Muttermilchernährung und Stillen von Frühgeborenen ist ein recht komplexes Gebiet, das auf dieser Webseite nicht umfassend behandelt werden kann. Für eine ausführliche Behandlung des Themas empfiehlt sich z.B. die La Leche Liga-Broschüre "Stillen von Frühgeborenen", die im Internet bestellt werden kann. Hier sollen nur erste Informationen zur Verfügung gestellt werden.
Erstaunlicher Weise reagiert der Körper der Mutter auf die vorzeitige Geburt des Babys, indem er eine besondere Muttermilch produziert, welche in ihrer Zusammensetzung den Anforderungen des Frühgeborenen entspricht. Die meisten Besonderheiten der "Frühgeborenenmuttermilch" sind 4 Wochen, manche sogar 6 Monate lang nachweisbar. Kolostrum (Anfangsmilch) und Muttermilch helfen das Frühchen vor Infektionen zu schützen und fördern die Reifung des Verdauungs- und des Nervensystems.
Ob ein Baby effektiv an der Brust saugen kann, hängt von seinem Alter und seiner Verfassung ab. Wenn das Baby noch zu schwach oder instabil ist, um selbstständig an der Brust zu trinken, oder wenn es z.B. beatmet werden muss, kann Muttermilch abgepumpt und dem Baby über eine Magensonde gegeben werden. Wenn das Baby bereits in der Lage ist, selber Nahrung aufzunehmen, aber noch nicht gestillt werden kann, sollte Muttermilch über alternative Fütterungstechniken, z.B. durch Fingerfütterung, gegeben werden. Die Verwendung einer Saugflasche wird nicht empfohlen. Babys, die an die Flasche gewöhnt sind, brauchen länger, um an der Brust trinken zu lernen, mitunter lernen sie es nie. Dabei ist das Saugen an der Flasche nicht leichter als an der Brust.
Um die Milchproduktion in Gang zu bringen und aufrechtzuerhalten, empfiehlt es sich, mit einer elektrischen Milchpumpe beide Brüste gleichzeitig täglich 6-8 Mal, insgesamt über 120 Minuten abzupumpen. Idealerweise fängt die Mutter binnen weniger Stunden nach der Geburt an. Effektive elektrische Pumpen mit Doppelpumpset gibt es in den meisten Geburtskliniken oder können bei Apotheken und Sanitätshäusern geliehen werden. Die Kosten für das Ausleihen können von den Krankenkassen übernommen werden (Rezept vom Arzt ausstellen lassen!). Da der Umgang mit einer elektrischen Milchpumpe nicht selbsterklärend ist, ist es wichtig, dass die Mutter von einer Fachperson eingewiesen wird. Je früher die Mutter anfängt zu pumpen, umso besser. Am Anfang ist es sinnvoll, auf Überschuss zu pumpen.
In den ersten Tagen produzieren die Brüste kleine Mengen Kolostrum, welches besonders hohe Mengen von immunologischen Abwehrstoffen enthält, die Schutz vor Infektionen bieten. Jeder Tropfen Kolostrum sollte dem Baby zugute kommen. Nach einigen Tagen wird Muttermilch in größeren Mengen produziert.
Das Abpumpen von Muttermilch und das Stillen von Frühgeborenen ist eine besondere Herausforderung, die viel Unterstützung braucht. Die Mutter ist in einer sehr belastenden Situation und muss einfühlsam behandelt werden. Besonders viel Ausdauer kostet es, wenn die Mutter über Monate ihre Milch abpumpen muss. Außerdem erfordert es sehr viel Zeit und Geduld, bis ein Frühgeborenes an der Brust trinken lernt. Fürs Stillenlernen an der Brust kann ein Brusternährungsset eingesetzt werden. Hierfür ist eine fachkundige Begleitung notwendig.
Es gibt Kliniken, in denen Muttermilchernährung und Stillen von Frühgeborenen beispielhaft unterstützt wird. In manch anderen wird sie offiziell propagiert, aber die einzelnen Mitarbeiter stehen nicht alle dahinter, insbesondere da die Muttermilchernährung für das Personal zusätzlichen Aufwand und Abhängigkeit von der Mutter bedeutet. Dabei können schon einzelne abwertende Bemerkungen über die Bedeutung der Muttermilch oder die Bemühungen der Mutter äußerst entmutigend wirken. Oft geben die verschiedenen Mitarbeiter zudem widersprüchliche Ratschläge, was die Eltern verunsichert. Häufig jedoch wird der Wert der Muttermilch betont, ohne aber der Mutter eine angemessene praktische und emotionale Unterstützung zu bieten.
Wenn die Mutter keine optimale Voraussetzungen vorfindet, kann sie oder z.B. ihr Partner ihren Wunsch dem Personal gegenüber höflich, aber deutlich und wiederholt zum Ausdruck bringen (z.B. "Mein Kind soll ausschließlich mit Muttermilch ernährt werden"/ "Es soll nicht mit der Flasche gefüttert werden"/ "Ich brauche Unterstützung beim Abpumpen und bei den Stillversuchen" usw.). Es ist in jedem Fall sehr hilfreich, auf diesem Gebiet erfahrene Stillberaterinnen zu kontaktieren und sich auch für die Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus persönliche Unterstützung zu organisieren. Es ist ein langwieriger Prozess, das Baby an die Brust zu gewöhnen und es müssen eventuell Unsicherheiten geklärt werden. Äußerst wichtig ist außerdem die emotionale Motivierung - sowohl fürs Pumpen als auch fürs Stillenlernen.
Durchhalten lohnt sich. Denn nach den Mühen der ersten Zeit kann zum Stillen übergegangen werden. Stillen ist äußerst praktisch, gesund, fördert die Zuneigung zwischen Mutter und Kind und kann über eine lange Zeit ausgeübt werden.
Quellen:
Zs. Bauer, www.still-lexikon.de, 2007
Vervielfältigung und Verbreitung ist entsprechend den Bestimmungen des
Copyright-Vermerks gestattet.