Was steckt hinter Langzeitstillen? Die Beweggründe der Mütter

18. Juni 2016 | Von | Kategorie: Langzeitstillen
Junge Mutter stillt ihre vierjährige Tochter im Freien unter einem Baum

Langzeitstillen: Junge Mutter stillt ihre vierjährige Tochter (© rasstock)

Stillen von Kleinkindern und größeren Kindern stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis und Vorurteile. Um die Beweggründe langzeitstillender Mütter aufzuzeigen, fasst der folgende Artikel die Ergebnisse verschiedener Arbeiten zum Thema zusammen und lässt die Mütter in vielen Zitaten zu Wort kommen.

Befragungen über den Hintergrund und die Motivation hinter dem Langzeitstillen haben u.a. die Australierin Karleen D. Gribble (2008) mit 107 Frauen, die Engländerin Ann Sinnott (2010) mit über 4.000 Frauen und die deutsche Ulrike Koch (2008) mit 490 Frauen durchgeführt. Norma Jane Bumgarner fasst in ihrem Buch „Wir stillen noch – Über das Leben mit gestillten Kleinkindern“ ihre langjährigen Erfahrungen und Befragungen zusammen.

Der Entschluss länger zu stillen, entsteht meist im Laufe der Stillbeziehung

In der Untersuchung von Gribble gaben 76% der befragten langzeitstillenden Frauen an, dass sie ursprünglich nicht geplant hatten so lange zu stillen. In der Erhebung von Koch gaben 78,6% der Frauen an, ins Langzeitstillen hineingewachsen zu sein, ohne es vorher geplant zu haben. Sie hatten im Vorfeld entweder keine Vorstellung über die Stilldauer oder planten nur kurze Zeit zu stillen.

„Nachdem ich während meiner Schwangerschaft eine Unterhaltung über Stillen gehört hatte, sagte ich zu meinem Mann, dass ich ein Jahr lang stillen möchte. Als mein Sohn eins wurde, fand ich, dass wir das Stillen noch beide genießen und dass wir noch ein weiteres Jahr stillen werden. Das Gleiche passierte zu seinem 2. Geburtstag. An seinem 3. Geburtstag dachte ich, wie erstaunlich es ist, dass wir immer noch dabei sind. Als er vier war, war Stillen so sehr Teil unseres Lebens, dass ich gar nicht darüber nachdachte. An seinem 6. Geburtstag dachte ich, dass dieses vielleicht das letzte Jahr sein wird, und so kam es tatsächlich.“ (Sinnott, 2010; Mutter stillte 6,6 Jahre)

Einige der langzeitstillenden Frauen, die vor ihrer eigenen Stillerfahrung von Langzeitstillen gehört hatten, fanden dies sogar abstoßend:

„Ursprünglich fand ich die Idee, ein größeres Kind zu stillen, widerlich und geschmacklos. Ich dachte, es sind die Mütter, die ihre Kinder dazu drängen, abhängige Babys zu bleiben.“ (stillende Mutter eines fast 3-jährigen Sohnes; Sinnott 2010)

„Ich muss zugeben, dass ich es etwas krankhaft fand, wenn eine Mutter ein Kind stillte, das bereits laufen und sprechen und um die Brust bitten konnte.“ (stillende Mutter einer 2,5-jährigen Tochter; Gribble, 2008)

„Bevor ich meine Tochter bekam, war ich voller Vorurteile gegenüber Langzeitstillen, die ich heute bei den anderen beobachte. Ich dachte z.B., dass Mütter, die ältere Kinder stillen, irgendwie psychisch gestört sein müssen. Ich dachte, das wäre etwas Perverses.“ (Stillende Mutter einer 4-jährigen aus England; Sinnott, 2010)

Manche Mütter berichteten auch über den ersten Schock, als sie zum ersten Mal ein langzeitgestilltes Kind sahen. Diese Rollenvorbilder trugen jedoch dazu bei, dass Langzeitstillen für sie normal wurde:

„Als mein ältestes Kind drei Monate alt war, ging ich mit ihr in die Stillgruppe. Die Stillberaterin, die die Gruppe leitete, hatte ihre 3-jährige Tochter dabei, die immer noch an der Brust trank. Das Mädchen hüpfte auf den Schoß der Mutter, schob deren T-Shirt hoch, trank kurz und hüpfte dann wieder weg. Ich war total entsetzt. Dieses Bild blieb in meinem Kopf lange haften. Es hat eine ganze Weile gedauert bis mir bewusst wurde, dass ich noch nie zuvor ein so altes Kind sah, das noch an der Brust trank. Deshalb war ich so schockiert.“ (stillende Mutter einer 3 Jahre alten Tochter; Gribble, 2008)

„Als meine Tochter um die 4 Monate alt war, fing ich an, in die Stillgruppe zu gehen. Dort sah ich öfter Mütter, die ältere Kinder stillten. Zunächst fand ich das recht makaber. Aber im Laufe der Zeit und als mein älter werdendes Kind immer noch aus meiner Brust trank, änderte ich meine Einstellung.“ (stillende Mutter einer 3 Jahre alten Tochter; Gribble, 2008).

Nur 13% der von Gribble befragten langzeitstillenden Frauen hatten von Anfang an vor, über mehrere Jahre zu stillen, weil sie selbst so lange gestillt wurden oder in der sonstigen Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis langzeitstillende Vorbilder hatten. Einzelne Frauen haben über das Langzeitstillen aus Büchern erfahren und wollten diese Praxis von Anfang an übernehmen. Bei jüngeren Geschwistern von langzeitgestillten Kindern hatten die Mütter jedoch meist von Anfang an vor, diese ebenfalls über mehrere Jahre zu stillen (Koch, 2008).

Die Mütter stillen noch, weil es ihrem Kind gut tut

Diagramm mit den Gründen fürs Langzeitstillen

Ulrike Koch hat 491 Mütter nach ihren Gründen fürs Langzeitstillen befragt (Mehrfachnennungen waren möglich; nach Koch, 2008)

Die Frauen, die ursprünglich nicht vorhatten so lange zu stillen, zögerten das Abstillen in erster Linie hinaus, weil sie sahen, wie sehr ihr Kind das Stillen weiterhin genoss:

„Sie hat das Stillen so geliebt und war absolut unbeirrt, dabei bleiben zu wollen.“ (stillende Mutter einer 2,5-jährigen Tochter; Gribble, 2008)

„Ich glaube, als die Zeit verging und wir immer noch stillten und ich sah, wie sehr sie das liebte, akzeptierte ich die Tatsache, dass wir noch eine ganze Weile dabei bleiben werden.“ (stillende Mutter einer 4-jährigen Tochter; Gribble, 2008)

„Dieser Blick der absoluten Glückseligkeit beim Stillen sprach von den ersten Tagen an Bände. Die Art, wie sie andocken und ihr Gesichtsausdruck dabei, zeigt auch heute noch den Genuss, den sie beim Stillen empfinden.“ (Sinnott, 2010)

Größere Stillkinder können bereits in Worte fassen, wie begeistert sie vom Stillen, der Muttermilch und Mamas Brüsten sind:

„Seit sie sprechen kann, sagt sie mir oft, wie sehr sie meine „Tittis“ liebt. Sie umarmt und küsst meine Brüste, sagt mir, dass Mamas Milch sehr lecker ist und dass sie es liebt sie zu trinken. Wenn sie mich nackt sieht, sagt sie, „Oh, da sind die „Tittis“, ich liebe sie soooo sehr“! Wenn sie an der Brust trinkt und ich sie frage, ob das gut ist, dann macht sie ein großes „Aham“, was bedeutet, dass sie es liebt. (3-jähriges Stillkind aus Belgium; Sinnott, 2010)

„Sie sagte, die Milch sei so süß und die beste Nahrung auf der ganzen Welt.“ (4-jähriges Stillkind aus Griechenland; Sinnott, 2010)

Kleine Kinder können noch nicht so differenziert in Worte fassen, was Stillen für sie bedeutet. Größere Kinder oder Erwachsene, die sich noch an ihre Stillzeit zurückerinnern, können genauer formulieren. Eine Erwachsene, heute 38-jährige Frau, die ihre 2,5-jährigen Zwillinge stillt, kann sich noch gut an die Stillzeit erinnern, da sie 9 Jahre lang gestillt wurde. Sie fasst ihre Erinnerungen folgenderweise zusammen:

„Ich erinnere mich hauptsächlich daran, dass ich mich an den Körper meiner Mutter gekuschelt habe und mich total warm, geliebt und sicher gefühlt habe. Ich atmete ihren Duft ein und stillte mich in den Schlaf“.

Ein 10-jähriges Kind, das 7,6 Jahre lang gestillt wurde, beschrieb es so:

„Ich fühlte mich beim Stillen sicher und geborgen. Es war warm und beruhigend und ich fühlte mich nah zu meinen Eltern.“ (Sinnott, 2010)

Langzeitstillende Mütter finden das Stillen hilfreich im Erziehungsalltag

Auch laut Norma Jane Bumgarner, Autorin des Buches „Wir stillen noch – Über das Leben mit gestillten Kleinkindern“ ist der wichtigste Grund für Langzeitstillen, dass es dem Kind gut tut. Laut Bumgarner ist Stillen auch sehr hilfreich im Alltag mit Kleinkindern. Es sei die bequemste und effektivste Methode, ein Kind zu trösten. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, ein Kind zu beruhigen, wie wiegen oder singen, aber keine sei so einfach und effektiv wie das Stillen. Stillen wirke bei kleinen Kindern wie ein Wunder: Das aufgebrachte Kind beruhige sich sofort. Es sei erstaunlich wie schnell Schmerzen bei einer Beule oder Schramme verschwinden, wenn die Erste Hilfe auch Stillen beinhaltet.

Mutter stillt ihr Kleinkind im Bett

Stillen hilft beim Einschlafen und Trösten (© Nikita Vasilchenko)

Stillen helfe auch am besten, ein müdes Kind in den Schlaf zu begleiten. Es sei das effektivste „Schlafmittel“ in der Säuglings- und Kleinkindzeit, sodass Muttermilch von manchen Vätern scherzhafterweise auch mal K-O-Tropfen genannt werde. Auch emotionale Belastungen können kleine Kinder mithilfe vom Stillen am besten bewältigen.

All diese Vorteile des Stillens bleiben auch über das Kleinkindalter hinaus erhalten, wobei ihre Bedeutung ganz langsam und allmählich nachlässt.

Langzeitstillende Mütter berichten, dass die positive, tröstende Wirkung des Stillens lange über das Kleinkindalter hinaus anhält:

„Über den Tag verteilt bekommt meine Tochter viele Schrammen und Beulen ab. Nicht mehr im physischen, sondern im emotionalen Sinne. Während eine Umarmung und ein Kuss zu 30% heilen und ihre Bedürfnisse wiederherstellen, hilft Stillen zu 110%, die 2-3-Male am Tage, wo sie das braucht.“ (USA, Mutter von 3 gestillten Kindern, 4,5 J., 3,5 J. und 7,5 Monate; Sinnott, 2010).

Langzeitstillende Mütter sehen Vorteile für die kindliche Gesundheit und Entwicklung

Viele langzeitstillende Mütter sind überzeugt, dass Stillen über das Säuglings-/Kleinkindalter hinaus die körperliche Gesundheit und die psychische Entwicklung ihrer Kinder fördert. Die Anthropologin Dettwyler beschreibt, dass das Immunsystem von Kindern erst mit 5 bis 7 Jahren ausgereift ist und dass Stillen bis zu diesem Alter einen immunologischen Vorteil bedeuten kann. Empirische Studien, die diese Vermutungen belegen oder widerlegen, existieren bislang keine. Lediglich bis zum 2. Geburtstag wurden Studien über gesundheitliche Vorteile des Stillens durchgeführt und diese klar belegt (Sankar et al., 2015): Im zweiten Lebensjahr halbiert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an einer (Infektions)Krankheit stirbt, wenn es noch gestillt wird. Es ist davon auszugehen, dass diese gesundheitlichen Vorteile des Stillens nicht plötzlich zum 2. Geburtstag verschwinden, sondern im Laufe des weiteren Entwicklungsprozesses ganz langsam abnehmen und somit noch mehrere Jahre signifikant sind.

In der Erhebung von Koch (2008) gaben 95% der langzeitstillenden Mütter an, im Falle von Erkrankungen froh um das Stillen zu sein. Bei Krankheit änderte sich laut den Angaben der Mütter das Stillverhalten der Kinder. 88% stillten dann mehr und/oder häufiger.

 „Mein Sohn isst mit uns am Familientisch. Wenn er krank wird, verweigert er jedoch feste Nahrung. Dann stillt er vermehrt und das schützt ihn vor dem Austrocknen und gibt ihm Energie und Abwehrstoffe. Auch er wird in der Kita immer wieder angesteckt. Er erkrankt aber seltener und nicht so schwer wie die anderen Kinder.“ (Mutter eines 3-jährigen Jungen aus einer Stillgruppe, persönliche Kommunikation)

Seelische Vorteile

Einige langzeitstillende Mütter sind überzeugt, dass ihre Kinder nicht nur körperlich vom Langzeitstillen profitieren, sondern auch in ihrer psychischen Entwicklung. Langzeitgestillte Kinder seien besser gebunden, selbstsicherer, sozial kompetenter.

„Abgesehen von zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen war einer der wichtigsten Gründe für das Langzeitstillen, dass es meinem Sohn so viel Unabhängigkeit verlieh. Ich habe ihn und andere Kinder in seinem Alter oft beobachtet und stellte fest, dass mein Sohn viel selbstsicherer ist als die anderen, die gar nicht oder nur kurz gestillt wurden. Er war in Spielgruppen nie anhänglich, sondern voller Leben und auf der Suche nach neuen Herausforderungen.“ (England, Kind 3 Jahre, noch gestillt; Sinnott, 2010)

„Ich glaube, mein ältester Sohn ist durch das Langzeitstillen so warmherzig, liebenswert und selbstsicher. Ich bekomme überall Komplimente, was für ein liebevolles Kind er ist“. (USA, Kind 4 Jahre, noch gestillt; Sinnott, 2010, S. 55)

„Er ist einer der glücklichsten, sozialsten, selbstsichersten, nicht-aggressivsten Kinder, die ich jemals unter Freunden, Verwandten oder auf dem Spielplatz beobachtet habe. Das liegt sicherlich an seiner Persönlichkeit, aber ich bin überzeugt, dass ein gestilltes Kind ein glückliches Kind ist und ich sehe die Ergebnisse an meinem eigenen Sohn“. (England, 2,7 Jahre, noch gestillt; Sinnott, 2010)

Objektive Untersuchungen darüber, ob sich langzeitgestillte Kinder tatsächlich von anderen Kindern unterscheiden, existieren keine. Somit können solche Annahmen weder belegt noch widerlegt werden. Auch von manchen Psychologen oder Ärzten vertretene Behauptungen, Langzeitstillen würde Kinder in ihrer Selbstständigkeitsentwicklung hemmen, sind keine wissenschaftlich gesicherten Fakten, sondern lediglich persönliche Meinungen, die oft als Fachwissen präsentiert werden.

Ulrike Koch hat in ihrer Untersuchung auch nach den Merkmalen von (ehemals) langzeitgestillten Kindern gefragt. Die große Mehrheit der (ehemals) langzeitgestillten Kinder wurde von ihren Müttern als für ihr Alter selbstständig (98%), kontaktfreudig (80%), fröhlich (92%) und mutig (90%) empfunden (Koch, 2008).

Sexuelle Handlung???

Mutter im Gerichtssaal

Eine Anklage wegen angeblichen sexuellen Handlungen ist das Schlimmste, was einer langzeitstillenden Mutter passieren kann. (© Wavebreak Media Ltd)

Eine der am meisten belastenden Unterstellungen gegenüber langzeitstillenden Müttern ist, dass sie sich auf diese Weise sexuell stimulieren, oder dass sie quasi eine sexuelle Beziehung zum Kind aufnehmen. Laut Dettwyler (1995) haben diese Behauptungen mit unseren westlichen Vorstellungen zu tun, nämlich, dass die Brust einer Frau in erster Linie ein erotisches Geschlechtsorgan sei.

Sinnott befragte in ihrer Studie 181 langzeitstillende Mütter, ob sie während des Stillens eine „Erregung“ (arousal) empfinden und wenn ja, ob sie das beunruhigt. Manche Frauen gaben tatsächlich an, dass sie vereinzelt sexuelle Erregung beim Stillen verspürt hätten und dass sie sehr schockiert darüber waren. Einige unterbrachen das Stillen, andere stillten aufgrund dieser inakzeptablen Gefühle sogar ab. Sinnott hat auf ihre Frage u.a. folgende Aussagen von ihnen gesammelt:

„Ja, aber nicht sehr oft. Ich war beunruhigt, fühlte mich unwohl und schämte mich.“

„Ja, einmal empfand ich sexuelle Erregung. Ich fand sie widerlich. Dann habe ich sie wieder vergessen und während der vielen Stilljahre nie wieder gespürt“.

„Ja, bei meinem Sohn. Bei meiner Tochter konnte ich mich daran nicht erinnern. Ja, ich war beunruhigt, so sehr, dass ich meinen Sohn früher abstillte als meine Tochter.“

Viele der befragten Mütter äußerten, dass der Begriff „sexuell“ nicht angemessen sei. Der Begriff „sinnlich“ würde besser passen:

„Ich hatte nie sexuelle Empfindungen. Der Anblick meiner Tochter erfüllte mich beim Stillen mit Glück. Sie zu stillen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, sie zu nähren, das war das Vergnügen. Ich war erfüllt von Liebe, aber diese Liebe war eine Sache des Herzens und der Seele, und überhaupt nicht sexuell.“

„Keine erotischen Gefühle, ich fühlte Liebe, Beschützerinstinkt, Mütterlichkeit, Fürsorge, und Bewunderung.“

„Sexuell ist das falsche Wort. Sexuell ist etwas ganz anderes und nicht der richtige Begriff.“

„Es sind sehr positive Gefühle, die als „sexuell“ konstruiert werden können. Aber es ist nicht das Gleiche. Durch die Hormone ist Stillen ein sehr angenehmes Gefühl, das die Bindung verstärkt.“

Manche Mütter berichteten, dass die sehr angenehmen, sinnlichen Gefühle nur dann „sexuell“  empfunden werden, wenn sie im Kontext der sexuellen Begegnung mit ihren Partnern auftreten, jedoch nicht im Kontext des Stillens:

„Meine 4-jährige besteht darauf, meine Brustwarzen zu küssen, um sich auf diese Weise für das morgendliche Stillen zu bedanken. Wenn mein Mann dies tun würde, würde das in mir eine Empfindsamkeit auslösen, was die Handlungen meiner Tochter niemals bewirken. Es ist nicht so, dass ich das in meinem Kopf abblocke. Es ist einfach die unterschiedliche Absicht, die die Sensibilität meiner Brust verändert.“

„Im Prinzip handelt es sich um sehr schöne Gefühle. Sie wären nur dann sexuell, wenn ich in diesem Sinne an sie dachte.“

„Meine Brüste sind nur dann sexuell empfindsam, wenn ich das in meinem Kopf habe. Dies ist beim Stillen definitiv nicht der Fall, sondern nur wenn ich mit meinem Mann zusammen bin.“

Die Mehrheit der Mütter empfand in der Befragung von Sinnott jedoch keinerlei Empfindungen beim Stillen. Auch Dettwyler zieht aus ihren Erhebungen mit langzeitstillenden Müttern die Schlussfolgerung, dass Stillen oft ein neutrales Gefühl ist, weder positiv noch negativ, vor allem bei mehrjährigen Stillbeziehungen, da die Brustwarzen durch die zahlreichen Kontakte desensibilisiert werden. Eine befragte Mutter drückte das so aus:

„Du kannst sagen, ob das Kind gerade an der Brust ist oder nicht. Das war´s, mehr ist es nicht.“

Laut Dettwyler (1995) und Sinnott (2010) sind sexuelle Reaktionen bei der Berührung der Brust kulturell erlernt und nicht angeboren (s. auch Die weibliche Brust: Nahrungsquelle, Trostspender oder Lustobjekt?). In den meisten traditionellen Kulturen der Welt hat die weibliche Brust keine sexuelle Bedeutung und wird in das sexuelle Verhalten nicht einbezogen (Dettwyler, 1995). Wenn eine Frau Stillen als sexuell stimulierend erlebt, kommt dies laut Dettwyler daher, dass sie die kulturellen Überzeugungen – nach denen die Brust in erster Linie dem sexuellen Vergnügen dient – verinnerlicht hat, und weil ihre früheren Erfahrungen mit „Mund-zu-Brustwarze“ in sexuellem Kontext stattfanden. Die Brüste sind jedoch nicht intrinsisch erotisch. Es kommt auch aus ihrer Sicht auf den Kontext an, in dem die angenehmen Empfindungen stattfinden. Dettwyler verwendet den Vergleich mit einer Rückenmassage, die im Schlafzimmer mit dem Ehemann sexuell anregend sein kann, aber z.B. im Kontext einer medizinischen Anwendung nicht als solches angesehen wird.

Das heißt, Stillen kann eine angenehme, sinnliche Erfahrung sein, ähnlich wie Berührungen allgemein, Streicheln, Küssen oder eben eine Rückenmassage. Im Kontext der sexuellen Begegnung zwischen Erwachsenen Partnern kann die Liebkosung der Brust bei manchen Frauen zur Erregung beitragen – genauso wie das Küssen und das Streicheln in diesem Kontext. Die Frage ist, womit die Frau das Saugen an ihrer Brust in ihrem Kopf assoziiert. Sinnott hat in ihrer Erhebung auch herausgefunden, dass sexuelle Empfindungen beim Stillen mit fünffacher Häufigkeit vorkamen, wenn die Brüste bereits vor der Geburt eigener Kinder erogen waren. Dies spricht laut Sinnott auch dafür, dass die Brüste nicht per se sexuell sind, aber sexuell sensibilisiert werden können.

In den vorhandenen Erhebungen gab es keinen Hinweis darauf, dass Stillen von den Müttern aufgrund von sexueller Stimulation über Jahre aufrechterhalten wird. Viele Mütter empfinden Stillen angenehm sinnlich, andere haben keine besonderen Empfindungen dabei. Der leitende Grund fürs Beibehalten des Stillens ist die Rücksichtnahme auf die kindlichen Bedürfnisse.

Fazit

Die meisten Frauen, die ihre Kinder über mehrere Jahre stillen, hatten dies nicht von Anfang an vor. Sie stillen auch über das Säuglings-/Kleinkindalter hinaus, weil ihre Kinder noch nicht bereit sind sich abzustillen. Die Frauen entscheiden sich weiterzustillen, weil sie merken, wie gut ihrem Kind das Stillen weiterhin tut, wie leicht es durch das Stillen in den Schlaf findet, beruhigt und getröstet werden kann. Viele der Frauen sind überzeugt, dass das Stillen sowohl die körperliche Gesundheit als auch die psychische Stabilität ihrer Kinder fördert.

Quellen:

  • Bumgarner NJ: Wir stillen noch. Über das Leben mit gestillten Kleinkindern. La Leche Liga Deutschland e.V. 2013.
  • Dettwyler KA: Beauty and the breast. In: Breastfeeding: Biocultural Perspectives. Stuart-Macadam P, Dettwyler KA (Hrsg.) 1995.
  • Gribble K: Long-term breastfeeding; changing attitudes and overcoming challenges. Breastfeed Rev 2008;16(1):5-15.
  • Koch U: Langzeitstillen – Studie über das Stillen von Kleinkindern in Deutschland. Hochschule Ulm, 2008.
  • Sankar MJ, Sinha B, Chowdhurry R, Bhandari N, Tuneja S, Martines J, Gahl R: Optimal breastfeeding pracitces and infants and child mortality: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 2015;104:3-13.
  • Sinnott A: Breastfeeding older children. Free Association Books, 2010.

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