Die meisten Babys haben zwischen dem 5. und 7. Monat das Bedürfnis, feste Speisen auszuprobieren. Dies zeigt sich in regem Interesse am Essen der Familie. Der Appetit des Kindes auf feste Speisen wird im Laufe der Monate und Jahre immer größer. Muttermilch wird in der ersten Zeit durch Beikost ergänzt und später allmählich ersetzt. Wenn das Tempo des Abstillens vom Kind bestimmt wird, vergehen zwischen der ersten Beikostmahlzeit und dem kompletten Entwöhnen von der Brust mehrere Jahre. In traditionellen Kulturen werden Kinder 2-5 Jahre, in weltweitem Durchschnitt 4,2 Jahre gestillt! In solchen Kulturen ist Daumenlutschen unbekannt. Denn die Kinder können ihr Saugbedürfnis jederzeit an der Mutterbrust stillen.
Während kleine Säuglinge ihr Bedürfnis nach der Brust nur durch Schreien ausdrücken können, kann ein älteres Baby oder Kleinkind aktiv zur Mutter robben bzw. laufen und nach der Brust verlangen. Es tätschelt die Brust, entkleidet die Mama oder sagt irgendwann: "Brust".... Ältere Babys und Kleinkinder wollen nicht unbedingt seltener nuckeln als vollgestillte Babys. Oft trinken sie sogar häufiger, sobald sie sich an der Brust selbst bedienen können. Die La Leche Liga empfiehlt, im Laufe des Abstillprozesses dem Kind die Brust nicht mehr aktiv anzubieten, sie aber auch nicht zu verweigern. So verläuft das Abstillen entsprechend den kindlichen Bedürfnissen.
Während des natürlichen Abstillprozesses saugen die Kinder an der Brust immer kürzer bzw. weniger intensiv und trinken so weniger pro Mahlzeit. Dadurch bilden sich die Milchdrüsen zurück und das Speichervolumen der Brust verringert sich. Das natürliche Abstillen geht sehr langsam vonstatten, so dass die Mutter die Veränderungen der Brust kaum wahrnimmt. Der Bedarf nach der Brust wird im Laufe des Abstillprozesses immer weniger durch Hunger und Durst und immer mehr durch seelische Aspekte geleitet, also wenn das Kleinkind Nähe, Geborgenheit oder Trost sucht. Es kann in der Stillhäufigkeit bei einem Kleinkind große Schwankungen geben. So kann das Kind vorübergehend von der Brust abgelenkt sein, sodass es tagsüber seltener trinkt und zu anderen Zeiten sehr häufig nach der Brust verlangt, z.B. wenn es sich entspannen will, müde oder krank ist oder Trennungsängste hat. Viele Kleinkinder behalten das Stillen nachts, vorm Schlafengehen und beim Aufwachen am längsten bei.
Übrigens: In unserem Kulturkreis kommt es häufig vor, dass sich bereits ältere (nicht mehr vollgestillte) Babys oder Kleinkinder vor dem 2. Geburtstag komplett abstillen. Oft liegt das daran, dass sie ihr Saugbedürfnis an der Brust nicht ausreichend befriedigen können, weil sie nicht nach Bedarf gestillt werden. So ist Stillen nach Bedarf mit getrennten Schlafzimmern oder Betten kaum zu vereinbaren. Aber auch tagsüber wollen viele Mütter nicht so oft stillen. Statt der Brust bieten sie einen Schnuller und/oder eine Saugflasche an, oder ihre Kinder suchen selber nach einem Brustersatz, wie z.B. dem Daumen. Wenn sich die Kinder an den Ersatz gewöhnt haben, z.B. weil er häufiger zur Verfügung steht als die Brust, bevorzugen sie ihn. Bei seltenem Stillen geht außerdem auch die Milchmenge zurück, sodass für die Babys kein Anreiz mehr besteht, an der Brust zu trinken. Allerdings haben Kinder einen bemerkenswerten Toleranzbereich. So ist Berufstätigkeit durchaus mit langem Stillen vereinbar, wenn in der Zeit, wo Mutter und Kind zusammen sind, die Brust unbegrenzt zur Verfügung steht, auch nachts.
Wichtig: Immer wieder kommt es vor, dass ein Stillstreik für einen Abstillwunsch gehalten wird. Bei einem Stillstreik ist die Ablehnung der Brust jedoch nur vorübergehend, und das Kind fühlt sich - im Gegensatz zum natürlichen Abstillen - unglücklich dabei. Wenn der Stillstreik überstanden wird, kann die Stillbeziehung noch lange beibehalten werden. Bei einem Stillstreik soll daher immer wieder versucht werden, dem Kind die Brust anzubieten; Im Halbschlaf nehmen die Babys die Brust häufig eher an, als im wachen Zustand.
In unserer westlichen Kultur ist es verbreitet, dass der Abstillprozess von der Mutter initiiert und geleitet wird. Im Bewusstsein der meisten Menschen steckt immer noch die Überzeugung, dass ein Baby nach 6-9 Monaten abgestillt werden muss. Langzeitstillende werden kopfschüttelnd gefragt: "Was? Du stillst noch?!" (siehe Erfahrungsbericht einer Mutter). Die Vorstellungen vieler Mütter vom "Normalen" und der soziale Druck führen meist dazu, dass Kinder entgegen ihres natürlichen Bedürfnisses nach der Brust schon vor dem 1. Geburtstag abgestillt werden.
Eigentlich spricht nichts gegen Langzeitstillen, ganz im Gegenteil. Langzeitstillen fördert nicht nur die Gesundheit, die psychische und kognitive Entwicklung des Kindes, sondern auch die Nähe und Zuneigung zwischen Mutter und Kind.
Viele Vorteile des Langzeitstillens sind in einem Beitrag von Elizabeth Hormann zusammengefasst.
Man sollte beim gelenkten Abstillen außerdem bedenken, dass das Bedürfnis des Kindes nach der Brust nicht nur physisch, sondern auch psychisch bedingt ist. Das Loslassen von der Brust ist für die meisten Kleinkinder nicht einfach. Ihr Bedürfnis nach Körperkontakt und Zuwendung sollte daher beim geleiteten Abstillen auf eine andere Weise befriedigt werden. Die Kinder können das Abstillen besser verkraften, wenn es langsam und geduldig durchgeführt wird, möglichst über mehrere Monate. Zu bestimmten Tageszeiten kann das Stillen evtl. durch Kuscheln, Singen, Vorlesen, Spielen usw. ersetzt werden, während andere Mahlzeiten noch beibehalten werden, z.B. morgens und abends.
Gelegentlich ist plötzliches Abstillen erforderlich, z.B. wenn die Mutter erkrankt oder vom Kind aus anderen Gründen getrennt werden muss. Eine Erkrankung des Kindes ist jedoch kein Grund zum Abstillen, ganz im Gegenteil: Das kranke Kind braucht die Milch und die Nähe der Mutter ganz besonders. Wenn das Kind abrupt mit dem Stillen aufhört, liegt ein Stillstreik nahe.
Wenn die Brust plötzlich nicht mehr geleert wird, kann sie unangenehm voll werden. Zur Erleichterung kann etwas Milch aus der Brust von Hand ausgestrichen oder abgepumpt werden. Es sollte nur so viel Milch entleert werden, dass das unangenehme Spannungsgefühl nachlässt und die Mutter sich wieder wohl fühlt, um die Milchbildung nicht weiter anzuregen.
Wenn von heute auf morgen intensives Stillen eingestellt wird, kann ein sog. Milchfieber entstehen, welches durch Fieber, Schüttelfrost und Grippe-ähnliche Symptome charakterisiert ist. Milchfieber geht in der Regel innerhalb von 3-4 Tagen vorbei und sollte nicht mit ernsthaften Erkrankungen verwechselt werden.
Das Hochbinden der Brust und das Einschränken der Flüssigkeitszufuhr, was manchmal noch zur Unterdrückung der Milchproduktion durchgeführt wird, ist sinnlos und unnötig. Wenn die Brust nicht entleert wird, wird die zurückgebliebene Milch wieder in die Blutbahn aufgenommen und vom Körper verstoffwechselt. Die Milchdrüsen bilden sich zurück, bleiben aber für mindestens einen Monat teilweise funktionsfähig. Die Brust kann sogar noch einige Monate oder Jahre Milch enthalten.
Eine medikamentöse Unterstützung des Abstillens wird wegen den Nebenwirkungen nicht mehr empfohlen, außer in sehr dringlichen medizinischen Fällen.
Für das Kind kann abruptes Abstillen ein emotionales Trauma bedeuten. Auch Mütter können depressiv verstimmt sein, wenn sie ungewollt abstillen müssen. Daher brauchen beide Trost.
Empfehlungen zur Ernährung gestillter Säglinge und Kleinkinder werden unter dem Link "Empfehlungen der WHO" beschrieben. Hier möchte ich nur auf die Einführungsweise von Bekost näher eingehen, da die in Deutschland übliche Praxis den Empfehlungen der WHO nicht entspricht.
Zur Einführung von Beikost wird in Deutschland üblicherweise folgende Empfehlung ausgesprochen:
"Ersetzen Sie pro Monat eine Milchmahlzeit gegen eine Breimahlzeit."
Diese Regel mag bei Flaschenkindern sinnvoll und praktisch sein, bei Stillkindern ist sie jedoch nicht empfehlenswert, da sie dem Prinzip von Stillen nach Bedarf widerspricht. Daraus ergeben sich folgende Probleme:
Diese Regel kann daher getrost den Flaschenkindern überlassen werden. Die Empfehlungen der WHO sind für gestillte Säuglinge eine bessere Orientierungshilfe:
"Fangen Sie 2-3 Mal am Tag mit kleinen Portionen von Beikost an und steigern Sie die Menge je nach Appetit des Kindes! Stillen Sie weiter nach Bedarf! Steigern Sie die Häufigkeit der Mahlzeiten im Laufe der Monate!"
Diese Empfehlungen sind aus folgenden Gründen optimal:
Wenn ein Baby oder Kleinkind nach Bedarf angelegt wird, kann es seinen Durst an der Brust löschen, indem es öfter für kürzere Zeit trinkt und somit die kalorienarme Vordermilch erhält. Man kann dem Kind ruhig (ungesüßte) Getränke anbieten, aber es ist kein Problem, wenn es gar nichts oder kaum trinkt. Das ist normal und kein Grund zur Besorgnis.
Das in Deutschland am meisten propagierte Beikost-Konzept mit drei wissenschaftlich zusammengestellten Breimahlzeiten wurde vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (www.fke-do.de) erstellt und stammt aus einer Zeit, als man noch mit 4 Monaten Beikost einführte. Seit jedoch die WHO in 2001 6 Monate als den richtigen Zeitpunkt für die Beikosteinführung definiert hat, erscheint dieser Ernährungsplan überholt. Immer mehr verbreitet sich die Erkenntnis, dass ein nach Bedarf gestilltes Baby kompetent genug ist, auch die Beikost nach Bedarf zu verzehren (Quelle: Rapley G, Kleintjes S: Guidelines for implementing a baby-led approach to the introduction of solid food):
Man braucht keine hochwissenschaftlich zusammengestellten Breie zu kochen oder zu kaufen, damit das Kind gut ernährt ist. Wenn das Baby eine Auswahl gesunder Nahrungmittel (in ihrer ursprünglichen Form, ohne Zucker, Salz und Gewürze) angeboten bekommt, wird es eine ausgewogene Auswahl treffen. Dabei ist es kein Problem, wenn das Baby nur kleine Mengen isst. Viele Babys wollen das Essen zunächst nur kennen lernen, satt werden wollen sie weiterhin an der Brust. Unter gesunden, voll ausgetragenen Babys, die nach Bedarf gestillt werden, ist ein Nährstoffmangel selten.
Aus folgenden Quellen können Sie sich über Beikost bei gestillten Babys weiter informieren:
Quellen:
Zs. Bauer, www.still-lexikon.de, 2005-2007; Letzte Änderung: 21. Juli 2007
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