Neuerscheinung: Der kleine Milchvampir

7. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Buchvorstellungen, Neues aus der Stillwelt

milchvampirIm Herbst 2016 ist ein kleines Kinderbuch zum Thema Abstillen erschienen: Der kleine Milchvampir.

Auf 20 Buchseiten wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der sich vom Stillen zunächst nicht loslösen kann: Nach dem Abendessen, vor dem Einschlafen oder am Strand holt er seine Portion Mama-Milch. Die Familie des Jungen scheint vom Stillen schon reichlich genervt zu sein. Die Mutter schaut auf den Zeichnungen jedes Mal ängstlich und hilflos, der Vater besorgt oder verärgert, wenn der Junge bei der Mutter trinken möchte. Der Vater spricht irgendwann auch ein Machtwort:

„Doch eines Tages spricht der Vater: Schluss mit dem Vampirtheater! Lass jetzt endlich, kleiner Knilch, die Finger von der Mama-Milch!“

Auch die große Schwester „hilft mit“ und empfiehlt beim gemeinsamen Einkaufen im Biomarkt verschiedene Milchsorten, die als Ersatz für Mamas Milch geeignet sein sollen. Am Ende der Geschichte schafft der kleine Junge schließlich, ohne die geliebte Mama-Milch einzuschlafen: Bei der ersten Übernachtung bei den Großeltern schläft er in den Armen der Großmutter beim abendlichen Vorlesen ein.

Auf den letzten drei Seiten wendet sich die Autorin an die Mütter mit Ratschlägen zum Abstillen. Sie empfiehlt ihnen u.a., sich beim Abstillen nicht von der Gesellschaft unter Druck setzen zu lassen.

Grundsätzlich ist es sehr schön, dass nun ein Kinderbuch zum Thema Abstillen erschienen ist. Das Büchlein ist sehr schön gezeichnet und an manchen Stellen ausgesprochen witzig. Besorgniserregend ist jedoch, dass der Stillwunsch des Jungen als etwas Lästiges und Unanständiges dargestellt wird. Auch die Darstellung des Jungen als ein „milchsaugender Vampir“ mit eckigen Vampirzähnen kann einerseits als witzig, andererseits aber durchaus als bösartig gewertet werden: Als würde er seiner Mutter die Lebenskraft aussaugen. Es wäre schade, wenn manche Stillkinder durch das Buch Schamgefühle für ihren Stillwunsch entwickeln würden, der in diesem Alter eigentlich etwas Normales ist. Das natürliche Abstillalter liegt laut Katherine Dettwyler bei Homo sapiens zwischen 2,5 und 7 Jahren. Viele Mütter und Kinder genießen oft noch Jahre lang intensive Zuneigung, Entspannung und Geborgenheit beim Stillen, bevor die Kinder irgendwann „gesättigt“ sind oder für die Mütter das Stillen nicht mehr stimmt. Schade, dass im kleinen Büchlein diese schönen Seiten des längeren Stillens gar keine Erwähnung finden.
Es ist auch schade, dass die Mutter ihren Abstillwunsch ihrem Sohn nicht selber mitteilt und nur als hilfloses Opfer des „milchsaugenden Vampirs“ dargestellt wird. Warum müssen der Vater und die große Schwester intervenieren? Anhand welcher Kriterien behauptet der Vater, dass die Stillzeit vorbei sein muss? Idealerweise gestaltet die Mutter die Stillbeziehung anhand ihrer eigenen Wünsche und Bedürfnisse aktiv mit. Die Entscheidung, die Stillbeziehung nicht mehr fortzuführen, sollte von der Mutter oder dem Kind und nicht von Außenstehenden gefällt werden.

Sehr positiv ist jedoch der Ausgang des Büchleins: Der Junge überwindet seine Ängste und schafft einen großen Entwicklungsschritt Richtung Unabhängigkeit, indem er auch ohne die Brust und ohne die Mama bei den Großeltern schläft. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Abstillen nicht nur ein Verlust ist, sondern neue Freiheiten ermöglicht.

Sandra Schindler, Sandra Seiffart: Der kleine Milchvampir, Grüner Sinn Verlag, 2016.

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