Covid-19-Impfung bei stillenden Müttern: erste empirische Daten

3. Juli 2021 | Von | Kategorie: Hätten Sie es gewusst?

Auch in der Stillzeit stellt sich die Frage nach einer Impfung gegen Covid-19 (Foto: Phongsakorn Pornsuparak)

Eine der häufigsten Fragen von stillenden Müttern an Stillberaterinnen, Hebammen, Kinder- und Frauenärzten ist aktuell, ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen sollen bzw. dürfen. Lange gab es keine empirischen Daten, um diese Frage fundiert beantworten zu können, da schwangere und stillende Frauen in die Zulassungsstudien von Covid-19-Impfstoffen nicht eingeschlossen wurden. In der Zwischenzeit gibt es erste empirische Daten, die eine fundiertere Entscheidungsfindung ermöglichen.

Anfang Mai 2021 ist eine gemeinsame Empfehlung von deutschen medizinischen Fachgesellschaften auf den Gebieten der Gynäkologie, Geburtshilfe und perinatalen Medizin herausgegeben worden, welche die Frage nach einer Impfung von stillenden Frauen gegen Covid-19 beantwortet. Die Autor*innen der Empfehlung plädieren dafür, stillenden Frauen eine mRNA-basierte Impfung gegen COVID-19 anzubieten; eine Stillpause oder -verzicht werden nicht empfohlen.

Auch Fachgesellschaften und Regierungsorganisationen anderer westlicher Länder – wie die „Centers for Disease Control and Prevention“ (eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums) und die „Academy of Breastfeeding Medicine“  – empfehlen, dass Covid-19-Impfstoffe stillenden Müttern angeboten werden, weil der potenzielle Nutzen theoretische Risiken überwiegt (Übersicht in der „Drugs and Lactation Database (LactMed)“, 21. Juni 2021, ständig aktualisiert).

Die Entscheidungsfindung sollte zwischen den Patientinnen und ihren Ärzt*innen gemeinsam getroffen werden und die lokalen Risiken einer Covid-19-Infektion sowie die Risikofaktoren der Patientin berücksichtigen („Drugs and Lactation Database“, Juni 2021).

mRNA-basierte Impfstoffe treten höchstwahrscheinlich nicht in die Muttermilch über

Alle zugelassenen Covid-19-Imfpstoffe sind Nicht-Lebendimpfstoffe. Bei keinem der je zugelassenen Nicht-Lebendimpfstoffe gegen andere Infektionskrankheiten, welche stillenden Müttern verabreicht wurden, wurden bislang unerwünschte Wirkungen auf die gestillten Säuglinge festgestellt  („Drugs and Lactation Database“, Juni 2021).

Auch in Bezug auf mögliche Wirkungen einer maternalen Covid-19-Impfung auf gestillte Säuglinge gibt es in der Zwischenzeit einige Erhebungen. Da diese keine Kontrollgruppen aufwiesen, ist eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse nicht möglich. In einer israelischen prospektiven Kohortenstudie mit 84 Mutter-Kind-Paaren wurden keine schweren Nebenwirkungen nach der mütterlichen Impfung mit einem mRNA-Vakzin beobachtet. Bei vier Babys trat Fieber auf. Dies stand höchstwahrscheinlich nicht im Zusammenhang mit der Impfung, sondern war Symptom von Infektionen der oberen Atemwege, welche unabhängig von der Impfung der Mutter auftrat (Perl et al., 2021). In einer anderen Kohortenstudie mit 180 Müttern, die eine mRNA-Immunisierung erhielten, berichteten manche Mütter über milde Symptome bei ihren gestillten Babys. Am häufigsten wurden Reizbarkeit, schlechter Schlaf und Schläfrigkeit genannt (Bertrand et al., 2021). Auch hier wurden keine schweren Nebenwirkungen beobachtet. Die von manchen Müttern beobachteten milden Effekte bei den gestillten Kindern sind wahrscheinlich nicht auf den Impfstoff zurückzuführen. Sie könnten Symptome einer von der Impfung unabhängigen Erkrankung sein oder mit den Impfreaktionen der Mütter in Zusammenhang stehen.

In einer Online-Befragung von 4455 stillenden Müttern gaben 7,1% an, dass sie bei ihren gestillten Kindern Symptome nach der mütterlichen Covid-19-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff beobachtet hätten, am häufigsten eine verstärkte Quengeligkeit und Müdigkeit (McLaurin-Jiang et al., 2021). Da die Intensität des Stillens (also z.B. ausschließliches oder seltenes Stillen) nicht mit der Häufigkeit von Symptomen in Zusammenhang stand, sehen die Studienautor*innen ihre Daten im Einklang mit der Annahme, dass mRNA-basierte Impfstoffe nicht in die Muttermilch übergehen und keine Symptome beim Kind hervorrufen (McLaurin-Jiang et al., 2021).

Dass eine maternale mRNA-Immunisierung bei gestillten Säuglingen Symptome verursachen könnte, gilt als sehr unwahrscheinlich. Denn es gibt keine plausible Erklärung dafür, wie intakte, vollständige, funktionelle virale S-Proteine – welche im Körper der geimpften Person aus der mRNA synthetisiert werden – nach der Immunisierung aus der Blutbahn in die Muttermilch abgegeben werden könnten (s. „Drugs and Lactation Database“, Juni 2021). Die Halbwertszeit der injizierten mRNA beträgt 8 bis 10 Stunden (Blumberg et al., 2021, Golan et al., 2021). Die Impfstoff-mRNA war in einer Studie mit 6 stillenden Müttern 4–48 Stunden nach der Impfung in keiner der 12 Muttermilchproben per PCR nachweisbar (Golan et al., 2021).

Antikörper in der Muttermilch könnten auch die Säuglinge schützen

Stillende Mütter, die mit einem mRNA-Impfstoff immunisiert wurden, weisen einen deutlichen Anstieg der Milch-Antikörper gegen SARS CoV-2 auf, die gestillte Säuglinge möglicherweise vor einer Infektion schützen. Der Antikörperspiegel in der Milch ist nach der Impfung höher als nach einer durchgemachten Infektion (s. „Drugs and Lactation Database“, Juni 2021; Kelly et al., 2011, Gray et al., 2021; Perl et al., 2021, Collier et al. 2021).

Auswirkungen auf das Stillen

In einer Kohortenstudie mit 180 Müttern, die mit einem mRNA-Impfstoff immunisiert wurden, berichteten 7–8% der Frauen über einen vorübergehenden Rückgang ihrer Milchbildung. Die Milchbildung kehrte in allen Fällen innerhalb von drei Tagen zum normalen Niveau zurück. Einzelne Frauen berichteten über eine Erhöhung der Muttermilchmenge. Fünf Mütter berichteten eine blau-grüne Farbveränderung ihrer Muttermilch (Bertrand et al., 2021). Ob diese möglichen Änderungen mit der Covid-19-Immunisierung tatsächlich in Zusammenhang standen und ob sich die Milchmenge der Mütter tatsächlich veränderte oder nur subjektiv empfunden wurde, lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Ob die Farbveränderung, über die einzelne Mütter berichteten, mit der Impfung in Zusammenhang steht, und welche Bedeutung diese hat, ist ebenfalls unklar. Die Farbe von frischer Muttermilch variiert zwischen gelblich, bläulich und bräunlich. Nahrungsmittel und Medikamente können die Farbe von Muttermilch beeinflussen; dies ist in aller Regel kein Anlass zur Sorge (Both & Frischknecht, 2007)

In einer Online-Befragung von 4455 stillenden Müttern gaben 90,1% an, dass die Impfung keine Auswirkungen auf ihre Milchbildung hatte. 3,9% berichteten über eine Zunahme, 6,0% über eine Abnahme der Milchmenge. 1,7% der befragten Mütter berichteten über negative Auswirkungen der Impfung auf das Stillen. Eine solche negative Auswirkung war häufiger unter Müttern, die über Impfreaktionen wie Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle, Schüttelfrost und allergische Reaktionen berichteten (McLaurin-Jiang et al., 2021).

Wesentlich häufiger wirkte sich die Impfung vorübergehend auf die Fähigkeit der Mütter aus, sich um Haushalt, Kinder und Beruf kümmern zu können. Diese Beeinträchtigung fiel nach der zweiten Impfung stärker aus.

Die Studienautor*innen schlussfolgern, dass die maternale Covid-19-Immunisierung nur minimale negative Auswirkungen auf das Stillen hat, während sich eine potenzielle Covid-19-Erkrankung deutlich negativer auswirken könnte (McLaurin-Jiang et al., 2021).

Die geimpften Mütter wurden auch befragt, wie sie im Nachhinein über die Covid-19-Impfung denken. 89,4% der Mütter waren der Meinung, dass sie sich wieder impfen lassen würden. Lediglich 0,2% der geimpften Mütter waren strikt der Meinung, dass sie sich im Nachhinein auf keinen Fall wieder impfen lassen würden (McLaurin-Jiang et al., 2021).

Fazit

Nach langer Ungewissheit existieren nun erste empirische Daten zur Covid-19-Immunisierung während der Stillzeit. Weitere Studien werden folgen.

Die bisherigen Daten zeigen, dass schwere Nebenwirkungen bei den gestillten Kindern nach der Immunisierung der Mütter mit einem mRNA-Impfstoff nicht beobachtet worden sind. Milde Nebenwirkungen wurden von den Müttern beobachtet – dass diese mit der Impfung in Zusammenhang stehen, gilt jedoch als unwahrscheinlich, da mRNA-Impfstoffe und deren Produkte nach heutigem Kenntnisstand nicht in die Muttermilch übergehen.

Auf der anderen Seite könnten Antikörper in der Muttermilch auch die gestillten Säuglinge vor einer (schweren) Covid-19-Erkrankung schützen.

Negative Auswirkungen der Covid-19-Immunisierung auf das Stillen waren selten, gering und vorübergehend. Bei einer Covid-19-Erkrankung würde das Stillen mit großer Wahrscheinlichkeit stärker beeinträchtigt als nach einer Impfung. Die große Mehrheit der immunisierten Mütter würde sich nachträglich wieder für die Impfung entscheiden; nur ein verschwindend geringer Anteil spricht sich nachträglich gegen die Impfung aus.

Eine Reihe medizinischer Fachgesellschaften und Regierungsorganisation plädiert dafür, auch stillenden Müttern einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 anzubieten.

Diese neuen Informationen können Mütter mit berücksichtigen, wenn sie die Möglichkeit einer Covid-19-Impfung mit ihren Ärzt*innen diskutieren.

Quellen:

  • Bertrand K, Honerkamp-Smith G, Chambers C. Maternal and child outcomes reported by breastfeeding women following mRNA COVID-19 vaccination. 2021.
  • Blumberg D, Sridhar A, Lakshminrusimha S, et al. COVID-19 vaccine considerations during pregnancy and lactation. Am J Perinatol. 2021;38:523–8.
  • Both D, Frischknecht K: Stillen kompakt. Atlas zur Diagnostik und Therapie in der Stillberatung. Elsevier, 2007, S. 19.
  • Collier AY, McMahan K, Yu J, et al. Immunogenicity of COVID-19 mRNA vaccines in pregnant and lactating women. 2021;325:2370–80.
  • Drugs and Lactation Database (LactMed) [Internet]. Bethesda (MD): National Library of Medicine (US); 2006–. COVID-19 vaccines. 2021 Jun 21. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK565969/
  • Golan Y, Prahl M, Cassidy A, et al. COVID-19 mRNA vaccine is not detected in human milk. medRxiv. 2021:2021.03.05.21252998
  • Gray KJ, Bordt EA, Atyeo C, Deriso E, Akinwunmi B, Young N, Baez AM, Shook LL, Cvrk D, James K, De Guzman R, Brigida S, Diouf K, Goldfarb I, Bebell LM, Yonker LM, Fasano A, Rabi SA, Elovitz MA, Alter G, Edlow AG. Coronavirus disease 2019 vaccine response in pregnant and lactating women: a cohort study. Am J Obstet Gynecol. 2021 Mar 26:S0002-9378(21)00187-3. doi: 10.1016/j.ajog.2021.03.023.
  • Kelly JC, Carter EB, Raghuraman N, Nolan LS, Gong Q, Lewis AN, Good M. Anti-severe acute respiratory syndrome coronavirus 2 antibodies induced in breast milk after Pfizer-BioNTech/BNT162b2 vaccination. Am J Obstet Gynecol. 2021 Mar 31:S0002-9378(21)00211-8. doi: 10.1016/j.ajog.2021.03.031.
  • McLaurin-Jiang S, Garner CD, Krutsch K, Hale TW. Maternal and Child Symptoms Following COVID-19 Vaccination Among Breastfeeding Mothers. Breastfeed Med. 2021 Jun 25. doi: 10.1089/bfm.2021.0079.
  • Perl SH, Uzan-Yulzari A, Klainer H, et al. SARS-CoV-2-specific antibodies in breast milk after COVID-19 vaccination of breastfeeding women. 2021;325:2013–4.

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