Langzeitstillen als Straftat?

20. April 2016 | Von | Kategorie: Hätten Sie es gewusst?, Langzeitstillen, Sibylles Beiträge
Stillen eines größeren Kindes als Straftat? Wohl kaum. (© Alexander Gospodinov)

Stillen eines größeren Kindes als Straftat? Wohl kaum. (© Alexander Gospodinov)

Schockierende Nachrichten: In der Schweiz wurde ein Ehepaar angeklagt, weil die Mutter ihrer 7-jährigen Tochter noch die Brust gab. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ehepaar „Schändung“ und „sexuelle Handlungen“ mit Kindern vor. Laut Staatsanwaltschaft hat sich die Mutter schuldig gemacht, da ihr angeblich schon vor Jahren zuvor abgestilltes Kind nicht nur regelmäßig an ihrer Brust saugte, sondern auch jeweils seine Hand auf die andere Brust legte und diese streichelte. Der folgende Artikel soll aufzeigen, warum die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft unhaltbar sind.

Stillen ohne Muttermilch?

In der Berichterstattung ist davon die Rede, dass die Mutter das Kind an ihrer Brust nuckeln ließ, obwohl es schon Jahre zuvor abgestillt wurde. Es ist nichts Außergewöhnliches – und in der Fachliteratur dokumentiert –, dass ein Kind auch nach dem Rückgang der Milchproduktion weiterhin zur Beruhigung an der Brust saugen möchte oder zur Brust zurückkehrt, nachdem es Tage oder Jahre lang nur noch selten bis gar nicht mehr an der Brust war. Dieses Verhalten ist bei Kindern, die neben Beikost nach Bedarf gestillt werden, häufig anzutreffen. Eine Brust, die bereits in der Laktation war, kann sich flexibel an die Bedürfnisse des Kindes anpassen und durch anhaltendes und regelmäßiges Saugen wieder (mehr) Milch bilden. Ältere Stillkinder trinken in der Regel sowieso keine größeren Milchmengen mehr, oft nur noch wenige Tropfen oder Milliliter.

Kleines Kind nuckelt an Mutters Brust.

Stillen ist weit mehr als bloße Ernährung: Es vermittelt Nähe, Geborgenheit und Wohlbefinden – auch über die Säuglingszeit hinaus. (© Pavel Volkov)

Für die Definition „Stillen“ kommt es nicht auf die Milchmenge an. Stillen beinhaltet aus der Sicht der Fachleute sowohl nutritives als auch non-nutritives Saugen. Letzteres wird auch „comfort nursing“ genannt. Das non-nutritive Saugen hat nicht die Nahrungsaufnahme zum Zweck, sondern Beruhigung, Entspannung und Selbstregulation. Es kann nachweislich auch Schmerzen reduzieren. Unabhängig davon, ob das Kind noch etwas Muttermilch erhielt oder nicht, kann man noch vom Stillen sprechen. Das Kind der angeklagten Eltern war also NICHT abgestillt.

Wovon hängt es ab, wie lange ein Kind gestillt wird?

Wie lang ein Kind gestillt wird, ist bei jedem Mutter-Kind-Paar individuell unterschiedlich. Es gibt verschiedene Faktoren, die dabei eine Rolle spielen:

  1. Wie lange die Mutter das Stillen zulässt: Viele Mütter können aufgrund von ungünstigen Rahmenbedingungen während der Geburt und im Wochenbett, aufgrund von Fehlinformationen und mangelnder Unterstützung, gar nicht oder nur kurze Zeit stillen. Ab dem zweiten Lebenshalbjahr sind es in der Regel gesellschaftliche Normen und Erwartungen, die dazu führen, dass Mütter abstillen, obwohl das Kind dazu noch nicht bereit wäre. In der westlichen Gesellschaft wird meist vor dem ersten Geburtstag zum Schnuller und Fläschchen abgestillt, welche als Brustersatz dienen. Aber auch über die gesellschaftlichen Erwartungen hinaus möchten Frauen in der Regel nicht ewig weiterstillen. Bei einer erneuten Schwangerschaft und mit zunehmendem Alter des Kindes überwiegt irgendwann die innere Ablehnung: Das Gefühl eingeengt zu werden, wieder mehr Abstand und Unabhängigkeit zu brauchen. Ausgiebiges Saugen an der Brust kann außerdem schmerzhaft sein, wenn keine oder nur wenig Milch gebildet wird. Manche Frauen können die intensive Nähe beim Stillen bereits bei Neugeborenen nicht ertragen, andere kommen damit selbst bei Grundschulkindern noch zurecht.
  2. Wie lange ein starkes Saugbedürfnis seitens des Kindes besteht:
    Schuljunge nuckelt am Daumen

    Das Saugbedürfnis kann bis zum Grundschulalter erhalten bleiben. (© Peter Titmuss)

    Das Alter, ab dem ein Kind am Nuckeln kein Interesse mehr hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Das Saugbedürfnis lässt bereits innerhalb des ersten Lebensjahres nach, kann aber durchaus noch viele Jahre fortbestehen. In einer aktuellen Querschnittsuntersuchung an 4- bis 6-jährigen Kindern nuckelten noch 16% an ihren Fingern, Daumen, Schnullern oder Kuscheltieren. Es gibt nicht wenige Kinder, die noch in der Grundschule an etwas nuckeln müssen: vor allem zu Hause, z.B. beim Entspannen und Einschlafen. Nuckeln an der Mutterbrust ist aus der Sicht der Kieferentwicklung jedoch deutlich günstiger als am Daumen oder einem Schnuller. In Gesellschaften, in denen häufiges und uneingeschränktes Saugen an der Mutterbrust verbreitet ist, ist das Daumenlutschen unbekannt.

  3. Wie stark das Bedürfnis des Kindes nach Nähe und Geborgenheit ist: Auch hier gibt es enorme individuelle Unterschiede, welche auch im Laufe der Zeit schwanken können. Bei Entwicklungsschüben oder belastenden Ereignissen (z.B. bei Trennungserfahrungen oder Konflikten in der Familie) kann das Bedürfnis nach Nähe und Stillen wieder ansteigen.

Was empfinden Frauen beim Langzeitstillen?

Die Gefühle einer langzeitstillenden Mutter sind oft die gleichen wie am Anfang der Stillzeit. Es sind Gefühle der intensiven Nähe, Zuneigung und Verbundenheit. Die Mütter erleben ̶ wie ihre Kinder auch ̶ Wohlbefinden, Beruhigung und Entspannung beim Stillen. Eine Befragung unter langzeitstillenden Müttern ergab, dass früher viele von ihnen den Anblick eines über das Säuglingsalter hinaus gestillten Kindes schockierend gefunden hätten. Als ihre Kinder älter wurden, entschieden sie sich jedoch weiterzustillen, weil sie merkten, wie gut dies dem Kind tat.
Auf der anderen Seite kann Stillen einengen und die intensive Nähe kann auch zu viel werden. Die meisten langzeitstillenden Mütter können das Stillen auch einfach ausblenden und ihren Kindern die Nähe geben, die sie brauchen, und sich gleichzeitig mit anderen Sachen beschäftigen.

Ist Langzeitstillen sexueller Missbrauch?

Kleines Mädchen schaut unter dem Arm der Mutter hervor.

Man kann kein Kind zum Stillen zwingen. Ein Kind nuckelt nur, wenn ihm dies gut tut. (© quintanilla)

Diese grobe Unterstellung kann nur durch fehlendes Wissen zum Stillen erklärt werden. Langzeitstillen ist etwa so sexuell, wie das gegenseitige Küssen und Streicheln zwischen Eltern und Kindern. Während ein Kind jedoch gegen seinen Willen geküsst und gestreichelt werden kann, kann es nicht gegen seinen Willen gestillt werden. Stillen ist nur unter aktiver Mitwirkung des Kindes möglich, solange es ihm Wohlbefinden bereitet.
Stillen ist also definitiv keine sexuelle Handlung, sondern eine biologische Ernährungs- und Betreuungsform. Eine Mutter, die ein 1-jähriges Kind stillt, wird nicht wegen sexueller Handlung angeklagt, nirgendwo auf der Welt. Stillt eine Mutter ein 2-jähriges Kind, passiert das auch nicht. Ein 3-jähriges Kind? Da hört zwar die gesellschaftliche Akzeptanz schon auf, aber eine juristische Anklage wird kaum erhoben. Ab welchem Alter soll Stillen strafbar sein: ab 4, 5, 6, 7 oder 8 Jahren? Es ist unmöglich, eine fundierte Grenze zu ziehen.

Warum streichelt ein Kind die Brust der Mutter?

Stillendes Mädchen streichelt Mamas Brust.

Das Streicheln der zweiten Brust ist ein universelles Verhalten bei Stillkindern. (© quintanilla)

Dass Stillkinder die Brust der Mutter befühlen und streicheln, ist ein universelles Verhalten und kommt wahrscheinlich dem Milchtritt bei Katzen gleich. Es stimuliert den Milchspendereflex und die Milchbildung. Wenn eine Frau ihre Milchbildung durch Pumpen allein aufrechterhalten muss, dann kann sie ihre Brüste eigenständig streicheln und massieren, um die Brustentleerung und die Milchbildung zu fördern. Die Frauen kommen mit dem Streicheln ihrer Brust durch ihre Kinder unterschiedlich klar. Manchen Frauen macht das gar nichts aus, andere Frauen bieten ihren Kindern eine Alternative an, wie z.B. eine Kette oder einen Hemdzipfel, oder sie lenken die streichelnde Hand z.B. auf den Bauch um. Da Säuglinge das Berühren der Brust mit positiven Gefühlen assoziieren, erstaunt es nicht, dass viele (ehemalige) Stillkinder auch später noch die Mutterbrust berühren möchten, um die frühkindlichen Gefühle der Geborgenheit wieder zu wecken.

Fazit

Es bleibt sehr zu hoffen, dass Langzeitstillen nicht kriminalisiert oder pathologisiert wird und Mütter und Kinder unbehelligt weiterstillen dürfen, solange sie sich dabei wohl fühlen. Vermutlich ist es nicht das „urteilsunfähige Kind“, das das Vorgehen der Mutter nicht richtig einordnen konnte, sondern die Staatsanwaltschaft. Die Trennung des Kindes von der Mutter, die Stigmatisierung und das ganze juristische Prozedere sind für das Kind höchstwahrscheinlich das wirklich traumatische Element des Vorfalls, nicht das langjährige Stillen. Es ist erschreckend, welchen Schaden eine staatliche Macht in einem demokratischen Land durch ihre Fehleinschätzung anrichten kann.

Quellenangaben für diesen Beitrag

Autorinnen:
Zsuzsa-Bauer-2014 ausgeschnitten niedrigere Auflösung Sibylle Lüpold Foto
Dr. phil. Zsuzsa Bauer, Wissenschaftlerin, Publizistin in der Stillförderung Sibylle Lüpold, Autorin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC mit dem Schwerpunkt kindliche Schlafentwiclung

 

2 Kommentare auf "Langzeitstillen als Straftat?"

  1. Iris sagt:

    DANKE VIELMALS für diesen Artikel. Als Langzeitstillmami zweier Mädchen (die Grosse 6 1/2 Jahre alt, davon 26 Monate gestillt und die Kleine 3 Jahre 2/3 wird immer noch gestillt) hat mich diese Anklage sehr schockiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendwie möglich ist ein Kind zum Stillen zu zwingen und Mutter und besonders die Tochter tun mir leid. Meine Kleine wird im Juli 4 Jahre alt und geht an August in den KiGa. Sofern sie es nicht will, werde ich nicht abstillen. Wir stillen auch nur noch in der Nacht. Ausser wenn sie krank ist. Dann meist wieder voll. Ich bin zwar Selbstbewusst was Stillen betrifft und will auch Stillberaterin IBCLC werden, trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht ob wir unter Umständen ein ähnliches Theater hätten, wenn es „raus“ käme. Die angeklagte Mutter und ihre Tochter sind ja jetzt Gebrandmarkt. Hoffe der Verstand siegt im Prozess und sie wird freigesprochen.

  2. Ana sagt:

    Vielen Dank für diese interessante Sicht auf das Thema.
    Der Hinweis auf das oft langjährige Saugbedürfnis ist sehr wichtig, zumals es oft künstlich verlängert wird, wenn Kinder es nicht in den Baby und Kleinkinderjahren ’stillen‘ können.

    Ein befreudeter Lehrer einer Problemklasse hat seinen jugendlichen Schülern, weil diese nicht in der Lage waren ‚ruhig‘ einen Text zu lesen, Nuggis ausgeteilt. Wer einen wollte, konnte sich einen nehmen. Anfangs war das Gelächter, mittlerweile hat sich in dieser Stunde das ‚Nuggi-Lesen‘ etabliert und die Schüler können sich druch das Saugen wirklich auf den Text konzentrieren. Sicher, das Bild welches er in Fachkreisen publizierte war ungewöhnlich.
    Ungewöhnlich ist jedoch auch, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ihre kindlichen Bedürfnisse nicht mehr in der Zeit stillen können, die die Natur dafür vorgesehen hat (ca. in den ersten 8-10 Lebensjahren), sondern diese ungestillten Bedürfnisse weiter in ihr Leben hineintragen.

    Die Folge davon ist, wenn sie nicht gerade auf einen entwicklungspsychologischen weisen Lehrer treffen, dass die Bedrüfnisse durch andere Ersatzhandlungen zu stillen versucht werden; Zigaretten sind die oral und saugtechnisch wohl am weitesten verbreitete Sorte, susammen mit den Inhaltstoffen auch eine der riskantesten. Auch andere Suchtmittel zeugen von der ursprünglichen Sehnsucht nach einem ungestillten Bedürfnis.

    Wenn also eine Mutter die Stärke hat, ihrem Kind dieses Saugbedürnifs solange wie es das braucht zu stillen, sollte ihr gedankt werden, dass sie sehr wahrscheinlich späteren, sehr viel teueren Massnahmen vorgreift. Zumal das Kind, wie es in der Presse zu lesen war, gut entwickelt ist.

    Freundlicher Gruss
    Ana

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