Genussmittel in der Stillzeit

rauchende Mutter mit Kinderwagen

Auch rauchende Mütter sollten ihr Baby stillen.

Mütter, die sich Genussmittel, wie Zigaretten oder Alkohol, nicht abgewöhnen können, stecken in einem schwierigen Dilemma. Was ist schlimmer: abzustillen oder trotz Genussmittel weiterzustillen? Der folgende Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zusammen, wie betroffene Mütter die Gefährdung ihrer Säuglinge möglichst vermeiden oder reduzieren können.

Stillen und Rauchen

Leider gibt es keine wissenschaftlich fundierten Grenzwerte, ab welchem Tabakkonsum die Gifte in der Muttermilch mehr Schäden anrichten als Nicht-Stillen. Wenn Babys von rauchenden Müttern gestillt werden, dann haben sie in der Regel jedoch eine bessere allgemeine Gesundheit, leiden seltener an Atemwegserkrankungen und sterben seltener am plötzlichen Kindstod, als wenn sie nicht gestillt werden.

⇒ Trotz der Belastung der Muttermilch wird auch Raucherinnen zum Stillen geraten.

Die Gifte des Tabakkonsums wie Nikotin und weitere toxische und krebserregende Substanzen treten unmittelbar in die Muttermilch über. Nikotin erreicht in der Muttermilch eine dreifach höhere Konzentration als im Blut der Mutter. Bei gestillten Säuglingen von starken Raucherinnen werden Unruhe, geringeres Saugvermögen, Koliken und Erbrechen beobachtet. Außerdem hemmt ein starker Tabakkonsum den Milchspendereflex und reduziert die Milchmenge. Deshalb haben rauchende Frauen mehr Stillprobleme. Babys von rauchenden Frauen nehmen langsamer an Gewicht zu und werden schneller abgestillt als Babys nicht rauchender Frauen. Je stärker geraucht wird, umso ausgeprägter sind die Probleme. Daher ist es wichtig, den Tabakkonsum so weit wie möglich zu reduzieren und am besten ganz aufzugeben.

Was rauchende Mütter tun können, um ihrem Baby möglichst wenig zu schaden:

  • Vier bis sechs Monate voll stillen, anschließend neben Beikost weiterstillen.
  • Das Rauchen so weit wie möglich einschränken: Jede Zigarette weniger ist ein Gewinn.
  • Unmittelbar nach dem Stillen rauchen; Denn die höchste Konzentration von Nikotin in der Muttermilch ist unmittelbar nach dem Rauchen. Nach ca. 95 Minuten ist die Konzentration nur noch halb so hoch. Idealerweise wird vor dem Stillen mindestens 2 Stunden lang nicht mehr geraucht. Wenn das Baby vorübergehend häufiger trinken möchte – z.B. aufgrund eines Wachstumsschubes – dann kann es ausnahmsweise auch schon früher gestillt werden, z.B. nach 1,5 Stunden.
  • Nur außerhalb der Wohnung, Auto und anderen geschlossenen Räumen und nicht in Gegenwart des Babys rauchen.
  • Nach dem Rauchen Hände und Gesicht waschen. Zum Rauchen idealerweise auch eine gesonderte Kleidung anziehen, die nach dem Rauchen wieder ausgezogen wird. Denn auf Möbeln, Händen, Gesicht und Kleidung abgelagerter Tabakrauch ist besonders giftig.
  • Das Baby zum Schlafen in ein eigenes Bett und immer auf den Rücken legen. Denn Rauchen in der Schwangerschaft und Passivrauchen nach der Geburt erhöhen die Gefahr, dass das Baby am plötzlichen Säuglingstod stirbt. Neben Rauchen ist vor allem die Bauchlage ein wichtiger Risikofaktor. Stillen wiederum mindert die Gefahr des plötzlichen Kindstodes. Außerdem müssen die Eltern auch darauf achten, dass sie nicht auf dem Sofa oder in einem Sessel mit dem Baby einschlafen. Das ist gefährlich für das Baby.

Rauchentwöhnungsprogramme werden unter anderem von Krankenkassen und verschiedenen Sozialeinrichtungen angeboten. Sie helfen nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Abhängigkeit zu überwinden, indem sie die Situationen identifizieren, in denen die Betroffenen nach einer Zigarette greifen. Indem sich die Betroffenen andere, bessere Angewohnheiten antrainieren, können sie das Rauchen Stück für Stück ersetzen. Wenn ein Rauchstopp sonst nicht zu erreichen ist, können für die Entwöhnung unter Umständen niedrigdosierte Nikotin-Pflaster oder -Kaugummis infrage kommen. Dann wird das gestillte Baby zumindest den anderen giftigen Produkten des Tabakkonsums nicht ausgesetzt. Allerdings dürfen Nikotin-Pflaster und Kaugummis nicht verwendet werden, wenn die Mutter noch gleichzeitig raucht, weil dann die hohe Konzentration an Nikotin das Baby vergiften kann.

Stillen und Alkohol

Mutter mit Sektlas in der Hand

Gelegentlicher und geringer Alkoholkonsum ist mit dem Stillen vereinbar.

Heute trinkt etwa die Hälfte der stillenden Mütter gelegentlich Alkohol. In der Vergangenheit wurden stillenden Frauen alkoholische Getränke − insbesondere Bier − explizit empfohlen, um die Milchmenge zu steigern. Heute wissen wir, dass Alkohol in den ersten Stunden nach dem Konsum die Milchbildung reduziert. Insbesondere der Milchspendereflex wird gehemmt. Zwar erscheinen die Brüste nach dem Alkoholkonsum gelegentlich voller. Das ist aber darauf zurückzuführen, dass beim Stillen der Milchfluss gehemmt wird und mehr Milch in den Brüsten verbleibt. Vor allem in den ersten Stunden nach dem Alkoholkonsum erhalten die Babys weniger Milch, wenn sie an der Brust trinken. Alkohol geht außerdem in die Muttermilch über. Die Konzentration von Alkohol in der Muttermilch entspricht der Konzentration im Blut der Mutter. Der Alkoholgehalt ist 30-90 Minuten nach dem Verzehr am höchsten und nimmt anschließend kontinuierlich ab. Regelmäßiger, exzessiver Alkoholkonsum der stillenden Mutter führt möglicherweise zu Entwicklungsverzögerungen und zu Gesundheitsschäden beim Säugling. Bei einer Alkoholabhängigkeit darf die Mutter daher nicht stillen.

Gelegentlicher und geringer Alkoholgenuss (z.B. 1- bis 2-mal wöchentlich ein Glas Sekt) verursacht nach heutigem Wissensstand keine erkennbaren Schäden beim Säugling. Verschiedene Medizinische Fachgesellschaften und Experten geben widersprüchliche Empfehlungen, bis zu welchen Mengen gestillt werden darf und ob eine Stillpause von wenigen Stunden nach dem Alkoholkonsum erforderlich ist. Die Amerikanische Akademie der Kinderheilkunde empfiehlt, nach dem Alkoholkonsum eine zweistündige Stillpause einzulegen. Australische Organisationen empfehlen, Muttermilch auf Vorrat abzupumpen, falls die Mutter Alkohol trinken möchte. Anhand einer aktuellen Übersichtsarbeit von Haastrup, Anton und Damkier (2014) gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass ein geringer und gelegentlicher Alkoholkonsum negative Effekte auf das Baby hätte. Aus ihrer Sicht ist die Empfehlung zur Stillpause nicht haltbar.

Die deutsche Nationale Stillkommission empfiehlt, in der Stillzeit am besten vollständig auf Alkohol zu verzichten, vor allem solange das Baby ausschließlich gestillt wird. Sie weist darauf hin, dass Alkohol zu einer spürbaren Verringerung der Milchmenge führen kann und dass Mütter, die mehrmals in der Woche Alkohol konsumieren, häufiger über Stillprobleme berichten (vor allem über wunde Brustwarzen, zu wenig Milch und Milchstau).

Für den Fall, dass eine stillende Frau ausnahmsweise ein Glas Wein, Sekt oder Ähnliches trinkt, gibt die Stillkommission folgende Empfehlungen:

  • Das Baby stillen, bevor die Mutter Alkohol trinkt, damit bis zur nächsten Stillmahlzeit möglichst viel Zeit vergeht. Wenn das Baby häufig und unregelmäßig an der Brust trinkt, ist es ratsamer, komplett auf Alkohol zu verzichten.
  • Mindestens 1-2 Stunden vor dem Stillen keinen Alkohol mehr trinken, damit der Alkohol in der Milch bis zur nächsten Stillmahlzeit größtenteils abgebaut ist.
  • Wenn das Baby noch ausschließlich gestillt wird, kann eine lange Stillpause von mehreren Stunden unter Umständen die Entstehung von Stillproblemen fördern. Daher sind längere Stillpausen in dieser Zeit nicht empfehlenswert.
  • Wenn Eltern ihr Baby ins Elternbett nehmen möchten, sollten sie vorher keinen Alkohol trinken.

Alkohol setzt das Reaktionsvermögen der Eltern herab. Sie schlafen unter Alkoholeinfluss tiefer und können nicht adäquat auf ihr Baby reagieren. Alkoholkonsum gehört zu den bedeutendsten Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod im Elternbett.

Kaffee, Tee und Cola in der Stillzeit

Kaffee, schwarzer Tee und weitere Getränke mit Koffein wie z.B. Cola sind in geringen Mengen (1-2 Tassen am Tag) unproblematisch. Bei größeren Mengen (ab 6-8 Tassen am Tag) äußern sich die Koffein-Symptome beim gestillten Kind in Hyperaktivität und wenig Schlaf. Auch Kräutertee soll nicht in Übermaß getrunken werden, weil er Wirkstoffe enthalten kann, die in größeren Mengen schädlich sind.

Drogenabhängige dürfen nicht stillen

Wenn ein Baby mit der Muttermilch und durch Inhalieren Haschisch oder andere Drogen aufnimmt, wird seine Gehirnentwicklung beeinträchtigt. Drogenkonsum ist mit Stillen nicht vereinbar.

Abpumpen hilft nicht

Durch Abpumpen und Wegschütten kann man die Muttermilch von den Schadstoffen wie Alkohol, Nikotin, Drogen usw. nicht „reinigen“. Die Schadstoff-Konzentration in der Muttermilch korreliert immer mit der Konzentration im Blut. Erst wenn die Schadstoffmenge im Blut abnimmt, nimmt sie auch in der Muttermilch ab. Daher muss die Mutter warten, dass ihr Körper die Schadstoffe im Blut abbaut. Erst dann ist auch ihre Muttermilch wieder Schadstoff-frei.

 

Quellen:

  • Blair PS: Perspectives on bedsharing, cosleeping and safe mother-infant sleep. Vortrag auf dem 10. Still- und Laktationskongress, Berlin, 2015.
  • Lesta E: Rauchende Stillende unterstützen – es lohnt sich. Vortrag auf dem 10. Still- und Laktationskongress, Berlin, 2015.
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Alkohol in der Stillzeit − Eine Risikobewertung unter Berücksichtigung der Stillförderung. 2012.
  • Nationale Stillkommission am Institut für Risikobewertung: Stillen und Alkoholkonsum?Besser nicht! 2012.
  • Nationale Stillkommission am Institut für Risikobewertung: Stillen und Rauchen – Ratgeber für Mütter bzw. Eltern. 2001, aktualisiert 2007.
  • Haastrup MB, Pottegard A, Damkier P: Alcohol and Breastfeeding. Basic Clin Pharmacol Toxicol 2014;114:168–173 .
  • American Academy of Pediatrics: Breastfeeding and the Use of the Human Milk, 2012. www.pediatrics.org/cgi/doi/10.1542/peds.2011-3552.
  • Philips JJ: Breastfeeding and maternal smoking. Letter to the editor. Pediatrics 2012;130(2):e461. doi: 10.1542/peds.2012-1647A.
  • http://kellymom.com/bf/can-i-breastfeed/lifestyle/alcohol/
  • Luck W, Nau H: Nicotine and cotinine concentrations in serum and milk of nursing smokers. Br J Clin Pharmac, 1984;18:9-15.
  • Schaefer C, Spielmann H, Vetter K: Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit. Urban & Fischer, 2006, 7. Aufl.
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Passivrauchende Kinder in Deutschland – Frühe Schädigung für ein ganzes Leben. Heidelberg, 2003.
  • Arzneimittel und Stillen – verträgt sich das? In Stillen und Muttermilchernährung. Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen; Gesundheitsförderung konkret Band 3, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Köln 2001.
  • Lawrence R und Lawrence RM: Breastfeeding. A guide for the medical profession. 5. Auflage, 1999, Mosby

 


Weitere Online-Publikationen zum Thema:


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2016.