Ablehnung der Brust durch das Baby

Frustrierte Mutter mit weinendem Baby

Es ist für Mutter und Kind frustrierend, wenn das Baby die Brust nicht annehmen kann. (© saiko3p)

Es ist frustrierend, wenn das Baby die Brust der Mutter ablehnt. Je nach dem Zeitpunkt des Problems können unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen. Der folgende Artikel bietet einen Überblick.

Ablehnung der Brust ab dem ersten Anlegen

Gelegentlich tauchen die ersten Schwierigkeiten gleich nach der Geburt auf.

  • Ein Neugeborenes kann „trinkfaul“ und schwach sein, z.B. wegen Erschöpfung nach einer anstrengenden Geburt, wegen Anpassungsschwierigkeiten nach einem Kaiserschnitt oder infolge von Medikamenten, die der Mutter vor oder während der Geburt verabreicht wurden, wie z.B. Schmerzmittel, Narkotika oder Medikamente bei einer Schwangerschaftsvergiftung (Gestose). Hinzukommt, dass die Brustwarzen aufgrund von intravenöser Flüssigkeitsgabe während und nach der Geburt ödematös werden, d.h. durch die Flüssigkeit anschwellen und verflachen können, sodass das Baby nicht richtig andocken kann. Bei guten Verläufen ist die Brustverweigerung nur vorübergehend. Ungeduld und das Forcieren des Trinkens können jedoch auch zur dauerhaften Brustverweigerung führen. Es ist weit verbreitet, den Kopf des Babys an die Brust zu drücken oder die Brustwarze in den unwilligen Mund zu schieben, damit das Baby endlich trinkt. Diese Maßnahmen können einen Reflex hervorrufen, bei dem das Baby die Zunge aufwärts gegen den Gaumen schiebt und so das Saugen unmöglich macht. Die sogenannte Brustscheu kann auf diese Weise beginnen. Statt Forcieren empfiehlt es sich, in regelmäßigen Zeitintervallen vorsichtig zu versuchen, den Suchreflex auszulösen (s. auch: Ein schläfriges Baby zum Stillen wecken). Um das Baby mit Nahrung zu versorgen, kann man ihm abgedrücktes Kolostrum mit einem Löffel geben, bis es effektiv an der Brust trinken kann (s. das Video der Standford Universität).
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    Das Neugeborene könnte aber auch krank oder während der Geburt verletzt worden sein. Neben der Untersuchung und Behandlung durch Ärzte können in diesen Fällen Stillfachleute weiterhelfen (siehe z.B. das Stillberaterinnen-Verzeichnis des Still-Lexikons), die Milchbildung der Frau aufzubauen und das Baby zu stillen / füttern. Es kann sein, dass die Milch bei einem kranken Kind vorübergehend oder in manchen Fällen auch während der gesamten Stillzeit abgepumpt werden muss. Obwohl Abpumpen sehr zeitaufwendig und anstrengend ist, ist es dann trotzdem die beste Lösung, um die Gesundheit des Kindes zu fördern. In solchen Situationen wird das Kolostrum zunächst per Hand entleert (mindestens 6-mal am Tag). Anschließend wird mit einer elektrischen Krankenhaus-Pumpe mit Doppelpumpset täglich 8- bis 12-mal in 24 Stunden für etwa 15 Minuten Milch abgepumpt, um die Milchbildung aufzubauen und aufrechtzuerhalten (mehr dazu im Artikel Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch).

Brustverweigerung in der frühen Stillzeit

Das Ablehnen der Brust ist in der Neugeborenenperiode leider eine häufige Erscheinung. Sie ist meist die Folge von ungünstigen Rahmenbedingungen während und nach der Geburt, welche die Interaktion zwischen Mutter und Kind durcheinanderbringen (s. auch Warum das Stillen häufig nicht klappt).

  • Wenn es nicht gelingt, das Baby von Anfang an effektiv und häufig genug anzulegen, dann wird die Milchbildung nicht ausreichend gut in Gang gebracht. Das Baby erhält an der Brust nur wenig Milch und ist dann frustriert und aufgebracht. Die Lösung ist die Optimierung des Anlegens (s. den Artikel Das korrekte Anlegen des Babys), sehr viel direkter Haut-zu-Haut-Kontakt und eine gute Stillunterstützung. Vorübergehend kann abgepumpte Muttermilch oder ggf. Ersatzmilch aus einer Sonde oder mithilfe des Brusternährungssets an der Brust zugefüttert werden, damit das Baby an der Brust nicht frustriert ist. Ein guter Milchfluss an der Brust löst schließlich das Problem (siehe auch den Film von Dr. Jack Newmann ab 25:00 Minuten und den Artikel Die Milchmenge steigern: Wie man mehr Milch bilden kann).
  • Wenn die Mutter zu spät auf den Hunger des Babys reagiert oder das Baby stillen will, wenn es gerade nicht bereit ist, dann kann das Kind beim Anlegen aufgebracht und hektisch sein, weil es schon zu lange nach der Brust schreit oder weil es gegen seinen Rhythmus an die Brust angelegt wird. Auch deshalb ist es sinnvoller, nach Bedarf, anhand der kindlichen Signale zu stillen (siehe auch die Die ersten Anzeichen von Hunger).
  • Eine Ablehnung der Brust tritt typischerweise bei einer Saugverwirrung auf. Oft werden Babys, wenn das Stillen in den ersten Tagen nicht einwandfrei klappt, mit der Saugflasche gefüttert. Aus der Saugflasche läuft die Milch allerdings anders als an der Brust und die Kinder sind anschließend oft nicht mehr in der Lage, an der Brust effektiv zu saugen. Es ist extrem schade, dass alternative Fütterungsmethoden im Gesundheitssystem kaum bekannt sind, obwohl sie nicht schwieriger sind als die Flaschenfütterung. Zur Behebung der Saugverwirrung siehe den Artikel Das Baby von der Flasche an die Brust gewöhnen.
  • Manche Babys können aufgrund von anatomischen Besonderheiten im Mund oder gesundheitlichen Problemen nicht effektiv an der Brust saugen und sind dann ebenfalls frustriert und aufgebracht, wenn sie an die Brust gebracht werden. Zu solchen anatomischen Besonderheiten gehören vor allem das zu kurze Zungenband, zu kurzes Lippenbändchen oder andere Probleme, wie ein asymmetrisches Kiefer oder ein hoher Gaumen. Neben Kinderärzten und erfahrenen Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC können vor allem Logopäden und weitere Saug- und Schlucktherapeuten weiterhelfen. Saugprobleme können auch durch neurologische Unreife des Neugeborenen (z.B. im Falle von Frühgeburten) oder z.B. einen niedrigen Muskeltonus entstehen. Babys mit Reflux, Atmungsproblemen oder angeborenen Anomalien haben ein hohes Risiko für abnormales Saugen.
  • Das Neugeborene kann aufgrund besonderer Brustwarzenformen die Brust nicht erfassen.
  • Das Baby kann die Brust aufgrund einer flach ausgezogenen Brustwarze bei der initialen Brustdrüsenschwellung (Milcheinschuss) oder bei einem Milchstau nicht effektiv erfassen. In einem solchen Fall kann man vor dem Stillen etwas Muttermilch gewinnen, bis der Warzenhof wieder weicher ist und die Brust vom Baby wieder gut erfasst werden kann.
  • Auch ein überschießender Milchspendereflex kann dem Kind das Stillen erschweren (siehe auch den Artikel Zu viel Milch). Es schießt ihm regelmäßig nach dem Anlegen die Milch in den Mund. Das Kind verschluckt sich, würgt oder spuckt. Um das Schießen der Milch zu reduzieren, kann die Mutter auf dem Rücken liegend oder mit zurückgelehntem Oberkörper stillen. Die Milch muss dann gegen die Schwerkraft nach oben angesaugt werden und läuft daher nicht so stark (siehe auch „Laid-back-Nursing“ im Artikel Stillpositionen). Wenn diese Maßnahme nicht ausreicht, dann kann die Mutter vor dem Anlegen 20-30 ml Milch gewinnen, um den Milchfluss zu verlangsamen.
  • Auch psychische Ursachen können zur Ablehnung der Brust führen, wie z.B. Reizüberflutung des Kindes durch zu viel Hektik und zu viele Besucher. Wenn die Mutter nervös, angespannt oder unsicher ist, absorbiert das Kind möglicherweise diese Schwingungen.

Ablehnung der Brust nach einer Phase des erfolgreichen Stillens

Wenn nach einer Phase des erfolgreichen Stillens das Kind die Brust ablehnt, kann dies vorübergehend oder endgültig sein.

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  • Bei einem Stillstreik geht die Brustverweigerung nach mehreren Mahlzeiten oder Tagen vorüber. Es kann dafür verschiedene Ursachen geben, wie z.B. Schnupfen, Mittelohrentzündung, Soor-Infektion, eine Magen-Darm-Grippe oder die Rückkehr der Menstruation bei der Mutter. Manche Kinder verweigern während jeder Monatsblutung die Brust für einen Tag. Stark schmeckendes Essen, wie z.B. Knoblauch oder Pfefferminz, verändert den Geschmack der Muttermilch 8-12 bis zu 24 Stunden nach der Mahlzeit, und kann dadurch auch zur Verweigerung der Brust führen. Genauso ein veränderter Körpergeruch der Mutter z.B. durch ein neues Parfum oder Salbenapplikationen bei wunden Brustwarzen. Auch psychische Ursachen können einen Stillstreik hervorrufen. Solche Fälle wurden berichtet, wenn die Mutter wieder mit dem Arbeiten angefangen hatte, sich für längere Zeit vom Kind getrennt hatte, oder wenn die Mutter das Kind ausgeschimpft hatte, z.B. wenn es zubiss. Die Ursache des Stillstreiks kann nicht immer herausgefunden werden. Während des Stillstreiks sollte die Brust geleert werden, um die Milchproduktion aufrechtzuerhalten und damit die Brust nicht zu voll wird. Die Milch sollte dem Kind mit einem Becher statt mit einer Saugflasche gegeben werden und zur Befriedigung des Saugbedürfnisses sollte nur die Brust (also auch kein Schnuller) angeboten werden. Es soll immer wieder versucht werden, dem Kind die Brust anzubieten; Wenn die Ablehnung groß ist, kann man durchaus einen Tag Pause machen. Im Halbschlaf nehmen die Babys die Brust häufig eher an, als im wachen Zustand. Leider wird ein Stillstreik oft für ein endgültiges Desinteresse an der Brust gehalten. Wenn der Stillstreik jedoch überstanden wird, kann die Stillbeziehung noch lange beibehalten werden.
  • Während ein Stillstreik plötzlich einsetzt und auch schon im ersten Lebensjahr vorkommt, verläuft das natürliche, vom Kind bestimmte Abstillen ganz langsam über Monate und Jahre. (Mehr zum Abstillen: Der Abstillprozess )

Ablehnung nur einer Brust

Es kommt vor, dass ein Kind die eine Brust gegenüber der anderen bevorzugt oder eine Brust vollständig ablehnt. Manche Kinder liegen lieber auf einer ihrer eigenen Körperseite. In einem solchen Fall kann es helfen, wenn bei einem Seitenwechsel das Kind von der einen zur anderen Brust geschoben wird, ohne es dabei um die eigene Achse zu drehen. Es kann aber auch passieren, dass die eine Brust wegen physiologischer Unterschiede mehr Milch produziert als die andere, oder weil die eine Brust mehr stimuliert wird. Eine ungleichmäßige Stimulation kann vorkommen, wenn das Kind nachts immer nur aus derselben Brust trinkt, weil das Kind die Brustwarze an der einen Brust besser fassen kann als an der anderen, oder weil wegen wunden Brustwarzen die Mutter die eine Brust schont.

Nach einer Brustentzündung schmeckt die Milch salzig, was ebenfalls zur Ablehnung dieser Brust führen kann. Wenn das Kind in diesen Fällen die eine Brust partout ablehnt, kann man, um einem Milchstau vorzubeugen und die Milchproduktion aufrechtzuerhalten bzw. wieder anzukurbeln, die abgelehnte Seite öfter ausstreichen oder abpumpen und immer wieder versuchen, das Kind dort anzulegen. Nachts, wenn das Kind im Halbschlaf trinkt, ist die Wahrscheinlichkeit höher als tagsüber, dass es auch die abgelehnte Brust akzeptiert.

In einigen Fällen spielt sich die Stillbeziehung derart ein, dass die Frau nur noch an einer Seite stillt und auf der anderen Seite sich die Milchbildung vollständig einstellt.

=> Erfahrungsgemäß reicht eine Brust aus, um das Kind ausreichend zu ernähren.

Allerdings ist es in seltenen Fällen beobachtet worden, dass Wochen oder Monate nach der Ablehnung einer Brust in dieser ein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde. Insofern kann es sinnvoll sein, bei einem Frauenarztbesuch Brustkrebs als Ursache auszuschließen.

Quellen:

  • Wilson-Clay B, Hoover KL: The Breastfeeding Atlas. LactNews Press, 2013, 5. Aufl.
  • M. Scheele: Aspekte aus der Stillpraxis; und H. Przyrembel: Die Vorteile der Muttermilch. In Stillen und Muttermilchernährung, Grundlagen, Erfahrungen und Empfehlungen; Gesundheitsförderung konkret Band 3, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Köln 2001.
  • Breastfeeding, A guide for the medical profession von Ruth A. Lawrence und Robert M. Lawrence, 5. Auflage, 1999, Mosby.

© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2017. Letzte Änderungen: Januar 2017.