Forschungsdaten: Was ist Langzeitstillen und wie häufig kommt es vor?

17. Juni 2016 | Von | Kategorie: Hätten Sie es gewusst?, Langzeitstillen

Wenn Kinder über das übliche Alter hinaus gestillt werden, spricht man von „Langzeitstillen“. In Deutschland liegt die durchschnittliche Stilldauer bei 7,5 Monaten (von der Lippe, 2014), in angelsächsischen Ländern (Großbritannien, USA, Australien) wird noch deutlich kürzer gestillt. In einer Befragung aus Deutschland von 491 Müttern wurde Langzeitstillen von den Teilnehmerinnen ab einem durchschnittlichen Stillalter von 15 Monaten (Median: 12 Monate) definiert.

Diagramm mit dem typischen Alter zum Abstillen in vorindustriellen Populationen

Typisches Abstillalter in Jahren bei 112 existierenden oder ausgestorbenen nicht-industriellen ethnischen Populationen anhand von 172 anthropologischen Literaturquellen. Das „typische Abstillalter“ lag insgesamt bei 2,5 Jahren, über 60% der Populationen stillten ihre Kinder länger als 2 Jahre (Selen, 2001).

Auch in der Fachliteratur gibt es keine einheitliche Definition, was unter Langzeitstillen („extended breastfeeding“, „long-term nursing“ „prolonged breast-feeding“, „sustained breasfeeding“) verstanden wird. Vielfach wird bereits ab dem 1. oder 2. Geburtstag von Langzeitstillen gesprochen. Die amerikanische Anthropologin Katherine A. Dettwyler (2004) definiert Langzeitstillen allerdings erst ab dem 3. Geburtstag, also ab dem heutigen Kindergartenalter. Denn entsprechend ihren Forschungsarbeiten ist eine Stilldauer zwischen 2,5 und 7 Jahren die physiologische, artspezifische Norm für uns Menschen, d.h. Menschenkinder brauchen und erwarten eine solche Stilldauer. 2,5 Jahre betrachtet sie als das Minimum des normalen, physiologischen Stillalters.

In den meisten vorindustriellen Populationen wurden Kinder mehrere Jahre gestillt, das typische Abstillalter lag zwischen 1 und 5,5 Jahren, mit einem Peak um 2,5 Jahren (Selen, 2001).

=> Was wir als Langzeitstillen betrachten, ist in vielen Kulturen die Norm und entspricht dem, was Kinder aus biologischer Sicht „erwarten“.

Wie viele langzeitgestillte Kinder gibt es?

Es gibt keine repräsentativen Studien über langzeitgestillte Kinder. Sichere Zahlen über ihre Häufigkeit fehlen. Hinzukommt, dass langzeitstillende Mütter ab einer gewissen Stilldauer nicht mehr erzählen, dass die Stillbeziehung fortgesetzt wird. Die Frauen sind – oft berechtigterweise – besorgt, dass sie Unverständnis ernten, zum Abstillen gedrängt und im schlimmsten Fall sogar angezeigt werden (Sinnott, 2010). Die weit verbreitete Auffassung in der westlichen Kultur, dass die Brust einer Frau Sexobjekt ist, führt immer wieder zu Anklagen gegenüber langzeitstillenden Frauen. In den USA werden schätzungsweise 8 bis 10 Fälle jährlich verhandelt (Dettwyler, 2005).

Diagramm mitHäufigkeit von Langzeitstillen Dettwyler

Dettwyler hat die Stilldauer bei 1280 mind. 3 Jahre lang gestillten Kindern erfasst. Das durchschnittliche Abstillalter in der Stichprobe lag bei 4,2 Jahren. Die längste Stilldauer betrug 9,2 Jahre. Von den 1280 Kindern wurden 43 länger als 7 Jahre, und 5 länger als 9 Jahre gestillt. Kinder, die sich von alleine abstillten, endeten die Stillbeziehung durchschnittlich mit 4,4 Jahren. (nach Dettwyler, 2005)

Dennoch gibt es Anhaltspunkte über die Häufigkeit des Langzeitstillens. Die DONALD-Studie – eine nicht repräsentative Langzeitstudie aus Dortmund über Ernährung, Entwicklung und Stoffwechsel von Kindern und Jugendlichen – erhebt auch Daten zum Stillen. Unter den Müttern, die in die Studie eingeschlossen wurden, stillten mit 12 Monaten 21%, mit 24 Monaten noch 2,3% (Foterek et al., 2014). Die Stillraten dürften in der DONALD-Studie jedoch zu hoch ausfallen, u.a. weil die eingeschlossenen Mütter über eine überdurchschnittlich hohe Bildung verfügen.

Diagramm Langzeitstillen Sinnott

Eine noch größere Erhebung stammt von Sinnott, die über das Internet weltweit insgesamt 2149 Mütter befragte, die ein Kind mind. 3 Jahre lang stillten. 122 Kinder (knapp 6%) wurden über 7 Jahre gestillt, 3 Kinder sogar über 11 Jahre. (nach Sinnott, 2010)

Darüber hinaus haben Dettwyler (2005), Gribble (2010) und Sinnott (2010) Daten über Langzeitstillen erhoben. Zwar sind auch diese Daten nicht repräsentativ und können keine absoluten Zahlen liefern, aber sie können über die relativen Häufigkeiten eine vage Auskunft geben. Bei Dettwyler und Sinnott stillten mit 6 Jahren nur noch etwa ein Sechstel derjenigen Kinder, die noch mit 3 Jahren stillten, bei Gribble stillten ein Sechstel der 6-jährigen, die noch im Alter von 2 Jahren stillten. Sinnott gibt zu bedenken, dass die Stillraten mit zunehmendem Alter eher unterrepräsentiert sind, da sich die Frauen mit zunehmender Stilldauer weigern, darüber noch Auskunft zu geben – aus Angst, dass sie stigmatisiert oder angezeigt werden. Gehen wir jedoch davon aus, dass die Größenordnung bei den genannten Studien stimmt, dann wird in Deutschland von 1000 Erstklässlern etwa einer noch gestillt.

Die Häufigkeitsverteilung ist natürlich ungleichmäßig. Wie Dettwyler anhand ihrer Erhebung in den USA feststellte, gab es über das ganze Land verteilt einzelne Frauen, die ihre Kinder viele Jahre stillten. Zusätzlich gab es in verschiedenen Regionen jedoch noch Agglomerationen von langzeitstillenden Frauen, die sich über Netzwerke – wie Langzeitstillgruppen – gegenseitig unterstützten (Dettwyler, 2004). In diesen Regionen werden langzeitgestillte Kinder öfter angetroffen.

Quellen:

  • Dettwyler KA: When to wean: Biological versus cultural perspectives. Clinical Obstetrics and Gynecology 2004;47(3):712-713.
  • Dettwyler KA: Beauty and the breast. In: Breastfeeding: Biocultural Perspectives. Stuart-Macadam P, Dettwyler KA (Hrsg.) 1995.
  • Dettwyler KA: Breastfeeding Court Letter. 2005. https://bhaktibirth.wordpress.com/2010/07/09/breastfeeding-court-letter-by-katherine-a-dettwyler-ph-d-anthropology/, Seite besucht am 24.5.2016.
  • Foterek K, Hilbig A, Alexy U: Breast-feeding and weaning practices in the DONALD study: Age and time trends. JPGN 2014;58:361-367.
  • Gribble K: Long-term breastfeeding; changing attitudes and overcoming challenges. Breastfeed Rev 2008;16(1):5-15.
  • Selen DW: Comparison of infant feeding patterns reported for nonindustrial populations with current recommendations. J Nutr 2001; 131:2707-2715.
  • Sinnott A: Breastfeeding older children. Free Association Books, 2010.
  • von der Lippe E, Brettschneider A-K, Gutsche J, Poethko-Müller C, KiGGS Study Group: Einflussfaktoren auf Verbreitung und Dauer des Stillens in Deutschland. Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsbl 2014:57:849-859.

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