Wer sind diese langzeitstillenden Mütter? Bildungsstatus, Erziehungsstil etc.

19. Juni 2016 | Von | Kategorie: Langzeitstillen
Mutter mit Kleinkind vor Bücherregal

Langzeitstillende Mütter sind meist gesundheitsbewusst und oft überdurchschnittlich gebildet (© Andrey Kiselev)

Stellt sich über eine Mutter heraus, dass sie ein älteres Kind stillt, nehmen viele Menschen an, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Aber was wissen wir wirklich über die Frauen, die ihre Kinder mehrere Jahre lang stillen? Der folgende Artikel fasst den heutigen Wissensstand zum Thema zusammen.

Allgemeine Charakteristika langzeitstillender Mütter

Es gibt verschiedene Studien darüber, welche Eigenschaften von Müttern die Stilldauer beeinflussen. Die meisten dieser Studien beschäftigen sich mit Stillen im ersten Lebensjahr; einzelne weitere untersuchen das Langzeitstillen. Die KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland; von der Lippe et al., 2014) am Robert-Koch-Institut erfasst auch Stilldaten im ersten Lebensjahr. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Kinder von Müttern mit hoher Bildung im Vergleich zu niedriger Bildung eine mehr als 5-fach höhere Chance haben gestillt zu werden. Gebildete Mütter stillten nicht nur häufiger, sondern auch deutlich länger. Die Stilldauer verlängerte sich auch mit zunehmender Erfahrung, das heißt, jüngere Geschwister wurden tendenziell länger gestillt als die älteren Geschwister. Gesundheitliche Probleme der Mutter oder des Kindes inklusive Frühgeburten senkten jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind gestillt wird (von der Lippe et al., 2014).

Auch das Gesundheitsverhalten der Mutter spielte bei den Stillraten eine große Rolle. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft nicht geraucht hatten, hatten in der KiGGS-Studie eine mehr als 3-fach höhere Chance, gestillt zu werden (von der Lippe et al., 2014). Regelmäßiger Alkohol- und ein starker Kaffeekonsum der Mutter wird wiederum mit einer kürzeren Stilldauer assoziiert (Giglia et al. 2008, Logan et al., 2016).

Diese Daten beziehen sich zwar auf das Stillen im ersten Lebensjahr. Die Etablierung einer funktionierenden Stillbeziehung im Säuglingsalter ist jedoch eine essenzielle Voraussetzung auch für das Stillen über das erste Jahr hinaus.

Ähnliche Ergebnisse liefern auch Studien, die nur langzeitstillende Mütter untersuchen. Dettwyler befragte zwischen 1995 und 2000 mehr als 1000 Mütter, die ihre Kinder mindestens 3 Jahre lang stillten. Sie stellte fest, dass die teilnehmenden Mütter überwiegend aus den mittleren und hohen gesellschaftlichen Schichten stammten, hoch gebildet waren und in der Regel arbeiten gingen. Mehr als die Hälfte hatte einen Hochschulabschluss, viele hatten einen Doktortitel. Zahlreiche Frauen hatten einen höheren Bildungsgrad als ihre Ehemänner (Dettwyler, 2004). In der Erhebung von Ulrike Koch, die Langzeitstillen in Deutschland untersucht hatte, hatten über 80% der 491 Teilnehmerinnen ein Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss. Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen hatte einen Universitäts- oder Hochschulabschluss. Etwa die Hälfte der langzeitstillenden Mütter war ab dem zweiten Jahr berufstätig (Koch, 2008).

=> Gesunde und gesundheitsbewusste (nicht-rauchende, nicht-trinkende) Mütter mit einem hohen Bildungsniveau haben die besten Chancen ihre Kinder mehrere Jahre lang zu stillen.

Informiertheit und Widerstandsfähigkeit

Mutter stillt ihr Kleinkind im Bett

Langzeitstillende Mütter integrieren das Stillen meist in ihren Erziehungsalltag (© Vitalinka)

Neben Dettwyler haben Ann Sinnott (Großbrittanien) und Karleen Gribble (Australien) große Studien über langzeitstillende Mütter durchgeführt. Sowohl Sinnott als auch Gribble beschreiben, dass  sich viele Langzeitstillende bei Stillorganisationen, aus Büchern oder aus dem Internet sich viel Wissen über das Stillen aneignen, den Kontakt zu anderen stillenden Müttern suchen, Stillempfehlungen der WHO kennen lernen und den Entschluss fassen, den Abstillprozess von ihren Kindern leiten zu lassen.

 „Als meine Tochter eins wurde, bekam ich aus meinem Umfeld beträchtlichen Druck abzustillen. Ich suchte im Internet Informationen, verbrachte Stunden und Tage, um alles zu lesen, was ich finden konnte. Ich fand die Australische Selbsthilfeorganisation stillender Mütter, wurde Mitglied und blickte nicht mehr zurück.“ (stillende Mutter einer 3-jährigen Tochter; Gribble, 2008).

In der Erhebung von Koch (2008) waren 94% der teilnehmenden langzeitstillenden Frauen aus Deutschland über die WHO-Empfehlungen, 2 Jahre oder länger zu stillen, informiert. Die meisten erfuhren über die WHO-Empfehlungen über das Internet. 96% der befragten Mütter tauschten sich über das Langzeitstillen in Stillgruppen oder das Internet aus. Laut Ann Sinnot zeichnen sich langzeitstillende Frauen mit besonderer Widerstandsfähigkeit gegen den Abstilldruck von allen Seiten aus (Sinnott, 2010, S.19).

Erziehungsstil

Diagramm zeigt, dass die Stilldauer mit Bedsharing zusammenhängt

Bed-Sharing korreliert mit der Stilldauer. Mütter, die regelmäßig mit ihren Kindern in einem Bett schlafen, stillen am längsten. (nach Huang et al., 2013)

Viele langzeitstillende Mütter haben das Stillen in ihren Erziehungsalltag integriert, um die Kinder in den Schlaf zu begleiten, zu beruhigen und zu trösten (siehe „Was steckt hinter Langzeitstillen? Die Beweggründe der Mütter„). Ein weiterer wichtiger Prädiktor für eine lange Stilldauer ist das gemeinsame Schlafen von Mutter und Kind. In mehreren Arbeiten ist gezeigt worden, dass gemeinsames Schlafen von einem langfristigen, erfolgreichen Stillen kaum zu trennen ist (McKenna & Gettler, 2015, Huang et al. 2013, Santos et al., 2012). In der Erhebung von Koch (2008) mit 491 langzeitstillenden Müttern schliefen 86% der Kinder in direkter Nähe zur Mutter. 85% der Kinder wurden durch Stillen in den Schlaf begleitet. 76% der Kinder wurden auch nachts gestillt, durchschnittlich bis zum Alter von 24 Monaten (Minimum: 1 Monat, Maximum: 5 Jahre). Nur 14% der langzeitgestillten Kinder schliefen ohne Stillen durch.

=> Wenn die Eltern Bed-Sharing und nächtliches Stillen nicht beibehalten können oder wollen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Stillbeziehung über viele Jahre fortgesetzt wird, gering.

Meist Unterstützung vom Partner

Vater küsst seine Frau, während diese die kleine Tochter stillt.

Langzeitstillende Frauen werden in der Regel von ihren Partnern unterstützt. (© Kurapatka)

Langzeitstillen „fliegt“ oft bei Scheidungen auf, wenn es im Zuge von Sorgerechts- und Besuchsrechtsverhandlungen thematisiert wird. Über die Medien wird die Öffentlichkeit über Langzeitstillen in Extremfällen informiert, z.B. wenn der Vater seine Frau anzeigt. Das sind aber Ausnahmefälle. Überwiegend leben langzeitstillende Frauen in Beziehungen, in denen der Vater diese Praxis grundsätzlich unterstützt oder sie seiner Frau überlässt. In der Erhebung von Koch (2008) unterstützten 78% der Väter das Langzeitstillen, 11% haben dazu keine Stellung genommen und bei lediglich 7% waren die Väter dem Langzeitstillen gegenüber kritisch eingestellt.

Quellen:

  • Dettwyler KA: When to wean: Biological versus cultural perspectives. Clinical Obstetrics and Gynecology 2004;47(3):712-713.
  • Giglia RC, Binns CW, Alfonso HS, Scott JA, Oddy WH: The effect of alcohol intake on breastfeeding duration in Australian women. Acta Paediatr 2008;97(5):624-629.
  • Gribble K: Long-term breastfeeding; changing attitudes and overcoming challenges. Breastfeed Rev 2008;16(1):5-15.
  • Huang Y, Hauck FR, Signore C, Yu A, Raju TN, Huang TT, Fein SB: Influence of Bedsharing Activity on Breastfeeding Duration Among US Mothers. JAMA Pediatr 2013;167(11):1038-1044.
  • Koch U: Langzeitstillen – Studie über das Stillen von Kleinkindern in Deutschland. Hochschule Ulm, 2008.
  • Logan C, Zittel T, Striebel S, Reister F, Brenner H, Rothenbacher D, Genuneit J: The influence of changing societal and lifestyle factors on breastfeeding patterns over time. Pediatrics 2016;137(5):e20154473.
  • McKenna JJ, Gettler LT: There is no such thing as infant sleep, there is no such thing as breastfeeding, there is only breastsleeping. Acta Paediatrica 2015;105(1):17-21.
  • Santos IS, Mota DM, Matijasevich A, Barros AJ, Barros FC: Bed-sharing at 3 months and breast-feeding at 1 year in southern Brazil. J Pediatr 2009;155:505–509.
  • Sinnott A: Breastfeeding older children. Free Association Books, 2010.
  • von der Lippe E, Brettschneider A-K, et al.: Einflussfaktoren auf Verbreitung und Dauer des Stillens in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2014;57: 849-859.

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