Abstillen – wie kann ich mein Kind achtsam begleiten?

16. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Langzeitstillen, Leitartikel
Kleinkind schaut der Mama neugierig in die Bluse

Stillen oder spielen? Stillen kann mit der Zeit durch andere Wege der Regulation abgelöst werden. (© Alenkasm)

Stillen hilft in den ersten Lebensjahren nicht nur gegen Hunger und Durst, sondern es ist auch eine zentrale Quelle für Trost, Beruhigung, Nähe und Regulation von Gefühlen und Affekten. Mit zunehmendem Alter lernt das Kind auch alternative Wege kennen – das Stillen wird Schritt für Schritt überflüssig. Die Eltern können diesen emotionalen Entwicklungsprozess einfühlsam und bewusst unterstützen, indem sie die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes empathisch wahrnehmen, spiegeln und in Worten ausdrücken. Gemeinsam entdecken Eltern und Kinder auf diese Weise alternative Wege, die Bedürfnisse zu erfüllen, und Wohlbefinden auf körperlicher und emotionaler Ebene zu finden.

Carolin T. Schallhammer, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, Logopädin und Traumatherapeutin aus Salzburg, erläutert den Zusammenhang zwischen Affektregulation und Abstillen und zeigt in ihrem Artikel auf, wie Eltern ihre Kinder in diesem emotionalen Entwicklungsprozess einfühlsam begleiten können.

Stillen als Basis für körperliches und seelisches Wohlbefinden

Bei einem Neugeborenen können sämtliche Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Wärme, Nähe und Sicherheit im wahrsten Sinn des Wortes an der Brust gestillt werden. Da hat es die Natur den Eltern leicht gemacht: Sie müssen noch nicht von Anfang an die verschiedenen Bedürfnisse differenziert erkennen und beantworten können. Die Natur gibt uns in dieser ohnehin turbulenten Lebensumstellung Zeit, unser Baby kennenzulernen und in die neue Elternrolle hineinzuwachsen.

Der Weg des emotionalen AbstillensFür ein kleines Kind ist das Stillen die intensivste Form des Kontaktes und der Verbindung zur Mutter. Es entspricht einem Verschmelzen, inniger Nähe, Trost, Mitgefühl und Beruhigung. Das Bedürfnis zu saugen ist immer auch ein Bedürfnis nach der Nähe der Mutter, das hat die Natur miteinander verbunden – zur physischen und psychischen Gesundheit des Kindes.

Die Stillzeit ist ein Lebensabschnitt

Kinder „erwarten“ natürlicherweise, mehrere Jahre gestillt zu werden. Säugetiere stillen umso länger, je höher sie sozial entwickelt sind. Menschenaffen stillen 3,5 bis 5 Jahre. Auch das ist ein Grund, beim Menschen eine lange Stillzeit anzunehmen. Zum Schutz der Kinder empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Stillen bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus.

Fragt man schwangere Frauen, ob sie stillen wollen, beantworten fast alle diese Frage mit „Ja“. Nur wenige machen sich zu diesem Zeitpunkt schon Gedanken über das Abstillen. Aber für die meisten ist klar: „Ein zweijähriges Kind stille ich sicher nicht“. Doch weltweit über die Kulturen und Jahrtausende hinweg wurden Kinder meist zwischen einem und sieben Jahren gestillt und auf verschiedensten Wegen – je nach Kultur – abgestillt.

Kindergartenkind an der Brust

Frauen, die etwas größere Kinder stillen, bekommen viel Gegenwind. Stillen unterstützt aber die Mütter, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen und zu erfüllen. (© yarruta)

Viele Mütter, die heute lange stillen, hatten das ursprünglich nicht geplant. Häufig hat es sich so „entwickelt“, weil es dem Kind offensichtlich gut tut und sich für die Mutter richtig anfühlt. Manchmal entstehen Unsicherheiten, weil uns vor allem die Bilder und Vorbilder fehlen. In den letzten hundert Jahren ist es in der westlichen Kultur unpopulär geworden, ein Kind lange zu stillen. Außerdem tragen die Mamas meist selbst keine Körpererinnerung über das (lange) Stillen in sich, die sie intuitiv auf dem Weg des Stillens und Abstillens unterstützen könnte. Kritische Kommentare von außen verschlimmern die Situation noch mehr. So hören manche Mütter folgende Kommentare: „Was, du stillst dein Kind immer noch?“, „Du wirst wohl mit deiner Brust noch in den Kindergarten mitgehen müssen“, „Wenn du nicht mehr stillen würdest, würde das Kind besser schlafen / könntest du endlich auf dich schauen …“ oder „Das kann doch für das Kind nicht gut sein!“ Solche Anmerkungen verunsichern die Mütter, die auf ihre Intuition hören wollen. Kein Wunder, wenn das Abstillen zum „großen Thema“ wird.

Die psychische Entwicklung durch Stillen und achtsames Abstillen unterstützen

Eltern sind durch die Geburt ihres Kindes mit einer enormen Anpassung und Umstellung gefordert. Vor und nach dieser anstrengenden Zeit erscheint es uns unvorstellbar, wie das regelmäßige nächtliche Aufstehen, das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und das Sich-zur-Verfügung-Stellen zu bewältigen ist. Für das Baby ist es aber enorm wichtig und fürs Leben prägend, wenn die Eltern es willkommen heißen können, seinen Bedürfnissen feinfühlig auf der Spur sind, diesen nachkommen können und für ihr Kind da sind.

Die Hormonlage beim Stillen fördert die Fähigkeit der Mutter, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Durch das Hormon Oxytocin, welches während des Stillens ausgeschüttet wird, verspürt die Mutter intensive Zuneigung gegenüber ihrem Kind. Prolaktin, das Mütterlichkeitshormon, macht uns weich und besonders offen, um uns in das kleine, hilflose Wesen einzufühlen: Ein sehr unterstützender Cocktail fürs Elternsein.

Die sichere Erfahrung am Lebensbeginn, dass die körperlichen sowie seelischen Bedürfnisse erfüllt werden, ist prägend für das Urvertrauen, die Basis dafür, wie vertrauensvoll, offen und kontaktfreudig wir durchs Leben gehen. Die Fähigkeit, die Gefühle bei uns und anderen wahrzunehmen, benennen und damit umgehen zu können, macht uns zu sozialen Menschen: Mit Mitgefühl, Empathie, Konflikt- und Kommunikationskompetenz.

Der Wunsch, abzustillen

Oft entwickelt sich das Abstillen von Seiten des Kindes von selbst, weil das Kind immer mehr andere Wege findet, seine Bedürfnisse zu stillen und mit schwierigen Situationen umzugehen.

Manchmal entsteht aber der Wunsch, seltener zu stillen und auch abzustillen, von Seiten der Mutter: „Irgendwie stimmt es nicht mehr zu stillen“. Vielleicht sendet auch das Kind Signale an die Mutter, ihm beim nächsten Entwicklungsschritt zu helfen. Es ist natürlich dann etwas zu verändern: neue Wege zu suchen, zu erforschen, welches Bedürfnis das Kind mit dem Stillwunsch ausdrückt und andere, altersgemäßere und vielleicht sogar effizientere Lösungen zu finden als zu stillen.

Das Kind lernt alternative Wege zur Regulation seiner Gefühle kennen

Das Baby ist in seiner Affektregulation abhängig von seinen Eltern und ihrer körperlichen Nähe, um zu lernen, wie es sich beruhigt und wieder entspannt, nachdem es aufgeregt gespielt, geweint oder mal in fremden Armen gelegen hat. Beim Stillen wird mit der Nahrungsaufnahme automatisch auch regelmäßiger Körperkontakt hergestellt, was dem Kind hilft, sich auch emotional zu regulieren.

Mit zunehmender Differenzierungsmöglichkeit und Reife des Kindes lernt es immer mehr verschiedene Möglichkeiten kennen, seine Bedürfnisse zu befriedigen und seine Gefühle zu regulieren. Eltern und Kind finden andere, vielleicht sogar effektivere Lösungen als die Brust, bis das Kind das Stillen nicht mehr braucht. Bis dahin tankt es beim Stillen jedes Mal wieder Urvertrauen, Nähe und natürlich weiterhin hochwertige Abwehr- und Nährstoffe.

⇒ Wie auf körperlicher Ebene mit dem Einführen von fester Kost, geschieht dieser Übergang auch auf emotionaler Ebene schrittweise und in individuellem Tempo.

Wie ein Kind seine Gefühle kennenlernt

Mutter und Kind lachen sich an

Spiegeln: Die Mutter fühlt die Gefühle des Kindes mit und reflektiert sie ihm mit Mimik und Stimme. (© subbotina)

Ein kleines Baby kennt seine Bedürfnisse und Gefühle selbst noch nicht differenziert. Anfangs scheint es mehr ein globales Wohl-Fühlen oder Unwohl-Fühlen zu sein. Die Gefühle lernt das Kind erst durch das Mitfühlen, Spiegeln, Benennen und Beantworten durch sein Umfeld kennen und unterscheiden.

Wenn ein Baby lacht und jemand da ist, der mit ihm lacht, also seinen Gefühlsausdruck mit Mimik und Stimme spiegelt und sich auch von Herzen mitfreuen kann, dann erlebt sich das Baby als lachendes Wesen. Es erlebt, was Freude ist und dass es damit willkommen ist. Ebenso, wenn es seine Mundwinkel nach unten zieht und die Augen aufreißt, weil es sich gerade erschreckt hat: Wenn hier jemand da ist, der sich liebevoll und empathisch zuwendet, seinen Gefühlsausdruck spiegelt und ihm Unterstützung gibt mit der Situation umzugehen, dann lernt es auch mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Es macht die Erfahrung, dass es auch mit so genannten „negativen“ Gefühlen angenommen wird und alles wieder gut wird. Im Weiteren lernt es in der Interaktion mit den Eltern, diese Gefühle zu benennen und seine Bedürfnisse auszudrücken.

⇒ Sprache und andere Formen des Kontaktes treten an die Stelle des Stillens, um Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken und zu regulieren.

Wenn die unangenehmen Gefühle des Kindes von seinem Umfeld nicht gern gesehen oder toleriert werden können und gleichzeitig nicht gespiegelt und benannt werden, dann fehlt dem Kind die Möglichkeit damit umzugehen. Es versteht nicht, was in ihm vorgeht und weiß nicht, was es mit seinen Gefühlen tun soll. Es spürt, dass es mit diesen Gefühlen nicht willkommen ist und fühlt sich abgelehnt. Der innere Zwiespalt, sich unwohl zu fühlen und diese unangenehmen Gefühle nicht haben zu dürfen, verstärkt seine innere Unruhe und die emotionale und körperliche Dysregulation. Das Bedürfnis nach Unterstützung zur Regulation nimmt somit zu.

Beispiele, wie Eltern ihr Kind unterstützen können, unangenehme Gefühle zu verbalisieren und zu regulieren

  • Mutter tröstet weinenden Sohn

    Auch unangenehme Gefühle sollten gespiegelt, angenommen und verbalisiert werden, um das Kind in seiner Affektregulation zu unterstützen. (© Wavebreak Media Ltd)

    Spiegeln und Verbalisieren von unangenehmen Gefühlen: Nehmen wir zum Beispiel an, ein Baby erschreckt sich vor dem Staubsaugergeräusch. Wann immer es sich erschreckt, aufregt oder aus anderen Gründen in Stress gerät, geht sein Nervensystem in Alarmbereitschaft und startet sämtliche Überlebensmechanismen. Ein kleines Kind mit derselben biologischen Ausstattung wie der eines Babys aus der Steinzeit weiß noch nicht, ob es sich bei dem lauten Staubsauger um ein lebensbedrohliches Tier in Angriffsstellung handelt oder nur um ein modernes, eher harmloses Reinigungsgerät. Ist nun eine vertraute Person bei ihm, die seine Gefühle erkennt, seinen Gefühlsausdruck spiegelt und mit mitfühlender Stimme verbalisiert „Oh, hast du dich gerade so erschreckt? Das war der Staubsauger. Der ist ja wirklich furchtbar laut!“, erlebt das noch hilflose Baby einerseits, dass es in seinen Gefühlen ernst genommen wird – unabhängig davon, wie der Erwachsene die Situation einschätzt – und andererseits Schutz und ein unmittelbares Vorbild, an dem es sich körperliche und emotionale Regulation abschauen kann.

  • Mutter liest Kleinkind ein Buch vor

    „Mama, Buch!“ Das Kleinkind lernt „erwachsenere“ Möglichkeiten, seine Bedürfnisse sicherzustellen. (© oksun70)

    Das Bedürfnis hinter dem Stillen erkennen: Die Mutter sagt zu ihrem eineinhalb-jährigen Kind, nachdem das Kind schon länger an ihrer Brust „hängt“ und in ihr Unruhe aufkommt: „Hey, du lässt mich gerade gar nicht mehr los…. Ich weiß, ich habe heute schon viel telefoniert. Möchtest du, dass wir gemeinsam ein Buch anschauen?“ Meist dauert es keine Sekunde, bis das Kind dann die Brust loslässt und auf das Angebot einsteigt (vorausgesetzt, das war die richtige Annahme).
    In dieser Situation hat das Kind die Mutter durch den Stillwunsch aus ihrer Aktivität gebracht und ihre Aufmerksamkeit erlangt. Die Hormonausschüttung während des Stillens unterstützt die Mutter in der achtsamen Wahrnehmung des Kindes und entspannt und verlangsamt sie. Nun wird ihr bewusst, dass das Kind nicht mehr allein spielen möchte und ihre Aufmerksamkeit braucht. Sie macht ihm einen konkreten Vorschlag, auf andere Weise als durch Stillen miteinander in Kontakt zu sein. Gleichzeitig fördert sie seine Sprachentwicklung: Sie spiegelt dem Kind seine Situation und findet Worte dafür. Beim nächsten Mal kommt das Kind dann vielleicht schon selbst und sagt „Mama Buch!“

Das Kleinkind lernt auf diese Weise, seine Empfindungen und Bedürfnisse verbal auszudrücken und weitere Lösungen zu finden. Es ist nun nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, dass seine Bezugspersonen diese erkennen und beantworten. Es hat eine „erwachsenere“ Möglichkeit gefunden, die Erfüllung seiner Bedürfnisse sicherzustellen und seine Gefühle zu regulieren. Das ist ein langer Lernprozess, der auch beim Kleinkind immer wieder mit Phasen des häufigeren oder längeren Stillens einhergeht. Das ist ganz natürlich.

⇒ Wenn die Mutter aufmerksam und empathisch beobachtet, welche Bedürfnisse ihres Kindes hinter dem Stillen stehen (zum Beispiel Langeweile, Wunsch nach Unterstützung beim Übergang von einem Spiel zum anderen, Unsicherheit wegen eines Streits der Eltern usw.), diese benennt und das Kind dabei unterstützt, zunehmend differenziertere Lösungen zu finden, dann tritt das Stillen zum Beruhigen von selbst mehr und mehr in den Hintergrund.

Das Autonomiebedürfnis des Kindes erkennen und fördern

Kleinkind mit Bauklötzen spielend

Bitte nicht stören! Das Kind findet oft ganz eigene, kreative Lösungen, wenn die Eltern sich nicht einmischen. (© oksun70)

Die Eltern fördern die Autonomie-Entwicklung ihrer Kinder, indem sie deren individuelle Bedürfnisse und Entwicklung feinfühlig wahrnehmen, ihre Kinder dann unterstützen, wenn diese Hilfe oder Kontakt benötigen, sich aber zurücknehmen können, wenn die Kinder zufrieden mit sich selbst sind. Dazu gehört auch, dass Eltern die individuelle Persönlichkeit ihrer Kinder anerkennen und ihnen nicht ihre eigenen Lösungen aufzwingen wollen.

Beispiele:

  • Braucht das Baby überhaupt Beschäftigung oder ist es z.B. ohnehin gerade mit einem kleinen, eben entdeckten Stofffaden beschäftigt?
  • Braucht es die Unterstützung, dass ihm jemand die Rassel gibt oder wollte es gerade probieren, sich dorthin zu rollen?
  • Biete ich die Brust zum Ein- oder Weiterschlafen automatisch an oder merke ich, dass das Kind gerade offen ist, eigene Wege zu finden?
  • Kann ich es tolerieren, dass das Kind heute seine Kleider selbst zusammenstellt?
  • Erlaube ich meinem Kind „nein“ zu sagen? Darf es frei entscheiden, ob es beim Opa auf dem Schoß sitzen will?
  • Kann ich aus der Mütterkonkurrenz austeigen, wenn das gleichaltrige Kind der Freundin schon mutiger zu fremden Personen geht, ohne mein Kind dazu zu drängen, sich gleich zu verhalten?
  • Kann ich mein Kind schützen, wenn die Oma Erwartungen an das Verhalten des Kindes stellt?
  • Kann ich auch mit meinem Kind liebevoll präsent bleiben, wenn es seinen Frust ausdrückt, weil etwas nicht gleich funktioniert?

Kurz: Kann ich mein Kind in seiner ganz eigenen Art annehmen und ihm Raum geben, seine individuelle Persönlichkeit zu entfalten?

Dies erfordert eine sehr flexible Anpassung der Eltern an die Bedürfnisse des Kindes: Einerseits, um das Kind nicht unnötig einzuschränken, wenn es sich selbst mit seinem eigenen Willen und Persönlichkeit ausprobieren möchte; andererseits, dem Kind Unterstützung oder die Sicherheit der Brust zu geben, wenn es diese braucht. Wenn die Eltern die Bedürfnisse des Kindes feinfühlig wahrnehmen können, so fördern sie die Entwicklung des Urvertrauens und gleichzeitig die der Autonomie und Selbstregulation. Dazu ist es wichtig, dass wir Eltern auch auf unser eigenes Wohlbefinden und unsere Gefühle achten und uns auch mal eine Auszeit gönnen. Dann können wir uns besser auf die feinen Nuancen der Entwicklung unserer Kinder einstimmen, intuitiver handeln und auch mit ihrer Frustration und den schwierigen Gefühlen besser da sein. Dabei wachsen auch die Eltern mit ihren Kindern.

stillendes Kleinkind

Die Brust nicht verweigern, wenn das Kind sie noch braucht, aber gleichzeitig schauen, ob es vielleicht effektivere Lösungen für das Bedürfnis gibt, das hinter dem Stillwunsch steht. (© tverdohlib)

Ein guter Leitsatz zur Unterstützung der Selbstständigkeit lautet:

⇒ Nicht eingreifen oder stören, aber auch nicht die Unterstützung verweigern, wenn das Kind diese braucht.

In Bezug auf das natürliche Abstillen lässt sich dieser Leitsatz folgenderweise anwenden:

⇒ Die Brust nicht anbieten, aber auch nicht verweigern.

Mütter können erforschen:

  • Wo stille ich „automatisch“ und verlangt das Kind die Brust eigentlich gar nicht mehr?
  • Wo können wir leicht andere Lösungen für das Bedürfnis, das hinter dem Stillwunsch steht, finden?

Wenn das Stillen für das Kind gerade sehr wichtig ist, dann sollte es nicht verweigert werden, um keinen Machtkampf oder Unsicherheit zu erzeugen.

So lernt das Kind im Laufe der Jahre sinnvolle Alternativen zum Stillen kennen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen und sich wohlzufüllen. Es kann die Brust in seinem eigenen Tempo allmählich loslassen und somit seine Entwicklung zu einer autonomen, eigenständigen und selbstsicheren Persönlichkeit Schritt für Schritt bewältigen.

Der Schnuller – ein guter Ersatz für das Stillen?

kleines Mädchen mit Schnuller

Für die Beruhigung eines kleinen Kindes hat sich in der westlichen Kultur der Schnuller eingebürgert (© Diawka)

Heutzutage ist der „Beruhigungs“-Sauger zum Sinnbild des Säuglings- und Kleinkindalters geworden. Auch von stillenden Müttern wird mitunter erwartet, dass sie ihre Kinder mit der Zeit von der Brust entwöhnen und ihnen zur Beruhigung oder zum Einschlafen eher einen Schnuller anbieten.

Aber ist der Schnuller eine geeignete Quelle für das seelische Gleichgewicht?

Was tut Ihnen gut, wenn Sie sich allein oder unwohl fühlen, Sie traurig oder müde sind? Für die meisten Menschen ist es ein liebevoller Mensch, der einfach mit ihnen da ist, ihnen verständnisvoll zuhört und eventuell Unterstützung zur Lösung des Problems gibt. Genau das ist es auch schon für kleine Kinder. Der Schnuller stellt das auf keine Weise sicher, wenn Kinder allein daran saugen. Das Kind lernt am Schnuller oder einem anderen oralen Habit eine Ersatzhandlung zum Stillen. Aussagen wie „Das Kind benutzt deine Brust ja als Schnuller“ zeigen die paradoxe Entwicklung in unserer Gesellschaft.

Stillen stellt den Kontakt und die Interaktion mit der Mutter sicher

Ein Kind, das saugen will, braucht seine Mama. Das hat die Natur miteinander gekoppelt. Die Natur schickt keinen Schnuller mit der Nachgeburt mit. Sie hat es sich anders ausgedacht: Natürlicherweise findet das Saugen an der Brust in Kontakt und Interaktion mit der Mutter statt. Die Mutter richtet ihre Aufmerksamkeit beim Stillen zumindest teilweise auf das Kind. Mutter und Kind erleben die Sinnlichkeit beim Stillen gemeinsam im Körperkontakt, es entsteht eine große Resonanz zwischen den beiden. Die Mutter kann ihrem Kind seine Gefühle spiegeln und zusammen entdecken sie gegebenenfalls weitere Handlungsmöglichkeiten, die kindlichen Bedürfnisse zu befriedigen und seine Gefühle zu regulieren. Dieses interaktive Lernen fällt weg, wenn das Kind alleine an einem Schnuller saugt.

Schlafendes Kind daumenlutschend

Ein Kind, das saugen will, braucht seine Mama (© bubutu)

Da beim Stillen sowohl die Mutter als auch das Kind nicht wirklich weitere Tätigkeiten ausführen können, haben beide ein Interesse, das Stillen wieder zu beenden. Somit findet das Beruhigungssaugen an der Brust meist mit kürzerer Dauer als am Schnuller statt. Die bewusste oder unbewusste Verlockung, den Schnuller zu geben oder ein anderes orales Habit zuzulassen, um die eigene Tätigkeit fortzuführen, ist nur allzu menschlich. Das funktioniert beim Stillen nicht. Die Mutter, die die eigene Tätigkeiten fortsetzen möchte, anstatt „noch immer oder schon wieder zu stillen“, und das Kind, das die Welt entdecken möchte oder etwas sagen möchte, sind gefordert, der Ursache des Unwohlgefühls auf die Spur zu kommen und weitere Lösungen zu entdecken.

Um Ihr Kind bei der Bewältigung negativer Emotionen zu unterstützen, seien Sie für Ihr Kind da, aber erforschen Sie auch das Bedürfnis hinter dem Saugen und gehen Sie diesem nach! Üben Sie sich darin, ebenso unangenehme Gefühle zu tolerieren und ihrem Kind damit auch den Raum zu geben, diese aus-zudrücken anstatt zu unter-drücken. Damit stellen Sie sicher, dass das Kind in seinen Bedürfnissen gesehen wird und sich weiterentwickelt: In seinem eigenen Tempo und auf seine individuelle Weise.

Empfehlenswerte Literatur:

Die Autorin

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Carolin Schallhammer

Carolin T. Schallhammer ist Logopädin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und Craniosacral-Therapeutin, mit Weiterbildungen in prä- und perinataler Psychologie, Neuroaffektive Regulation nach Entwicklungs- und Bindungstrauma (NARM), Traumalösung bei Babys, Kindern und Erwachsenen. Mitbegründerin und Lehrassistentin der CranioSacralen Psychodynamik. Mutter von 2 lange gestillten Kindern.

Carolin Schallhammer leitet in Salzburg die Initiative BirthDay. Sie bietet auch eine spezielle Gruppe für Mütter, die lange stillen, und Workshops für Eltern sowie Fachpersonen zum Thema „Entwicklung von Bindung und Autonomie“ an. (http://www.birthday-salzburg.com).

 

 


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017.

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