sozialen „Kosten“ der nächtlichen Kinderbetreuung.

Sicheres Bedsharing

Die Autoren des ABM-Protokolls sprechen folgende Empfehlungen zum sicheren Bedsharing aus, in der Reihenfolge ihrer Bedeutung:

  • Schlafen Sie niemals auf einem Sofa, Sessel oder auf einer ungeeigneten Oberfläche, inklusive Kissen.
  • Legen Sie Ihr Baby nicht in die Nähe von Personen, die durch Alkohol oder Drogen beeinträchtigt sind.
  • Legen Sie Ihr Baby auf seinen Rücken zum Schlafen.
  • Legen Sie Ihr Baby nicht in Umgebungsluft, die von Tabakrauch belastetet ist, nicht in die Nähe von Personen, die regelmäßig rauchen (in Fällen, wo die stillende Mutter raucht, wird dies nicht möglich sein) und nicht in die Nähe von Bekleidung und Gegenständen, die nach Rauch riechen.
  • Um das Einkeilen von Babys Kopf zu vermeiden, sollte das Bett von Möbeln und der Wand weggestellt werden.
  • Die Bettoberfläche sollte fest sein, so wie in einem Babybett, ohne dicke Decken (Dauendecken) und Kissen oder andere Gegenstände, die eine versehentliche Bedeckung des Kopfes und Erstickung verursachen könnten.
  • Der Säugling sollte nicht in einem Erwachsenenbett allein gelassen werden.
  • Die so genannte C-Position (‘‘cuddle curl’’), ist die optimale sichere Schlafposition: Bei dieser Position liegt der Kopf des auf dem Rücken liegenden Babys vor der Brust der Erwachsenen. Arme und Beine der Erwachsenen liegend schützend um den Säugling herum, Kissen werden ferngehalten.
  • Es gibt noch keine ausreichende Evidenz, um Empfehlungen auszusprechen, wie mehrere Personen sicher ein Bett mit einem Baby teilen können oder wie der Säugling in Bezug auf beide Elternteile platziert werden sollte.

Alternativen, wenn die Sicherheitsmaßnahmen nicht vollständig umsetzbar sind

Baby im Beistellbett

Beistellbett oder Babykörbchen im Bett sind Alternativen zum Bedsharing, wenn die Sicherheitsvorkehrungen nicht erfüllt werden können, z.B. wenn die Mutter raucht oder mit der Flasche füttert. (© Ekaterina Pokrovsky )

Sollten die aufgezählten Sicherheitsmaßnahmen nicht vollständig umgesetzt werden können, kann das Baby laut ABM-Protokoll z.B. in einem Beistellbett oder in einem Korb im Elternbett schlafen. In Neuseeland, einem Land, wo sowohl das Bedsharing als auch das Rauchen unter Eltern sehr verbreitet ist, konnten die sehr hohen SIDS-Raten dramatisch gesenkt werden, seit den Eltern ein geflochtenes Babykörbchen im Elternbett – das so genannte „Wahakura“ – empfohlen wurde. Gleichzeitig erhöhten sich auf diese Weise auch die Stillraten.

Beistellbetten und Körbchen sind auch für Mutter-Baby-Paare sinnvoll, die (nachts) nicht stillen bzw. die Flasche geben (auch mit Muttermilch). Denn nicht stillende Mütter nehmen die schützende C-Position nicht ein und werden durch Signale des Babys nicht so schnell wach wie stillende Mütter.

Für Mütter, die ihre Babys nachts stillen und die dargestellten Sicherheitsmaßnahmen einhalten können, ist das Bedsharing jedoch die sinnvollste Position – sinnvoller als Beistellbettchen oder Körbchen im Elternbett. Denn nächtliches Stillen ist am einfachsten und effektivsten, wenn Mutter und Baby in einem Bett direkt nebeneinander schlafen.

Quelle:

  • Blair PS, Ball HL, McKenna JJ, Feldman-Winter L, Marinelli KA, Bartick MC; Academy of Breastfeeding: Bedsharing and Breastfeeding: The Academy of Breastfeeding Medicine Protocol #6, Revision 2019. Breastfeed Med. 2020 Jan;15(1):5-16. doi: 10.1089/bfm.2019.29144.psb. Epub 2020 Jan 7.

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