Stillen bei Frühgeborenen oder kranken Neugeborenen

Frühgeborenes Baby in Hautkontakt mit der Mutter

Frühgeborenes Baby in Hautkontakt mit der Mutter

Die Geburt eines frühgeborenen oder kranken Neugeborenen Babys ist für die Eltern eine enorme Herausforderung. Sie fragen sich, ob Stillen überhaupt möglich ist oder jemals sein wird. Diese Babys sind oft (noch) nicht in der Lage, an der Brust effektiv zu saugen. Separation von den Eltern aufgrund der erforderlichen medizinischen Versorgung, einer eventuellen künstlichen Ernährung oder Beatmung erschweren den Kontakt zusätzlich.

Wenn Stillen nicht möglich ist, kann abgepumpte Muttermilch gegeben werden

Ob ein Baby effektiv an der Brust saugen kann, hängt von seinem Alter und seiner Verfassung ab. Wenn das Baby noch zu schwach oder instabil ist, um selbstständig an der Brust zu trinken, oder wenn es z.B. beatmet werden muss, kann Muttermilch abgepumpt und dem Baby über eine Magensonde gegeben werden. Wenn das Baby bereits in der Lage ist, selber Nahrung aufzunehmen, aber noch nicht gestillt werden kann, sollte Muttermilch über alternative Fütterungstechniken, z.B. durch Fingerfütterung, gegeben werden. Die Verwendung einer Saugflasche wird nicht empfohlen. Babys, die an die Flasche gewöhnt sind, brauchen länger, um an der Brust trinken zu lernen, mitunter lernen sie es nie. Dabei ist das Saugen an der Flasche nicht leichter als an der Brust.

Um die Milchproduktion in Gang zu bringen und aufrechtzuerhalten, empfiehlt es sich, mit einer elektrischen Milchpumpe beide Brüste gleichzeitig täglich 6-8 Mal, insgesamt über 120 Minuten abzupumpen. Idealerweise fängt die Mutter binnen weniger Stunden nach der Geburt an. Effektive elektrische Pumpen mit Doppelpumpset gibt es in den meisten Geburtskliniken oder können bei Apotheken und Sanitätshäusern geliehen werden. Die Kosten für das Ausleihen können von den Krankenkassen übernommen werden (Rezept vom Arzt ausstellen lassen!). Da der Umgang mit einer elektrischen Milchpumpe nicht selbsterklärend ist, ist es wichtig, dass die Mutter von einer Fachperson eingewiesen wird. Je früher die Mutter anfängt zu pumpen, umso besser. Am Anfang ist es sinnvoll, auf Überschuss zu pumpen.

In den ersten Tagen produzieren die Brüste kleine Mengen Kolostrum, welches besonders hohe Mengen von immunologischen Abwehrstoffen enthält, die Schutz vor Infektionen bieten. Jeder Tropfen Kolostrum sollte dem Baby zugute kommen. Nach einigen Tagen wird Muttermilch in größeren Mengen produziert.

Bildung von Frühgeborenenmuttermilch

Erstaunlicher Weise reagiert der Körper der Mutter auf die vorzeitige Geburt des Babys, indem er eine besondere Muttermilch produziert, welche in ihrer Zusammensetzung den Anforderungen des Frühgeborenen entspricht. Die meisten Besonderheiten der „Frühgeborenenmuttermilch“ sind 4 Wochen, manche sogar 6 Monate lang nachweisbar. Kolostrum (Anfangsmilch) und Muttermilch helfen das Frühchen vor Infektionen zu schützen und fördern die Reifung des Verdauungs- und des Nervensystems.

Unterstützung organisieren

Das Abpumpen von Muttermilch und das Stillen von Frühgeborenen / kranken Neugeborenen ist eine besondere Herausforderung, die viel Unterstützung braucht. Die Mutter ist in einer sehr belastenden Situation und braucht viel Einfühlsamkeit. Besonders viel Ausdauer kostet es, wenn die Mutter über Monate ihre Milch abpumpen muss. Außerdem erfordert es sehr viel Zeit und Geduld, bis ein Frühgeborenes oder krankes Neugeborenes an der Brust trinken lernt.

Baby im Inkubator

Auch wenn Stillen nicht möglich ist, ist Muttermilchernährung in der Regel das Beste fürs Baby

Nicht in allen Kinderkliniken wird Muttermilchernährung und Stillen von Frühgeborenen / kranken Neugeborenen optimal unterstützt. Einheitliche, schriftliche Richtlinien sowie eine kontinuierliche Fortbildung des Personals fehlen häufig zu dieser Aufgabe. In manchen Kliniken wird die Muttermilchernährung zwar offiziell propagiert, aber die einzelnen Mitarbeiter stehen nicht alle dahinter, insbesondere da die Muttermilchernährung für das Personal zusätzlichen Aufwand und Abhängigkeit von der Mutter bedeutet. Dabei können schon einzelne abwertende Bemerkungen über die Bedeutung der Muttermilch oder die Bemühungen der Mutter äußerst entmutigend wirken. Oft geben die verschiedenen Mitarbeiter zudem widersprüchliche Ratschläge, was die Eltern verunsichert. Häufig jedoch wird der Wert der Muttermilch betont, ohne aber der Mutter eine angemessene praktische und emotionale Unterstützung zu bieten.

Wenn die Mutter keine optimale Voraussetzungen vorfindet, kann sie oder z.B. ihr Partner ihren Wunsch dem Personal gegenüber höflich, aber deutlich und wiederholt zum Ausdruck bringen (z.B. „Mein Kind soll ausschließlich mit Muttermilch ernährt werden“/ „Es soll nicht mit der Flasche gefüttert werden“/ „Ich brauche Unterstützung beim Abpumpen und bei den Stillversuchen“ usw.). Es empfiehlt sich zudem, eine externe Still- und Laktationsberaterin IBCLC zu kontaktieren, falls in der Klinik keine vorhanden ist (siehe auch unser IBCLC-Verzeichnis). Diese Berufsgruppe ist ausgebildet für die fachkundige Unterstützung von Müttern von früh- und kranken Neugeborenen: Sie helfen bei der Auswahl der richtigen Milchpumpe, erstellen ein Pumpprotokoll, unterstützen bei der Fütterung mit alternativen Methoden und kennen die Anforderungen der Muttermilchfütterung über Sonden. Sobald das Baby in der Lage ist, das eigenständige Stillen zu erlernen, helfen die examinierten Laktationsberaterinnen, das Baby an die Brust zu gewöhnen, z.B. mithilfe eines Brusternährungssets. Äußerst wichtig ist außerdem die emotionale Motivierung – sowohl fürs Pumpen als auch fürs Stillenlernen.

Quellen:

  • Austausch mit betroffenen Eltern und Krankenschwestern auf Frühchenstationen
  • La Leche Liga Deutschland e.V. Stillen von Frühgeborenen. 3. Aufl. 2006
  • Springer S: Stillen und Muttermilchernährung bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen und Säuglingen. In: Stillen und Muttermilchernährung. Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen; Gesundheitsförderung konkret Band 3, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Köln 2001.
  • Both D: Stillberatung bei Frühgeburt – Was wünschen sich die Eltern. Laktation und Stillen. 2006/3
  • Egli F, Frischknecht K: Geborgenheit, Liebe und Muttermilch. Ein Ratgeber für Eltern von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen, rund ums Stillen, Abpumpen und Muttermilch. Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens, 2. Aufl. 2004

 


Weitere Online-Publikationen zum Thema:


 

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.