Stillberatung durch die Hebammen – eine gesetzliche Kassenleistung

aleyd von gartzen

Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammenverbands e.V.

In der Reihe „Who is who in der Stillförderung“ werden die wichtigsten Berufsgruppen und Organisationen in der Stillförderung nach und nach vorgestellt, um den Müttern eine Orientierung zu bieten. In diesem Beitrag geht es darum, auf welche Weise die Hebammen stillende Mütter unterstützen.

Unsere Fragen beantwortet Frau Aleyd von Gartzen, seit 30 Jahren freiberufliche Hebamme in Hannover, Mutter von fünf Kindern, und Beauftragte des Deutschen Hebammenverbands für Stillen und Ernährung.

Welche Rolle spielt die Hebammenhilfe für den Stillerfolg?

Die Hebammen haben eine besondere Rolle in der Stillförderung, da sie normalerweise am meisten Kontakt zu den Frauen haben und von Anfang an in die Betreuung der Schwangeren einbezogen sind. Idealerweise betreut die Hebamme die Frau, die sie schon früh in der Schwangerschaft kennengelernt und häufig gesehen hat, bis zum Ende der Stillzeit, egal wie lange diese dauert, natürlich in zunehmend größeren Intervallen.

Hebammenvorsorge

Die Schwangerenvorsorge in Hebammenhand erhöht auch die Stillchancen (© Kzenon)

Bei einer intensiven Betreuung in der Schwangerschaft kann die Hebamme die Mutter umfassend auf eine natürliche Geburt und das Stillen vorbereiten und offene Fragen beantworten. Während Mediziner eher auf eventuelle Schwangerschaftsrisiken einer Frau achten, betrachten die Hebammen Schwangerschaft und Geburt als etwas Normales, etwas Natürliches. Sie möchten das Vertrauen der Frau in ihre eigenen Fähigkeiten stärken und damit die Chance vergrößern, dass die Frau die Geburt selbstbestimmter erleben kann. Wird eine Frau bereits während der Schwangerschaft von einer Hebamme intensiv betreut, dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Frau per Kaiserschnitt entbinden muss. Das zeigt die Erfahrung in Ländern, wo die Schwangerenvorsorge in Hebammenhand ist, wie in den skandinavischen Ländern, in England oder in den Niederlanden. Diese Länder haben eine niedrigere Kaiserschnittrate als Deutschland.

Frau gebärt ihr Baby ohne Interventionen

Nach einer natürlichen Geburt sind die Aussichten auf einen gelungenen Stillstart deutlich erhöht (© eans)

Eine Hebamme hat für die Betreuung der Frauen in der Regel viel mehr Zeit als eine Gynäkologin. Ich z.B. mache die Schwangerenvorsorge in Kooperation mit einer Gynäkologin und nehme mir für jede Frau eine Dreiviertelstunde Zeit oder auch länger, falls das erforderlich sein sollte. In dieser Zeit ist die Vorbereitung auf das Stillen ein umfangreiches Thema. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mit dem Stillen gut klappt, deutlich größer.

Die Unterstützung beim Stillen und die Beratung zu Ernährungsfragen gehören mittlerweile zu den Arbeitsschwerpunkten in der freiberuflichen Hebammentätigkeit. Vor allem bei der Betreuung nach der Geburt spielt die Stillberatung eine Hauptrolle. Die Untersuchung von Mutter und Kind ist natürlich auch wichtig und wird sorgfältig durchgeführt. Sie ist zeitlich gesehen aber meistens deutlich weniger aufwändig als eine gute Unterstützung der Frauen beim Stillen.

In welchem Umfang steht die Unterstützung der Hebammen den Frauen gesetzlich zu?

Eine Hebamme steht jeder Frau zu, sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt bis zum Ende der Stillzeit. Die Hebamme kann schon zu Beginn der Schwangerschaft den Mutterpass ausfüllen und die Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Nur die drei vorgesehenen Ultraschalluntersuchungen können Hebammen nicht anbieten. Deshalb ist es sinnvoll, eine vertrauensvolle Kooperation mit Gynäkologinnen anzustreben. Sobald in einer Schwangerschaft Risiken auftreten, liegt die Schwangerenvorsorge im Übrigen in der Hand von Gynäkologinnen, da Hebammen diese Leistung nur für die physiologische Schwangerschaft anbieten können. Das heißt, dass sie zwar die Frau weiterhin betreuen, nur eben nicht mehr Schwangerenvorsorgeuntersuchungen durchführen.

Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Geburt kommt die Hebamme täglich. Bei Bedarf kann sie innerhalb dieser Zeit auch zweimal am Tag einen Hausbesuch machen. Insgesamt gibt es in den ersten 10 Tagen 20 Kontaktmöglichkeiten, wobei für die Tage in der Klinik jeweils zwei abgezogen werden. Wenn also die Frau z.B. zwei Tage in der Klinik ist, dann bleiben noch 16 Kontaktmöglichkeiten mit der betreuenden Hebamme. Diese können entweder als Hausbesuche und/oder als telefonische / E-Mail-Beratungen in Anspruch genommen werden. Vom 11. Lebenstag bis zum Alter von 12 Wochen (seit 2015) gibt es weitere 16 Kontaktmöglichkeiten. Nach diesen 12 Wochen gibt es noch 8 Kontaktmöglichkeiten, die bis zum Abstillen oder, wenn die Mutter nicht mehr stillt, bis zum Alter von 9 Monaten genutzt werden können.

Wie lange kann die Hebamme bei einem Hausbesuch bleiben?

Die Vergütung der Hebammen durch die Krankenkassen erfolgt pro Besuch, nicht pro Zeit. Wirtschaftlich betrachtet darf dieser eine halbe bis maximal eine Dreiviertelstunde dauern. Viele Kolleginnen richten sich dabei jedoch nach dem Bedarf der einzelnen Frau und weniger nach der Wirtschaftlichkeit. Die ersten Besuche nach der Geburt können gerade beim ersten Kind sehr zeitintensiv sein, weil sehr viele Fragen da sind, die besprochen werden müssen. Die Besuche dauern deshalb gerade in der Anfangszeit oft deutlich länger.

Wie können die Frauen eine Hebamme finden und wann ist der beste Zeitpunkt, um den ersten Kontakt herzustellen?

Schwangere Frau telefoniert, um eine Hebamme zu finden

Am besten schon am Anfang der Schwangerschaft eine Hebamme suchen (© Wavebreak Media Ltd)

Es ist sinnvoll, schon früh in der Schwangerschaft eine Hebamme zu suchen, damit die Mutter auch wirklich eine findet, die sie dann ab sofort betreut. Wenn sie sich erst kurz vor Geburtstermin um eine Betreuung kümmert, kann es passieren, dass sie keine Kollegin mit freien Kapazitäten mehr findet. Das gilt ganz besonders in Urlaubszeiten.
Leider kann der Bedarf an freiberuflichen Hebammen immer weniger gedeckt werden. Das ist eine stetige Entwicklung. Heute werden die Frauen viel früher aus den Krankenhäusern entlassen als früher. Während vor 30 Jahren, als ich anfing als freiberufliche Hebamme zu arbeiten, die Frauen ungefähr nach 6 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurden und eine Hebamme ihnen nur bis zum 10. Tag zustand, werden die Frauen heute bereits am zweiten bis dritten Tag entlassen und die Betreuung erstreckt sich über einen viel längeren Zeitraum. Dafür gibt es in vielen Regionen der Bundesrepublik nicht genug Hebammen.

Wann sind die Möglichkeiten einer Nachsorgehebamme ausgeschöpft und was empfehlen Sie für solche Fälle?

Jeder Hebamme kann es passieren, dass sie bei einem Stillproblem keine Lösungsmöglichkeit findet. In solchen Fällen empfiehlt es sich Ansprechpartnerinnen zu suchen, an die sich die Frau wenden kann. Der Besuch einer Stillgruppe ist dabei häufig unglaublich wertvoll, nicht nur bei großen Stillproblemen.

Wenn ich als Hebamme nicht mehr weiter weiß, dann frage ich eine sehr stillerfahrene Kollegin oder die Stillbeauftragten der Länder. Sie sind dafür da, die Kolleginnen bei solchen Fragen zu unterstützen. Manche Hebammen rufen auch bei mir an, wenn sie die Beauftragten in ihren Ländern nicht erwischt haben oder nicht weitergekommen sind.

Es gibt Hebammen, die die Zusatzausbildung IBCLC haben. Wie rechnen diese Hebammen die Stillberatung ab?

Hebammen sind Fachfrauen für das Stillen. Die Krankenkassen kaufen sozusagen die Stillberatung sowie auch die Hilfeleistung bei Stillproblemen für ihre Versicherten von den Hebammen ein. Damit sind diese Leistungen im Vertrag über die Versorgung mit Hebammenhilfe eingeschlossen. Das bedeutet, dass die Betreuung der Hebammen – unabhängig von Zusatzqualifikationen – nur über diesen Vertrag abgerechnet werden kann. Vereinbarungen über zusätzliche Kosten mit den Frauen sind so lange nicht möglich, wie das vertraglich vorgesehene Kontingent von 16 Kontakten (innerhalb der ersten 12 Wochen) und 8 Kontakten (nach den 12 Wochen, innerhalb der Stillzeit) zur Beratung der Mutter bei Stillschwierigkeiten oder Ernährungsproblemen des Säuglings nicht aufgebraucht sind. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis für Kolleginnen mit der Zusatzausbildung IBCLC, wenn sie für eine sehr umfangreiche Beratung extra Gebühren berechnen möchten, rechtlich ist das aber nicht korrekt.

Wie werden die Hebammen auf dem Gebiet der Stillberatung aus- und fortgebildet?

Hebammen sitzen in einer Fortbildung

Die Qualifikation der Hebammen im Bereich Stillen hängt von der jeweiligen Hebammenschule, den angebotenen Fortbildungen sowie von der individuellen Hebamme ab, ob sie die Fortbildungen in Anspruch nimmt. (© Marc Dietrich)

Es gibt zahlreiche Bemühungen, damit die Hebammen ihre Aufgaben auch in diesem Bereich gut erfüllen können. Ihre Qualifikation hängt natürlich entschieden davon ab, wie die Ausbildung in den Hebammenschulen ist. Jedes Land und jede Schule hat andere Strukturen. Es gibt Ausbildungen, die sehr gut sind, aber auch welche, die vielleicht noch ausbaufähig sind, was dieses Themengebiet angeht.

Auch die Fortbildungspflicht hängt vom Bundesland ab. In Nordrheinwestfalen zum Beispiel müssen die Hebammen im Zeitraum von drei Jahren 60 Stunden Fortbildung absolvieren, und zwar aus jedem Fachbereich (Schwangerschaft/Geburt/Wochenbett). Hier in Niedersachsen haben wir die so genannte Landesfortbildung: das sind Fortbildungen, die finanziell vom Ministerium unterstützt werden. Die Landesfortbildung enthält viele Kurse zum Thema Stillen und Beikost und wird von den Hebammen auch gut angenommen. Die Qualifizierung der Hebammen hängt also einerseits von den Bundesländern ab und andererseits von jeder einzelnen Kollegin, ob sie die Angebote, die es in den Bundesländern gibt, auch annimmt.

In Bayern gibt es seit einigen Jahren eine wirklich sehr umfassende Fortbildung zum Stillen, die heißt „Stillen aktuell”. Diese beinhaltet drei zweitägige Seminare. Sie wird von den Hebammen sehr gut angenommen und wurde deshalb jetzt auch vom Deutschen Hebammenverband übernommen.

Wie können die werdenden Mütter dazu beitragen, ihre Stillaussichten zu verbessern?

Diese Frage ist aus meiner Sicht einfach zu beantworten, aber nicht unbedingt einfach zu verwirklichen. Die Frauen sollten sich unbedingt frühzeitig um eine Hebamme kümmern. Das ist schon mal eine ganz wesentliche Bedingung. Die Frauen müssen bereits während der Schwangerschaft gut informiert werden. Sie müssen aber auch wissen, was im Krankenhaus auf sie zukommt; wissen, dass das Personal dort so viel zu tun hat, dass für eine wirklich gute Stillunterstützung oft zu wenig Zeit bleibt. Man kann ihnen das deshalb nicht einmal zum Vorwurf machen. Es kann deshalb besser sein, nach der Geburt nicht im Krankenhaus zu bleiben, sondern gleich oder frühzeitig nach Hause zu gehen und sich von der freiberuflichen Hebamme weiter betreuen zu lassen.

Welche Botschaft möchten Sie den Müttern noch mitgeben?

Mutter stillt ihr Baby Haut an Hautin zurückgelehnten Position

Vertrauen in die Fähigkeiten des Babys und des eigenen Körpers ist die beste Voraussetzung fürs Stillen (© Kati Molin)

Was ich mir sehr wünsche, ist, dass die Mütter in der Schwangerschaft nicht so viel Angst haben müssen, sodass sie sich und ihrem Körper vertrauen können. Dazu muss natürlich auch ein Umdenken in der (geburtshilflichen) Medizin stattfinden. Die Technik sollte deutlich weniger im Vordergrund stehen, der Blick nicht auf Risikoerfassung, sondern auf das Normale gerichtet sein.
Wenn eine Frau ihrem Körper vertrauen kann und ihre Schwangerschaft sowie die Geburt selbstbestimmt erlebt, dann ist es auch sehr viel einfacher, ihrem Körper zu vertrauen, wenn es ans Stillen geht. Ihr wird es vermutlich leichter fallen, die angeborene Kompetenz des (gesunden) Babys zu erkennen, die es ihm ermöglicht sich eigenständig nach seinem Bedarf an der Brust zu ernähren. Zusammengefasst möchte ich sagen: Ein gesundes Selbstbewusstsein und eine vertrauensvolle Achtsamkeit für eigene Bedürfnisse, die – wann immer möglich – in der Schwangerschaft von betreuenden Personen gestärkt werden sollten, sind eine gute Voraussetzung für ein Gelingen des Stillens.


Das Interview wurde im November 2015 aufgenommen.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.